|
Zum Archiv |
| Brot, Bier und Spiele |
|
DONAUINSELFEST Alte Rocker, Austropopper, Teeniebands, Witzereißer und das alles gratis. Seit zwanzig Jahren veranstaltet die Wiener SPÖ mit dem Donauinselfest das größte Open-Air-Festival Europas - ein straff organisiertes und populistisch programmiertes Fest. Brot und Spiele für die Wiener. JULIA ORTNER |
|
|
Mit zwei Handys abwechselnd am Ohr kurvt Harry Kopietz über die in der Sommerhitze flirrende Donauinsel. Aber Gott sei Dank im klimatisierten Auto, Kennzeichen W-HAKO-1, aus der sicheren Kühle heraus gibt er letzte telefonische Kommandos an die fleißigen Mitarbeiter, begutachtet die Aufbauten fürs große Fest. Die braun gebrannten Bühnenarbeiter kraxeln mit nacktem Oberkörper auf den Gerüsten der Bühne herum. Kopietz, karenzierter Oberbrandmeister der Feuerwehr und Vater des Wiener Donauinselfests, steht stolz im roten Poloshirt vor der Hauptbühne: "Feste veranstalten war immer mein Hobby." Diese Leidenschaft hat er zum Beruf gemacht, kein ordentlicher Event der Stadt geht ohne Manager Kopietz über die Bühne. Das Donauinselfest hat sich gemacht und mit ihm auch sein Erfinder. Ab Donnerstag feiert der Vier-Tage-gratis-Unterhaltungsmarathon mit durchschnittlich 2,5 Millionen Besuchern sein zwanzigjähriges Jubiläum. Mit Brot, Bier und Spielen hält die Wiener SPÖ dann wieder die Massen bei Laune. Harry Kopietz ist mittlerweile Landesparteisekretär, Gemeinderatsabgeordneter und zählt mit Vizebürgermeisterin Grete Laska und Stadträtin Renate Brauner zum innersten Kreis um Bürgermeister Michael Häupl. Immerhin vier Bypässe hat den korpulenten 53-Jährigen sein stressiges Hobby samt Donauinselfest schon gekostet. Lange vor den Autos mit Klimaanlage und den Mobiltelefonen hatte Kopietz, damals noch Floridsdorfer Bezirksrat mit einem Hang zur Kultur, die Idee, aus der die größte Veranstaltung der Stadt wurde. Oder auch das größte Open-Air-Festival Europas, wie die Roten gerne betonen. 1983 organisierte Kopietz eine Feier zur Eröffnung des neuen Teilstücks der Donauinsel zwischen Nordbahn- und Brigittenauer Brücke. 84 Bands und Unterhalter traten auf, ein paar tausend Besucher wurden erwartet. Gekommen sind aber 160.000 Menschen. Kopietz und hundert andere Freiwillige waren auf der Insel ohne Strom, Infrastruktur und Toiletten verzweifelt damit beschäftigt, hungrige und durstige Festbesucher bei Laune zu halten. "Wir sind in der ganzen Stadt herumgefahren, haben überall Würstel, Bier und Wasser zusammengekauft", erzählt der Festerfinder. Ganz zu schweigen von der legendären Schlacht gegen den Pappbecher. "Wir hatten beim ersten Mal ganz auf die Reinigung danach vergessen. Ich habe dann in der Nacht 250 Leute aus den Sektionen geholt und wir haben von vier Uhr in der Früh bis zehn Uhr vormittags alles sauber gemacht - händisch", sagt Kopietz und schaut ganz sentimental wegen so viel gelebter Solidarität. Sogar an das Zwölf-Kilo-Trumm von einem tragbaren Telefon, das der Organisator in den frühen Jahren quer über die Insel geschleppt hat, erinnert er sich im Nachhinein gerne. Oder an die alte Schreibmaschine, auf der er die Donauinselzeitung noch selbst heruntergeklopft hat, seine Ehefrau hat Korrektur gelesen. Seit ein paar Jahren überwacht Kopietz die Vorbereitungen zum Fest von seinem Schreibtisch in der Löwelstraße aus, quasi als Oberkommando. Seine langjährige Mitarbeiterin Anita Hager ist die neue Cheforganisatorin, sie führt die Tradition fort. "Wir haben uns damals gedacht, die Insel ist ein geeigneter Ort für ein Fest, hier muss man was machen", sagt Kopietz. Die Donauinsel zu beleben war die eine Sache - die Ehre der Sozis die andere. Dass die ÖVP ihr Stadtfest in der City und die Kommunisten ihr Volkstimme-Fest auf der Jesuitenwiese feierten, sie aber kein eigenes Spektakel hatten, fuchste die Genossen. "Wir werden beweisen, dass die Donauinsel eine sozialistische Insel ist", donnerte damals SPÖ-Parteisekretär Günther Sallaberger. Kopietz' Vision vom Fest an der Donau war trotzdem mutig - denn die Insel war damals ein umstrittenes Projekt. Ursprünglich sollte die Donauinsel vor allem einen Schutzwall gegen drohendes Hochwasser bilden: Seit der Überschwemmung von 1954, die den Hubertusdamm fast zum Bersten gebracht hatte, wurde in Wien über Hochwasserschutzstrategien diskutiert. So lange, bis die Rathaus-Roten ihren schwarzen Koalitionspartner 1969 vor vollendete Tatsachen stellten und den Bau der Donauinsel beschlossen - gegen den Willen der ÖVP. Wegen der Donauinsel platzte sogar die Koalition. Die Schwarzen stemmten sich gegen die Milliardeninvestitionen für das geplante Entlastungsgerinne und die Insel, sie wollten das Überschwemmungsgebiet erhalten und die Dämme erhöhen. Und die Insel wurde zur Ideologiefrage. "Spaghetti-Insel" nannte die ÖVP das stadtplanerische Jahrhundertprojekt abfällig, 1974 plakatierte sie zum Thema Insel noch kühn "Die Stadt ist krank" - ein Akt der politischen Selbstbeschädigung, der den Schwarzen bis heute nachhängt. Aber auch unter den Sozialdemokraten gab es Inselskeptiker. Jahrelang war schließlich nicht klar, wie das neue Erholungsgebiet genau ausschauen sollte. Mächtige SPÖler wie Finanzstadtrat Hans Mayr waren sich nicht sicher, ob die Insel tatsächlich 100.000 Wiener täglich anziehen könnte - heute kommen an schönen Tagen bis zu 200.000. Beim alljährlichen Saisonhöhepunkt Donauinselfest sind es täglich sogar noch mehr, die sich über die Insel drängeln, schauen, trinken, zuhören. 16 Bühnen, 2000 Künstler, 600 Stunden Programm, 250 Fressbuden und Stände, 235 mobile Häuseln und zehn WC-Wagen zusätzlich, zwei Feuerwerke samt Klangwolke: Die Wiener SPÖ setzt ihre Brot-und-Spiele-Strategie schlau ein. Statt blutiger Unterhaltung wie im alten Rom gibt's Shakin' Stevens und Sangria. Ob Picknicks im Stadtpark am Sonntagnachmittag oder die Events, die ständig vor dem Rathaus stattfinden - die Stadt unterhält ihre Einwohner quasi andauernd so gut, dass kaum Platz für Missmut bleibt. Beim Inselfest sorgen eine wilde Mischung aus alten Rockern, Austropoppern, stadtbekannten Witzereißern und aktuellen Teenieidolen für Massenunterhaltung, dazwischen gibt's aber auch Künstler abseits des Mainstream (siehe Kasten). "Für die Wiener SPÖ ist das Donauinselfest der Gipfel einer Kulturveranstaltung", spöttelte Walter Famler, Herausgeber der Zeitschrift Wespennest, einmal im profil über das eher bodenständige Kulturverständnis auf der Insel. "Das Fest soll für jeden Geschmack und jede Altersgruppe etwas bieten", erklärt Harry Kopietz die Philosophie des Festivals. "Die Menschen sollen sich hier auch völlig gratis amüsieren können, wenn sie eine Jause von zu Hause mitnehmen." Sozialismus pur am populistisch programmierten Fest, allerdings schön dezent. Aufdringliche Parteipolitik und große Propagandareden sind hier verpönt - es reicht schließlich auch, wenn sich der Bürgermeister samt diversen roten Würdenträgern unters Festvolk mischt und ungezwungen im Leiberl mit den Bürgern plaudert. Vier volle Tage auf der Insel, immer auf Abruf, sind auch für Kopietz ein Pflichttermin. "Wenn die Leute sich gut amüsieren und in ihrer Stadt wohl fühlen, ist das natürlich im Endeffekt auch positiv für die SPÖ", sagt er, ganz Parteistratege. 3,8 Millionen Euro kostet das Spektakel dieses Jahr, 1,16 Millionen davon kommen aus dem Subventionstopf der Stadt. Das regt die ÖVP nicht mehr auf, seitdem sie für ihr Stadtfest ebenfalls eine Subvention (heuer: 545.000 Euro) bekommt. Gelebter Sozialismus knallt dem Inselfestbesucher nur selten entgegen, höchstens bei den Standeln der kubanischen Gesellschaft oder der Sozialistischen Jugend, die ihre Schnäpse schon mal mit sozial gestaffelten Preisen verkaufen: Da zahlt dann zum Beispiel der Hackler weniger für den Rum "Lenin" als der Jaguarfahrer - alles natürlich freiwillig. Entgegen einem gängigen Klischeebild ist das Fest auf der Insel nämlich kein Prolotreffpunkt - laut einer aktuellen Besucherstudie der Stadt zieht der Event Menschen quer durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten an. Dann hockt der Bauarbeiter neben dem Manager auf der Insel: ein Bild wie von den Veranstaltern erdacht. Damit das Riesen-Open-Air immer wieder relativ reibungslos über die 16 Bühnen geht, arbeiten 150 Mitarbeiter schon Monate zuvor in den Organisationszentralen, 1000 Ehrenamtliche sind an den vier Festtagen im Einsatz. Zum Donauinselfest kommen mittlerweile auch diverse internationale Delegationen, die von den Wienern lernen wollen, wie man so eine Millionen-Party macht. Harry Kopietz gibt allerdings zu, dass er sich über die Jahre einige Ideen auf Entdeckungsreisen anderswo abgeschaut hat: "Das Feuerwerk aus Zürich oder die Gastronomie-Organisation teilweise aus Frankfurt." Aber auch auf der Insel selbst wurden neue segensreiche Ideen für die Stadt geboren und erstmals ausprobiert: etwa der Inselsauger, der Pfandbecher oder die so genannten Helfer Wiens - der Zusammenschluss diverser Einsatzkräfte von der Feuerwehr bis zur Rettung. Auf der Donauinsel geht seit zwanzig Jahren ohne eine gewisse Strenge und straffe Organisation gar nichts. So kennen die Organisatoren auch beim Thema Pünktlichkeit keine Gnade. Künstler werden vertraglich dazu verpflichtet, ihren Gig pünktlich zu beginnen und zu beenden. Selbst für Publikumslieblinge gilt: keine Zugaben. Wer die Kopietz'sche 5-Minuten-Toleranz-Grenze überschreitet, muss Strafe zahlen. Die Mitarbeiter in der Organisationszentrale, viele von ihnen seit den Achtzigern dabei, sind schon so was wie eine Familie. Nur ab und zu lösen sich vor lauter Vertrautheit die Hierarchien etwas auf. "Manchmal sind wir alle Häuptlinge und es gibt hier kaum mehr Indianer", meint Organisatorin Anita Hager. In diesem Fall kommt Harry Kopietz, grinst und sagt: "Okay, dann bin ich Manitu." Mitarbeit: Christopher Wurmdobler DONAUINSELFEST 2003 Woodstock vergessen? "Vergiss Woodstock" lautet der sehr forcierte Titel des Jubelbuches zum 20. Geburtstag des Donauinselfestes, das soeben erschienen ist. Das 20. Gratisfest der Wiener SPÖ findet heuer gleich an vier Tagen statt, zwischen 19. und 22. Juli gibt es auf 16 Bühnen insgesamt 600 Stunden Programm und neben Massenkompatiblem ist darunter schon das ein oder andere Live-Schnäppchen. Man muss halt nur wissen, wo. Hier ein paar Empfehlungen: Musikalisch sehr sophisticated geht es zu auf der Bühne, die vom Radiosender FM4 gehostet wird (1). Die liegt etwas abseits vom Trubel und präsentiert an vier Tagen Themenprogramm (Dancehall, HipHop, Pop und Core & More). Highlights sind Deichkind am Freitag (21.30 Uhr), sowie Fehlfarben (20 Uhr) und Attwenger am Samstag (21.15 Uhr). Am Sonntag gibts noch Mia (21 Uhr) und Ministry (22 Uhr). Auf der Ö3-Bühne (5) spielen Formatradio-Stars wie Melanie C, Shaggy (Do), Starmaniacs, No Angels (Sa) oder Reamon (So). Der Kultursender Ö1 sorgt im Kulturzelt (6) für entsprechend Anspruchsvolles (Do 19.30 Uhr: Franzobel/Bertl Mütter, Fr 20.30 Andreas Vitāsek, So 19.30 Herbert Hufnagl). Zu empfehlen ist auch der Auftritt von Falter-London-Korrespondent Robert Rotifer am Sonntag um 23 Uhr auf der Insel der Menschenrechte (8). Wer sich das Donauinselfest gibt, muss also nicht unbedingt mit Bonnie Tyler Sangria vor der großen Hauptbühne (4) aus dem Kübel schlürfen. C. W. Infos und Programm: www.donauinselfest.at, Anreise: U1, U6 (verkehren bei Bedarf länger), Tram 33 (Haltestelle Floridsdorfer Brücke, beste Möglichkeit, zur FM4-Bühne zu gelangen). |
|
Zum Archiv |
|
nach oben Juni 2003 © FALTER E-Mail: wienzeit@falter.at |