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Rätsel, Radler, Roboter
MUSIK  Kraftwerk zählt zu den einflussreichsten Bands der Popgeschichte. Mit "Tour de France Soundtracks" veröffentlichen die Musikarbeiter aus Düsseldorf jetzt ihr erstes reguläres Album seit 17 Jahren. GERHARD STÖGER

Falter 32   Originaltext aus Falter 32/03 vom 06.08.2003

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"Wir kopierten weder die Amerikaner mit ihrem Rock noch den Pop der Engländer. Wir spielten Elektromusik, wir spielten Deutschlandpräzision, wir waren eben Kraftwerk, eine völlig neue Musikdimension."
Wolfgang Flür: "Kraftwerk. Ich war ein Roboter" (Hannibal, 1999)


Anfang des Jahres gastierten Kraftwerk live in Sydney. Ralf Hütter, der die Techno-Pop-Pioniere seit 1970 gemeinsam mit Florian Schneider und wechselnden Mitmusikern betreibt und als Chefideologe und Sprecher der Gruppe gilt, gab dem australischen Radiosender Triple J am Tag nach dem Auftritt eines seiner raren Interviews und stellte dabei für heuer ein neues Kraftwerk-Album in Aussicht. Ebenso markant wie nichtssagend antwortete der 56-jährige Düsseldorfer auf die Frage, wie es denn klingen würde: "Kraftwerkmäßig."
Seit 4. August steht "Tour de France Soundtracks" nun tatsächlich in den Plattengeschäften; eine neue Version ihrer "Tour de France"-Single von 1983 war bereits ein Monat zuvor erschienen. In den August-Ausgaben der internationalen Musikpresse glänzen die passionierten Hobbyradrennfahrer und Tour-Fans dennoch durch Abwesenheit. Nicht weil das tatsächlich sehr "kraftwerkmäßige" Album schlecht wäre, sondern weil die Gruppe nach wie vor ohne Management, ohne offizielle Telefonnummer, ohne offizielle Post- und E-Mail-Adresse sowie praktisch ohne PR agiert: Die Plattenfirma EMI war von der Existenz neuer Aufnahmen ebenso überrascht wie Journalisten und Fans.
Einzig dem Spiegel gewährte Ralf Hütter zeitgerecht eine Interviewaudienz. Auf die Eingangsfrage, ob sie der Ruhm als einflussreichste deutsche Band der Popgeschichte denn so gelähmt habe, dass sie nach ihrem letzten regulären Studioalbum "Electric Cafe" (1986) derart lange zur Aufnahme eines neuen Werkes gebraucht hätten, antwortete er: "Glauben Sie, wir laufen den ganzen Tag herum und klopfen uns begeistert auf die Schulter? Unsinn, wir sind ganz normale Musikarbeiter und mit Kraftwerk in unserem Studio in Düsseldorf gut beschäftigt. Dabei gibt es keinen 4- oder 20-Jahres-Plan. Wir haben zuletzt wenig veröffentlicht, könnten das Tempo aber jederzeit anziehen."
Worin diese Beschäftigung genau besteht, ist freilich schwer zu sagen. Ab und zu geben Kraftwerk irgendwo auf dem Globus eines ihrer raren Konzerte - aber sonst? Die Achtziger sollen sie damit zugebracht haben, ihr seit über dreißig Jahren streng vor der Öffentlichkeit abgeschirmtes Kling-Klang-Studio von analogen auf digitale Gerätschaften umzurüsten. Dabei kamen ihnen die von der extensiven Schaffenspause entnervten Langzeitmitglieder Karl Bartos und Wolfgang Flür abhanden; sie wurden inzwischen durch die Toningenieure Fritz Hilpert und Henning Schmitz ersetzt.
Das aus digitalen Neubearbeitungen alter Stücke bestehende Album "The Mix" (1991) fiel allerdings eher enttäuschend aus, und "Expo 2000" erregte 1999 vor allem dadurch Aufsehen, dass Hütter und Schneider für diese Auftragsarbeit 400.000 D-Mark kassierten (die Expo verwendete dann übrigens nur einen vier Sekunden langen Songausschnitt als Jingle).
An Kraftwerks Status als Gralshüter der elektronischen Musik änderte das bislang freilich nichts: Vom klassischen US-Techno über Elektro bis hin zum Synthie-Pop von Bands wie Depeche Mode oder - aktueller - Zoot Woman lässt sich ein beträchtlicher Anteil der gegenwärtigen Popmusik mehr oder weniger direkt auf Kraftwerk zurückführen, und selbst in der frühen HipHop-Kultur haben die visionären deutschen Klangarchitekten ihre Spuren hinterlassen.
"Oh Mann, das war wirklich eine großartige und einflussreiche Platte!", meinte etwa HipHop-Gründervater Grandmaster Flash bei seinem letztjährigen Wienbesuch auf die Frage, warum das Kraftwerk-Album "Trans Europa Express" (1977) mit seinen rhythmisierten Zuggeräuschen unter HipHop-Pionieren einst als unantastbares Wunderwerk galt. "Diese Platte war ihrer Zeit so unglaublich weit voraus; sie hat sich selbst gemixt und all diese abenteuerlichen Dinge von selbst unternommen, für die eigentlich ich als DJ zuständig war! Bei "Trans Europa Express" konnte ich die Plattenspieler schon einmal für zehn Minuten verlassen, denn ich wusste: Kraftwerk würden die Leute perfekt unterhalten!"
Bis heute ist es dem ersten DJ-Star des HipHop ein Rätsel, wie die vier Düsseldorfer Mitte der Siebziger derart futuristische Musik produzieren konnten: "Der Sound und die Technologie dieser Platte haben damals eigentlich noch gar nicht existiert. Als ich sie zum ersten Mal hörte, dachte ich nur: ‚Was zur Hölle ist das, und wie zum Teufel haben sie das bloß gemacht?'
Lester Bangs bereiteten die Herrn Hütter und Schneider ebenfalls einiges Kopfzerbrechen. Der selbst legendenumrankte US-Rockkritiker traf die Band 1975 auf ihrer ersten Amerikatournee zu einem Interview für das Magazin Cream. Bereits damals erläuterten die beiden unglaublich kühl, distanziert und überlegt auftretenden und ebenso technologieverliebten wie fortschrittsoptimistischen Kraftwerk-Köpfe ihr Konzept von der "Menschmaschine" und propagierten die Vision komplexer Roboter, die irgendwann an ihrer Stelle auf der Bühne agieren würden. Gleichzeitig unterstrichen sie die Bedeutung ihres deutschen und zentraleuropäischen Hintergrunds in Abgrenzung zur globalen Hegemonie der US-Kultur. "Die deutsche Mentalität wird immer Teil unseres Verhaltens sein", erklärte Hütter einem zwischen Faszination und Irritation pendelnden Lester Bangs. "Unsere sehr mechanische Muttersprache fungiert ebenso als zentrale Struktur unserer Musik wie die Maschinen, die von der deutschen Industrie gefertigt wurden. "Als Bangs dann laut darüber nachzudenken begann, ob sie wohl gerne Elektroden in ihren Gehirnen hätten, die all ihre Gedanken über Lautsprecher übertragen würden, meint Hütter enthusiastisch: "Ja, das wäre fantastisch!" Schließlich beendet Schneider das Gespräch mit dem Hinweis darauf, dass man vor dem Konzert noch ein wenig Ruhe bräuchte. "Irgendwie war es beruhigend zu wissen, dass sie - zumindest gelegentlich - schlafen", schloss Bangs seinen viel zitierten Artikel mit dem Titel "Kraftwerkfeature".
Während der Mythos Kraftwerk tatsächlich zu guten Teilen in dieser Tour, dem US-Erfolg ihres Ende 1974 veröffentlichten Albums "Autobahn" und dem in diversen Interviews entworfenen Bild der Gruppe als unnahbare Visionäre wurzelt, beginnt ihre musikalische Geschichte bereits Jahre davor. Nach einer eigenartigen Progressive-Rock-Platte unter dem Namen "Organisation" benannten sich die beiden Musikstudenten Schneider und Hütter 1970 in Kraftwerk um.
In unterschiedlicher Besetzung - unter anderem waren auch Michael Rother und Klaus Dinger, die später die ebenfalls sehr einflussreiche Krautrockformation NEU! gründen sollten, vorübergehend bei Kraftwerk - brachten sie drei durchwegs interessante Alben heraus, die allerdings noch etwas unentschlossen zwischen Analog-Elektronik, repetitivem Rock und improvisierten Elementen pendelten. Ihren späteren Status als gesuchte Sammlerstücke verdanken "Kraftwerk" (1970), "Kraftwerk 2" (1971) und das ansprechend-schwelgerisch angelegte "Ralf und Florian" (1973) aber weniger ihrer musikalischen Substanz als vielmehr ihrer Seltenheit - bis heute haben Hütter und Schneider eine offizielle Wiederveröffentlichung verhindert.

Die eigentliche Erfolgsgeschichte von Kraftwerk beginnt mit der LP "Autobahn" und ihrem 22-minütigen Titelstück. Erstmals erschien ein Album glaubhaft als Umsetzung eines zuvor festgelegten, auf technologischer Innovation und Fortschrittsglauben basierenden Konzepts; erstmals wurden Umweltgeräusche wie das Starten eines Autos in die Musik integriert; erstmals wurden die von Hütter und Schneider verwendeten Instrumente schlicht als "Electronics" angeführt; und erstmals gab es - im Titelstück - auch den so charakteristisch-naiven Kraftwerk-Gesang zu hören. Der Grundentwurf für den beinahe an ein Kinderlied gemahnenden Text so wie die Plattenhülle stammt vom Düsseldorfer Künstler Emil Schult, dem wichtigsten außermusikalischen Kraftwerk-Mitarbeiter.
Die Erstauflage der Platte ziert übrigens ein Foto, auf dem neben einem langhaarigen Ralf Hütter, einem leger gekleideten Florian Schneider und einem leicht deplatziert wirkenden Wolfgang Flür auch der ebenso bärtige wie langmähnige Hippie Klaus Röder zu sehen ist, der auf "Autobahn" Gitarre und elektrische Violine spielt und kurz nach der Veröffentlichung der Platte durch Karl Bartos ersetzt wurde. In der Neuauflage wurde dieses Foto gegen ein späteres ausgetauscht, auf dem Kraftwerk - jetzt mit Bartos - als schemenhafte und einheitlich gestylte Musikarbeiter hinter ihren elektronischen Gerätschaften zu sehen sind. Dieser kleine Kunstgriff ist ein schöner Beleg dafür, wie konsequent Hütter und Schneider seit der Veröffentlichung von "Autobahn" auf ihr Image achten und wie wenig Bedeutung sie den anderen Bandmitgliedern zugestehen.
Wolfgang Flür schrieb 1999 ein anekdotenreiches und streckenweise unfreiwillig komisches Buch über seine mehr als eineinhalb Jahrzehnte dauernde Tätigkeit als fix angestellter Musikarbeiter der Gruppe ("Kraftwerk. Ich war ein Roboter"). Völlig konträr zum weit verbreiteten Bild der Band als disziplinierte, gefühllose Roboter beschreibt er auf kindlich-naive Weise eine Affäre mit dem ungarischen Kraftwerk-Fan Lena und erinnert sich an seine letztlich unterdrückte Leidenschaft: "Ich war ja Mitarbeiter einer Elektroband und musste mich ins Räderwerk dieser Musikmaschine einfügen, durfte mich keinen Sentimentalitäten hingeben, sonst lief sie nicht. Ich war Musiker, Schauspieler und Reisender, und ich hing natürlich an Fäden wie eine Marionette. Ich musste gehorchen und hatte zu funktionieren wie der Arbeiter aus Metropolis-Stadt.
Auf "Radio-Aktivität" (1975), "Trans Europa Express", "Die Mensch-Maschine" (1978) und "Computerwelt" (1981) erreichte die von Hütter und Schneider konzipierte und dirigierte "Musikmaschine" ihre Höchstleistung. Durch den Einsatz selbst konstruierter Instrumente definierten diese vier Alben damals nicht nur den State of the Art, sie haben in ihrer völlig eigenständigen Mischung aus radikaler Avantgarde, ausgefuchstem Minimalismus und multimedialem Konzept bis heute nichts von ihrer Faszinationskraft eingebüßt.
Trotz des vordergründigen Kalküls der von Menschmaschinen gefertigten Robotermusik finden sich auch immer wieder romantische Momente in der technoiden und hochmelodischen Musik von Kraftwerk - gerade so, als hätte ihr Maschinenpark über Seelen verfügt: "Neonlicht", das heimliche Herzstück der LP "Die Mensch-Maschine" wirkte in der aufkeimenden New-Wave-Kultur der späten Siebziger mit ihrem seltsam aseptischen Bild nächtlicher Urbanität beinahe heimelig.

Die technologische Revolution der Achtziger- und Neunzigerjahre stürzte Kraftwerk dann aber in ein Dilemma: Während ihre analog gefertigte und ursprünglich so futuristisch anmutende Musik einst von einer neuen Ära kündete, wurden die Visionen von Hütter und Schneider zusehends zum popmusikalischen Alltag. Hatte die digitale Revolution ihre eigenen Väter gefressen? "Ich finde es natürlich fantastisch, dass jetzt mit diesen Elektro-Instrumenten überall Musik gemacht wird; aber die richtige, kreative Phase kommt meiner Meinung nach erst", erklärte Hütter 1991 im deutschen Musikmagazin Spex. Zwölf Jahre danach hat es angesichts einer höchst ausdifferenzierten und enorm produktiven, aber an echten Überraschungen armen Techno-Welt den Anschein, als gehörte diese "richtige, kreative Phase" schon wieder der Vergangenheit an.
"Es wird immer weitergehen, Musik als Träger von Ideen. Musique non stop - Techno Pop", sangen Kraftwerk vor 17 Jahren. Wie Hütter wohl heute darüber denkt? Im Interview mit dem australischen Radiosender Triple J spricht er über aktuelle Einflüsse - und klingt, als hätte man ihn aus vergangenen Identitäten seiner selbst gesampelt: "Wir hören überall Musik - wir hören den Sound unserer Umgebung, wir hören Flugzeuge, wir hören Autos, wir hören die Städte, wir gehen in Clubs, sind auf Festivals. Somit nehmen wir von überall her Vibes auf. Unsere Ohren sind Mikrofone.

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August 2003 © FALTER
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