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"Wozu führt die Grenze?"
FILM Nach Erfolgen wie "23" und "Crazy" drehte Hans-Christian Schmid mit "Lichter" einen Film über das Leben an der deutsch-polnischen Grenze. Mit dem "Falter" sprach der deutsche Regisseur über die Recherche im Grenzgebiet, die Arbeit am Drehbuch und die Vorzüge des Episodenfilms. MICHAEL LOEBENSTEIN

Falter 33   Originaltext aus Falter 33/03 vom 13.08.2003

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Der 1965 geborene Autor und Regisseur Hans-Christian Schmid zählt zu den interessantesten Filmemachern im zeitgenössischen deutschen Kino. "Lichter", ein ambitionierter Episodenfilm über die deutsch-polnische Grenze bei Frankfurt an der Oder bzw. Slubice und den Überlebenskampf am Rande der "Wohlstandsfestung" Europa, ist Schmids vierte Spielfilmarbeit fürs Kino. Wie seine bei Kritik und Publikum erfolgreichen Vorgänger "Nach fünf im Urwald", "23" und "Crazy" ist auch "Lichter" in Zusammenarbeit mit dem Co-Autor Michael Gutmann entstanden.

Falter: Sie stammen aus Bayern. Woher rührt Ihr Interesse am deutsch-polnischen Grenzgebiet?
Hans-Christian Schmid: Ich bin vor drei Jahren von München nach Berlin gezogen, weil ich mir die Hauptstadt näher anschauen wollte und auch das Gefühl hatte, dass dort der Ost-West-Konflikt, der für Deutschland in den letzten 15 Jahren seit der Wende kennzeichnend ist, sehr viel deutlicher zutage tritt. Dann gab es verschiedene Auslöser, den Film zu machen: ein Zeitungsartikel über eine Flüchtlingsgruppe; eine erste, mehr oder weniger zufällige Fahrt nach Frankfurt an der Oder; diese Brücke dort über den Fluss, die die Menschen sowohl trennt als auch verbindet - ich hatte das Gefühl, das ist so ein Ort, an dem Geschichten passieren können. Das war übrigens auch das erste Mal, dass Michael Gutmann und ich beim Schreiben von einem Ort ausgegangen sind.

Könnte dieser Grenzstein nicht auch an jeder beliebigen Schengen-Grenze stehen? Gerade in Anbetracht dessen, dass es diese spezielle Grenze Deutschland-Polen in einem Jahr schon nicht mehr geben wird?
Wir haben uns sicher nicht gesagt, wir fahren jetzt da hin, um eine Situation festzuhalten, die es ein Jahr später nicht mehr geben wird. Das war nie der Grund. Ich hatte länger schon daran gedacht, etwas über eine Grenze zu machen, fand es in letzter Zeit auch auffällig, wie die EU schleichend angefangen hat, sich nach außen hin abzuschotten. Ganz augenfällig wird so etwas natürlich in Frankfurt an der Oder und Slubice. Nur, wenn man da mit einer These kommt und sagt: "Ich zeige jetzt exemplarisch, wie sich ein Land abschottet", dann ist die Gefahr groß, dass die Figuren hohl werden oder der Film didaktisch wird.

"Lichter" erzählt eine Menge unterschiedlicher Geschichten, stellt ein ganzes Ensemble handelnder Personen vor. Wie wichtig war die Recherche in Frankfurt und Slubice, haben Sie konkrete Milieus, Personen, Geschichten vor Ort gefunden?
Wir waren bestimmt zwei bis drei Wochen lang immer wieder dort und haben bis zu einem bestimmten Punkt versucht, Leute kennen zu lernen. Aber dann haben wir uns beide sehr bewusst dafür entschieden, die Geschichten, die man letztlich im Film sieht, zu erfinden.

Warum das?
Es kann einen auch einschränken, wenn man versucht, alles durch Recherche zu belegen. Aber andererseits wäre es für mich schwer möglich, eine Geschichte zu schreiben und so gar nichts über eine Stadt, eine Gesellschaft zu wissen. Wir haben zum Beispiel eine Dolmetscherin, die für den deutschen Grenzschutz arbeitet, getroffen, und die hat uns erzählt, dass es für sie manchmal sehr schlimm ist: Sie setzt sich ins Auto, auf dem Weg nach Berlin, und fängt zu heulen an. Das reicht dann als Auslöser, um so etwas weiterzuspinnen. "Wozu führt so eine Grenze?" - diese Frage haben wir uns sehr häufig gestellt. Wozu führt es, wenn eine polnische Lehrerin, mit der wir uns unterhalten haben, für einen Monat Unterrichten genauso viel verdient wie für zwei Tage Putzen in Berlin? Das bedeutet ja was! Dieses Wohlstandsgefälle führt zu moralischen Verwerfungen, und an diesen einzelnen Beispielen im Film kann man beobachten, wie die Menschen damit umgehen. Wie etwa dieser Taxifahrer versucht, sauber zu bleiben, und es am Schluss dann doch nicht schafft, oder wie jemand, dem es schlecht geht, jemanden, dem es noch schlechter geht, etwas wegnimmt. Das sind, glaub ich, alles Folgen dieser eigenartigen Konstellation dort.

Wie funktioniert es, wenn man zu zweit schreibt? Erfindet der eine die Figuren, der andere baut dann Konstellationen dazwischen?
Bei Michael und mir ist es immer so, dass wir, wenn einer eine Idee hat, mal eine Woche oder zwei nur reden. Ob das vor oder nach der Recherche ist, ist nicht so entscheidend, und wir versuchen dabei gar nicht, so analytisch zu sein, sondern richtig rumzuspinnen und uns Notizen zu machen. Bei "Lichter" kam dann so etwas wie der Abgleich mit der Wirklichkeit dazu. Wir sind nach Frankfurt an der Oder gefahren, haben Leute interviewt und recherchiert. Dann kamen langsam die Geschichten. Während der ersten drei, vier Monate hatten wir zehn oder zwölf Episoden, die erstmal alle für sich standen. Und dann merkt man im Lauf der Zeit, welche davon man in die Schublade legt und nie wieder dran denkt und welche dann doch immer wieder kommen und beweisen, dass sie erzählt werden sollen. Diese Episoden haben wir ausgeschrieben.

Wie haben Sie das dann verknüpft?
Das war ein bisschen so wie das Arbeiten mit einem Zettelkasten oder wie ein Mosaik auslegen mit farbigen Kärtchen. Wir haben etwa gesagt, "hier ist eine Möglichkeit zur Verzahnung, jetzt kann die Frau von dem Taxifahrer die Angestellte von Ingo aus diesem Laden sein". Im Schneideraum wurde dann noch ein bisschen umgestellt, aber im Wesentlichen wars so.

Eine Gefahr, der sich "Lichter" aussetzt, ist das "Episodenfilm-Syndrom": dass der Film am Ende ganz viele Geschichten zusammenführt - und dabei erst recht auf so etwas wie eine These zuspitzt.
Ich glaube, dass das nicht nur bei einem Episodenfilm eine Gefahr ist, sondern überhaupt beim Drehbuchschreiben. Michael Gutmann und ich machen uns manchmal das Leben schwer mit langen E-Mails, in denen wir letztlich hinterfragen und testen, ob eine Figur eher einer Idee dient oder ob sie eine Eigenständigkeit entwickelt, die die Menschen auch im wirklichen Leben an den Tag legen.

Und was hat Sie in diesem Fall am Genre des Episodenfilms gereizt?
Beim Episodenfilm finde ich sehr reizvoll, dass man nicht auf eine Zuspitzung oder auf ein Ende festgelegt ist, sondern dass die Episoden durchaus verschieden enden können. Und dass man da auch zu einem Ende kommt, das vielleicht als Ganzes eine bestimmte Stimmung hat, aber doch ausgewogener, differenzierter ist.

Bei Ihren Filmen fällt immer schon auf, dass sie nicht alles zu Tode erklären. Die Protagonisten behalten stets einen Rest Geheimnis.
Das ist eine bewusste Entscheidung, die natürlich schon beim Schreiben fällt, das macht man nicht im Nachhinein. Zu viele Erklärungen nehmen das Geheimnis, und wenn man zu wenig erklärt, findet sich der Zuschauer nicht mehr zurecht. Das ist ein schmaler Grat. Besonders beim Episodenfilm fand ich die Herausforderung groß, weil man für jede der Hauptfiguren weniger Zeit hat. Mit wie wenig Pinselstrichen kann ich beispielsweise ein Porträt von Sonja zeichnen? Es gab in der frühen Buchfassung einen ganzen Tag mit Sonja - die lebt in Berlin, dolmetscht für eine Reisegruppe, ist nachmittags mit ihrem Freund auf einen Kaffee, dann muss sie abends losfahren. Der spätest mögliche Zeitpunkt, in die Szene einzusteigen, war dann für uns, wo sie dolmetscht, nachts. Da denkt man die halbe Szene lang, dass es um Kolja, den ukrainischen Flüchtling geht, der offenbar festgenommen wurde. Aber man merkt danach, dass die Kamera mit Sonja auf den Parkplatz mitgeht. Das fand ich sehr reizvoll: Wie weit kann man gehen, bevor der Zuschauer sauer wird und nicht mehr weiß, was los ist?

Eine der ungewöhnlichsten Geschichten ist die von Ingo, dem deutschen Matratzenhändler. Wie sind sie auf diesen Charakter gekommen?
Auch er ist eine komplett erfundene Figur. Einer der ersten Eindrücke in Frankfurt an der Oder war, dass da viele Häuser und Läden leer stehen. Letztlich ist es eine Illusion der Leute aus dem Osten zu glauben, im Westen sei alles sehr viel besser. Wir hatten das Gefühl, dass den Menschen im Osten des Westens nicht mal mehr diese Illusion bleibt, denn sie sind im Westen, merken aber, dass es hier trotzdem nicht läuft. Frankfurt an der Oder ist eine Stadt, die seit der Wende pro Jahr 2000 Einwohner verliert. So kamen wir auf die Idee von einem verzweifelt kämpfenden Geschäftsmann, der nicht erkennen will, dass es eigentlich vorbei ist, der einen Tunnelblick aufsetzt, blind ist für die persönliche Perspektive, die sich ihm bietet. Wir haben irgendwann diskutiert, was dieser Geschäftsmann eigentlich verkaufen könnte. Das mit den Matratzen hat uns dann gefallen, und dann kam der Spruch von den "Matratzen-Arbeitslosen", die ja auch schlafen müssten.

Wie schwierig ist es, einen Film wie "Lichter", der kein Klamauk ist und in dem über weite Strecken polnisch oder ukrainisch gesprochen wird, in Deutschland ins Kino zu bringen?
Die Produzenten Jakob Claussen, Thomas Wöbke und ich, wir hatten schon mal so eine Situation. Bei "23" sagte man uns, dass die Idee nicht wirklich sexy sei, einen Film ins Kino zu bringen, der in Hannover spielt, der wahrscheinlich hässlichsten deutschen Stadt, der Mitte der Achtziger spielt, zu einer Zeit, wo wir froh sind, dass wir sie hinter uns haben, und der von blassen und pickeligen Jungs handelt. "Lichter" hat 2,2 Millionen Euro gekostet, das ist nicht viel. Das Team hat für zwei Drittel der Gage gearbeitet, weil wir schon wissen, dass es fraglich ist, wie viele Zuschauer man in so einen Film bekommen kann. Wahrscheinlich nicht so viele, weil es ein Arthouse-Film mit nur fünfzig Kopien ist. Die Überlegung war also eher, wie man es schafft, einen Film zu machen, der nicht irgendwann 500.000 Zuschauer haben muss, um wirtschaftlich okay zu sein. Aber letztendlich ist es der eigene Erzählwunsch, der im Vordergrund stehen muss, und man kann hoffen, dass das irgendwelche Leute genauso sehen und sich dafür interessieren. Es ist eigentlich einfach: Man versucht ein Kino zu machen, das man selber mag oder das dem entspricht, was man sich vom europäischen oder deutschen Kino erwartet.

Ist der Film in Slubice schon gezeigt worden?
Nein, das steht nächste Woche bevor. Da gibt es ein kleines Kino, das tagsüber ein Obstladen ist, und dort wird er laufen.

Ab 15.8. in Filmcasino und UCI Millennium.

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