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In a Neubau State of Mind
MODE  Das T-Shirt hat immer Saison, boomt seit kurzem aber wie kaum je zuvor. In Wien heißt der absolute Hot-Spot in Sachen coole Shirts: Neubaugrätzl. KLAUS NÜCHTERN

DAS ABC DES T-SHIRTS: AC/DC, Baumwolle, Che & Co

Falter 24   Originaltext aus Falter 24/03 vom 11.06.2003

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Es gibt Anlässe, bei denen T-Shirts als unpassend gelten. Angeblich. Auch soll es Kleidungsstücke geben, die in Kombination mit einem T-Shirt als eher gewagt gelten - Sari oder Frack zum Beispiel. Ansonsten gilt wohl, was der österreichische Designer Helmut Lang gesagt hat: "Das T-Shirt ist das einzige Kleidungsstück, das sich unseren Wünschen völlig unterwirft. Mal Unterwäsche, mal Oberbekleidung, es ändert sich je nach Sitten und Saison."
Mittlerweile hat sich der Strom der Stile aber zu einem veritablen Flussdelta verbreitert, in das alles angespült wird, was im Laufe der Moden einmal angesagt war. Es wird zitiert, bastardisiert, vulgarisiert und veredelt; die billigen Kleiderketten klauen bei den Designern der Haute Couture, die Haute Couturiers klauen bei der Subkultur, und die Retro-Wellen brechen mit derart atemberaubender Geschwindigkeit über die Küste des Kontemporären, dass demnächst die Mode der folgenden Saison heute schon retro sein wird.
"Seit drei Saisonen", so schreibt Bruno Collin, Chefredakteur des französischen Magazins Wad und Besitzer einer der weltgrößten T-Shirt-Sammlungen, in seinem Vorwort zu Charlotte Brunels soeben auf Deutsch erschienenem Buch "T-Shirt", "erlebt man einen besonderen Run auf das T-Shirt." Die gesteigerte Nachfrage führt zu einer Explosion des Angebots, die auch Wien längst erfasst hat. Nicht nur dass die verschiedenen Boutiquen und Kleiderketten eine Auswahl anbieten, deren Spektrum breiter denn je ist, auch die Anzahl der Geschäfte, die sich hauptsächlich dem Verkauf von ausgefallenen und anspruchsvollen T-Shirts widmen, nimmt zu.
So hat sich interessanterweise im siebten Wiener Gemeindebezirk in den letzten Jahren ein eigenes T-Shirt-Grätzl gebildet, und wenn man auf Symmetrie nicht allzu großen Wert legt, lässt sich sogar behaupten, dass es selbst T-Form hat. Der Saum dieses topographischen T-Shirts würde dann bis zur Neustiftgasse reichen. Dort hat sich schon vor zehn Jahren das Gloom ansässig gemacht, dessen farbenfrohe Auslegeware sehr im Gegensatz zum Namen des Geschäfts (Englisch für "Düsternis", "Schwermut") steht. Die Ärmel wären einerseits die Siebensterngasse, in der sich seit sechseinhalb Jahren das Tog Up befindet, andererseits die Westbahnstraße, wo die Moskauer Designerin Lena Kvadrat ihre art-point-Kollektion seit Dezember des Vorjahres in einem eigenen Laden präsentiert.
Der Rumpf des Shirts wird von einer Reihe von Shops gebildet, die Inner Space, Kamikaz, Kingfisher Clothing oder Dancing Shiva heißen und vielfach Ethnokleidung unterschiedlicher Qualität anbieten, wobei ein Duft aus Pachouli, Räucherstäbchen und verboteneren Substanzen die Neubaugasse in diesem Abschnitt zumindest metaphorisch begleitet. Zu den Genannten gehört auch noch die Bootik Sy, die japanische Manga-Motive auf Shirts anbietet, unter anderen das sehr angesagte und sehr coole Restaurantbesitzerstöchterl Pucca - für Mädchen vor ihrer ersten Boygroup-Phase.
Felizitas Auersperg, die das Gloom heute betreibt, erklärt sich die Konzentration von Fashion Stores abseits des Mainstreams in Wien Neubau mit der Zusammensetzung seiner Einwohner: In Neubau, im Übrigen der einzige Bezirk mit einem grünen Bezirksvorsteher, wohnten sehr viele Selbstständige in kreativen Bereichen mit einem gewissen Hang zur Esoterik. Dem entspreche auch die hohe Dichte an vegetarischen Lokalen. Den typischen Kunden des Gloom beschreibt Auersperg als weibliche Selbstständige um die dreißig.

Zwei Drittel bis drei Viertel der Kunden seien Frauen, zeichnet Berthold Hager vom Tog Up (das wäre der linke Ärmel) ein ähnliches Bild der Käuferschaft. Setzt das Gloom auf Kollektionen und Einzelstücke heimischer Designer, die durch Zukäufe aus London ergänzt werden, so liegt der Schwerpunkt im Tog Up eindeutig in England. Marken wie MAP (mit seinem berühmten Grinsefisch "Big Teeth"), das Mods-Label Merc oder das aus Brigthon stammende thisit entlocken Passanten immer wieder die "Wow, das könnt in London sein"-Reaktionen. Die umliegenden Geschäfte sieht Hager weniger als Konkurrenz, denn als Anreiz, der dem Grätzl erst sein spezifisches Profil verleiht: "Es gibt Läden mit ähnlichem Stil, aber niemand bietet etwas an, was der andere eh hat. Dadurch kommen Leute bewusst her und grasen die Gegend systematisch ab." Was das Tog Up anbelangt, werden dort zwar auch - wie in den anderen Boutiquen - Accessoires wie Taschen, Sonnenbrillen, Lampen oder, seit kurzem, auch Männerröcke angeboten, die main attraction ist aber unbestritten: "Die Leute kommen wegen der T-Shirts."
Mit T-Shirts hat auch die Moskauer Designerin Lena Kvadrat begonnen. Nach Ausstellungen im WUK, Präsentationen im MAK und der entsprechenden Mundpropaganda, die die bis dahin im Gloom verkauften Stücke erzeugten, eröffnete Kvadrat im Dezember letzten Jahres den gleichnamigen Shop ihrer in Russland produzierten Kollektion art point in der Westbahnstraße. Insgesamt rund 25 Leute sind mit dem Design, Vertrieb und Verkauf der T-Shirts, Hemden, Hosen, Kleider und Mützen beschäftigt, die auch in Berlin oder einigen sibirischen Städten zu haben sind. Ganz abgesehen einmal davon, dass sie in den meisten Fällen ziemlich bunt und ziemlich auffällig sind, unterscheiden sich die art-point-T-Shirts von vielen Konkurrenzprodukten durch ihre aufwendige Machart. Kvadrat reicht es nämlich keineswegs, einem Basic-T-Shirt ein paar bunte Motive oder Schriftzüge aufzubügeln, sondern die Stücke werden nach eigenen Schnitten zusammengenäht, wobei Ärmel, Krägen, Vorder- und Rückenteile meist aus verschiedenfarbigen Stoffen bestehen.
Für jede Kollektion wird ein Motto gefunden, das von der "Krise des Körpers" über "Albinos", "Internatsschule", "Hafenarbeiter" bis zum jüngsten Motto "Schneiden" reicht. Das mag aufs Erste etwas kryptisch klingen, hat aber immer mit dem zu tun, was Kvadrat "Stadtvolkskultur" nennt - also mit alltäglichen Symbolen, mit sozialer Wahrnehmung, dem Spiel mit Identitätsentwürfen. "Wir müssen diesen Platz auf dem T-Shirt humanistisch benutzen, um etwas Gutes und Notwendiges in die Gesellschaft zu bringen", erklärt Kvadrat, die animiert und lange über das "Konzept" hinter ihren Kreationen reden kann.
Das mag jetzt im etwas spröden Deutsch der 1966 geborenen Elena Zvereva (wie sie mit bürgerlichem Namen heißt) vielleicht ein bisschen betulich klingen, sieht aber überhaupt nicht so aus. Angesichts der Buntheit ihrer Stoffcollagen reagieren die Wiener, insbesondere die Männer, etwas zögerlich und "vorsichtig". Dafür billigt Kvadrat den hiesigen Modeinteressierten eine größere Sensibilität in Hinblick auf die soziale und politische Semantik der Kleidung zu - und in Hinblick auf die ironischen Facetten ihrer Kollektionen: "Hier verstehen die Leute, dass wir spielen und nicht mit jemandem kämpfen. Wir spielen mit verschiedenen Standpunkten in der Gesellschaft und finden dadurch unsere Kunden."

Diese werden allerdings auch sehr gut bedient. Um vergleichsweise schlappe 45 Euro (also die Hälfte bis ein Drittel von manch trendigen Marken-T-Shirts, die weit simpler gearbeitet sind), kann man bei art point ein T-Shirt erstehen, von dem es - aufgrund der Kombinatorik von Motiv, Schnitt und Farben - vielleicht zwei, drei identische Ausgaben gibt. Lena Kvadrat geht auf ihre Kunden zu. "Wenn jemand da steht und herumschaut, wissen wir: Der ist zum ersten Mal da. Dann erklären wir ihm, was das darstellt und was das soll. Dieser Teil meiner Arbeit gefällt mir sehr." Auf diese Weise gelingt es Kvadrat und ihrer Verkäuferin, selbst leicht aus der Form geratenen nerophilen Leptosomen mit Zahnstocherarmen ein ziemlich gewagt gefärbtes ärmelloses T-Shirt schmackhaft zu machen. Weswegen der Verfasser des Artikels jetzt um das Hanteltraining wohl kaum noch herumkommen wird.

Gloom: 7., Neubaugasse 75 (Mo-Fr 10-18.30, Sa 10-17 Uhr; www.gloom.at)
Tog Up: 7., Siebensterngasse 41 (Di-Fr 11-19, Sa 11-17 Uhr; www.togup.at)
art point: 7., Westbahnstraße 3 (Mo-Fr: 12-19, Sa 12-17 Uhr; www.artpoint.ru).

Am 11.6., 20 Uhr wird die art-point-Herrenunterwäschekollektion "Albinos" im Museum für Volkskunde (8., Laudongasse 15-19) präsentiert.

 

DAS ABC DES T-SHIRTS
AC/DC, Baumwolle, Che & Co



AC/DC Der Name der australischen Hardrockband ziert heuer T-Shirts von Dolce & Gabbana: ein gutes Beispiel dafür, wie die Haute Couture Elemente der "Subkultur" aufgreift. Hardrock ist im Übrigen die Musikrichtung mit dem größten T-Shirt-Output. Obligate Farbe: schwarz.

Baumwolle Werkstoff Nummer eins. Zählt zu den Malvengewächsen. Am häufigsten werden die Sorten G. Barbadense und G. Hirtusum angebaut.

Che Guevara Alberto Kordas Foto vom 8. März 1960 machte Che zum Mythos und zu einem absoluten Longseller-Motiv für, vorzugsweise, rote T-Shirts.

Dean, James Der Hollywood-Kurzzeitstar, der am 30. September 1955 im Alter von 24 Jahren in seinem Porsche tödlich verunglückte, machte das Basic-T-Shirt in Weiß populär wie kein anderer.

Engagement Der Siegeszug des T-Shirts ist eng mit seiner Funktionalisierung als Träger von Bekenntnissen, Slogans und politischen Äußerungen verbunden. Die Republikaner warben bereits 1948 auf T-Shirts für ihren Kandidaten Thomas E. Dewey. Clash-Sänger Joe Strummer bekannte sich nach der Ermordung Aldo Moros per T-Shirt als Sympathisant der Roten Brigaden.

Fruit of the Loom 140 Gramm Baumwolle, Rundhalsausschnitt, Ärmel bis zum halben Oberarm: Die 1851 gegründeten "Früchte des Webstuhls" verhalfen einem Alltagskleidungsstück zu mythischer Bedeutung und waren in der Nachkriegszeit neben Hanes die führende Marke. Bis in die Neunzigerjahre Marktführer, entging Fruit of the Loom vor kurzem nur knapp der Pleite.

Gestreift Coco Chanel, Pablo Picasso und Jean-Paul Gaultier halfen, das quer gestreifte (oft auch in der Langarmvariante getragene) Shirt populär zu machen. Gaultier verband es mit der Schwulen-Ikone des Matrosen, die er auch für sein Parfum Le Male einsetzte.

Hello Kitty Mundloses Kätzchen, Figur der 1960 gegründeten japanischen Sanrio-Gruppe. Überaus beliebtes T-Shirt-Motiv bei Kindern.

I N.Y. 1976 von Milton Glaser erfundener, millionenfach auf T-Shirts gedruckter Schriftzug, der in diversen Versionen nach dem 11. September 2001 wieder Hochkonjunktur hatte.

J'adore Dior Dafür, dass man mit diesem T-Shirt-Slogan als Werbeträger für Dior herumlaufen durfte, bezahlte man 2001 125 Euro - relativ preisgünstig für ein Dior-Produkt.

Khaki Abgeleitet vom persischen Wort "Khak" (Staub, Erde, Schlamm). Das klassische T-Shirt begann seine Karriere beim Militär. Weil man in weißen T-Shirts aber leichter erschossen wurde, stiegen die US-amerikanischen Pazifik-Truppen 1944 auf ein khakifarbenes Tarnmuster um.

Lycra In den Achtzigerjahren von Dupont de Nemours entwickelte Chemiefaser, die die Konturen der Muskeln perfekt nachzeichnet - wenn man welche hat.

Metro-Goldwyn-Mayer nutzte das T-Shirt bereits 1939 als Werbeträger für den Film "The Wizard of Oz".

No Logo Naomi Kleins globalisierungskritischer Slogan wurde von den Scherzvögeln Dolce & Gabbana über das durchgestrichene D&G-Logo aufs T-Shirt gedruckt.

Österreich Mit Helmut Lang hat auch Österreich einen wichtigen Beitrag zur T-Shirt-Mode geleistet. Wers selber machen will: einfach einen schwarzen Balken auf ein weißes T-Shirt bügeln (oder umgekehrt).

Punk 1974 eröffnete Malcolm McLaren und Vivienne Westwood die Boutique Sex. Hakenkreuze und Stalin-Bilder wurden T-Shirt-tauglich, vor allem aber das Loch und die Sicherheitsnadel.

Queen Die britische Königin ist angeblich an allem schuld: Um sie bei der Inspektion der Navy, die damals ärmellose Wollunterwäsche unter der Uniform trug, nicht mit allzu animalischer Maskulinität zu konfrontieren, ließ der Wachoffizier kurze Ärmel an die Leiberln nähen und "erfand" so das T-Shirt.

Rykiel, Sonja Die "Königin des Trikots" verfertigt seit den Siebzigerjahren T-Shirts, auf denen Bezeichnungen wie "Champion" oder "Artist" steht. Andere zogen später mit "Schlampe" und "Zicke" nach.

Smiley Zunächst das Maskottchen der Hippies von San Francisco, Jahrzehnte danach das Logo der House-Bewegung. Eine Adaptation von John Galliano für Dior fiel dem Copyright zum Opfer.

Tie & Dye Binden und Färben: Das englische Wort für die Batiktechnik beschreibt, wies gemacht wird.

Unterwäsche Ursprung des T-Shirts. In der US-Marine wurde das T-Shirt kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs zur offiziellen Unterbekleidung. Das Tragen von T-Shirts unter dem Hemd mit sichtbarem Rundhalsausschnitt ist bis heute ein weit verbreiteter grober Unfug.

Verkauf Weltweit werden jährlich über zwei Milliarden T-Shirts verkauft.

Wet T-Shirt Competition Politisch unkorrekter Strand-Spaß für GTI-Fahrer und Anhang. Das nasse Damen-T-Shirt begleitete die Österreicher auf den Plakaten "Der G'spritzte hat wieder Saison" durch die Siebzigerjahre.

XXL Der Schlabber-Look war ein Kind der Achtzigerjahre: Frankie goes to Hollywood befahlen "Relax!", und die britische Designerin Katherine Hamnett protestierte auf oversized T-Shirts gegen die Stationierung von Pershings.

YSL Von Yves Saint-Laurent stammt der Ausspruch: "Eine Zwanzigjährige braucht nur ein T-Shirt und Jeans. Erst ab dreißig wird sie interessant."

Zunge John Paschs Mund mit herausgestreckter Zunge wurde zum Emblem der Rolling Stones, die auf ihrer 1995er-Tour über fünfzig Millionen Dollar durch den Verkauf von T-Shirts einnahmen.


Die Informationen zu diesem ABC wurden dem soeben bei Christian Brandstätter (Wien) erschienenen Buch "T-Shirt" von Charlotte Brunel entnommen (400 S., 300 Fotos, EUR 30,70).

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Juni 2003 © FALTER
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