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| Baywatch in Zeitlupe |
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BÄDER Badewaschln gehören zum Schwimmbadsommer wie Sonnenmilch und Langos. Doch die "Götter in Weiß" sind nicht nur cool am Pool und grantig am Strand - sondern Fachleute für das sichere Planschen, die Balz am Beckenrand und andere Zwischenmenschlichkeiten. WOLFGANG PATERNO, CHRISTOPHER WURMDOBLER (Text) und HERIBERT CORN (Fotos) |
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Sein Arbeitsplatz ist Babylon und Atlantis und Utopia: Oberbademeister Wolfgang Kircher, Woli gerufen, steht im Schönbrunner Bad an der Balkonbrüstung, zwei Becken im Blick. Wie ein Surferboy mit Bauchansatz sieht er aus, das Wuschelhaar ist strähnig blondiert, die Gläser der Sonnenbrille sind tiefschwarz; um den Hals hat er sich eine Kette mit bunten Steinen, aufgelesen am Strand von Chalkidiki, gelegt. Die dereinstige Boxerstatur mit dem Gardemaß 1,85 ist einer gemütlichen Fülle gewichen, es bewegt sich vornehmlich der Kopf: links, rechts, links, rechts, tausendfach. Fast hundert Bademeister und Bademeisterinnen arbeiten in den 17 städtischen Sommerbädern Wiens. Hinzu kommen die Beckenchefs in den privat geführten Freibädern. Wer den Job will, muss volljährig sein, sollte keine Vorstrafen und die Bassinaufseherprüfung bestanden haben. Für 1300 Euro Brutto im Monat ist Badewaschl sicher kein Traumjob, für die Sicherheit der Badegäste sind die Männer und Frauen in Weiß jedoch genauso wichtig wie für die Atmosphäre. Wenn der strenge Pfiff übers Chlorwasser schrillt, fühlt sich meist irgendwie jeder ertappt - nur nicht derjenige, dem der Pfiff gegolten hat. Das Klischee vom Baywatch-Beau und Mädchenschwarm aus dem Ärzte-Song "Paule" ("Paule heißt er, ist Bademeister") stimmt dabei ebenso wenig wie das vom dunkelbraun gesonnten Goldkettchenträger. Badewaschln tragen Ketten mit bunten Steinen, so ist das nämlich. "Woli" Kircher, 35, hat einen paradiesischen Arbeitsplatz. Bis zu 4000 Menschen tummeln sich an heißen Tagen ums Becken im Schönbrunner Bad: Ein wenig schick, ein wenig etepetete und nicht ganz günstig ist das Badevergnügen. "Mir geht es wunderbar, manchmal denke ich mir, dass ich hier am liebsten in Pension gehen möchte." Solche Sätze muss er sich nicht überlegen, die hat er intus. Seit beinahe 15 Jahren arbeitet Kircher jetzt als Bademeister, früher auch für die Gemeinde. "Der Unterschied ist tausend zu eins, Badewaschl bei der Gemeinde ist ein stupider Job", sagt er und will einmal nicht so aussehen wie jemand mit guter Laune; in den städtischen Bädern sei nur öffentliches Sonnenbraten und trübes In-die-Gegend-Schauen wichtig gewesen, hier dagegen sei ein "absolut wunderbares Arbeiten" möglich, so oder so: Woli klaubt Zigarettenstummel auf, er putzt das Becken, er leert die Müllkübel, er pflanzt Palmen und gießt das Grünzeug, er ist Chlorgas- und Wasserspezialist; er ist der, so sein gravitätischer Titel, Oberbademeister. "Den ganzen Tag Brust, Po und Haut, da wird man als junger Mann hin und wieder nervös. Sehr nervös." Lang ists her, als das Weibliche noch als Stimulanz wirkte. "Mein Gott!", stöhnt Kircher, "das sind doch nur Klischees." Der Duft von Sonnenöl und Dolcefarniente liegt in der Luft: Der Bademeister, umschwirrt von vielen Atomen Erotik und umweht von einer Aura dominanter Strenge, zieht unter Beifallsgemurmel triumphal seine Runden. Schaut er in die Freundinnen-Runde, ist seliges Gekicher zu hören. Alles miteinander klägliche Trugbilder von einem Job, der vor allem Knochenarbeit und stetes Ankämpfen gegen die Unaufmerksamkeit ist, eine "ziemliche Hackn, eine ziemliche Verantwortung". Einen "Spannerblick", so sagt Kircher, habe er sich im Lauf der Jahre schon angewöhnt; seine Aufmerksamkeit gilt aber, hoch und heilig!, nur den Schwimmern im Becken und den Sonnenbadern am Rand. Sowieso: Eigentlich ist Woli bei den Damen reiferen Alters der Held, mit diesen hat er das beste Einverständnis; "die Seele des Bades", wurde er erst jüngst von einer Pensionistin niedercharmiert. Paradiesisch sind die Zustände für den Bademeister, der nirgendwo anders als im Schönbrunner Bad arbeiten will, immer noch aus anderen Gründen. Am Abend, knapp nach zehn Uhr, passieren dann die Momente wie für eine Ansichtskarte: Das Bad ist menschenleer, Woli sitzt in der Sauna, denkt: Es ist das Paradies, mein Arbeitsplatz. Und rennt anschließend durch die Flure und über den Rasen, nackt. Und springt ins Becken. Frau Badewanne" wurde sie - im Gegensatz zu ihren Kolleginnen - noch nicht genannt. Petra Scheickl ist 21, Psychologiestudentin und Bademeisterin im Kinderfreibad im Augarten. Weil das erstens ein feiner Sommerjob ist, zweitens ihr Freund auch Bademeister ist und ihr drittens die Kinder taugen. Selbst wenn sich an heißen Tagen fast 3400 Kids in dem Bad tummeln und der Überblick schwer wird. "Da kommt man mit dem Pfeifen gar nicht mehr nach", sagt die Badefrau und lässt einen schrillen Pfiff los: Präpubertäre Buben flirten nicht wie sonst mit ihr, sondern ärgern eine Entenmutter, die sich ausgerechnet das Kinderbecken zur Aufzucht ihrer Jungen ausgesucht hat. "Zum Glück müssen hier auch die Kleinkinder Badehosen tragen", sagt Scheickl und grinst. Badehosen filtern nämlich die gröbsten Verunreinigungen vor. "Die Menschen sind Schweine", weiß auch Erich Gsellmann. Zu seinem Job gehört nicht nur, den Gänsehäufel-Strand der Alten Donau zu beobachten, er muss ihn auch putzen. Seit 15 Jahren macht der große, braun gebrannte Mann mit den Rastalocken jetzt schon den Bademeister. Erst Rettungsschwimmer, dann die Prüfung, anschließend die kurze weiße Hose, T-Shirt und Trillerpfeife. Zuerst war er Bademeister im Hohe-Warte-Bad, dann im Gänsehäufel, Oststrand. Jeden Sommer sechs Monate, von sieben Uhr früh bis neun Uhr abends, je nach Witterung. Im Winter die Arbeitslose, den Urlaub in Afrika. Von da kommt auch sein Schmuck am Hals: Lederband, Steine und Zähne. Am Oststrand bereitet Gsellmann in der Morgensonne seinen Tee zu, intern "Bademeister Bomber" genannt. Kaum jemand will das selbst kreierte Gebräu aus Schwarztee, Brennesseln, Vanillezucker und Milch kosten. "Ich bin ein Relikt", sagt der 41-Jährige. "Mittlerweile kommen manche, die ich noch als Jugendliche gekannt habe, schon mit ihren eigenen Kindern her." Mit den Halbwüchsigen gibt es noch immer das Kräftemessen: Wie lange kann man Jüngere vom Steg ins Wasser werfen, bis ein Pfiff ertönt? Gar nicht lang, Strandverbote werden schnell erteilt. "Die Burschen wollen bei den Mädels angeben", erklärt sich der Bademeister das Verhalten. "Die glauben, sie sind besonders hart, wenn sie es geschafft haben, dass sie der Badewaschl anbrüllt." Er selbst sei als Jugendlicher ganz anders gewesen. "Im Schwimmbad habe ich maximal die Füße und die weißen Hosen angeschaut. Höher raufzuschauen hab ich mich nicht getraut." Am schlimmsten sei es, wenn sie "Hilfe schreien" spielen, sagt Gsellmann und deutet auf eine ausgelassene Gruppe kichernder Zehnjähriger. Doch mittlerweile spürt er schon, wenn die Lage ernst ist. Zwei, drei Mal pro Saison muss der Rettungshubschrauber kommen, meist bleibt alles ruhig. Relativ ruhig. Wenn betagte Schwimmer schlapp machen oder Segler bei Wellengang kentern, dann paddelt der Bademeister mit seinem Holzboot hinaus: "Eine Bademeisterstärke, das ist Baywatch in Zeitlupe." Die Rettungsboje gibt es zwar, sie ist aber auch eine Karikatur in Rot. "Wenn ich das Teil aus Hartplastik werfen würde und es jemandem auf dem Kopf landet, hat der eine Platzwunde." Dieter Ganster wirft seine Kunststoffboje auch nicht ins Getümmel. Der Vierzigjährige ist Herr des Wellenbeckens im Gänsehäufel. Meist schaut er eher grimmig drein. "Wennst eine Zeit dabei bist, kennst die Funktionsweisen, weißt, wie Jugendliche, Kinder, Erwachsene und Betrunkene funktionieren", sagt Ganster. Und je länger und heißer der Tag, desto komplexer werden die "Zwischenmenschlichkeiten": "Die Menschen kleben förmlich aneinander, da kommts zu Reibereien." Streit und Aggressionen seien so was von unnötig, meint der Badewaschl mit Bauch, Bart und Brille. "Dann beruhigst du sie, und dann gehts auch wieder." Ganster hat stets das Becken im Blickfeld, observiert die Badegäste und merkt sich jene, die Schwierigkeiten machen könnten. "Das hier ist sicher nicht Baywatch, sondern eine Arbeit, die erhöhte Aufmerksamkeit erfordert", wehrt er sich gegen Klischees und Vorurteile. Auch gegen die landläufige Meinung, dass Bademeister eh nur einen lässigen Job schieben und sich den ganzen Tag von den Damen bewundern lassen würden. Ganster kennt auch die ewig gleichen Rituale der Balz am Beckenrand: "Da stehen zwanzig Burschen, und kaum nähert sich eine Gruppe Mädchen, wirds auch schon laut. Alles Imponiergehabe. Die sprechen die Frauen nicht an, sie spritzen sie nur nass." Seit drei Jahren macht der Vierzigjährige den Bad-Job. Eigentlich ist er "semiprofessioneller Musiker", Gitarrist, Stilrichtung Bluegrass, was auch daran zu merken ist, dass aus dem Ghettoblaster am Wellenbeckenrand Countrymusic klingt. Eine Trillerpfeife braucht Ganster nicht: Im Ernstfall lässt er einen Brüller los, der bis zur weit entfernten Trafik zu hören ist. "Das ist mein tägliches Stimmtraining." Meist steht er gelassen am Beckenrand. Weiße Jogginghose, nackter Oberkörper, eine Hand auf einem Tennisball ruhend, der auf einen Schirmständer montiert ist. Arschbomben und andere Mutproben werden weitgehend ignoriert und maximal trocken kommentiert. So wie der Sprung eines 14-Jährigen mit entblößtem Hinterteil: "Heast, ich hab dir schon einmal gsagt, nimm des Papierl aus deim Oasch." Auch im Ernstfall bewahrt der Mann am Wellenbecken die Ruhe, checkt die Situation und schreitet dann erst ein. "Wenn du da hektisch wirst, hast du auch schon verloren." Die Verantwortungslosigkeit vieler Badegäste regt ihn schon mehr auf - allein gelassene Kleinkinder, verschmutzte Wiesen, streitsüchtige Betrunkene. "Genauso wie es auf der Welt ausschaut, schauts im Bad aus. Die Leute holen an der Kassa den Schlüssel und geben dafür ihr Hirn ab." Zum Klischee Frauenschwarm fällt Bassinaufseher Ganster nur ein, dass Kollegen immer sagen, dass sich die Frauen von ihm nicht mal ein Pflaster aufkleben lassen würden: "Wennst so zwider bist wie ich, dann bist du kein Frauenschwarm." Es ist das Tummelfeld der Schickeria, der Tross der Wichtigen und Schönen kehrt hier regelmäßig ein. Roman Moldasch, 43, sitzt auf seinem blauen Sessel im Krapfenwaldlbad, über ihm ein Sonnendach aus Reisig. Eine lange Unterhose mit handtellergroßen Löchern hat er an, sein T-Shirt ist um den Hals herum ausgeleiert. Seit 1985 ist er der "Badewaschl". Ein seltsamer Kontrast: Im Krapfenwaldl, eingerichtet im Schick der Sechzigerjahre, kontrolliert einer das Badegeschehen, der nicht allzu viel auf das hierorts noch immer vorherrschende Getue gibt: Hier ist es noch von existenzieller Wichtigkeit, welchen Bikini man trägt. Moldasch, die Ruhe in Person, sitzt da lieber nur auf seinem Sessel, schaut gern die zwei Hügel zum Schafbergbad rüber. Dort arbeitet seine Frau, eine gebürtige Inderin. In den langen Stunden des Beobachtens und Brütens kommen da zwei Gedanken immer wieder auf: sehr romantische, einerseits. Andererseits ist da der Wunsch, das Bad einmal mit vier riesengroßen Lautsprechern zu beschallen - Heavy Metal. "Das Bad hat immer noch ein elitäres Image", sagt Moldasch, "ich bin hier der Hackler. Ich bin nicht relevant, ich bin nur der Badewaschl, der sich um die Sicherheit kümmert. Jeder Badewaschl, der die Coladose auf dem Rasen oder die verdreckte Umkleidekabine persönlich nimmt, ist deppert." Auch diesen Winter wird Moldasch wieder in Indien seine freie Zeit verbringen. Gemeinsam mit seiner Frau werden Verwandtenbesuche absolviert. Nur dann ist es für ihn wichtig, dass es "Baywatch" überhaupt gibt. In Indien sind Freibäder eher unbekannt, genauso wie die Institution des Bademeisters. David Hasselhoff, sagt Moldasch dann. Pamela Anderson, sagt er, und macht die passende Geste. "Ah, Lifeguard", nicken dann die Inder mit dem Kopf. Offenbar freuen sie sich sehr über die Arbeit des Badewaschls aus Wien. |
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