Schon nach wenigen Takten ist nicht zu überhören, dass das neue Ambros-Album anders ist als seine 21 Vorgänger. Die Stimme des mittlerweile 51-jährigen Altmeisters klingt souverän wie nie zuvor; die Arrangements hören sich deutlich origineller, knackiger und frischer an als man das von Wolfgang Ambros gewohnt war. Die Erklärung für das akustische Phänomen ist ganz einfach: Zum ersten Mal seit Menschengedenken ist auf einer "regulären" Ambros-Platte nicht seine rustikale Begleitband, die No. 1 vom Wienerwald, am Werk, sondern einige der führenden Studiomusiker des Landes. (Live vertraut Ambros weiter auf seine alte Band, das obligate Stadthallenkonzert findet übrigens am 28. Oktober statt.) Produziert wurde "Namenlos" nicht von Ambros selbst oder von seinem alten Spezi Christian Kolonovits, sondern von Martin Gellner und Werner Stranka alias Beat 4 Feet.
Die beiden vergleichsweise jungen Herren verpassten dem Idol ihrer Jugend ("Wir gehören zu der Musikergeneration, die teilweise mit Ambros-Nummern ihre Instrumente erlernt haben") einen zwar durchaus gediegen-kommerziellen, aber doch zeitgemäßen Sound. Die Karriere des Wolfgang Ambros begann 1971 mit der heute legendären Single "Da Hofa"; es folgten grandiose Alben wie "Es lebe der Zentralfriedhof", "Hoffnungslos" oder "Wie im Schlaf". In den Achtzigerjahren erreichte Ambros' Popularität ihren Höhepunkt (1984 war die Wiener Stadthalle drei Mal ausverkauft); zugleich aber trat er künstlerisch auf der Stelle, und es mehrten sich die kritischen Stimmen.
"Namenlos" ist die erste Studio-CD seit dem Tom-Waits-Cover-Album "Nach mir die Sintflut" vor drei Jahren. Es ist nicht durchgehend ein Meisterwerk, aber die beste Ambros-Platte seit 23 Jahren ("Weiß wie Schnee") und vielleicht der erste Schritt in Richtung würdiges Alterswerk. Das Gespräch mit Wolfgang Ambros fand in seinem Stammlokal, dem Nikodemus in Purkersdorf, statt.
Falter: Das neue Album beginnt mit einer bitteren Erkenntnis: "I bin scho oid wurdn." Wann haben Sie das bemerkt?
Wolfgang Ambros: Ich weiß nicht, ob das was mit dem 50. Geburtstag zu tun hatte. Eigentlich bin i super beinander, ich weiß gar nicht, wanns mir jemals so gut gangen ist wie jetzt. Und ich wollte eine Hommage ans Altwerden verfassen. Zum Trost für meine Altersgenossen und zur Bewusstseinsbildung für meine jungen Freunde. "Oid wurdn" war das erste Lied, und mir war klar, dass das der Leitsatz des ganzen Albums sein wird.
Auch die Zeile "Für einen neuen Start ist es nie zu spät" kann man programmatisch verstehen - wie war die Arbeit mit den neuen Produzenten?
Sehr, sehr spannend und nach sehr kurzer Zeit auch sehr befriedigend. Im nachhinein gesehen waren das die einzig wahren Produzenten. Es waren ja viele Leute im Gespräch.
Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, dass Sie einen Produzenten brauchen?
Ich hab das vorletzte Album "Voom Voom Vanilla Camera" selber produziert und mir geschworen: Das mache ich nie wieder. Ich hab die Nerven nimmer dafür. Und nachdem ich zwanzig Alben produziert hab, bin ich natürlich ... na ja, ned grad engstirnig ... aber man kriegt so eine Routine und macht die Dinge so, wie man halt weiß, dass sie funktionieren. Das wollte ich einmal durchbrechen. Ich hab auch gemerkt, wie wohltuend das ist, wenn man sich wirklich aufs Singen konzentrieren kann. Ich glaub, man kann das auf der Platte auch hören, dass ich eigentlich ganz gut singe.
Ja. Es vermittelt einen sehr entspannten Eindruck.
Das ist gut, das wollte ich so.
Wieso heißt die Platte "Namenlos"?
Ich wollte eigentlich, dass sie "Der alte Sünder" heißt. Da hat es aber geheißen: Das ist so negativ besetzt. Hab ich gesagt: Ich bin aber alt, und ein Sünder bin ich auch! Dann hab ich "Namenlos" vorgeschlagen. Und zu meiner großen Überraschung haben das alle super gefunden.
Neben dem Alter ist Liebe das zweite große Thema - einige Songs handeln vom Ende einer Beziehung, einer von einer späten Liebe. Haben sie sich heimlich scheiden lassen?
Nein! Aber das ist komisch. Gestern ruft mich die Edda Graf vom News an und sagt: "Du Wolfgang, jetzt hab ich schon wieder das Lied gehört, dieses ,Wieder verliebt'! Wie kommst du denn zu so was?" - "Das ist eine Geschichte, die ich beobachtet habe." - "Aber das klingt so authentisch!" - "Das ist mein Job. Ich schreib Lieder, und da muss man sich halt in Dinge hinein versetzen können." - "Also, das kannst du aber wirklich gut." Und dann hab ich noch gesagt: "Und den Rainhard (Fendrich, d. Red.) betrifft das auch nicht, weil das Lied war längst fertig, wie das passiert ist!"
Es gibt aber auch andere Nummern, die auf eine Ehekrise schließen lassen, "Wer hat gelogen?" zum Beispiel.
Das hab ich in einer, wie soll ich sagen, zornigen Phase geschrieben. Die Lebensumstände ändern sich wieder - und das Lied bleibt stehen.
Ein Songwriter muss ja nicht alles selbst erlebt haben, wovon er singt.
Naive Gemüter können schon auf die Idee verfallen, dass das alles autobiografisch ist. Aber ich würde nie mein ureigenstes Gefühlsleben ausbreiten.
Um sich zu schützen?
G'schäft is G'schäft und Schnaps ist Schnaps. Wenn ich unmittelbar betroffen wäre und "Wer hat gelogen?" singen müsste, dann hätte ich ein Problem. Dann tät ich wahrscheinlich zum Weinen anfangen.
Trotzdem drängt sich die Formulierung "das persönlichste Album seit langem" auf. In "Der Nebel" heißt es etwa: "Es draht si alles nur um di / du bist ein einziges Genie / und du ertrinkst in Harmonie." War nicht genau das in den letzten zwanzig Jahren Ihr Problem - dass Sie zu harmoniesüchtig waren, immer mit den selben Leuten gearbeitet haben und auf Nummer sicher gegangen sind?
Ich glaube, dass dieser Job das Beste ist, was ich in diesem Leben zu leisten imstande bin; und das Wichtigste für mich war und ist, diesen Job so auszuführen, dass das Ergebnis auch befriedigend ausfällt. Das kannst du aber nicht, indem du ununterbrochen experimentierst. Erschwerend kommt dazu, dass ich tatsächlich sehr gerne in Frieden mit meiner Umwelt und meinen Mitmenschen lebe und es mir gut gefällt, wenn ich gern gehabt werde. Und das muss man schon sagen: Den Hauptteil meiner Arbeit mache ich für die Leute, die mir die Platten abkaufen und in die Konzerte kommen. Von den Kritikern, die immer gscheit reden, krieg ich keinen Schilling! Die Fans sind im weitesten Sinn meine Freunde, und natürlich weiß ich, was die wollen. Aber ich hab immer nur das getan, was mir selber auch gefallen hat. Und vieles von dem, was ich hätte tun können, hat mir einfach nicht gefallen. Dann hab ichs lieber sein lassen. Das kann man als Feigheit auslegen, aber Tatsache ist: I machs immer no, und die Herrschaften mit ihren Experimenten, die sind nimmer da.
Wie geht es Ihnen, wenn Sie den jungen Ambros hören? Ist das ein Fremder für Sie?
Ein Fremder nicht, ich kann mich an alles erinnern. Ich hab ja gar keine Chance, irgendwas zu vergessen, weil der Herr Dolezal war eigentlich immer dabei. Ich kann auch ganz leicht Lebensgefühle aus jeder Epoche abrufen, kein Problem. Wenn ich heute "Zentralfriedhof" höre, habe ich sicher andere Empfindungen als jeder andere Mensch.
Apropos Zentralfriedhof: Auf der neuen Platte gibt es die Zeile "Manchmal bin i wirklich froh, dass ich ka Wiener bin". Sie sind in Pressbaum geboren und leben auch da, trotzdem gelten Sie als Ur-Wiener. Fühlen Sie sich auch als einer?
Ich fühle mich nicht als Wiener, nein.
Sondern?
Als Waldbewohner. Ich komm vom Wald. Im Wald bin ich zu Hause, und wenn man aus Wien ist, kennt man sich im Wald nicht aus.
Gehen Sie oft in den Wald?
Ich wohne im Wald, der Wald kommt zu mir.
Und was machen Sie dort?
Schwammerl suchen und nachdenken.
Wie oft sind Sie in Wien?
Manchmal jeden Tag, manchmal monatelang nicht. Wenn ich nix zu tun hab, fahre ich nicht rein. Was soll ich denn in Wien? Keinen Parkplatz kriegt man, ersticken tut man, und jeder Zweite redet dich deppert an.
Hat sich Ihr Musikgeschmack mit der Zeit verändert?
Ned wirklich. Mir gefallen gut produzierte, melodiöse Sachen. Eigentlich Ö3-Musik.
Im Alter beginnen viele Menschen, auch klassische Musik zu hören.
Ich hab das immer schon getan. Meine Karriere hat damit begonnen, dass ich ein Jahr lang bei der Gramola am Graben nur klassische Musik verkauft hab. Da war ich 16 Jahre.
Und Sie haben nicht gelitten?
Nein, das hat mich damals schon interessiert. Ich war so eine Krätzn damals, dass ich während des Schuljahrs aus disziplinären Gründen von der Schule geflogen bin. Der alte Herr Winter von der Gramola hat mich aufgenommen und irgendwie ins Herz geschlossen. Er hat gesagt: Kommst eine Stunde früher ins Geschäft. Also bin ich um sieben in der Früh gekommen, er war schon da, und dann hieß es: "Heute hören wir Sibelius." So hat er mir sukzessive alles erklärt. Ich bin nicht wahnsinnig gebildet, aber seitdem kenne ich mich ganz gut aus in der klassischen Musik.
Wie schauts mit Schifahren aus?
Es geht. Ich bin jetzt im März viel Schifahren gegangen. Und ich bin gefahren wie ein Berserker. Aber am dritten Tag muss ich eine Pause machen.
Wie lang sind die Ski?
Ich hab zwei verschiedene. Die einen sind 1,85, und dann hab ich Fun-Carver, die sind 1,64. Das Carven hat mir die Freude zurückgegeben. Ich hab mir sämtliche Gelenke zerbröselt, das spüre ich schon. Und mit den Carvern musst du ja nicht mehr so andrucken.
Maier oder Eberharter?
Ich hab einen Höllenrespekt vor beiden, aber ein Fan bin ich von keinem. Das sind beide keine Sympathieträger.
Gibts einen Schifahrer, mit dem Sie befreundet sind?
Den Hansi Knauß, den kenn ich ein bissl besser. Kennen tu ich sie alle, wir spielen ja oft bei den Schirennen. Am Semmering haben wir bei den Madln gespielt - da ist was los! Da machen sie ihren Slalom, und dann gibts Halli-Galli bis um drei in der Früh.
Mit den Schifahrerinnen?
Na, klar! Mit denen verstehe ich mich sowieso besser.
Haben Sie überhaupt mehr Freundinnen als Freunde?
Das hält sich die Waage. I steh sehr auf Frauen und bin der Meinung, dass sie viel mehr zu sagen haben sollten, auch politisch. Dann ging's uns allen besser.
Susanne Riess-Passer war vielleicht nicht das beste Beispiel ...
Oja, auch die hab ich fantastisch gefunden! Dafür, was die für ein schweres Los gehabt hat, hat sie das eigentlich brillant gemacht. Aber es müsste ein generelles Umdenken einsetzen. Es gibt ja Länder, wo das funktioniert, in Island beispielsweise. Da regieren die Frauen, und alle sind glücklich.
Warum glauben Sie, dass Frauen das besser können?
Es gäbe auf jeden Fall weniger Gewalt und Schweinereien. Das wäre schon einmal der erste große Schritt. Aber das werden wir nicht mehr erleben.
Ich hab aus dem Archiv das legendäre "Falter"-Interview mitgebracht, dass Fritz Ostermayer 1992 mit Ihnen und dem Georg Danzer geführt hat.
Ja, das war lustig.
Sie haben das Interview wütend abgebrochen.
Das hat er gnadenlos übertrieben. Zeigen Sie einmal her. (Liest, kichert.) Na gut, aber er wollte genau dort hin. Und diesen Wunsch hab ich ihm dann auch erfüllt.
Wolfgang Ambros: Namenlos
(BMG Ariola).
EIN KRITIKER ALS SONGWRITER
"Weit hammas bracht"
Unter den Fremdautoren, die für das neue Ambros-Album Texte geschrieben haben, befindet sich neben alten Bekannten wie Joesi Prokopetz auch einer, der hier eigentlich nichts verloren hat: Guido Tartarotti, Kulturressortleiter und Popkritiker beim Kurier, hat die Lyrics für "Du lebst" - übrigens eine der schönsten Nummern auf der Platte - geliefert. Ausgerechnet der notorisch journalistenscheue Ambros lässt sich von einem Kritiker einen Song in den Mund legen - wie konnte das passieren?
"Wie viele Musikkritiker schreibe ich seit vielen Jahren auch selbst
Songs", erklärt Tartarotti. "Und Anfang des Jahres habe ich in einem Telefonat mit Markus Spiegel (Manager von der Plattenfirma BMG) erfahren, dass sie für das neue Ambros-Album noch Texte suchen. Ich hab dann drei Texte hingeschickt, die ich bei mir herumliegen hatte - und dachte eigentlich, das werden die nie nehmen." Ambros schaute sich die Songs (auch die Liedermacher-Legende Sigi Maron und der Kabarettist Florian Scheuba hatten eingeschickt) durch und war von "Du lebst" spontan begeistert - ohne zu wissen, von wem der Text ist. "Wie sies mir dann gesagt haben, hab ich mir gedacht: Das ist originell, weit hammas bracht", erinnert sich Ambros. "Aber hätte ich die Nummer nicht nehmen sollen, weil sie von einem Kritiker ist?"
Der 35-jährige Tartarotti ist mit Ambros aufgewachsen ("Meine Pubertät wurde von Ambros-Songs beschallt") und war entsprechend stolz, dass es sein Lied auf die Platte geschafft hat. "Zugleich hab ich mir gedacht: Na seavas, was werden die Kollegen sagen?" Um Interessenkonflikte zu vermeiden, hat er sich ein strenges "Keuschheitsgelübde" auferlegt: "Es wird im Kulturressort des Kurier kein Text über das Album erscheinen." Er sei mit Ambros auch nicht befreundet, betont Tartarotti. "Ich habe ihn in meinem Leben vier Mal getroffen, und das waren immer Interviews. Dabei haben wir uns immer sehr gut vertragen, aber es gibt keinerlei privaten Kontakt."
Mit der musikalischen Aufbereitung seines Liedes ist der Kritiker Guido Tartarotti übrigens sehr zufrieden: "Es ist die modernste Nummer auf dem Album, finde ich. Ja, mir gefällt sie ausnehmend gut. Aber ich glaube, so zynisch kannst du gar nicht sein, dass dir das nicht gefällt."
WOLFGANG KRALICEK
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