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Der Himmel über Wien
BIBLIOTHEK  Die größte Freihandbibliothek der Stadt, ein nach neuesten Standards eingerichtetes Medienhaus und ein überaus vitaler urbaner Ort, der den Gürtel aufwertet: die neue Hauptbibliothek am Urban-Loritz-Platz. KLAUS NÜCHTERN (Text) und HERIBERT CORN (Fotos)

Falter 13   Originaltext aus Falter 13/03 vom 26.03.2003

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Am vergangenen Sonntag hat es der Frühling wieder einmal versucht. Und wir sind seinen Anstrengungen mit größtem Wohlwollen begegnet, sind ihm, sozusagen, auf halber Strecke entgegengekommen. Schweizerhaus und Eisgeschäfte haben ohnedies schon geöffnet, nun folgt die Phase mit der spontanen Errichtung von Schanigärten. On the Sunny Side of the Mariahilfer Straße hat die Speerspitze der sonnengläubigen Gastronomie bereits Tische aufs Trottoir gestellt, die Konsumenten, die dieses Angebot dankbar annehmen, frönen dem heliotropischen Sitzen, indem sie dem einstrahlenden Sonnenlicht eine möglichst große Auftrefffläche zur Verfügung stellen und den Kopf in den Nacken legen - die Was-bin-ich-nicht-entspannt-Stellung hat wieder Saison.
Die Frühlingsaufbruchsstimmung hat die seltsamsten Orte erfasst. Wer, bitte, wäre noch vor kurzem auf die Idee gekommen, zwecks gepflegten Relaxens den Urban-Loritz-Platz aufzusuchen? Jene weitläufige und unübersichtliche Verkehrsverschlingung, an der sich Linie 6 und 18 in ihrer Endschleife leise "Servus" sagen, wo der 49er den Bezirk wechselt und die U6 sich zaghaft anschickt, ihre zwischenzeitliche Existenz als authentische Untergrundbahn wieder abzustreifen. EU-Gelder und ein Zeltdach, das sich über die den Platz durchschneidende Westbahnstraße schwingt und damit entscheidend zur visuellen Vereinheitlichung dieses ziemlich zerfransten Verkehrsknotenpunktes beiträgt, haben den Urban-Loritz-Platz tatsächlich zu einem "Platz" gemacht.
An dessen Nordende dockt nun - elegant und monumental zugleich - ein Gebäude an, das in zwei Wochen offiziell seinen Betrieb aufnehmen wird: die Hauptbibliothek der Büchereien Wien. Noch bevor es seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt worden ist, wird das rund 150 Meter lange, vom Architekten Ernst Mayr entworfene Bücherschiff aber bereits begeistert genutzt: Auf der größten Freitreppe Wiens, die über 98 Stufen zur Rotunde des bereits jetzt geöffneten Cafés Canetti (siehe Gastrokritik auf Seite 73) führt, sitzen und liegen die Sonnenanbeter und blinzeln gegen Süden, wo Wasserturm, Philips-Haus und Massimiliano Fuksas superelegante Twin Towers die Skyline des Wienerbergs prägen. Noch hat sich der Betreiber des knapp dreißig Meter über dem Urban-Loritz-Platz situierten Cafés nicht entschließen können, die Tische aufs (noch von Bauzäunen verstellte) Sonnendeck des Gebäudes zu stellen, aber dass der Schanidachgarten des Canetti mit seinen 208 Sitzplätzen zu den gefragtesten Hangouts der Stadt zählen wird, ist gewiss keine allzu gewagte Prognose.
Architekt Ernst Mayr, der den 1998 ausgeschriebenen und im Jänner 1999 entschiedenen zweistufigen anonymen Architekturwettbewerb unter 121 Teilnehmern für sich entscheiden konnte, ist sichtlich zufrieden damit, dass und wie das Gebäude bereits vor seiner offiziellen Eröffnung angenommen wird. Die Treppe, die einerseits Anleihen bei Adalberto Liberas berühmter Casa Malaparte auf Capri nimmt und andererseits die Bewegung des bei Ausschreibung des Wettbewerbs zwar noch nicht errichteten, aber vorgegebenen Zeltdaches fortsetzt, trägt dazu bei, dass das Haus "ein bisschen mehr öffentlich ist als üblich", wie Mayr es ausdrückt.
Neben den wesentlich größeren Kapazitäten - die 6000 Quadratmeter bedeuten etwas mehr als die Verdreifachung der Nettonutzfläche - hat die neue Bibliothek gegenüber dem alten Standort in der Skodagasse, den Büchereien-Leiter Alfred Pfoser fast euphemistisch als "etwas versteckt" bezeichnet, den Vorteil, deutlich sichtbar zu sein: ein selbstbewusstes, aber nicht selbstherrliches Gebäude, das der in der Wettbewerbsausschreibung geforderten "Erlebnishaftigkeit" gerecht wird, ohne dass seine Funktionalität einer aufdringlichen Verspieltheit oder Zeichenhaftigkeit untergeordnet würde.
"Am Anfang war ich entsetzt", beschreibt Pfoser seine erste Reaktion auf die Gürtellage und gesteht, dass er ursprünglich gehofft hatte, mit der neuen Bibliothek ins MuseumsQuartier einziehen zu können. Mittlerweile sieht er die Sache ganz anders: "Es ist eigentlich ein Massel, dass wir hierher gekommen sind." Trotz des ursprünglichen Plans, den legendären und Legende gebliebenen "Leseturm" als ein die historische Fischer-von-Erlach-Fassade sichtbar überragendes Zeichen ins MuseumsQuartier zu setzen, wurden die städtischen Büchereien nicht einmal ignoriert. "Sie haben aus guten Gründen den Kontakt zu uns nicht gesucht. Eine Bibliothek in Form eines Turms ist architektonisch und auch von Personalaufwand her ein Schwachsinn."
Freilich ist auch der schlussendlich gewählte Standort alles andere als architektonisch, statisch und technisch leicht zu bewältigen. Auf die Idee, die neue Bibliothek ausgerechnet zwischen die extrem stark frequentierten Gürtelfahrbahnen und über die denkmalgeschützte, für die U6 adaptierte Stadtbahnanlage Otto Wagners zu setzen, hat die Stadt ausgerechnet der umtriebige Baumeister und Adabei Richard Lugner gebracht. Sein Vorhaben, mit einer von Adolf Krischanitz entworfenen "Wolkenspange" den Brückenschlag von der Lugner City im 15. hinüber zum 7. Bezirk zu schaffen, war nicht zuletzt an den Differenzen in Sachen "Jugendkultur" gescheitert: Wo die Stadt gerne ein Jugendzentrum und großzügige Freizeitangebote für Heranwachsende verwirklicht gesehen hätte, hatte Dick Lugner eher Automatenhallen im Sinne. Und so kam es, dass sich der damalige Planungsstadtrat Bernhard Görg (ÖVP) und sein politisches Vis-à-vis, Vizebürgermeisterin Grete Laska (SPÖ), erstaunlich rasch auf den Standpunkt Gürtel einigen konnten. Der große Konsens war deswegen noch lange nicht erreicht. Die Medien reagierten skeptisch bis ablehnend, selbst die Opposition war gespalten: Während sich die Wiener Stadträtin und Kultursprecherin der Grünen, Friedrun Huemer, für den Standort aussprach, bezeichnete ihre Parteikollegin im Parlament, Madeleine Petrovic, das Projekt als "Wolkenkuckucksbibliothek".
Verkehrslärm, Hektik, schlechte Luft, unattraktive Wohngegend lauten die Negativ-Parameter des Gürtels. Als Positivum stehen ihnen die verkehrstechnisch gute Anbindung und die hohe Frequenz der Passanten entgegen. Nicht nur rund 100.000 Autos rauschen täglich an der Hauptbibliothek vorbei, auch 35.000 Passanten nutzen den Verkehrsknotenpunkt Urban-Loritz-Platz Tag für Tag, um aus-, ein- und umzusteigen. Geht es nach den "Hochrechnungen" der Städtischen Büchereien, so wird zumindest ein knappes Zehntel von ihnen den Weg in die neue Bibliothek finden. Besuchten täglich 1200 bis 1500 Menschen die Hauptbibliothek am alten Standort, so erwartet man nun eine Verdoppelung der Benutzerfrequenz. Alfred Pfoser fürchtet sich schon ein bisschen vor dem Eröffnungsansturm: "Wir rechnen mit 3000, vielleicht kommen aber auch 5000" - womit die Besucheranzahl, für die das neue Gebäude ausgelegt ist, auch schon erreicht wäre.
Will man es symposionsdeutsch formulieren, so stellt die neue Hauptbibliothek eine Schnittstelle dar, an der Menschen-, Feststoff- und Datenströme gelenkt und miteinander verknüpft werden. Im - nach wie vor ja nicht ganz unbedeutenden - Reich der real bewegten Körper bedeutet das zunächst einmal den möglichst staufreien Transport von Menschen in die Bibliothek. Der wird wohl nur in Ausnahmefällen über die allerdings ausgesprochen einladende Freitreppe erfolgen. Ansonsten stehen Lifte und Rolltreppen zur Verfügung, um die Besucher direkt vom Bahnsteig oder der Stationshalle in die Bibliothek zu bringen - ein weiteres schönes Beispiel dafür, dass das Gebäude ein "bisschen mehr öffentlich" ist als vergleichbare Institutionen. Und damit es der Bibliotheksbenutzer besonders leicht hat, werden ihm - kaum hat er das zweite Obergeschoß betreten - auch schon die Bücher abgenommen: Eine kreisförmige Theke - wie alle Regale oder Wandverkleidungen in freundlich hellem Ahorn gehalten - dient dazu, den Bücherstrom am Fließen zu halten, die retournierten Exemplare sofort in Container zu schlichten und mithilfe einer Buchförderanlage einen Stock tiefer zu transportieren.

Entlehnung und Rückgabe werden im Übrigen mithilfe einer speziell für Büchereien entwickelten Technologie entscheidend vereinfacht. Der (Radio-) Transponder, mit dem jedes Medium versehen ist, macht das umständliche und personalintensive Scannen jedes einzelnen Artikels überflüssig: Der Benutzer begibt sich mit den von ihm entlehnten Büchern und audiovisuellen Medien zu den Entlehnterminals, legt den Stapel auf die dafür vorgesehene Ablagefläche, worauf sämtliche Titel sofort gespeichert und auf einem Beleg ausgedruckt werden. Die Rückgabe erfolgt reziprok. Darüber hinaus fungiert der Transponder auch als "Diebstahlsicherung": Verlässt ein Benutzer die Bibliothek, ohne seine Entlehnungen registriert zu haben, schlagen die Security Gates Alarm. Was diese Technologie anbelangt, ist die Hauptbücherei Wien, so Pfoser, "die erste große Testbibliothek".
Aber auch was die Medien selbst anbelangt, wird das neue Haus technologisch aufgerüstet: Die rund 240.000 Bücher werden durch 60.000 audiovisuelle Medien (CDs, Videos, DVDs, CDRoms und Schallplatten) ergänzt - womit sich das Angebot seit 1998 verdoppelt hat! Die Av-Medien können an eigenen Abspielplätzen genutzt werden, zudem hat der Besucher Zugriff auf etwa neunzig Datenbanken. Eine Computerwerkstatt erlaubt an acht Terminals die Arbeit mit aufwendigen und teuren Grafik- und Schnittprogrammen; es stehen 148 PC-Arbeitsplätze und eine Internetgalerie mit zwanzig Computern zum kostenfreien Surfen, E-Mailen, Chatten zur Verfügung. Und was den klassischen Kern einer jeden Bibliothek, den Buchbestand, anbelangt, so wird dieser - im Unterschied zum Vorgängergebäude im achten Bezirk, wo rund die Hälfte des Buchbestandes im Magazin schlummerte - fast zur Gänze als Freihandbibliothek zugänglich sein. Nur die weniger frequent entliehenen Bücher - hauptsächlich aus dem belletristischen Bereich - sind in der beeindruckend leicht zu bewegenden Rollregalanlage im ersten Stock untergebracht. Ein Kindermedienzentrum und ein auch außerhalb der Öffnungszeiten nutzbarer Veranstaltungssaal vervollständigen das dichte Angebot.

Architekt Ernst Mayr hat das entlang der Nord-Süd-Achse der Stadtbahntrasse ausgerichtete und am Bauraster von Otto Wagner (der eine Grundproportion von 4,05 Meter vorgibt) orientierte Gebäude aber nicht nur direkt mit dem öffentlichen Raum verbunden, sondern es zugleich als kontemplativen Gegenort zu seinem betriebsamen und lärmintensiven Umfeld konzipiert. Die spezielle Schallschutzverglasung, die vor allem hohe (Mopeds!) und tiefe (Lastwagen!) Frequenzen abhalten muss, garantiert einen minimalen Lärmpegel, der den Gürtelverkehr gerade noch wahrnehmbar macht, ihm aber alles Störende nimmt. Die Rauminszenierung besticht einerseits durch zum Schmökern und Verweilen einladende Leseenklaven, andererseits durch eine raffinierte "Lichtregie": Ist das Gebäude hin zum Gürtel optisch weitgehend abgeschottet, so sorgen Oberlichtsheds und Lichtschächte nicht nur für spannende Aus- und Durchblicke (etwa auf die U-Bahn-Geleise), sie durchfluten das Haus auch mit dem besten Leselicht, das es gibt - Tageslicht. Zugleich sorgt der räumliche und (tages-)zeitliche Wechsel des Lichts auch für jene Rhythmisierung, die den Eindruck der Leichtigkeit und funktionalen Eleganz des Gebäudes noch verstärkt.
Der absolute Knaller freilich ist das Heck dieses Bücherschiffes. Es ist nur zu befürchten, dass die loungeartige Lesezone, die auf den blauen Teppichböden mit wunderschönen hellgrauen Alcantara-Möbeln inszeniert wurde, hoffnungslos überlaufen sein wird. Das Pendant zur Freitreppenaussicht gen Süden, der durch ein riesiges Fenster ermöglichte Nordblick über die Otto-Wagner-Station auf Kahlen- und Leopoldberg hin, ist schlechterdings atemberaubend. Am späten Nachmittag und frühen Abend soll er besonders berückend sein. Ob das der Lesegeschwindigkeit besonders dienlich ist, sei angezweifelt. Einen Platz, an dem sich Kontemplation und Urbanität auf derart geglückte und glückhafte Weise verschränken, wird man in Wien derzeit aber kaum finden.

Die Eröffnung der Hauptbibliothek der Büchereien Wien (7., Urban-Loritz-Platz 2a) erfolgt am 8.4., 11 Uhr. Vorerst wird die Bibliothek Montag bis Freitag von 11 bis 19 Uhr und am Samstag von 10 bis 14 Uhr geöffnet sein. www.buechereien.wien.at

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März 2003 © FALTER
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