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KUNST Posthum wird dem früh verstorbenen Martin Kippenberger (1953-1997) jene Beachtung zuteil, um die sich der deutsche Künstler Zeit seines Lebens mit umstrittenen Mitteln bemüht hat. In Wien, wo er - ebenso wie im Burgenland - seine Spuren hinterlassen hat, ist ihm nun eine Ausstellung im Museum moderner Kunst gewidmet. MATTHIAS DUSINI |
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"Der Martin hat immer gesagt: Nach Venedig fahre ich entweder als Biennale-Teilnehmer oder auf Hochzeitsreise", erzählt Marta Lex, Kellnerin im Hotel Raffl im burgenländischen Jennersdorf. Der 1997 im Alter von 44 Jahren verstorbene Maler, Kosename Kippy, verbrachte sein letztes Lebensjahr in dem Dorf nahe den Grenzen zu Ungarn und Slowenien. "Der Arme, auf Hochzeitsreise ist er gefahren, aber die Biennale-Einladung hat er nicht mehr erlebt", sagt die vom deutschen Gast stets mit "Frau Doktor" Angesprochene und deutet auf ein großes gerahmtes Plakat an der Wand der getafelten Stube: Es zeigt Kippenberger vor dem deutschen Pavillon in den Giardini stehend - als frisch getrauten Ehemann. Im Februar 1996 heiratet er auf dem Standesamt von Jennersdorf die Wiener Fotografin Elfie Semotan. Trauzeuge war der Modedesigner Helmut Lang. Dann fuhr das Ehepaar nach Venedig. In diesen Tagen wird Kippenbergers Werk im Museum moderner Kunst und auch im deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig präsentiert: eine späte Wiedergutmachung an einem, der zu Lebzeiten von einer kleinen Fangemeinde verehrt, von der großen Mehrheit deutscher Museumsdirektoren aufgrund seiner überbordenden Persönlichkeit aber geschnitten wurde. "Kippenberger hat keine Peinlichkeit ausgelassen: Wenn irgendein Museumsmann oder Galerist am Nebentisch saß, hat er sich sofort rübergesetzt und versucht, was rauszuholen", erklärt der Linguist Martin Prinzhorn die Ressentiments der Kunstwelt gegenüber Kippenberger. "Sein Auftreten ist von Kuratoren und Museumsleuten sofort als Konkurrenz empfunden worden. Er hat deren Rolle gleich mit übernommen." Höhepunkt künstlerischer Anmaßung war die Gründung des MOMAS (Museum of Modern Art Syros). Kippenberger erklärte die Bauruine eines Schlachthofs auf der griechischen Insel Syros zum Museumsbau - und sich selbst zu dessen Direktor. "Obwohl er viel ausgestellt hat, ging ihm die Karriere zu langsam. Es ist eine absolute Gier in ihm drinnen gesteckt, wo doch andere gesagt haben: ,Das wird schon", erklärt der Künstler Heimo Zobernig, der mit Kippenberger befreundet war. Der Tod macht Künstler teuer. Der Preis für einen guten Quadratmeter Kippy lag 1996 bei etwa 13.000 Euro. Heute muss man das Zehnfache hinlegen. "Leider hob i nix kauft", bedauert der Liedermacher Wolfgang Ambros, der Kippenberger durch Grazer Freunde kennen gelernt hatte. "Gelegenheiten hätt i schon ghobt. Jetzt is zspät." Ambros war von Kippenberger eingeladen worden, Mitglied der berüchtigten Künstlerloge Lord Jim zu werden, der der Satz "Keiner hilft keinem" als Motto diente und dessen prominentestes Gründungsmitglied der Dichter Wolfgang Bauer war. Ambros lehnte ab, traf Kippenberger und Bauer aber zum Wettkochen. "Mit meinen gefüllten Paprikas und den Kartoffelblinis mit Lachskaviar - des is a Rezept von meiner Mutter - hob i zweimal gwonnen. Dann wars mir zu fad", erinnert sich Ambros, der Kippenberger "unterhaltsam" fand, mit dessen Kunst "aber net wirklich was anfangen" konnte. Für Wolfgang Bauer hingegen war es 1985 "Verständnis auf den ersten Blick". "Er ist einer der genialsten Malers des 20. Jahrhunderts, der das Wesen der Kunst unverblümt und absolut potent durchschaut hat, ein königlicher Mensch in jeder Hinsicht, freidenkend bis ins Letzte." Der Draht zwischen den beiden war der Umgang mit Sprache. "Wie komm ich in Kriegszeiten mit Knochenbruch und Futurismus klar?", "Wahrheit ist Arbeit" oder "Ich habe nichts gegen Depressionen, solange sie nicht in Mode kommen" sind typische Kippenbergersche Titeldichtungen, den Bauerschen Sprach-Slapsticks verwandt. "Ich war sein Feindbild", bekennt der Wiener Künstler Walter Pichler, der Kippenberger im Burgenland kennen lernte und dort heute in einem Bauernhaus in St. Martin nahe Jennersdorf lebt. In dreißigjähriger Handarbeit hat er das Anwesen ausgebaut, kleine Hütten zu sakralen Ausstellungsräumen für seine totemartigen Skulpturen gemacht, die zu verkaufen er sich weigert. Beim Rundgang durch das rurale Gesamtkunstwerk meint er lachend: "Jetzt können Sie verstehen, warum ich das genaue Gegenteil von Kippenberger bin." Kunst als unverkäufliches Kultobjekt, als Ausdruck einer authentischen Künstlerseele und einer nicht entfremdeten Handarbeit: Kippenberger attackierte all das, wofür Pichler steht. In der Serie "Lieber Maler, male mir ..." ließ er einen Filmplakatmaler nach eigenen Vorlagen pinseln. Als Vorlagen für seine selbst gemalten Bilder dienten Kippenberger - neben Géricault, Pollock oder Picasso - Sujets, die von der Kunstgeschichte eher gemieden werden: Witze aus Pornomagazinen oder Pizzeriamalerei. Was für die Dadaisten der Erste Weltkrieg, das war für die Generation Kippenberger die BRD der Siebzigerjahre. Die machtstarre SPD an der Regierung und die alternative Post-68er-Betroffenheitskultur waren der Boden, auf dem der Humor der New-Wave-Generation gedieh, der eben auch Künstler wie Kippenberger, Albert Oehlen oder Werner Büttner assoziiert waren. Das Motto "Genieße das, was dich entfremdet" ließ sie zu jenem Medium greifen, mit dem kein progressiv denkender Mensch noch etwas zu tun haben wollte: zur Malerei. "Na, gehen wir wieder ins Häuschen arbeiten", spottete Kippenberger, wenn sich Pichler vom Mittagstisch im Hotel Raffl verabschiedete. "Er wollte ein Dandy sein, der sich niemals bei der Arbeit erwischen lässt", weiß Pichler. Woher kommt dann das vierzig Bücher, Tausende Bilder, Zeichnungen, Plakate, Aktionen, Skulpturen und Hunderte Ausstellungen umfassende Werk Kippenbergers? "Er hatte einen extremen Output. Man ist bis ultimo zusammengehockt, aber um acht war er wieder auf der Matte", schildert sein Kollege Hans Weigand den als Bohemien getarnten Stachanovisten. Ob Tirol, Berlin, Rio, New York, Wien, Los Angeles oder Jennersdorf: Wo immer der aus bürgerlichem Haus stammende Künstler im Outfit eines Kaufmanns hinkam, setzte er zum Sturmlauf an. So auch in Wien. "Einmal hat er mir erklärt, dass er sich in einer Stadt als Erstes das richtige Lokal als Hauptquartier aussuchen und sich dort mit dem Wirt anfreunden würde, damit dann alles von dort ausgehen kann", erzählt der Direktor des Grazer Joanneums, Peter Pakesch, der Kippenbergers Wiener Galerist war. In Wien dienten das Restaurant Oswald und Kalb und später das Café Alt Wien Kippenberger als Homebase. Es beginnt 1983 mit der Gruppenausstellung "schwerter zu zapfhähnen" in Pakeschs Galerie. Bald darauf übersiedelt Kippenberger nach Österreich, malt einen Sommer lang auf der Thomasburg in Edlitz südlich von Wien, die Martin Prinzhorn gehört, und zieht im Herbst bei Albert Oehlen in dessen Atelier auf der Weißgerberlände ein. Für den Winter 1984 organisiert er ein großes Festival um seine eigene Finissage und die darauf folgende Vernissage von Oehlen. Unter anderem findet dabei ein Wettsaufen statt, das Peter Weibel und Martin Prinzhorn gewinnen. In der "Ansprache an die Hirnlosen - Für André Heller" in der Akademie der bildenden Künste trägt Kippenberger einen gemeinsam mit Albert Oehlen in dadaistischer Manier verfassten Text vor. Auch Walter Pichler wird in dem im Falter abgedruckten Text genannt: "Eigentlich wollten wir jetzt auf Walter Pichlers Skulpturen eingehen, aber da wir gerade über Scheiße gesprochen haben, sparen wir uns das besser für später auf." "Er hat empört gefragt: ,Warum hat da keiner gelacht? und ist dann wieder an die Bar gegangen, um zu trinken. Er war ein Ereignis und wollte das mediatisieren", erinnert sich der Fotograf Didi Sattmann. Die Liebe zu den Medien blieb einseitig. "Es ist niemand eingestiegen darauf", erzählt die ehemalige Krone-Kolumnistin Eva Deissen, die Kippenberger in den Achtzigern kennen lernte. Kippenbergers Drama bestand darin, dass er in ein Aufmerksamkeitsloch fiel. Die Kunstskandale der Sechzigerjahre waren vorüber und die Talkshow-Gesellschaft noch nicht entwickelt. Das in der Wiener Kunstszene in zahlreichen Varianten kolportierte Erste Wiener Fiakerrennen um den Peter-Altenberg-Preis fand am 14.12.1986 um 12 Uhr in der Prater-Hauptallee zwischen Kippenberger und Albert Oehlen statt. Das Publikum blieb aus und Kippenberger gewann das vollkommen undramatische Rennen, weil er als Erster mit dem Fiaker losfuhr. In seinem Fiaker saß auch der Maler Christian Ludwig Attersee, ein Wiener Freund der ersten Stunde. Er hält Kippenberger für einen "Zeitgeistkünstler", dessen Bildern "das letzte Geheimnis fehlt, das sie haltbar machen würde" und so bloß "Lass-mal-was-das-Klo-hinunter-Bilder für die deutsche Schicki-Micki-Gesellschaft" seien. Etwas wohlwollender fällt das Urteil des New Yorker Künstlers Jeff Koons aus: "Wann immer ich gefragt werde, wessen Werk mich beeinflusst hat, nenne ich Martin Kippenberger." Beider Kunst ist darauf angelegt, den guten Geschmack an der Wurzel zu packen. Bei so viel Affirmation konnte es schon zu Kollateralschäden kommen. Das bekannteste Beispiel ist die Lord-Jim-Loge, dessen Logo Kippenberger gemeinsam mit Albert Oehlen und Wolfgang Bauer entwarf: Sonne, Busen, Hammer. "Das hat nichts symbolisiert", erinnert sich Bauer. Allerdings gab es wochenlange Diskussionen um die Statuten der Loge: "Ich war dafür, dass gewisse Frauen dabei sein sollten, und hätte gern zwei aufgenommen. Die Mehrheit war aber dagegen und hielt es für Blödsinn, Frauen aufzunehmen." Der Spaß dran war wohl, ein Image zu vermitteln, das unter jeder Sau war", erläutert Martin Prinzhorn. Diese Botschaft wurde verstanden. "Möglicherweise war er misogyn, homophob und xenophob", schreibt die Konzeptkünstlerin Andrea Fraser im amerikanischen Magazin Artforum über den für seine Alkoholexzesse und Provokationen bekannten Akteur mit der Lieblingsrolle german macho painter. "Aber statt solche Einstellungen einfach abzustreiten, performte er sie in außergewöhnlichen Akten der Selbstobjektivierung, die mal komisch, mal brutal, mal rührend oder grotesk waren." Tatsächlich konnten in den politisch bewussten Neunzigerjahren nur mehr eingefleischte Fans Kippenbergers Tabubrüchen etwas abgewinnen. Im Herbst 1991 kam Kippenberger nach Wien, um auf der Baustelle der U-Bahn-Station Neubaugasse die Ausstellung "Tiefes Kehlchen" im Rahmen der Festwochen-Kunstreihe "Topographie" vorzubereiten. In Anlehnung an den Pornoklassiker "Deep Throat" (USA 1972) entstand eine riesige, aus zahlreichen Einzelwerken bestehende Installation. Karussellstühle, ein Abfallcontainer mit weggeworfenen Ölbildern und Diaprojektionen mit Stills aus "Deep Throat" sind nur ein kleiner Teil der gemeinsam mit dem Architekturbüro PAUHOF entwickelten Rauminszenierung, die große Kosten und noch größere Ratlosigkeit produzierte, von nicht einmal tausend Leuten besucht und von der Presse einhellig verrissen wurde. Heute gilt es als zentrales Werk Kippenbergers. "Kulturstadträtin Ursula Pasterk hat mir bei der Eröffnung gesagt: Den Krempel können Sie gleich einpacken. Ihren Vertrag verlängere ich nicht", erinnert sich die Kuratorin Susanne Neuburger. Heute beteuert Pasterk, immer eine Bewunderin von Kippenbergers Kunst gewesen zu sein. Auch dass er im Café Ritter bei Besprechungen mit Plastikpenissen spielte, fand Pasterk nicht sexistisch, sondern amüsant. Nach dem Wiener Projekt enstand dann in Syros, Los Angeles, im kanadischen Dawson City, in Leipzig und Kassel eine Reihe von U-Bahn-Stationen, an deren Eingangstür das Logo der Lord-Jim-Loge prangte - eine wunderbare Erweiterung des Systems Kippenberger zum imaginären globalen Transportsystem. Leider starb er, bevor die U-Bahn-Station Jennersdorf vor dem Hotel Raffl realisiert werden konnte, dort, wo die "Hallöchen-Fahne" stand, die anzeigte, ob Kippenberger gerade im Wirtshaus residierte. Die U-Bahn-Idee mag auch mit der Tatsache zu tun haben, dass der reisefreudige Künstler keinen Führerschein besaß. Daher fuhr er auch mit einem motorisierten Dreirad ins Gasthaus. Da er sich in jener Zeit ausgiebig mit dem Thema Ei beschäftigte, montierte er ein riesiges Plastikei auf die Ladefläche und verkündete über Megaphon, wenn er ins Dorf kam: "Halli, hallo, hier kommt der Eiermann." Seine Chauffeursuniform bestand aus einem beigen Burberryanzug mit Mütze. "Er hatte Projekte, die wir zum Glück verhindern konnten", sagt Walter Pichler. Eines davon war ein Hubschrauberlandeplatz in Form eines Spiegeleis. Poster, Briefmarken, Bücher, Bilder und die legendären Zeichnungen auf Hotelpapier: In tausendfacher Ausgabe hat Kippenberger sein Konterfei unter die Leute gebracht, hat sein Leben verbraucht im Versuch, zum exemplarischen Künstler der Popgesellschaft zu werden. Er war der letzte Bohemien, bevor Ich-AG und Mineralwasser mehrheitsfähig wurden, und nahm - ähnlich wie heute Christoph Schlingensief - die Herausforderung an, Kunst den Kräften der Spektakelgesellschaft auszusetzen. Seine letzten klar verständlichen Worte im Wiener AKH, wo er an den Folgen einer Leberzyrrhose verstarb, lauteten: "Bring mir die Bildzeitung!" Nur die Ankündigung für sein Leben nach dem Tod ist ohne Pop: Der Grabstein auf dem Friedhofshügel in Jennersdorf ist eine schlichte Betonsäule mit quadratischem Grundriss auf einem kleinen Stück Kunstrasen. MARTIN/KIPPENBERGER/1953/ 1997 steht jeweils auf einer Seite. Im Gras liegen drei trockene Rosen. Die Ausstellung "Nach Kippenberger" läuft von 12.6. bis 31.8. im Museum Moderner Kunst (MQ). Eröffnung am 11.6., 19 Uhr. Info: www.mumok.at. |
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