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High Noon im Park
PARK Wer in den Stadtpark kommt, ist auf der Suche nach Strauß, Kinderspaß, einem ruhigen Plätzchen zum Kuscheln oder Erholung. Oder nach Drogen. Seit bei einem Polizeieinsatz ein Mann ums Leben kam, sind die Parkbesucher verunsichert. Ist der Stadtpark ein "Park der Angst"? CHRISTOPHER WURMDOBLER (Text) und HERIBERT CORN (Fotos)

Falter 33   Originaltext aus Falter 33/03 vom 13.08.2003

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Die pure Idylle am Morgen: Vögel plärren wie blöd, Männer und Frauen in Grün fahren emsig mit ihren Minitraktoren und E-Mobilen umher. Mistkübel werden geleert, Bewässerungsanlangen aufgebaut, deren rythmisches Geräusch alsbald einsetzt: "Tacktacktack" tönt es monoton und irgendwie beruhigend. Solange die Rasensprenger singen, ist die Welt in Ordnung im Stadtpark, Wiens ältester und schönster Gartenanlage. Gepflegte Blumenrabatten, saftig grüne Bäume. Joggende Frühaufsteher, Wiener und sportliche Gäste eleganter Ringstraßen-Hotels. Erste Touristen auf der Suche nach Strauß dem Sohn. Doch die morgendliche Idylle ist trügerisch, der Park hat auch seine düsteren Seiten. Es heißt, dass Dealer und Taschendiebe hier nicht Ruhe und Erholung suchen.
Sie würde immer wieder weggeworfene leere Geldbörsel finden, bestätigt eine Gärtnerin. Wenn frisch gesetzte Pflanzen nicht richtig wachsen wollen, hat womöglich jemand dort "etwas versteckt" - und vergessen. Manchmal werde ihr und ihren Kollegen sogar Drogen angeboten, erzählt die Frau. Aber das sei halb so schlimm, sie könne sich wehren, schließlich käme sie aus dem Burgenland.
Der Stadtpark war die erste Parkanlage, die von der Stadt Wien gestaltet wurde. 1862 errichtete man den Park nach der Schleifung der Befestigungsanlagen für die Ringstraße auf dem ehemaligen Wasserglacis und im Stil eines englischen Landschaftsgartens. Tiefe Räume, beeindruckende Baumkulissen, geschwungene Wegen und gepflegte Rasenflächen waren vor 140 Jahren topmodisch. 1863 wurde der Stadtpark südlich des Wienflusses um den so genannten Kinderpark erweitert - Erwachsene und Kinder "parkten" damals nicht gemeinsam. Brücken und Stege verbinden die beiden Teile des Stadtparks. Bis auf Schäden an Bäumen, die während des Zweiten Weltkriegs entstanden sind, präsentiert sich der Stadtpark in seinem historischen Zustand, der Kinderpark wurde in den 1950er-Jahren umgestaltet, später großflächig asphaltiert, vor zwanzig Jahren wurde ein vorhandenes Planschbecken zugeschüttet. Auch um den Kursalon Hübner wurde der Park mehrfach umgestaltet. Die Jugendstil-Bebauung am Wienfluss mit Flussportal und Uferpromenaden soll bis Mai 2006 wieder zugänglich sein, derzeit wird sie aufwendig restauriert. Historisch korrekt, versteht sich. Auch wenn die ursprünglichen Pläne mit Wasser speienden Elefanten und Wasserfällen über der Wien heute wie vor hundert Jahren aus Kostengründen entfallen.
"Der Stadtpark ist ein typischer Promenierpark", erklärt Paul Schiller, Chef des Stadtgartenamts. Von seinem Büro in der Villa am Heumarkt kann er die Wipfel der alten Bäume sehen. Einst machte sich das Bürgertum für den Parkbesuch schön, spazierte die verschlungenen Wege auf und ab und erbaute sich an den sich immer wieder neu eröffnenden Anblicken und kulissenhaften Szenarien. "Heute muss ein Park ganz andere Anforderungen erfüllen", sagt Schiller. Parkbesucher wollen heute direkte Wege und keine Schnörkelstrecken. Wären die weitläufigen Rasenflächen nicht von Hunderten Parkbänken - Modell "Old Vienna" - quasi eingezäunt, wer weiß, ob sich nicht auch im gepflegten Stadtpark die Diktatur des Trampelpfades durchsetzen würde. Hier ist nämlich Grünflächenbetreten verboten, genauso wie Hundemitbringen. Der Rasen ist nur Schaugrün.
Die Stadt verschwindet hinter den hohen Bäumen, Fassaden sind durch den Blätterwald fast nicht mehr zu erkennen. Die Verkehrshölle am Ring und am Heumarkt wird von raschelndem Laub gefiltert. Ebenso der Schadstoffausstoß der Fahrzeuge.

Zweimal am Tag geht die Blumenuhr vor dem Kursalon sekundengenau. Mittags und um Mitternacht. Die riesigen Zeiger auf dem Geranienhügel stehen fix auf Punkt zwölf. Immer High Noon. Mittags kommen die Touristengruppen: Japaner, Italiener, Deutsche oder Amerikaner mit Rucksack, Jause und Wasserflaschen. Sie haben nur einen im Sinn: Johann Strauß. Die goldene Skulptur des Walzergeigers zählt zu den meistfotografierten Denkmälern der Stadt, ist ein touristisches Must. Dabei können die wenigsten einen Straußwalzer überhaupt singen. Immerhin wird manchmal vor dem Strauß-Denkmal gewalzert - auch ganz ohne Musik.
Der Stadtpark ist voller Denkmäler: Maler, Dichter, Komponisten. Die Skulptur von Donald Judd, ein Geschenk des MAK, dient mit ihren sechs Segeln seltener als Fotomotiv. Und in der Asphaltwüste des Kinderparks wird gehüpft und nicht Walzer getanzt. Meistens. In der prallen Sonne läuft das Trampolingeschäft nicht so gut, dafür klettern Rasselbanden abends heimlich durch den Zaun und hopsen umsonst. "Der Kinderpark gehört umgestaltet", findet Paul Schiller. Allerdings müsste eine neue Kindergartenlandschaft erst finanziert werden. Die vorhandenen Käfige für Skater oder Beachvolleyballer sind zwar zeitgemäß, aber halt nicht gerade schön. Immerhin habe man bereits in einen Gatschplatz für kleine Wasserratten investiert.
"Der Stadtpark ist eine historische Anlage, die es zu bewahren gilt", sagt Sepp Kratochwill, Landschaftsarchitekt und Autor eines beachtenswerten Buches über Wiens Gärten (1). "So ein historischer Park kann sehr erholsam sein und gleichzeitig ungeheure Kreativität hervorrufen." Für Kratochwill ist der Park am Ring in seiner Ganzheit eigentlich perfekt, selbst wenn er heutigen Ansprüchen ganz und gar nicht entspricht. Was ihn stört, ist der große Teich im Zentrum der Anlage: "Diese Dreckslacke ist schlichtweg ein Skandal. Wieso schafft man es nicht, da ein sauberes Wasser drinzuhaben?" In einem sauberen Teich könnte man sogar Kinder planschen lassen, aber: "Die Stadt Wien hat sowieso ein eher unreines Verhältnis zu ihren Brunnenanlagen." So ein Teich wäre sicher auch ein Magnet für den Park - selbst wenn der das ja nicht nötig habe.
Pyramidenpappel, Bergahorn, Japanischer Schnurbaum, Scheinakazie, Blauglockenbaum, Winterlinde, Kaukasische Flügelnuss oder gemeine Rosskastanie: Einige der unzähligen Stadtparkbäume stehen sogar unter Naturschutz. Die Ziersträucher sind abgestimmt auf eine fast ganzjährige Blüte. Die Artenvielfalt sei ein großes Plus, obgleich viele Bäume ein fürs Stadtleben schon beachtliches Alter hätten, meint Kratochwill. "Wie wir Menschen stehen auch Bäume in der Stadt unter erhöhtem Stress, bei Stadtbäumen entfällt eine ganze Baumgeneration." Der Landschaftsplaner versteht auch die Aufregung nicht, die es dieses Frühjahr gab. Wegen Bauarbeiten für einen Entlastungskanal sollten siebzig alte Stadtparkbäume gerodet werden. "Die meisten hätten ohnehin bald ersetzt werden müssen." Jedenfalls starten diesen Herbst die Bauarbeiten - ohne "Baummord". Statt ursprünglich siebzig sollen jetzt nur neun Bäume gefällt werden, 13 weitere werden umgetopft, gebaut wird nämlich nun weitgehend unterirdisch, wie Umweltstadträtin Isabella Kossina bei der Präsentation des "neuen Stadtpark-Pakets" verkündete.

Nacht. Die Blumenuhr geht wieder richtig und zeigt Mitternacht. Von der Terrasse des Kursalons tönen Ambient-Klänge. Partyvolk vergnügt sich an den Tischen. Der Park hat zwei Gesichter, das beschauliche am Tag und das unheimliche in der Dunkelheit. Das Publikum ändert sich mit Einbruch der Nacht. In warmen Sommernächten mischen sich das abgeflaute Rauschen des Verkehrs, die Klänge von der Hübner-Terrasse und vom Afrika-Kulturdorf, das derzeit im Kinderpark aufgebaut ist. Hinzu kommt das Zirpen der Zikaden, manchmal schallt ein "Zugfährtab" aus der offenen U-Bahn-Station. Ist die letzte U4 abgefahren, sind die Musikanlagen ausgeschaltet, wird der Park leicht gespenstisch. Wer kommt einem da entgegen? Was ist das für ein Schatten? Bewegt sich hier etwas? Welche dunklen Geschäfte werden dort drüben abgewickelt?
Zeitungen schreiben von Trickdiebbanden aus Rumänien, die im Stadtpark Touristen reinlegen. Oder von Kindern, von Dealern als Drogenkuriere missbraucht. Tatsächlich ist der Park aber für einen Großstadtpark harmlos. Während anderswo in der Stadt harte Drogen gedealt und konsumiert würden, habe sich im Stadtpark in den vergangenen zehn Jahren eine kleine Szene entwickelt, die vor allem Haschisch und Alkohol konsumiere, erzählt Alexander David, städtischer Drogenbeauftragter. Im Rondeau hinter dem Strauß-Denkmal treffen sich ab dem Nachmittag Menschen, die teilweise schon seit Jahren Teil der Kifferszene sind. Sie sind in den Siebzigerjahren vom Volksgarten in den Burggarten übersiedelt und dann im Stadtpark gelandet. "Die Situation im Stadtpark ist sehr entspannt", berichtet der Drogenbeauftragte. Er durchquert den Park auf dem Weg in sein Büro täglich. "Heikel würde es erst, wenn die verschiedenen Szenen Berührungspunkte hätten."
Selbst wenn im Park der Handel mit harten Drogen, Heroin oder Kokain, die Ausnahme ist, sind viele Besucher verunsichert. Vor allem nachts. Die unübersichtliche Anordnung der Bäume und Sträucher, die gewundenen Pfade, die ja stets neue Überraschungen bringen sollen, fördern die Unsicherheit. Während neue Parks nach amerikanischem Vorbild so bepflanzt werden, dass Polizisten in Streifenwagen die Anlage über- und durchschauen können, gleicht der nächtliche Stadtpark einem Dschungel. Stadtgartendirektor Schiller gibt zu, dass ihm unlängst ein nächtlicher Spaziergang auf dem Weg vom Kino zum Auto durch den Park selbst "etwas seltsam zumute" gewesen sei. Die Idee, in dem denkmalgeschützten Park Büsche und Bäume niederzureißen, um die Anlage kontrollierbarer zu machen, ist für ihn jedoch abwegig.
"Dunkle Ecken sind für Liebespaare schön", sagt Parkchef Schiller, "aber über die Lichtsituation im Stadtpark muss man nachdenken." Die Ausleuchtung zu überdenken, empfiehlt auch Landschaftsarchitekt Kratochwill den Stadtgärtnern. Denn wäre das Lichtkonzept für die Anlage dichter, würden sich viele Sicherheitsprobleme ganz von selbst erledigen. Den Park einzuzäunen - was historisch richtig wäre, denn bis 1963 gabs eine eiserne Umfriedung - ist für Schiller nur aus gestalterischen Gründen eine Alternative. Finanzierbar wäre so ein Zaun sowieso nicht. Nachts den Park zuzusperren, käme jedoch nicht in Frage, selbst wenn der Vandalismus vor allem nachts stattfindet. "Heute haben wir an einen Park andere Ansprüche als vor 140 Jahren."
Mistkübel, die nach einem langen Tag überquellen, zeigen: Der Stadtpark ist beliebt und hoch frequentiert. Am nächsten Morgen kommen wieder die Gärtnerkolonnen, sorgen für Ordnung, hegen und pflegen. Männer und Frauen in Grün verlegen wieder die gelben Schläuche der Rasensprenger, wieder tönt es monoton "tacktacktack". Die Blumenuhr vor dem Kursalon zeigt zwölf Uhr. Zweimal am Tag geht sie richtig.

(1) Sepp Kratochwill: Wiener Stadtlandschaften - ein Plädoyer für Lebensqualität. Wien 1999 (Österr. Kunst- u. Kulturverlag). 144 S., E 36,20

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