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Bettler, Sandler, Kicker
FUSSBALL  In Graz findet diese Woche die erste Fußballweltmeisterschaft für Obdachlose und Asylwerber statt. Auch Österreich spielt mit - mit einem ungewöhnlichen Team. KLAUS STIMEDER / Graz

Falter 28   Originaltext aus Falter 28/03 vom 09.07.2003

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"Vorgestern habe ich meinen Kapitän gefragt, warum er nicht zum Training gekommen ist. Wissen Sie, was er geantwortet hat? ,Es hat ja geregnet!'" Sigi Milchberger wirkt müde. Unendlich müde. Der Schnürlregen, der sich schubweise über den Stadtteil Gries im Grazer Süden ergießt, hebt die Laune des Fußballtrainers auch nicht gerade. Der Coach der österreichischen Fußballnationalmannschaft trägt eine gelbe Windjacke, einen ausgewaschenen grauen Pullover und eine schwarze, schlecht sitzende Adidas-Trainingshose. Seine weißen Halbschuhe haben auch schon bessere Tage gesehen. Wie er so dasitzt, sich eine rote Gauloise nach der anderen anzündet und über Sinn und Unsinn betreffend Spielermotivation und Einstellung philosophiert, wirkt er ein bisschen wie der selige Ernst Happel. Während sich die griesgrämige Wiener Trainerlegende den Ehrentitel "Wödmasta" aber schon in relativ jungen Jahren erworben hatte, muss sich der 65-Jährige diesen erst erkämpfen. Seit vier Wochen bereitet Milchberger sein Team intensiv auf die Weltmeisterschaft im eigenen Land vor. Aber jetzt, zwei Tage vor der Eröffnung, will er am liebsten alles hinschmeißen. Milchberger muss heute die Entscheidung treffen, wer das Turnier tatsächlich spielen wird. Gut 16 Spieler stehen zur Auswahl, aber nur acht von ihnen dürfen antreten. Der Trainer ahnt, was ihm bevorsteht. Die enttäuschten Gesichter derer, die nicht berücksichtigt worden sind. Die Wut derjenigen, die sich zu Unrecht übergangen fühlen. "Natürlich werden diejenigen angefressen sein, die nicht dabei sind. Aber so ist der Fußball", sagt er.
Es geht um den "Homeless World Cup", der ersten Fußballweltmeisterschaft für Obdachlose. Mannschaften aus 18 Nationen treten diese Woche in Europas Kulturhauptstadt Graz an, um den Weltmeister unter sich auszumachen. Eine Mischung, die ihresgleichen sucht: Straßenkids aus São Paulo (Brasilien) ballestern gegen Bums aus New York (USA), Bettlerinnen aus Stockholm (Schweden) legen sich mit Exjunkies aus Manchester (England) an - und acht junge Asylwerber aus Afrika wollen den Titel für Österreich erobern.
Dafür arbeitet Sigi Milchberger, dafür hat sich seine Auswahl durch eine mühsame Österreich-interne Qualifikation gerackert. Auf ihrem Weg in die Endrunde fegten sie unter anderem auch die Wiener Mannschaft der Obdachlosenzeitung Augustin vom Platz. "Gschenkt wird einem nix", lautet Milchbergers Wahlspruch. Nicht im Leben und nicht im Sport. Zwei Stützen des Teams gingen ihm im letzten halben Jahr verloren, weil sie die österreichische Staatsbürgerschaft erhielten und kurz darauf nicht mehr die Teilnehmerkriterien - obdachlos oder mittelloser Asylwerber - erfüllten. Ein dritter Kicker, der ursprünglich zum Stamm zählte, kam auf weniger glückliche Weise abhanden - er sitzt seit kurzem im Gefängnis. Zu Unrecht, wie sein Trainer befindet: "Die Polizei hat bei einer Drogensüchtigen seine Handynummer gefunden. Damit war der Fall für die erledigt. A ausgmachte Gschicht. Für unsere Polizisten ist Schwarzer gleich Dealer."

Frust mit den Spielern, voreingenommene Polizisten und Entscheidungsdruck: Erst als Harald Schmied, der Cheforganisator der Weltmeisterschaft, auf dem Platz eintrifft, bessert sich die verdorbene Laune des Trainers. Flugs überträgt Milchberger seinem jungen Kompagnon die undankbare Aufgabe, die Aufstellung zu verlesen. Schmied lehnt zuerst ab, willigt aber ein, nachdem Milchberger insistiert. Der Chefredakteur der Grazer Straßenzeitung Megaphon stellt sich in die Mitte des kleinen Asphaltplatzes und bittet die ringsum stehenden Spieler um Aufmerksamkeit. Später wird er sagen, dass diese Aufgabe die "härteste war, die mir bei der ganzen Vorbereitung des Turniers auferlegt worden ist".
Dabei hatte der Sozialarbeiter das Schlimmste schon hinter sich geglaubt. Begonnen hat alles vor zweieinhalb Jahren, als sich im südafrikanischen Kapstadt die Macher Hunderter Straßenzeitungen aus allen Großstädten der Welt trafen und dort über zukünftige Wege diskutierten, ihren Schützlingen - nahezu ausnahmslos Obdachlose und Flüchtlinge - mehr zu bieten als einen Job als Zeitungsverkäufer. Man suchte nach etwas, das als kleinster gemeinsamer Nenner von allen verstanden wird - und wurde schnell fündig: "Fußball wird überall auf der Welt gespielt und überall verstanden - da lag die Idee einer Weltmeisterschaft nahe", sagt Schmied. Der Megaphon-Tross kehrte nach Österreich zurück und sprach fortan energisch immer wieder vom "Homeless World Cup". In Landeshauptfraustellvertreter Franz Voves, Caritas-Chef Franz Küberl ("diese WM ist ein positiver Tabubruch") und Altlandeshauptmann Josef Krainer ("dass Österreich mit einer Mannschaft aus Schwarzen antritt, ist ein gutes Signal") fanden sich bald einflussreiche Fürsprecher des Unternehmens. Nachdem auch Wolfgang Lorenz, Intendant von "Graz 03 - Kulturhauptstadt Europas" Feuer gefangen hatte, kam ein Budget von 170.000 Euro zusammen. Gespielt wird zwei mal sieben Minuten, drei gegen drei mit je einem Torhüter, es gelten die internationalen Streetsoccer-Regeln. Spielorte sind der Grazer Hauptplatz, auf dem eigens ein Spielfeld samt Tribünen installiert wurde, und im Hof des Traditionskaufhauses Kastner & Öhler.
Doch angesichts der wartenden Spieler zählt das alles jetzt plötzlich nichts mehr, und Schmied weiß das. Er bedankt sich für ihren Einsatz und ihren Enthusiasmus. Er beschwört den Geist der ersten Fußballweltmeisterschaft, bei der die im Rampenlicht stehen, die sonst an den Rändern der Gesellschaft zu Hause sind. Die Kicker stehen da und versuchen erst gar nicht, ihre Anspannung groß zu verbergen. Von jenem Mann, dem die Welt dieses Turnier verdankt, wollen sie nur eins: wissen, wer spielen wird.

Für Yaru Yaru Ibrahim aus Sierra Leone ist das Turnier eine der wenigen Gelegenheiten, sich als Fußballer zu profilieren. Wie seine Mannschaftskameraden hofft der 17-Jährige, der sein Haupthaar stets mit einem schwarzen Strumpfband bändigt, auf Entdeckung durch einen österreichischen Klub. Befeuert werden diese Sehnsüchte durch Spielerbeobachter diverser Regionalligaklubs genauso wie durch die persönliche Anwesenheit des Vereinspräsidenten des GAK ("vielleicht findet sich ja da das eine oder andere Talent").
Schließlich hat Trainer Milchberger nach eigenen Angaben in der Vergangenheit schon drei Nachwuchsspieler bei den "Roten Teufeln" von Liebenau untergebracht. Wenn Ibrahim nicht auf dem Platz seinen Träumen von der Profikarriere nachhängt, wohnt er im Hotel Drei Lerchen am Griesplatz, einer lang gezogenen Durchzugsstraße diesseits der Mur. Eine von der Caritas betreute Notunterkunft, wie es sie in Europa zu Hunderten gibt. 150 Menschen sind hier untergebracht, der Putz bröckelt schon seit Jahren von der Fassade, die Gänge sind videoüberwacht. Das nähere Umfeld passt sich den Klischees eines Ausländerwohnheims made in Austria an. Eine für Grazer Verhältnisse eher unwirtliche Gegend, eine Hand voll Puffs, einschlägige Nachtlokale und eine FPÖ-Landesparteigeschäftsstelle inklusive. Die 150 Euro, die Ibrahim pro Monat zur freien Verfügung hat, sind meist schnell verbraucht. "Der Fußball wird mir Geld bringen", sagt er. Was er darüber denkt, bei der WM Österreich zu vertreten? "Das ist kein Problem. Ich bin glücklich, für Österreich spielen zu dürfen, und ich werde alles geben." Und wenn er woanders gelandet wäre, etwa in Deutschland? Würde er auch für die deutsche Nationalmannschaft spielen? "Das wäre auch kein Problem. Ich will nur Fußball spielen." Seine Sehnsucht nach Erfolg auf dem Platz erwächst aber nicht nur aus den üblichen Vorstellungen von Ruhm und Geld, sondern auch aus dem Mangel. Der Mann aus Sierra Leone kann nach eigenen Angaben weder lesen noch schreiben. Doch in diesem Moment ist ihm das egal. Er ist einer der acht.
Sein Kapitän Samuel Osuji hat für die Verlesung der endgültigen Aufstellung nur ein Lächeln übrig. Er weiß, dass er dabei ist. Osuji ist der Kapitän der Mannschaft, eine fixe Größe. Der 17-jährige Nigerianer, ein "Ausdauerwunder mit unerschütterlichem Kämpferherz", hat allerdings ein eigentümliches Problem mit dem Turnier. Er findet den Namen "Homeless World Cup" nicht ganz zutreffend für die Veranstaltung. "Was sollen denn die Leute glauben? Dass wir unter Brücken schlafen?", sagt er. Aber auch er hat nur eines im Kopf: "Wir wollen, nein, wir werden gewinnen. Für Österreich."
Nachdem der letzte Teilnehmername gefallen ist, zerstreut sich die Gruppe, ein paar setzen ein gleichgültiges Gesicht auf, ein paar schimpfen leise vor sich hin. Ein Nicht-Berücksichtigter lässt seinem Unmut freien Lauf: "Was soll das? Ich habe mich dieser Mannschaft mit allem verschrieben, was ich habe! Und jetzt?" Trainer Milchberger hält sich an der Bande fest.

Graz, Innenstadt, 5. Juli, acht Uhr abends. Der Einzug der 18 Mannschaften gerät zum Triumphzug. Hunderte Grazer jubeln lautstark den neuen Heroen des Fußballs zu. Team Austria, mit der rot-weiß-roten Fahne eingerückt, zieht ein hartes Los. Die acht Ausgewählten müssen in der Vorrunde gegen Polen, Italien, Brasilien und Schottland antreten. "Die härteste Gruppe", sagt Trainer Milchberger, der das schlecht sitzende Sportgewand mittlerweile gegen einen weißen Anzug getauscht hat. Die Schuhe sind dieselben geblieben. Trotzdem rechnet er sich Chancen für das Überstehen der Vorrunde aus. Scheidet Österreich erst dann aus, wäre das zumindest ehrenhaft. Andernfalls wäre es für Milchberger aber auch kein Drama. Schließlich stand auch Ernst Happel bei Weltmeisterschaften nie ganz oben. Beim einzigen WM-Finale scheiterten 1978 die vom "Wödmasta" betreuten Holländer an Argentinien. Aber die spielen beim "Homeless World Cup" nicht mit.

"Homeless World Cup" - die etwas andere Fußballweltmeisterschaft, noch bis Sonntag zu sehen in Graz (Spielplätze Hauptplatz und Paradeishof), Infos: www.streetsoccer.org



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Juli 2003 © FALTER
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