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Poiers Medienfreiheit
SONG CONTEST  Vor und nach seinem Erfolg beim europäischen Schlagerfestival bleibt Alf Poier sich selbst treu und lässt sich weder vom ORF noch von "News" dirigieren. Die sind das gar nicht gewohnt. CHRISTOPHER WURMDOBLER / Riga

Falter 22   Originaltext aus Falter 22/03 vom 28.05.2003

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"Nein, leider, der Herr Poier ist bis zum 25. August auf Urlaub." René Berto wimmelt gerade telefonisch jemanden von "Willkommen Österreich" ab, nicht die erste Anfrage des ORF, seinen Schützling Alf Poier vor die Kamera zu bekommen. Schon vor dem sensationellen sechsten Platz, den der Kabarettist vergangenen Samstag beim Song Contest in Riga mit seinem Lied "Weil der Mensch zählt" machte, häuften sich die Interviewanfragen. Im Vorfeld des europäischen Singwettbewerbs fuhren Poier und Berto allerdings eine sehr eigenständige PR-Schiene, verweigerten sich weitgehend den ORF-Medien, sprachen - auch wenn dort immer wieder "Interviews" erschienen - weder mit News noch mit tv-media und absolvierten stattdessen fast siebzig Interviews mit internationalen Sendern und Printmedien.
Schon der Aufbruch nach Lettland lief nicht ganz so, wie es sich der ORF vielleicht gewünscht hätte. Statt Interviews am Airport zu geben, tauchten Poier und sein Manager spät, dafür aber maskiert als Katze und Vogel auf und verwirrten damit sogar die Sicherheitsleute: "Hier spricht Kranich drei. Sollen wir das Katzerl stoppen?", fragten die Bewaffneten ins Funkgerät. "Das Katzerl darf passieren", lautete die Antwort vom Security-Chef. Kameraleute verfolgten dann das Katzerl bis zum Gate. Die ORF-Mannschaft war angeblich stinksauer, weil die Nonsensaktion nicht abgesprochen war. Erst im Flugzeug demaskierte sich Poier und begrüßte die Delegation vom Küniglberg: "Wir mussten mit denen ja eine Woche lang zusammen sein, und da wollte ich nicht gleich eine schlechte Stimmung."
Die Stimmung war ohnehin nicht gerade die beste. Bereits nach der gewonnenen Vorausscheidung wollte das öffentlich-rechtliche Fernsehen den Kabarettisten zwecks Promotion in diversen Programmen unterbringen. Zum Beispiel ausgerechnet in der volkstümlichen Unterhaltungssendung "Musikantenstadl". Poier trat dort nicht auf, stattdessen wurde ein Videoausschnitt gezeigt. Moderator Moik war traurig, dass Konkurrentin Petra Frey es nur knapp nicht zum Song Contest geschafft hatte, und das Publikum in Lederhosen und Dirndl buhte brav. Poier im "Musikantenstadl" passt halt nicht. Genauso wenig wie Poier auf Ö3 - glaubt man zumindest beim Main-
stream-Pop-Radio und spielt den Siegertitel nicht. Poier-Manager Berto verfolgt eine langfristige Strategie: "Ich baue nicht fünf Jahre lang einen Künstler auf, damit er beim "Musikantenstadl" ausgebuht wird." Laut Berto habe der ORF massiv mit Konsequenzen gedroht, wenn Poier die Promotiontour durch alle Kanäle nicht mitmache - bis hin zur Disqualifikation. Dabei hat Poier hierzulande Publicity sowieso nicht nötig, zumindest nicht das Tingeltangel durch Boulevardmagazine, Klatschsendungen oder Ö3: Der Kabarettist ist schon bis Februar 2004 ausgebucht.
"Poier hat von unserer Seite die größte Unterstützung erfahren, und das weiß auch sein Management", sagt Katja Pokorny, ORF-Verantwortliche in Riga. Die Interessen des ORF können nicht die Interessen sein, die Alf Poier hat. Der öffentlich-rechtliche Sender hat in der Woche vor dem Song Contest vor allem eine Sendung zu promoten, die in Österreich normalerweise nicht umwerfend Quote macht, diesmal verfolgten immerhin 1,3 Millionen Zuseher die Show via ORF. Deshalb muss das TV-Event in allen möglichen Programmen und Sendungen gefeaturet werden. Poier hingegen wollte in Riga vor allem seine im "Europäischen Manifest zum Song-Contest-Sieg" zusammengefasste Message verbreiten. Und Imagearbeit in eigener Sache betreiben. Ein Interview mit dem edlen BBC-Klatschmagazin "Liquid News" oder mit "Quatsch Comedy Club"-Macher Thomas Hermanns für die ARD bringt so gesehen mehr als ein Auftritt im heimischen TV. Mit dem zur ORF-Delegation gehörenden Ö3-Reporter Peter Eppinger sprach der selbst ernannte "Provokateur des absoluten Individualismus" zum Beispiel überhaupt kein einziges Wort, für "25 das Magazin" gab es immerhin ein paar Wortspenden.
Meist mussten sich die ORF-Kollegen jedoch mit dem auf den Pressekonferenzen Gesagten zufrieden geben. Auch Medien aus dem Hause Fellner versorgten sich via APA mit Neuigkeiten des Eurovisionärs. Als dessen Teilnahme kurzfristig wegen einer vermeintlich jugendgefährdenden Michael-Jackson-Geste, dem Griff in den Schritt auf der Kippe stand, bestellte News Networld angeblich beim ORF-Fotografen vor Ort exklusiv nachgestellte Fotos vom Griff zwischen die Beine - Poier spielte nicht mit. Stattdessen thematisierte er den Skandal öffentlich und landete damit in den Nachrichten. "TV Total"-Moderator Stefan Raab rief eine dringende Voting-Empfehlung für Poier aus, der Song Contest hatte eine Skandalalternative zu den russischen Popgören tAtU.

"Ich bekomme wegen Poier hier eine Aufmerksamkeit, die ich bei allen wirtschaftlichen Erfolgen bisher nicht erhalten habe", meinte auch der österreichische Botschafter in Lettland beim Empfang der ORF-Delegation. Er sei wie Poier ein Visionär und Philosoph, man habe einander gefunden. Der Botschafter war nicht allein. In der Woche vor dem Song Contest sorgte der Kabarettist - nicht nur wegen des umstrittenen "Eiergriffes" - tatsächlich für jede Menge Interesse bei den mehr als 1100 angereisten Journalisten und den Eurovisions-Fans aus ganz Europa. Poier war unübersehbar: Auftritte mit den selbst gebastelten sieben Zylindern (weil man nicht ganz Europa unter einen Hut bringen kann), die Überreichung eines gipsernen Ameisenhaufens an den Bürgermeister von Riga (weil alle Ameisen der Welt angeblich genauso viel Gewicht haben wie alle Menschen), Postkarten mit gekreuzigtem Alf, die verteilt wurden, oder schlicht die Präsenz im Pressezentrum oder auf Partys und Empfängen, deren es im Umfeld des Events zahlreiche gibt. Mit gewagten bis kruden Vergleichen der Veranstaltung mit dem Holocaust oder mit Hiroshima überschritt Poier die Geschmacksgrenzen deutlich und sorgte für Furore.
"Ich werde auf der Straße erkannt, wenn ich in ein Lokal gehe, komme ich mir vor wie im Chelsea", freute sich Poier. Wobei es im Wiener Gürtellokal eher nicht üblich ist, dass 30- bis 45-jährige schwule Männer ihn darum bitten, sich gemeinsam mit ihm fotografieren zu lassen. Poier freut sich über die Verehrer, schreibt Autogramme und redet mit den Song-Contest-Fans. Die sehen den Song nämlich nicht als Zumutung oder Protest gegen die Veranstaltung. Und manche erkennen sogar seine Botschaft.
Mit seiner skurrilen Art, seinem schrägen Humor, Individualismus und Nonkonformismus wurde der Steirer in Riga zum Liebling der Journalisten - und der Bevölkerung. Seine Auftritte bei den Proben wurden bejubelt, als sei Poier ein Local Hero. In der liberalen Tageszeitung von Riga, Diena, wurde sein SongContest Song als einziger herausragender aus einem Einheitsbrei beurteilt. Ein Barpianist im Hotel sang sogar "Weil der Mensch zählt" auf Russisch und nach einer öffentlichen Durchlaufprobe imitierten junge Letten auf dem Nachhauseweg auf der Straße kichernd Poiers grotesken Hüftschwung und sein Headbanging. Bis zuletzt räumten ihm Auskenner wie der taz-Journalist und Song-Contest-Experte Jan Feddersen ("Poier hat die tollsten Unterarme des Song Contest") große Siegeschancen ein - vor allem wegen seiner positiven Ausstrahlung.
Im Gegensatz zu den meisten anderen Künstlern repräsentierte Poier in Riga nicht sein Land, sondern stets sich selbst. Statt täglich in neuen Kostümen aufzutauchen, trug er seine eigenen Klamotten, T-Shirt, Schnürlsamthosen und Bergschuhe - übrigens genauso wie auf der Bühne.
Nach seinem unerwartet guten Abschneiden vergangenen Samstag - 17 von 25 Ländern gaben Poier Punkte - verkündete er dann aber gleich das Gegenteil. Das Ergebnis sei eine "Schmach für Österreich". Wieder lässt sich der Kabarettist nicht zum Spielball machen. Statt sich und seinen Erfolg medial feiern zu lassen, geht er lieber auf Tauchstation: "Nicht ich habe verloren, Österreich hat verloren." Poiers Schmäh ist halt nicht leicht nachzuvollziehen.
Nach einer Woche Ausnahmezustand in der Glitzerwelt der Fernsehunterhaltung freut sich Poier nun auf die Normalität. Auftritte in Boulevardmagazinen und Illustrierten gehören dazu ebenso wenig wie Nächte in Fünfsterne-hotels und Botschafterempfänge. Den offiziellen Rückflug von Lettland nach Österreich Sonntagmittag verschob der Künstler kurzfristig, um einem möglichen medialen Empfangskomitee am Flughafen Schwechat aus dem Weg zu gehen. Aber nachdem Poier am Samstag Österreich einen garantierten Platz beim - neu reglementierten - Song Contest 2004 verschafft hat, lässt ihn der ORF vielleicht nochmal mitfahren. Oder Poier startet für Deutschland: "Ich werde wiederkommen, aber ihr werdet mich nicht erkennen", schickte der Sechstplatzierte noch eine SMS-Nachricht an den Falter, bevor er sich in die komplette Medienfreiheit verabschiedete.

Mit seiner Verweigerungshaltung nervte Alf Poier ORF-Mitarbeiter wie News-Kollegen. Letztere machten kurzerhand auf Pressekonferenzen getroffene Aussagen zum "News-Interview". Im Gespräch mit dem Falter erklärt Poier, wieso er mit bestimmten Medien nicht spricht.


Falter: Herr Poier, beim Aufbruch nach Riga sind Sie am Flughafen mit einer Katzenmaske aufgetaucht. Wollten Sie nicht erkannt werden? Wollten Sie keine Interviews mehr geben?

Alf Poier: Ich hätte gerne Interviews gegeben, aber das Katzerl konnte nicht. Ein Katzerl kann ja nicht reden.

Mit Medien wie News und tv-media redet auch Alf Poier nicht.

Die haben sich vor dem Song Contest auch nicht für mich interessiert, haben mich runtergemacht als "Null-Punkte-Kandidat", jetzt wollen sie plötzlich Exklusivinterviews. News und tv-media bekommen kein Interview, also machen sie es selber und erfinden etwas. Mit News rede ich nicht, wenn du mit denen redest, drehen sie dir das Wort im Mund um. Da ist es noch besser, sie erfinden was, als dass ich mit denen rede.

Was haben Sie denn gegen diese Magazine?

Die machen unseriösen Journalismus. Ich mag einfach auf diese Boulevardfragen nichts antworten. Ist die Farbe meiner Unterhosen wirklich so interessant, ob ich eine Freundin habe, oder wie mein ehemaliges Kinderzimmer ausschaut? Ein Reporter der Ganzen Woche war tatsächlich bei meinen Eltern in der Steiermark und hat sich mein Kinderzimmer zeigen lassen. Die ließen sich von seinem Auftreten beeindrucken und haben ihm alles erzählt. Später saß der Typ dann noch im Dorfwirtshaus in Judenburg und hat die Leute ausgefragt.

Wie kann man so was verhindern?

Jetzt ist bei meinen Eltern ein Schild an der Türe: "Bei Fragen wenden Sie sich an das Management von Alf Poier."

Der Ö3-Reporter, der auch zur österreichischen Delegation in Riga gehörte, wollte ja auch, dass Sie ihm ins Mikrophon reden. Das haben Sie aber eine Woche lang nicht getan. Wieso?

Ich habe, wie gesagt, keine Lust, mich über die Farbe meiner Unterhosen zu unterhalten, wenn ich eine Vision für Europa habe. Aber wir haben täglich bei Oliver Baier in der Sendung "Mahlzeit" angerufen und ihm aktuell berichtet.

Oliver Baier ist ja auch bei Ö3 ...

Aber der hat dort einen Sonderstatus, der spielt auch meine Platte. Sonst wird "Weil der Mensch zählt" auf Ö3 nicht gespielt. Was habe ich also dort zu suchen? Wieso soll ich mit denen von Ö3 Interviews machen, wenn beim Sender offenbar kein Interesse an meiner Arbeit besteht? Ich gebe zu, es taugt mir auch ein bisschen, diese Art "Macht" auszuüben. Ich möchte mit dieser Verweigerung vor allem das Formatradio angreifen. Ich unterstütze damit auch die Musiker in Österreich. Es geht mir überhaupt nicht darum, ob ich nun fünfzig Platten mehr verkaufe oder nicht.

Bei Karl Moik im "Musikantenstadl" wollten Sie auch nicht auftreten.

Dort wäre ich nur hingegangen, wenn ich "Vater der Stadl brennt und keiner da zum Löschen" hätte singen dürfen. Die wollten aber, dass ich das Song-Contest-Lied singe.

ORF-Verweigerung also. Sie sind nicht vertraglich verpflichtet, im Zusammenhang mit dem Song-Contest im ORF aufzutreten. Möchten Sie nicht mal zu "Treffpunkt Kultur"?

Solche Sendungen mache ich schon, die hab ich auch schon früher gemacht. "Vera" und so werde ich sicher nicht mehr machen.

Nach dem Song Contest machen Sie überhaupt erst mal zwei Monate gar nichts.

Das ist super! Ich habe keinerlei Verpflichtungen, keine Verträge, keinen Plattenvertrag. Mir steht die Welt offen. Eigentlich muss man eh gar nichts. Neulich habe ich im Bett gesessen und meditiert. Da ist mir klar geworden, dass ich nichts muss. Ich hatte einen Auftritt, war auf der Bühne und habe zwanzig Minuten nichts gemacht. Spannend war, ob ich mich traue, ob ich das durchziehe. Ich hab dem Publikum erklärt, dass es auch nichts muss. Es gibt zwar Konsequenzen, aber nichts zu müssen, ist ein sehr befreiender Gedanke. Irgendwann bist du urbefreit. Wenn jemand zu dir sagt: "Du bist ein Esel", aber du weißt, dass du keiner bist, dann macht dir das nämlich gar nichts mehr aus.

"News" werden Sie also auch weiterhin keine Interviews geben?

Wenn das News irgendwas über mich erfindet, dann arbeiten die an der Auflösung meiner Persönlichkeit. So gesehen ist das gar nicht schlecht.

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Mai 2003 © FALTER
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