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Mozart, muss ich leider sagen
MUSIK  Am 1. Jänner leitet Nikolaus Harnoncourt das Wiener Neujahrskonzert. Der "Falter" sprach mit ihm und seiner Frau, der Geigerin Alice Harnoncourt, über die Romantik, Friedrich Gulda, das Wirtschaftswachstum und über die Zukunft der Musik. CARSTEN FASTNER

Falter 51   Originaltext aus Falter 51/02 vom 18.12.2002

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Vor fast genau fünfzig Jahren gründete das Ehepaar Alice und Nikolaus Harnoncourt das Alte-Musik-Ensemble Concentus Musicus Wien und löste damit eine musikalische Revolution aus. Mit ihren auf umfassender und penibler historischer Recherche beruhenden Interpretationen in "Originalklang" trat die Gruppe um die Geigerin und den damaligen elften Cellisten der Wiener Symphoniker in krassen Widerspruch zu den Gepflogenheiten des Konzertbetriebs, in dem selbst die Werke von J.S. Bach mit einem der romantischen Tradition verpflichteten Schönklangzuckerguss überzogen wurden.
Ihre Arbeit, die anfangs auf heftigen Widerstand und umso geringeres Verständnis stieß, gilt mittlerweile jedem zeitgemäßen Interpreten als Selbstverständlichkeit. Der heute 73-jährige Harnoncourt ist längst zu einem der weltweit renommiertesten Dirigenten avanciert, der sich seit einigen Jahren auch der Musik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts annimmt. Alice Harnoncourt war lange Zeit Konzertmeisterin des Concentus, nahm als Geigerin aber auch an wichtigen Aufführungen ihres Mannes etwa mit dem Concertgebouw Orchester Amsterdam oder an der Züricher Oper teil. Am 1. Jänner leitet Nikolaus Harnoncourt nun zum zweiten Mal nach 2001 das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Der Falter traf die beiden in ihrer Wiener Wohnung im achten Bezirk.

Falter: Die erste Frage an Frau Harnoncourt: Würden Sie beim Neujahrskonzert nicht gerne als Geigerin mitspielen?

Alice Harnoncourt: Nein, auf keinen Fall. Vielleicht vor dreißig Jahren. Aber ich krieg auch so alles gut mit: Ich bin bei den Proben dabei und im Studio, wenn die Aufnahme gemacht wird.

Haben Sie da auch noch ein Wort mitzureden?

Alice Harnoncourt: Naja, wenn ich meine Meinung sage, dann wird jeder ...

Nikolaus Harnoncourt: Das ist sehr gut formuliert: Wenn sie ihre Meinung weitergibt, würde niemand darüber hinweggehen. Und wenn sie nicht eingreifen würde, würde ich ja keinen solchen Wert darauf legen, dass sie dabei ist. Ihr Stellenwert bei der musikalischen Arbeit ist genauso groß wie meiner.

Auf der Pressekonferenz zum Neujahrskonzert haben Sie gesagt, die Carl-Maria-von-Weber-Bearbeitung von Berlioz sei der erste und wohl auch der letzte Berlioz, den Sie spielen. Mir tut er ja fast schon leid: Auch Nikolaus Harnoncourt, der so vieles aus der Musikgeschichte neu entdeckt und bewertet hat, kann am viel geschmähten Berlioz nichts finden. Ist der Mann wirklich so schlecht?

Nikolaus Harnoncourt: Ich spiele nur Musik, von der ich überzeugt bin. Die Musik, die Berlioz komponiert hat, kann mich überhaupt nicht überzeugen. Da ist er aber nicht der Einzige, das ist jetzt wieder unfair dem Berlioz gegenüber. Er war ein großer Meister der Instrumentation, er hat öffentlich ein sehr leiderfülltes Leben geführt, und das hat er dann komponiert. Wenn ich in jedem Ton nur "ich" höre, dann interessiert mich das überhaupt nicht. Aber das mit dem ersten und letzten Berlioz war doch nur ein ganz witziger Sager. Wir spielen Weber. Was daran von Berlioz ist, ist wunderbar, weil er da gar keine Chance hatte, von sich zu erzählen. Ich werd ihn deswegen noch immer nicht spielen - es sei denn, ich komme eines Tages drauf, dass das alles nicht stimmt, was ich Ihnen gerade erzählt habe. Ich bestehe darauf, dass ich mir jederzeit widersprechen können muss. Ich muss meine Meinung ändern können, ich muss ja weiterkommen.

Was muss denn passieren, damit Sie Ihre Meinung ändern? Helfen Ihnen da Anregungen von außen, etwa von Veranstaltern, oder hinterfragen Sie sich selber ganz gezielt?

Beides. Ich bin ja dauernd mit meinem Metier befasst und berühre für mich neue Grenzbereiche. Aber es gibt schon auch Intendanten, die sehr interessant sind. So habe ich zum Beispiel zwei oder drei Anläufe zu Richard Wagner genommen. Nur in meiner Studierstube, mit der Partitur in der Hand. Und da hat mich Wagner ab Takt 1022 souverän zurückgeschlagen. Wenn man interessiert ist an dem Wahnsinn 19. Jahrhundert, dann kommt man unweigerlich auf die drei großen Romantiker: auf den Schumann, auf den Mendelssohn und auf den Wagner. Die haben sich ja gut gekannt, und wie ich das erste Mal gelesen hab, dass Mendelssohn den "Tannhäuser" dirigiert hat ... Sehen Sie, da zucken Sie auch! Ich habe mich gefragt, wie das gewesen sein muss. Der Wagner hat es gehasst, wie Mendelssohn Beethoven dirigiert hat. Und er hat Hohngelächter angestimmt, als Schumann die "Genoveva" komponierte. Das sind drei unheimlich interessante Freundfeinde. Da liegt es doch nahe, dass ein anregender Veranstalter mich unter Umständen dazu bringen kann, etwas zu machen.

Zu diesem Freundfeindeskreis gehören ja auch Liszt und Chopin. Die sind aber keine Sinfoniker. Sind sie deswegen uninteressant für Sie?

Nein, überhaupt nicht. Liszt finde ich interessanter als Interpreten, der Schubert und Schumann uraufgeführt hat. Aber ich habe nie etwas von ihm aufgeführt, das musste wohl nicht sein. Chopin finde ich als Komponisten ganz wahnsinnig interessant. Es lässt sich nicht vermeiden, dass ich mich damit beschäftige. Ich beschäftige mich ja auch mit Balzac.

Nochmal zum Neujahrskonzert: Es heißt, dass auf Ihren Wunsch hin der "Donauwalzer" diesmal nicht vertanzt werden soll. Warum?

Das habe ich so sicher nicht gesagt. Wahrscheinlich habe ich einmal eine Tanzeinlage gesehen, die mir nicht gefallen hat, und wollte so etwas vermeiden. Ich meld halt an, wenn ich etwas schrecklich finde. Dann wird gleich eine allgemeine Sentenz draus gemacht, aber bei mir ist das viel komplizierter. Ich sag nicht ja oder nein, sondern fast immer ja und nein. Es gibt beim Neujahrskonzert gewisse Prämissen, die ich verstehe: Österreich etwa, genauso wie der Tanz. Ich will da überhaupt keinen Keil zwischen die verschiedenen Künste treiben.

Haben Sie einen Lieblingsvorgänger als Dirigenten des Neujahrskonzerts?

Vermutlich den Strauß selber.

Der hat keins dirigiert.

Nein. Aber nachdem ich die Kollegen alle ganz gut gekannt habe, weiche ich Namen im ganz großen Bogen aus. Am Totenbett können Sie mich das noch einmal fragen.

Nichts gegen Brahms’ "Ungarische Tänze", die Sie spielen werden, aber wäre es gerade in diesem Jahr, nach all den politischen Diskussionen mit Tschechien, nicht witziger gewesen, Dvorįks "Slawische Tänze" ins Programm zu nehmen?

Die hängen natürlich eng miteinander zusammen. Die "Slawischen Tänze" sind ja entstanden aufgrund des Erfolgs der Brahms-Tänze. Es ist möglich, dass Dvorįks Tänze auch in die Diskussion gekommen wären, wenn das Programm nicht schon festgestanden wäre. Aber es ist klar, dass sie heiße Anwärter für das Neujahrskonzert sind.

Im März feiern Sie mit dem Concentus Musicus das fünfzigjährige Bestehen.War das hier die berühmte Wohnung, in der der Concentus gegründet wurde?

Nein, die ist gleich um die Ecke. Es ist das Haus Josefstädter Straße 17, vis-ą-vis dem Theater in der Josefstadt. Das Haus mit der Marmortafel, auf der steht, dass Gottfried Keller da gewohnt hat. In dem Schlafzimmer sind nicht nur unsere Kinder geboren, sondern auch Karl von Frisch, der zusammen mit Konrad Lorenz den Nobelpreis bekommen hat. Der Bienen-Frisch, der die Bienensprache entschlüsselt hat. Durch dessen Familie haben wir die Wohnung bekommen. Eine Tante von ihm, Marie Exner hieß sie, war eine Freundin von Gottfried Keller. Und zwar so eine Freundin, dass es irrsinnig interessante Briefe gibt, in denen Keller ganz enttäuscht war, dass sie geheiratet hat. Und wie sie dann das erste Kind kriegt, schreibt er ihr: "Wir werden dieses Kind jetzt braten und mit Nelken bestecken und dann aufessen." Sehen Sie, der große Romantikdichter Gottfried Keller schreibt so was! Er hat ihr aber auch ein Hochzeitsgedicht geschrieben, das Brahms vertont hat. Diese Hochzeitskantate ist für unsere damalige Wohnung geschrieben. Dieses Haus war das absolute Paradies. Wir hatten keine Nachbarn, es gab einen riesigen Garten für die Kinder und große Räume zum Musizieren. Jede freie Zeit haben wir da entweder Noten geschrieben oder geprobt. Erstmal gar nicht in der Absicht, aufzutreten.

Wann haben Sie sich entschlossen, mit dem Concentus aufzutreten?

Ich wollte erst, dass alles genauso gut gespielt wird, wie wenn wir das gängige Repertoire mit modernen Instrumenten spielen. Als es so weit war, wurde gerade das zerbombte Palais Schwarzenberg wiederhergestellt. Die Familie Schwarzenberg wollte eine richtig große Eröffnung und ist dabei auf uns verfallen. Das war unser erster öffentlicher Auftritt, 1957. Ein Jahr darauf haben wir den Saal selbst gemietet und ein eigenes Konzert veranstaltet. Und es war - baff! - so was von einem Erfolg, das gabs überhaupt nicht. Also haben wir das sofort wiederholt. Ab dem zweiten oder dritten Konzert waren alle Musikjournalisten da, alle Schallplattenleute, und wir waren in der Branche schlagartig bekannt. Damals waren viele amerikanische Plattenleute hier, weil es in Wien so billig war, aufzunehmen. So haben wir sehr früh, ab 1959 oder 1960, für Vanguard und Amadeo Einspielungen gemacht, dann kam ganz schnell die Deutsche Grammophon, die Elektrola, die Telefunken.

Dann waren Sie bei Vanguard und Amadeo ja Labelkollegen von Alfred Brendel und Friedrich Gulda. Hatten Sie mit den beiden zu tun?

Bei Vanguard oder Amadeo nicht. Aber meine Frau kannte den Gulda schon im Krieg.

Alice Harnoncourt: Ja, klar, ich ging mit seiner Schwester in die Schule. Durch sie hab ich den Fritzi kennen gelernt, und wir haben gemeinsam Kammermusik gemacht. Das war sehr gut.

Nikolaus Harnoncourt: Sein Vater hat immer gesagt, der Fritzi spielt zu schnell. Ich hab ja später mit dem Gulda relativ viel gemacht. Das war eine sehr intensive Zusammenarbeit, auch sehr merkwürdig durch die alte Bekannschaft mit meiner Frau: der Fritzi und die Litzi ...

Wie war Gulda denn als Kammermusiker? Haben Sie als Cellist mit ihm zusammengespielt?

Nein, ich hätt gern. Es wäre ein Traum von mir gewesen, mit ihm und mit meiner Frau das Es-Dur-Trio von Schubert zu spielen. Ich habe dieses Stück, für mich ein Zentralstück der Kammermusik, in meinem Leben noch nie so gehört, wie ichs mir vorstelle. Und das wäre es möglicherweise geworden. Aber es war um fünf Jahre zu spät. Ich habe 1986 aufgehört, Cello zu spielen. Allerdings: Dafür hätte ich wieder angefangen. Nur hat dann der Gulda keinen Schubert mehr gespielt, sondern nur noch Bach und Mozart und sich selbst.

Und Brendel?

Den haben wir auch sehr früh gekannt. Bevor ich ins Orchester ging, wollten wir ein Trio miteinander machen. Es gab sogar schon ein, zwei Proben. Kennen gelernt hatten wir ihn bei einer Reise des Wiener Kammerorchesters durch Spanien, wo wir sechs Wochen lang im selben Bus gefahren sind. Er hat das d-moll-Konzert von Bach gespielt und immer mit dem Dirigenten darüber gestritten. Ich habe noch die Karikaturen, die ich damals von ihm gezeichnet habe. Aber ich wundere mich immer, dass es zu keiner Zusammenarbeit mit ihm gekommen ist.

Kann man das nicht noch nachholen?

Kammermusik, mit mir am Cello? Nein, das kann man nicht mehr nachholen.

Nochmal zum Concentus: Ganz am Anfang haben Sie angeblich auch zeitgenössische Musik gespielt.

Das war sogar eine Bedingung. Einer von uns hat darauf bestanden, dass wir die Hälfte unserer Zeit der Neuen Musik widmen, und das haben wir alle bejaht. Es hat sich gezeigt, dass es viel mehr Arbeit war, ein Stück etwa von Gabrieli zu erarbeiten als beispielsweise von Hindemith. Aber wir hatten bald das Gefühl, dass wir bei den Symphonikern sowieso die ganze Zeit Neue Musik spielen. Damals haben die ja alle Uraufführungen gemacht.

War die Neue Musik in Wien also doch nicht so schlecht gestellt, wie es immer wieder dargestellt wird?

Sie wurde schlecht gespielt, aber sie war repräsentiert. Strawinsky war öfter hier, ich habe als Cellist noch unter ihm gespielt. Auch Hindemith war oft da, und durch ihn habe ich Monteverdis "Orfeo" kennen gelernt. Er hat das 1954 szenisch im Konzerthaus aufgeführt. Regie: Leopold Lindtberg, und der Orfeo war Gino Sinimberghi, ein italienischer Operettentenor!

Es gibt die Geschichte, dass sie wegen einer in Ihren Augen völlig falschen Aufführung von Mozarts g-moll-Sinfonie 1969 die Symphoniker verlassen haben. Wer hat dieses entscheidende Konzert denn dirigiert?

Nein, nein, nein, das sag ich Ihnen nicht. Es waren zwei Werke. Das andere war Bachs "Matthäus-Passion". Zur selben Zeit haben wir die "Johannes-Passion" aufgenommen. Schon da habe ich mich gefragt, wie ich es im Orchester noch aushalten soll. Und dann kam diese g-moll-Sinfonie, die derjenige so was von heruntergenudelt hat. Der wusste nicht, dass g-moll eine Todestonart ist, der wusste nicht, was sich da abspielt, was der Mozart offensichtlich will. Also hab ich gesagt: "Schluss, ich hör auf." Alice hat mich sehr ermutigt, obwohl es nicht so einfach war mit vier Kindern. Ich hatte ja nichts außer der Stelle bei den Symphonikern. Also bin ich zum Direktor, und einen Monat später war ich raus.

Gab es denn gar keine Versuche, Sie zu halten?

Nein, die waren vielleicht sogar froh über meinen Abgang, denn ich war ja ein Querulant. Man hat aber schon gemerkt, dass ich weiß, wovon ich rede. Der Hans Swarovsky zum Beispiel hat das sehr geschickt gemacht. Der kannte mich von der Akademie, und wenn er Alte Musik dirigiert hat, hat er immer gesagt: "So und so, das sagt schon Leopold Mozart. Stimmt doch, Erlaucht?" Er hat mich immer Erlaucht genannt. Und ich hab geantwortet: "Stimmt leider nicht", und habs ihm erklärt und begründet. Und er meinte zum Orchester: "Schauen Sie, wenn er das sagt, dann machen wirs auch so."

In Ihren Büchern und Reden betonen Sie immer wieder, dass es in der musikalischen Entwicklung keinen Gewinn ohne Verlust gibt ...

... die Knödeltheorie! Das ist meine Lebensphilosophie: Sie haben eine Masse, und wenn Sie etwas verändern wollen, müssen Sie irgendwo anders etwas wegnehmen. Das heißt: Alles muss irgendwie bezahlt werden, Sie müssen irgendein Opfer bringen. Eine reine Verbesserung gibt es nicht, auch wenn man das oft erst hundert Jahre später merkt.

Ich würde diese Theorie gerne umdrehen: Ganz offensichtlich hat die Musik unserer Zeit viel an gesellschaftlicher Relevanz verloren. Was hat sie im Gegenzug gewonnen?

Sie hat eine irrsinnige moralische Kraft gewonnen. Obwohl sie so viel verloren hat, dennoch ins Nichts hinein weiterzumachen, in der Zuversicht, dass irgendwann einmal Land in Sicht ist und es wieder so wird, wie es eigentlich sein muss - das finde ich unglaublich.

Glauben Sie daran, dass es wieder so wird, wie es eigentlich sein muss?

Es muss.

Was müsste die Musik dafür tun?

Sie muss eine Sprache anbieten, die man genauso erlernen kann wie die gesprochene. Sie muss unseren biologischen Voraussetzungen entsprechen.

Ich habe nicht den Eindruck, dass man heutige Musik nicht verstehen kann. Man muss nur wollen.

Haben Sie sprechen lernen wollen? Das muss von Anfang an sein, schon als Kleinkind, denn sobald man zu wollen anfängt, ist es schon zu spät. Aber so, wie das jetzt ist, ist die Beziehung der Musik zum Menschen weg.

Sie sehen schwarz?

Ich sehe ganz schwarz.

In Ihrem Buch "Musik als Klangrede" bringen Sie das heutige falsche Verständnis der Klassik als nur "schöne" Musik in Zusammenhang mit der mangelnden Relevanz heutiger Musik. Sie wollten die alte Musik neu bewerten, um auch die Gegenwart wieder neu betrachten zu können. Wie genau verfolgen Sie mittlerweile das derzeitige Musikschaffen?

Nicht wirklich genau. Das muss ich mir vorwerfen, das ist ein Fehler. Aber das hat auch mit meiner Kapazität zu tun. Ich habe ja noch andere Interessen als die Musik. Aber ich habe 1986 "Rendering" von Luciano Berio uraufgeführt. Ich hatte allerdings die Partitur so studiert, wie ich auch eine von Haydn studieren würde, und wollte alle Stimmen präzise hörbar machen. Berio war bei der Probe, und nach zehn Minuten ist er ganz nervös aufgesprungen und hat mir erklärt, dass er das gar nicht so genau haben will. Er wollte nur so ein Hauchen. Deswegen gibts für Neue Musik ja Spezialisten.

Wie etwa das Radio Sinfonieorchester Wien, das derzeit durch die Ausgliederungspläne des ORF akut bedroht ist. Sie haben mit vielen anderen eine Petition an die Geschäftsführung des ORF unterschrieben, die den ORF an seinen Kulturauftrag erinnert und zum Erhalt des Orchesters aufruft.

Wenn es eine Institution wie den Österreichischen Rundfunk gibt, und wenn Österreich den Anspruch erhebt, kulturell ein Wort mitzureden, dann kann es nicht sein, dass der ORF die einzige Rundfunkanstalt Europas ohne eigenes Orchester ist (mit Ausnahme der portugisischen, Anm. d. Red.). Denn ein Rundfunkorchester kann ganz andere Sachen machen als ein Sinfonieorchester. Es stimmt nicht, wenn man sagt, die Sinfonieorchester können das ja auffangen. Die arbeiten, gerade was die Probenzeit anbelangt, unter ganz anderen Voraussetzungen.

Der ORF sieht das Orchester derzeit nicht als seine "Kernkompetenz" an.

Es ist sicher seine Kernkompetenz. Aber wenn man etwas nicht will, findet man immer Argumente.

Sind Sie frustriert über die Situation der Musik?

Mein Frust darüber, dass das Praktische, das Zweckmäßige, das Logische als das einzig Wichtige betrachtet wird, der ist sehr groß. Weil das überhaupt keine Werte beinhaltet. Wenn Sie die Sprache nur noch dazu verwenden, um zu sagen, dass Sie eine Banane wollen, oder um etwas sofort in Profit umzusetzen, dann ist das meiner Meinung nach die vollständige Korrumption der Moral. Da ist in jedem von uns sofort der Mörder. Auf dieser Basis kann es keine Ethik geben.

Im Sommer wurden Sie selbst Opfer dieses profitorientierten Denkens, als Ihnen Ihre langjährige Plattenfirma, die zum Warner-Konzern gehörende Teldec, eine wichtige Aufnahme ohne Begründung absagte.

Ich war sehr enttäuscht. Es ist ja alles abgesagt worden, sogar das Neujahrskonzert. Aber das hat mir auch die Augen geöffnet. Ich mache seit vierzig Jahren Aufnahmen und habe immer mit den Bossen dieser Firmen verhandelt. Das waren immer Leute, die von der Wichtigkeit ihrer Sache überzeugt waren. Mittlerweile sind alle diese Firmen zu nicht mehr identifizierbaren Riesenfirmen geworden. Auch die Verantwortlichen sind auswechselbar, man greift da wirklich in ein schwarzes Loch hinein. Das war mir bis zum Moment der Absage nicht klar. Selbst als im Vorjahr der alte Hamburger Kern der Firma entlassen wurde, habe ich noch gedacht, dass ja nicht immer alles gleich bleiben kann, und man heute eben anders wirtschaften muss.

War das nicht etwas naiv?

Ich hatte einfach den Durchblick nicht. Wie sich all diese Firmen gegenseitig schlucken und zu anonymen Produzenten von allem Möglichen werden. Da hab ich noch immer nicht den Durchblick, und ich will ihn eigentlich auch gar nicht haben. Überhaupt: Wenn ich höre, wie über Wirtschaft gesprochen wird, denke ich mir, da muss etwas ganz falsch laufen. Ich werde immer als Verbraucher bezeichnet. Aber ich will überhaupt nichts verbrauchen! Ich bin ein Benützer, ich will, dass eine Sache so gut ist, dass ich sie nicht mehr auszuwechseln brauche. Ich habe noch Schuhe von meinem Großvater, die er zu seiner Hochzeit bekommen hat. Die sind immer noch gut. Das Wachstumsdenken kann ich vom Prinzip her nicht akzeptieren. Ich bin wirklich der Meinung, dass es falsch ist. Da wird seit 200 Jahren zunehmend falsch gedacht. Alles, was nicht sofort dem Profit dient, wird gestrichen.

In Österreich gäbe es immerhin noch das Argument, dass die Kultur auch wirtschaftlich verwertbar ist.

Na gut, Japaner füllen die Oper. Man frage Ioan Holender.

Alice Harnoncourt: Im Vergleich ist ja in Österreich doch noch relativ viel Bedarf an Kultur vorhanden.

Nikolaus Harnoncourt: Natürlich ist die Situation hier relativ besser. Aber ich sehe das am Aussterben. Meine Frau ist die Optimistin, und ich bin der Pessimist. Aber auch ein Pessimist darf noch Hoffnung haben. Auch wenn ich sehe, dass es ausweglos ist.

Welche Platten würden Sie mit auf die einsame Insel nehmen?

Keine Platten, lieber Noten. Die Werke von Bach. Da können Sie einfach zugreifen und die Aktentasche vollmachen, da gibts nichts Minderklassiges. Aber ich würde lieber nicht auf die Insel gehen, sondern hier daheim bleiben.

Letzte Frage: Beethoven oder Mozart?

Das ist sehr unfair, aber wenn Sie mich so fragen, dann muss ich leider sagen: Mozart.


Live-Übertragung des Neujahrskonzerts: am 1.1., 11.15 Uhr, auf Ö1 und ORF 2.

Soeben ist eine Sammlung von Harnoncourt-Zitaten erschienen.
Sabine M. Gruber: "Unmöglichkeiten sind die besten Möglichkeiten. Die Sprachbilderwelt des Nikolaus Harnoncourt". Salzburg 2002 (Residenz). 128 S., EUR 14,90

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Dezember 2002 © FALTER
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