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ÖVP  Erst klopfte Benita Ferrero-Waldner Brüssel weich, zuletzt noch die Israelis. Für den Kanzler macht das die Außenministerin noch immer nicht zur perfekten Hofburg-Kandidatin. Aus guten Gründen? GERALD JOHN und NINA WEISSENSTEINER

Falter 34   Originaltext aus Falter 34/03 vom 20.08.2003

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Die Kostüme, stets perfekt gebügelt, hängen in Reih und Glied. An jeden Kleiderbügel ist ein Plastiksäckchen geheftet. Darin sind die Accessoires verwahrt, passend zu Farbe und Stoff: Ohrringe, Halskette, Haarspange. Auch ein spezielles Paar Schuhe ist zu jedem Kleid vorgesehen. Ein Griff in ihren Kasten, und schon hält Benita Ferrero-Waldner das passende Ensemble in der Hand. So erzählt man es sich zumindest im Außenministerium, seit die Hausherrin einer Mitarbeiterin einmal Einblick in ihren heiligen Gral gewährte.
Am liebsten fischt Ferrero-Waldner knallige Kombinationen hervor. "Kräftige Farben" gäben dem Alltag "etwas Buntheit", schreibt sie in ihrer Autobiografie (erschienen im Holzhausen-Verlag). Ihre Lieblingsfarbe - "dies möge", bekennt die Außenministerin, "etwas ungewöhnlich sein" - ist Türkis. Obwohl ihr auch Weiß recht gut stehe. Und natürlich Schwarz. "In feierlicheren Momenten fühle ich mich in Schwarz am wohlsten", sagt sie.
Wenn alles so läuft, wie sich Ferrero-Waldner das vorstellt, kann sie sich fürs nächste Jahr schon ein schwarzes Teil zurechtlegen. Laut einer Umfrage des Linzer Institutes market glauben 57 Prozent der Befragten, dass die Außenministerin als Bundespräsidentin eine "gute Figur" machen würde. Ihre potenziellen Konkurrenten lässt die 55-Jährige damit weit hinter sich. Seit Ferrero-Waldner in Jerusalem die Beseitigung des letzten Relikts aus der Sanktionszeit verkünden konnte, bekommt sie für ihre Performance auch Beifall von ungewohnter Seite. "She always tried to make me feel at home", lobt der israelische Geschäftsträger Avraham Toledo die ÖVP-Ministerin in höchsten Tönen: "She's a pretty woman. It's nice, when a person is smiling." Demnächst wollen die Israelis, die wegen der schwarz-blauen Koalition die bilateralen Beziehungen auf ein Minimum heruntergeschraubt haben, wieder einen Botschafter nach Wien schicken.
Bald nach ihrer Angelobung im Februar 2000 war Ferrero-Waldner das Liebkind der Österreicher. In den ersten Monaten strahlte die "Botschafterin der Herzen" (ÖVP-Diktion) sämtliche europäische Staatschefs und Amtskollegen unbeirrt an, obwohl diese ihr weder die Hand schütteln noch gemeinsam für ein Foto posieren wollten. Zu Hause war dafür die breite Masse überzeugt, dass ihre Methoden dazu beitragen würden, die Sanktionen bald zu mildern. Angesichts dieser Werte wurden die Roten gelb vor Neid. Ferrero-Waldner stand deshalb ganz oben auf einer geheimen SPÖ-Liste jener Personen, die von der Oppositionspartei entweder "nachhaltig politisch zu desavouieren" oder "positiv zu vereinnahmen" seien.
Dabei goss Ferrero-Waldner, während sie unentwegt lächelte, immer wieder Öl ins Feuer. Den EU-Vierzehn drohte die studierte Juristin Klagen an, sollten Österreichs Rechte durch das akkordierte Mobbing verletzt werden. Bei ihrer Ochsentour durch Europa, mit der sie das Land rehabilitieren wollte, trat die Bürgerliche gemeinsam mit Europas härtester Erweiterungsgegnerin, der britischen Ex-Premierministerin Margaret Thatcher, auf - eine Provokation für die EU-14. Noch dazu ließ sich Ferrero-Waldner dabei von derselben Agentur beraten, mit der einst der chilenische Diktator Augusto Pinochet sein Image aufpolieren wollte. Dann griff Ferrero-Waldner sogar zur Veto-Keule: Sie warnte vor einer Verzögerung der Reform der EU-Institutionen, weil der Druck der verärgerten Bevölkerung wachsen könnte. Vom Außenamt wurden indessen ihre Botschafter mit einem seltsamen Papier für schwierige Empfänge instruiert. Auf Nazi-Vorwürfe, hieß es darin, sollten die Gesandten entgegnen, dass Österreich "das erste Land" gewesen sei, "das der Angriffspolitik Hitlers zum Opfer fiel". Eine Geschichtsbild, das spätestens seit Ende der Achtzigerjahre als maßlose Untertreibung gilt.
"Wer zuletzt lächelt, hat sich durchgesetzt", schreibt die Außenministerin in ihrem Buch. Auf gut 300 Seiten schildert Ferrero-Waldner ihren Aufstieg. Nach dem Jusstudium heuerte die Salzburger Dentisten-Tochter als Exportleiterin bei einer deutschen Firma an, ehe sie 1984 in die Diplomatie wechselte. Ihre Stationen: Die Botschaft in Madrid, dann Dakar, schließlich Paris. 1994 wurde sie Protokollchefin des damaligen UN-Generalsekretärs Boutros Boutros-Ghali, ein Jahr später holte sie Vizekanzler Schüssel als Staatssekretärin ins Kabinett von Franz Vranitzky. Was dann folgte, erzählt sie in ihren Memoiren streng nach schwarzem Protokoll. Ausgedehnte Huldigungen an Kanzler Wolfgang Schüssel dürfen da nicht fehlen, schließlich ist der ja nicht nur ein "sehr gefestigter Mensch", "ausgezeichneter Zuhörer mit einer großen Beobachtungsgabe" und "Manager", der an "Lösungsmöglichkeiten im Hintergrund" arbeitet, sondern auch "ein begnadeter Hobbymusiker und hervorragender Zeichner und Karikaturist". Dafür kommt der Koalitionspartner, diese hässliche FPÖ, so gut wie nicht vor, schon gar nicht im Kapitel über die Sanktionen und den Weisenbericht. Dass die Blauen für beides der Auslöser waren, verschweigt Ferrero-Waldner genauso wie ihren Besuch bei Thatcher. Und in den berühmten Tunnel sei die Regierung nach der Angelobung nur sehr widerwillig geflüchtet. "Persönlich hatte ich das Verlangen, auf den Ballhausplatz hinauszugehen und mit den dort versammelten Menschen zu diskutieren", schreibt Ferrero-Waldner, aber die Polizei war dagegen. So ein Pech.

Auch andere Marksteine in ihrer Biografie unterschlägt sie. Vor allem jene Anlässe, bei denen sie ins Fettnäpfchen tappte - und das waren nicht wenige. Bei einem ihrer ersten Auftritte als Staatssekretärin in Brüssel las Ferrero-Waldner versehentlich einen streng vertraulichen Vermerk vom Blatt: Vor versammelter Presse gab sie bekannt, dass die EU mit der albanischen UÇK Kontakte pflegte. Später, schon als Außenministerin, verkündete sie nach einem Besuch bei US-Außenminister Colin Powell, dass das State Department gerade prüfe, Kurt Waldheim von der Watchlist zu streichen. Eine Falschmeldung, die Powell erzürnt dementierte. Als ganz Europa entsetzt die Hände überm Kopf zusammenschlug, weil Silvio Berlusconi in Italien die Wahlen gewonnen hatte, gratulierte Ferrero-Waldner dem neuen Premier: "Er ist jemand, der keinen Zweifel über Europa aufkommen lässt." Peinlich für die Außenministerin auch die Affäre um einen UNO-Polizisten im Kosovo, dem Folter albanischer Gefangener vorgeworfen wurde: Nachdem die UNO Österreich gerügt hatte, weil der Verdächtige in einer Nacht- und Nebelaktion in seine Heimat verfrachtet wurde, drohte Österreichs zuständiger Botschafter mit dem Abzug sämtlicher heimischer Blauhelme. Ferrero-Waldner wies die Vorwürfe wortreich zurück - und flog auf. Denn Tags darauf publizierten die Medien den Drohbrief ihres Diplomaten.
Seit Ferrero-Waldner von der Partei ernsthaft als Kandidatin für den Posten des Staatsoberhaupts gehandelt wird, scheint sie in immer kürzeren Abständen übers internationale Parkett zu stolpern. Im Frühjahr jettete sie zu UN-Generalsekretär Kofi Annan nach New York, um ihm die Kronen Zeitung zu präsentieren. Das gab schöne Bilder für das mächtige Blatt, aber auch diplomatisches Naserümpfen. Kurz darauf brachte Ferrero-Waldner den deutschen Innenminister Otto Schily auf die Palme. Trotz Absprache, aus Sicherheitsgründen keine Details aus der Fahndung nach den entführten Algerien-Urlaubern auszuplaudern, erklärte sie den Medien, die Verschollenen hätten eine Nachricht hinterlassen. Beim EU-Gipfel in Porto Karras im Juni unterstützte sie dann die Idee des britischen Premiers Tony Blair, außerhalb der EU Flüchtlingscamps für Asylwerber einzurichten. Wörtlich sprach die Außenministerin von "Anhaltelagern". Blöderweise hatten einst die Austrofaschisten ihre Gegner in gleichnamige Quartiere gesperrt.
"Sobald nicht alles nach einem vorgefertigten Manuskript abläuft, passieren ihr schwere Fehler", urteilt ein hoher Diplomat, der nicht genannt werden will. Selbst Parteifreunde erklären die patscherten Auftritte damit, dass Ferrero-Waldner zwar äußerst fleißig, diszipliniert und in Protokollfragen bisweilen pedantisch sei, politisch aber eben unbedarft. Ein Mitarbeiter im Außenministerium erzählt: "Wenn ihr für öffentliche Auftritte Spickzettel mit Informationen vorbereitet werden, ist ihre einzige Vorgabe, dass sie in ihr Handtaschl passen müssen."

Halst sich die ÖVP mit der Kandidatin Ferrero-Waldner nicht ein unkalkulierbares Risiko auf? Manche Schwarzen sehen ihre mangelnde Krisenfestigkeit gelassen. "Bei welchem Anlass kann sie als Präsidentin schon die Nerven wegschmeißen?", fragt einer: "Bei Kaffee und Gugelhupf in der Hofburg?" Andere Parteikollegen hingegen hat Ferrero-Waldner mit ihrer Schusseligkeit schon gegen sich aufgebracht. Innenminister Ernst Strasser stieß sie vor den Kopf, als sie fröhlich hinausposaunte, im Falle eines UNO-Beschlusses österreichische Polizisten und Blauhelme in den Irak zu schicken. Mit ihrem für die Polizei zuständigen Regierungskollegen Strasser war dieser Vorstoß nicht abgesprochen. Den kapitalsten Fehltritt leistete sich Ferrero-Waldner aber, als die so genannte Volxtheater-Karawane nach dem G8-Gipfel im Juli 2001 in Italien eingesperrt worden war. Gegenüber den italienischen Behörden vernaderte sie die unbescholtenen Aktivisten als "polizeilich einschlägig vorgemerkte" Rowdys. Später schob sie die Entgleisung auf "dubiose Daten" aus Strassers Ministerium.
Strasser ist in der Regierung natürlich auch Verbindungsmann zu Erwin Pröll, einem anderen Hofburg-Anwärter. Ferrero-Freunde bezichtigen den Pröll-Adlaten deshalb der Intrige - etwa vergangene Woche in der Kleinen Zeitung: Dort gab Strasser ein Interview zu allen möglichen Themen, nur nicht zur Präsidentenwahl. Zwei Seiten davor zitiert derselbe Autor der "Kleinen" aber einen schwarzen "Gewährsmann", der über Ferreros Gier auf Klestils Nachfolge ätzt.
Mit dem Bundespräsidenten, der sich nicht einmal ihren Vornamen merken will und sie bei den letzten beiden Angelobungen als "Benito" ansprach, liegt Ferrero-Waldner natürlich auch im Clinch. Das spräche in der ÖVP eigentlich für sie - wenn der eitlen Außenministerin nicht zuzutrauen wäre, dass sie sich in Amt und Würden ähnlich kapriziös wie der aktuelle UHBP aufführt. Seit Ferrero-Waldner bei einem gemeinsamen Besuch in der Ukraine an einem - so hat sie es wohl empfunden - Katzentisch Platz nehmen musste, versucht sie, ihren Rivalen bei Auslandsreisen auszustechen. So wundern sich Staatschefs fremder Länder, dass sie binnen kurzer Zeit immer Besuch von gleich zwei Würdenträgern der Republik empfangen müssen. Waren die Außenministerin oder der Kanzler da, klopft auch der Bundespräsident bald an. Und umgekehrt. Selbst die Krone, die Regierungspolitiker in der Fremde üblicherweise verteidigt, titelte schon: "Klestil, Schüssel, Ferrero: So blamieren sie uns im Ausland."
Dabei geht es nicht nur um eine Fehde mit dem Präsidenten persönlich. Dessen ehrgeizige Gemahlin Margot Löffler ist eine langjährige Rivalin Ferrero-Waldners - und sitzt obendrein an einer Schaltstelle im Außenamt. Wegbegleiter Ferrero-Waldners erklären ihren Geltungsdrang aber auch mit Unsicherheit, die sie zu überspielen versuche. Kinkerlitzchen können die Protokollfanatikern in Rage bringen. Bei den Bregenzer Festspielen etwa zickte sie als Staatssekretärin so lange herum, bis sie in der ersten Reihe neben den Ministern sitzen durfte. Eifersuchtsszenen lieferte die jetzt höchste Diplomatin im Staat, die zum Ausgleich Yoga betreibt, aber auch schon auf größeren Bühnen. Die bosnische Hauptstadt Sarajevo besuchte sie justament einen Tag, nachdem der österreichische Spitzendiplomat Wolfgang Petritsch als Hoher Repräsentant der internationalen Gemeinschaft Abschied genommen hatte. Um dem Sozialdemokraten und hoch angesehenen Spitzendiplomaten nicht die Hand schütteln zu müssen, mutmaßen Insider im Ministerium. Im Wahlkampf verlor sie gegenüber ihrem Herausforderer Petritsch sogar die Contenance: Sie warf ihm die "Balkanisierung der Außenpolitik" vor.
"Wolfgang Schüssel sieht in ihr ohnehin immer noch seine Staatssekretärin", bedauert ein ÖVPler, der Ferrero-Waldner durchaus wohlgesonnen ist. Mit heiklen Angelegenheiten betraut der Kanzler nämlich lieber andere. Zum Beispiel sich selbst. In der Transitfrage verhinderte er, dass Ferrero-Waldner ein Kompromissangebot der EU annahm - um dann selbst in den Verhandlungen kläglich zu scheitern. Mit den Verhandlungen zur Causa Temelín betraute Schüssel Landswirtschaftsminister Wilhelm Molterer, obwohl Prag auf seinen Außenminister Jan Kavan setzte. In den EU-Konvent schickte der Kanzler den ehemaligen Wirtschaftsminister Hannes Farnleitner, einen Spezi aus gemeinsamen Wirtschaftsbund-Zeiten. Auch das hatte sich Ferrero-Waldner anders vorgestellt.

Der Koalitionspartner pfuscht ihr sowieso laufend ins Handwerk - etwa als sie versuchte, mit den neuen Beitrittsländern eine "strategische Partnerschaft" innerhalb der EU aufzubauen. "Das ist eine hervorragende Idee, weil Österreich im Gegensatz zu den Beneluxstaaten und den nordischen Ländern keine festen Verbündeten hat", meint der Politologe Anton Pelinka. Doch mit ihren Kampagnen gegen Benes?-Dekrete, Temelín und die Osterweiterung hat die FPÖ das zarte Pflänzchen zertreten, ehe es richtig sprießen konnte. Klug findet Pelinka auch Ferrero-Waldners Zurückhaltung während des Irakkrieges: "Wen hätte die Meinung Österreichs schon interessiert? Eine Stellungnahme hätte im besten Fall nichts geschadet, genützt aber auch nichts." Lob erntet Ferrero-Waldner auch für den Friedensschluss mit Israel. "Das hat sie mit einer Professionalität durchgezogen, die man ihr nicht zugetraut hätte", sagt ein Schwarzer.
Die Opposition sieht das natürlich anders. "Neutralität versteht sie so, dass uns alles nichts angeht", kritisiert der SP-Europaparlamentarier Hannes Swoboda: "Gerade jemand, der Bundespräsident werden will, muss bei Krisen moralische Haltung beweisen." Die außenpolitische Sprecherin Ulrike Lunacek moniert, dass sich Ferrero-Waldner in den Koalitionsverhandlungen mit den Grünen bis zuletzt geweigert habe, die von den Ökos geforderte "Normalisierung der Beziehungen" zu Tel Aviv ins Regierungsprogramm aufzunehmen. "Jetzt erntet ausgerechnet sie die Lorbeeren", ärgert sich Lunacek. Zumindest der grüne Europaabgeordnete Johannes Voggenhuber kann sich nach einer minutenlangen Schimpftirade ("ein in Hellblau und Rosa verpacktes Ressentiment") doch noch zu einem kleinen Kompliment durchringen: "Sie ist sehr höflich und kultiviert", sagt er: "Sie würde niemals jemanden ,eine richtige Sau' nennen."

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