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| Der gute Mensch von Wien |
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ENGAGEMENT Seit Jahren kümmert sich die frühere Erzieherin Ute Bock um obdachlose Asylwerber. Wer ist die engagierte Pensionistin, für die Wien diesen Sommer Bier trinkt? NINA HORACZEK BOCK AUF BIER: Trinken mit Sinn |
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Ute Bock packts nicht: "Der will sich mit einer Esskarte ausweisen." Und drückt dem jungen Afrikaner stattdessen einen Zettel in die Hand, der auch nicht überzeugt: "Herr P., geboren im Kongo, ist derzeit ohne Unterkunft. Er wird, sobald wir einen Schlafplatz für ihn gefunden haben, einen Meldezettel erhalten", steht in Blockbuchstaben auf dem A5-Zettel. Handgeschrieben. Unterschrift Bock. Ob dieser Wisch hilfreicher ist als eine Essenskarte? "Manchmal ruft schon ein Polizist an und fragt: ,Was ist denn des für a Schas?'", sagt sie. Aber meist gäbe es keine Probleme mit der Polizei. Auch nicht am Meldeamt, das die 62-Jährige zumindest wöchentlich besucht. "Dort hams eine eigene Beamtin für mich abgstellt". Kein Wunder. Woche für Woche liefert die Flüchtlingshelferin zahllose Namen beim Meldeamt ab. An die hundert obdachlose Asylwerber - der überwiegende Teil stammt aus Afrika - hat Ute Bock auf eigene Kosten in von ihr angemieteten Wohnungen untergebracht. Der Großteil der Asylwerber, die nach Österreich kommen, erhält nämlich vom Staat weder Unterkunft noch Verpflegung und auch keine medizinische Betreuung. Arbeiten dürfen Asylwerber auch nicht. Erst ab 1. Jänner 2004 - so lautet zumindest der Plan von Innenminister Ernst Strasser - soll jeder Asylwerber, der sich in Österreich aufhält, untergebracht und versorgt werden (siehe Artikel Seite 17). Bis dahin müssen Menschen wie Ute Bock für den Staat einspringen. 28 Wohnungen hat die rüstige Pensionistin bereits angemeldet. An die 10.000 Euro zahlt sie monatlich für Miete, Gas und Strom. Für jene, denen sie keinen Platz zum Wohnen bieten kann, organisiert sie zumindest einen "Nichtmeldeschein" - also eine Postadresse, damit sie ihr Asylverfahren weiter führen können. "Meldestatus: obdachlos" steht auf den Behördezetteln. Fast 800 Nichtmeldescheine hat die Flüchtlingshelferin bereits in dicken Bene-Ordnern gesammelt. Jeden Tag kommen neue dazu. Dabei wollte Ute Bock nie werden, was sie heute ist. "Mama Afrika" nennt sie der ORF, "Grande Dame der Ausgestoßenen" heißt sie im profil. "Negermama" schimpfen sie manche Wiener in der Straßenbahn. Dabei kann Ute Bock nicht einmal Reggae leiden. Jetzt hört sie in dem kleinen Gassenlokal im siebenten Bezirk, das ihr SOS Mitmensch zur Verfügung stellt, "african vibrations" in der Endlosschleife. "Strafverschärfung", schimpft Frau Bock, wenn einige junge Afrikaner dann auch noch in Bob Marleys "Get Up! Stand Up!" einstimmen. Afrikanische Küche? "Nie probiert." Etwas anderes auch nicht: "Zum Gründen einer Familie bin ich nie gekommen." Dafür hat sie jetzt an die tausend Männer, die sie "Mama" nennen. Früher hat sie die Taschen der Jugendlichen, die sie betreute, kontrolliert und dopplerweise den beschlagnahmten Alkohol ins Waschbecken geleert. Weil sie aufgrund ihrer privaten Flüchtlingsbetreuung "Schulden wie ein Stabsoffizier" hat, soll ihr nun durch die "Bock auf Bier"-Aktion geholfen werden (siehe Kasten). Die Ottakringer Brauerei hat für sie sogar das "Ute Bock Bier" designed, das es in Kürze zu kaufen geben wird. Sozialarbeiterin war Bock, noch bevor dieses Wort existierte. "Erzieherin" nannte man das früher. Nach der Matura wäre sie beinahe in einer Bank gelandet. Eine Anstellung bei der Gemeinde galt aber schon in den Sechzigerjahren als noch sicherer. Also hat sie über vierzig Jahre bei der Stadt Wien gearbeitet, 33 Jahre davon als Leiterin des Gesellenheims Zohmanngasse in Favoriten. An die achtzig halbwüchsige Burschen wurden vom Jugendamt dort untergebracht. Geschupft hat Bock das Haus so gut wie alleine. Später, als der Beruf "Sozialarbeiter" erfunden war, schickten diese ihre jugendlichen Klienten "zur Bock", wenn sie nicht mehr weiterwussten. Anfang der Neunzigerjahre kamen die ersten Ausländerkinder in die Zohmanngasse. Zuerst die zweite Generation der Gastarbeiter, später Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien und anderen Kriegsgebieten. "Eine schöne Arbeit" sei das gewesen, erinnert sich die ehemalige Heimleiterin. Im Gegensatz zu den österreichischen Jugendlichen, die meist aus desaströsen Familienverhältnissen stammten und schwere psychische Probleme hatten, wären die Flüchtlingskinder froh gewesen, eine Ausbildung zu machen, eine eigene Wohnung zu finden und ihr Leben selbst in die Hand nehmen zu können. "Bei denen ist was weitergegangen, da hat man wirklich helfen können", sagt Bock. 1995 wurde der erste jugendliche Asylwerber aus Afrika, der aus der Bundesbetreuung flog, vom Jugendamt zu Bock geschickt. Dann wurden es immer mehr Schwarze, die bei ihr wohnten. "Schrecklich" sei es dann geworden, erinnert sich Bock. Für die Schwarzen habe es keine Jobs, keine Ausbildung und später nicht einmal mehr Deutschkurse gegeben. Auch mancher Nachbar fand es schrecklich: "In unserem Bezirk hat man nur mehr schwarz gesehen", schimpfte damals die Hausmeisterin vom Gemeindebau gegenüber im Radio. Das war im September 1999. Kurz nach der Razzia im Gesellenheim. "Die fürchterliche", wie Ute Bock sie nennt. "Das war kein Hausbesuch einer Sozialhilfe", sagt auch der damalige Einsatzleiter Werner Brinek von der WEGA. 500 Gramm Heroin wurden in der Zohmanngasse gefunden, dreißig junge Afrikaner verhaftet. Und die Stadt Wien entdeckte, dass Bock afrikanische Asylwerber nicht mit Erreichen der Volljährigkeit auf die Straße stellte, sondern heimlich in ihrem Heim bleiben ließ. "Bevor wer in den Staudn schlaft, kriegt er bei mir im Saal eine Matratze", rechtfertigte sich Bock. Sonst müsse sie sich genieren. "Wenn das wem net passt, müssen S' mi außehaun - was soll ich tun?" Das wäre auch beinahe passiert. Bei der Gratwanderung zwischen Verständnis für die Situation der obdachlosen jungen Männer und den Gesetzen und Verordnungen, die eingehalten werden müssen, sei Ute Bock "einen Schritt zu weit auf die negative Seite" gegangen, fand ihre damalige Chefin, die Vizebürgermeisterin und Sozialstadträtin Grete Laska und leitete ein Disziplinarverfahren gegen ihre Magistratsbeamte ein. Parallel dazu klagte die Polizei sie wegen Drogenhandels und Bandenbildung an. Die Anzeigen wurden zwei Wochen später zurückgenommen, auch das Disziplinarverfahren musste - da selbst die Sozialarbeiter der Stadt Wien heftig protestierten - eingestellt werden. Nur ihre afrikanischen Schützlinge blieben in Haft. Da hatte die Frau mit dem Helfersyndrom aber schon eine Wohnung angemietet. "Damals hab ich mir dacht, zehn wird die Polizei behalten, der Rest kommt in zwei Wochen raus, und ich werd nicht wissen, was ich mit denen tun soll", erzählt die Pensionistin. In der Zohmanngasse war es ihr nämlich verboten worden, die Jungs wieder aufzunehmen. Aber weil die Afrikaner doch nicht so schnell freikamen und Bock ohnehin schon eine Wohnung organisiert hatte, quartierte sie obdachlose Asylwerber ein. "Ich hab mir nicht gedacht, dass das so ein Problem wird", sagt Bock. Seitdem scheints, als fände jeder Schwarze, der in Wien strandet, früher oder später den Weg zu ihr. Und aus einem Quartier für Asylwerber sind mittlerweile 28 geworden. "A black man told me", antwortet einer auf die Frage, wie er in das kleine Gassenlokal im siebenten Bezirk gefunden hat. Englisch redet Ute Bock auch nach jahrelanger Betreuung der Afrikaner nicht. "Das hab ich zwar vor über vierzig Jahren gelernt, aber alles vergessen", meint sie. Deshalb erklärt sie einem jungen Somali, der sich nicht traut, "Moslem" auf seinem "Nichtmeldezettel" anzugeben, in schönstem Wienerisch "es gibt nur einen lieben Gott da oben - ob der Allah oder Jesus heißt, ist doch Blunzen." Der Somali ist zwar erst zwei Wochen in Österreich, spricht kein Wort Deutsch und isst als Moslem garantiert keine Blutwurst, Bock versteht er trotzdem. Irgendwie. Nachts, wenn sie nicht schlafen kann, setzt sich Ute Bock an die Schreibmaschine und tippt Briefe. An die Verkehrsbetriebe, an die Stadt Wien, an rote Granden wie die frühere Frauenministerin Johanna Dohnal oder an den Bundespräsidenten. Obwohl sie mehrmals am Tag Grund hätte, sich aufzuregen - über Politiker hört man Ute Bock nie schimpfen. Die Nichte des früheren Handelsministers und ÖVP-Begründers Fritz Bock, deren Vater mit Adolf Hitler in Linz die Schule besuchte und ihm auch nach dem Krieg im Verband der Unabhängigen, der späteren FPÖ, die Treue hielt, hatte auch selbst nie ein Parteibuch. "Des kann do net sein", sagt sie dafür zumindest stündlich. Vieles kann nicht sein: dass einer ihrer Jungs bei den Verkehrsbetrieben mit fast 10.000 Euro in der Kreide steht, weil er zweimal beim Schwarzfahren erwischt wurde und die Strafe nicht zahlen kann, zum Beispiel. Oder dass ein anderer bald erblinden wird, weil er nicht krankenversichert ist und bislang kein Wiener Spital gefunden wurde, das ihn gratis operiert. Aber vor allem: "Von jungen Menschen im Alter von zwanzig bis dreißig zu verlangen, dass sie sagen: ,Ich brauch nichts zum Essen, nichts zum Wohnen und kein Gewand' - des kann doch wirklich nicht sein", sagt Ute Bock. Da dürfe man sich nicht wundern, dass es auch welche gibt, die "Kugerln verkaufen", wie es in der Dealersprache heißt. Dass es in Wien auch Afrikaner gibt, die dealen, wisse sie selber. "Ich bin nicht blind und fahr auch mit der Straßenbahn." Was sie dagegen machen würde - wäre sie Politikerin? "Wer als Asylwerber hierherkommt, muss eine Unterkunft haben, Versorgung und möglichst schnell arbeiten können", lautet ihr Rezept. Nur so könne man die Spreu vom Weizen trennen. Politiker, die Asylwerber zum jahrelangen Nichtstun verdammen, dürfen sich nicht wundern, wenn junge Menschen, die nur auf der Matratze herumkugeln oder nicht einmal eine solche haben, auf blöde Ideen kommen. Und was sagt sie als "Mama" Bock dazu? "Haben Drogendealer keinen Hunger?", fragt Bock und lacht wieder. Im Ernst: "Wenn ich wen beim Dealen erwisch, fliegt er raus. Weil wenn jemand dealt, hat er Geld und braucht meine Unterstützung nicht." Nur: Ein guter Dealer werde wohl nicht so blöd sein und sich in ein Massenquartier legen, das die Polizei permanent kontrolliert. Es gibt weniger clevere. Einen habe sie vor kurzem "rausghaut". Der habe zu einem anderen gesagt, er möchte in Österreich Geld waschen. "Dabei war des so ein Depp - der schaffts nicht einmal, zehn Groschen zu waschen." Seit sie in Pension ist, kriegt Ute Bock einen Preis nach dem anderen. Das UN-Flüchtlingshochkommissariat hat sie ausgezeichnet, den Bruno-Kreisky-Preis für Menschenrechte und die Torberg-Medaille der Kultusgemeinde für "streitbare Geister" hat sie ebenfalls bekommen. Sogar die Stadt Wien, die die aufmüpfige Erzieherin vor Jahren am liebsten in die Frühpension verbannt hätte, hat ihr vergangenen April den Dr.-Karl-Renner-Preis verliehen. Auch der ehemalige Wiener Polizeichef Franz Schnabl, oberster Polizist der Stadt, als Bock der Bandenbildung verdächtigt wurde, zählt nun zu den Unterstützern der "Bock auf Bier"-Aktion. "Es ist bewundernswert, wie sehr sie sich für Jugendliche, die brot- und unterkunftslos sind, engagiert", sagt Schnabl. Amnesty-Chef Heinz Patzelt nannte Bock sogar eine Frau, "die begriffen hat, dass Regeln manchmal dazu da sind, übertreten zu werden". Nur eine ist sich treu geblieben: "Negermami!", schreit Bocks ehemalige Nachbarin noch heute vom Balkon, wenn sie die pensionierte Heimleiterin die Zohmanngasse entlanggehen sieht. "Was stehn S' den ganzen Tag da herum? Ham S' nix zum Arbeiten?", keift Ute Bock in solchen Momenten zurück. BOCK AUF BIER Trinken mit Sinn Weil die Behörden nichts tun, müssen wir trinken": ein guter Slogan, an den sich seit Mitte Juni die Gäste in mehr als sechzig Wiener Lokalen gerne halten. Sie trinken Bier für den guten Zweck, denn bei der Aktion "Bock auf Bier" unterstützt man mit jedem Seidl oder Krügerl mit zehn Cent die Arbeit von Ute Bock, die in Wohngemeinschaften obdachlose Asylbewerber versorgt. Die Aktion entwickelte sich fast zum Selbstläufer. "Wir haben erwartet, dass sich da maximal fünf bis 15 Lokale beteiligen", sagt Philipp Sonderegger von SOS Mitmensch. Die Organisation achtet auf die finanzielle Abwicklung der Bock-Bier-Spenden. "Wir dachten, dass das ein ganz netter Gag ist, mehr aber nicht." Mittlerweile bestätigen auch Profis, dass "Bock auf Bier" eine perfekte Kampagne ist, mit eigenen Kinospots, Plakaten, Inseraten (auch im Falter) und Partys. Die Ottakringer-Brauerei plant sogar ein spezielles Ute-Bock-Bier, das es bei Veranstaltungen geben soll. "Davon abgesehen, dass da viel Geld zusammenkommt, lässt sich auch noch Information transportieren", findet Sonderegger. So seien nicht nur viele Wirte über die rechtliche und alltägliche Situation von Asylbewerbern uninformiert gewesen ("Für die sorgt doch der Staat", sind noch immer viele der Ansicht), auch Gäste in den Lokalen seien durch die Kampagne sensibilisiert worden. Teilnehmende Lokalbesitzer haben zwei Möglichkeiten, die je zehn Cent pro Bock-Bier Ute Bock zukommen zu lassen: Sponsoringvertrag oder Spende. Beim Sponsoringvertrag geht das Lokal mit SOS Mitmensch eine Kooperation ein und erhält als Gegenleistung Werbung bei Konzerten. Die Spende geht direkt an den Verein von Frau Bock. Mittels Saldenauszug lassen sich die Zahlungen nachvollziehen. Doch die Organisatoren setzen auf den guten Willen der Wirte. "Wir lassen uns nicht die Bücher zeigen. Die Lokale sagen uns einfach den Bierumsatz, das wird dann hochgerechnet." Für September ist eine Veranstaltungsreihe geplant (u.a. mit Louie Austen, Alfred Dorfer, Wolf Haas, Franzobel oder Das Balaton Combo), Termine stehen noch nicht fest. Bis dahin heißt es Biere stemmen. Denn Trinken hat noch selten so viel Sinn gemacht. C.W. Infos: www.fraubock.at |
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