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| Auf nach Süden! |
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STADTENTWICKLUNG Schnellstraße, U-Bahn, Stadion plus Shopping- und Entertainmentwelt sind erst der Anfang: Der unberührte Süden Wiens soll verbaut werden, auch wenn in der Stadt riesige Gebiete brach liegen. JULIA ORTNER und REINHARD SEISS |
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Laut waren hier bisher nur die Traktoren, wenn sie durch die grüne Idylle tuckern, zwischen Feldern, Wiesen und Wäldern dahin. Rund um Rothneusiedl, im äußersten Süden Favoritens, liegt Wiens - abseits des Wienerwalds - größtes und letztes zusammenhängendes Grüngebiet diesseits der Donau. Bald soll es hier lauter und urbaner werden. Der wilde Süden wird gerade von Pionieren wie Frank Stronach erobert: Der Magna-Konzernchef und Austria-Mäzen will mitten in der tiefsten Pampa Favoritens eine Fußballarena nach amerikanischem Vorbild bauen, samt ordentlichem Shopping- und Entertainmentkomplex (Falter 28/03). Stronach ist nicht der Einzige, der die Entwicklung des Südraums vorantreibt. Entlang der Stadtgrenze wird schon an der lange umstrittenen Schnellstraße S1, der Transitumfahrung zur Entlastung der stauanfälligen Südosttangente (A23) gebaut. Obwohl Planungsexperten die Trasse lieber weiter hinaus verlegt hätten und jetzt schon klar ist, dass die nun stadtnahe Trasse langfristig eine dritte Umfahrung notwendig machen wird - die Entlastung der A23 durch die S1 wird wahrscheinlich nicht allzu groß sein. Und dann haben die Wiener Roten auch noch die alten und an sich überholten Ausbaupläne zur Südverlängerung der U1 aus den Rathausschubladen hervorgekramt. Die Prioritäten der Stadtplanung hatten sich in den Neunzigern in Richtung "Innere Stadtentwicklung" verschoben, es sollte vor allem auf ehemaligen Industrie- und Bahnhofsgeländen innerhalb der Stadt gebaut werden. Dass nun doch die U-Bahn in den Süden geführt wird, scheint für Verkehrsplaner nicht nachvollziehbar. Jedenfalls bietet der Süden damit ideale Bedingungen für Investoren: Billiges Grünland, viel davon im Besitz der Stadt, eine tolle Verkehrsanbindung, von der öffentlichen Hand bezahlt, viel Platz. Und das, obwohl die Stadtregierung dieses Gebiet noch Mitte der Neunziger als ein Kernstück ihres schützenswerten Grüngürtels eingestuft hatte. Während im Süden schon die Bagger fahren, gammeln die erklärten Zielgebiete der Wiener Stadtplanung größtenteils vor sich hin: Ob Nordbahnhof, Nordwestbahnhof, der neue Stadtteil am geplanten Zentralbahnhof oder die Aspanggründe - für die großen innerstädtischen Flächen gibts haufenweise schlaue Pläne, aber noch immer keine Umsetzung. Ist das Ziel "Innere Stadtentwicklung" Schnee von gestern? "Bei den Stadtentwicklungsprojekten geht es uns nicht um ein Entweder-oder von einzelnen Entwicklungsgebieten und innerstädtischen Flächen, sondern um die Nutzung einer Vielzahl an Entwicklungspotenzialen", sagt der Wiener Planungsstadtrat Rudolf Schicker (SPÖ). Warum muss es aber gerade der wilde Süden sein? Nimmt Wien seinen innerstädtischen Projekten damit nicht selbst den Wind aus den Segeln? Die Stadt geht bei der Erschließung des unberührten Favoritner Hinterlandes auf jeden Fall einen ungewöhnlichen Weg. Die Planer im Rathaus hatten sich schon länger den Kopf zerbrochen, wie man das Grünland baulich nutzen könnte. Sie erstellten ein Konzept für einen Businesspark südlich von Rothneusiedl - erst dadurch wurde Stronach angelockt. "Bisher war das meist andersrum: Zuerst ist ein potenzieller Investor mit einer Idee gekommen und hat sich was von der Stadt gewünscht - und sie dann gerne unter Druck gesetzt", plaudert ein Beamter aus der Schule. Böse Geldhaie, die Stadt als Opfer, immer wieder der Druck, ein Gebiet zu erschließen - so lief es oft, zumindest bis jetzt. Der alte Stadtentwicklungsplan war bezüglich seines Angebots an Entwicklungsflächen noch eher restriktiv, der neue werde interessierten Geldgebern ab 2005 ein sehr viel großzügigeres Angebot an Baulandpotenzialen machen - damit Wien international wettbewerbsfähig bleibe, erklärt Kurt Mittringer, Planer bei der MA 18 (Stadtentwicklung und Stadtplanung): "Wien verfügt zwar über enorme innerstädtische Flächenreserven, die eigentlich langfristig ausreichen sollten. Offensichtlich gibt es aber einen internationalen Trend, lieber zentrumsferne Standorte zu entwickeln." Wahrscheinlich ist es für Investoren lukrativer, sich auf immer neue billige Grünflächen an der Peripherie zu stürzen - alleine die Wertsteigerung durch die Umwidmungen bringt ihnen schon ordentlich Kohle. Aus stadtplanerischer Sicht ist die Entwicklung der Peripherie allerdings gar nicht wünschenswert. Für manche Planer steht schon jetzt fest, dass die rege Bauerei im Süden massive Nebenwirkungen mit sich bringen wird: Verlust der letzten Grünflächen, eine neue Verkehrslawine im ohnehin überlasteten Süden, ein zusätzlicher Speckgürtel entlang der S1 - die Selbstzerfledderung der Stadt. Ungeachtet dessen gehts auf nach Süden. Das von Stronach geplante Einkaufs- und Entertainmentzentrum in Rothneusiedl könnte zumindest den lästigen Kaufkraftabfluss in die nur vier Kilometer entfernte niederösterreichische Shopping City Süd endlich stoppen, hoffen manche Stadtpolitiker. Nur dass auch die Stadt selbst Opfer zu beklagen hätte: die ohnehin angeschlagenen Wiener Einkaufsstraßen würden von einem großen Stronach-EKZ mit direktem U-Bahn-Anschluss wahrscheinlich als erste gekillt. Reinhard Seiß ist Stadtplaner und Fachpublizist in Wien. |
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nach oben Juli 2003 © FALTER E-Mail: wienzeit@falter.at |