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| "Es waren eh alle da" |
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MUSIK Das Jazzfestival Saalfelden geht heuer zum 25. Mal über die Bühne. Der "Falter" sprach mit dessen künstlerischem Leiter, Gerhard Eder, über Kulturarbeit in der "Provinz", die Konkurrenz zu den Salzburger Festspielen, den Preis von Sonny Rollins und die Angst vor Miles Davis. KLAUS NÜCHTERN |
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Ein bisschen hatscht das Jubiläum. "The 25th anniversary" ist nämlich nicht der 25. Geburtstag: Einmal fiel das Jazzfestival Saalfelden aus, findet also an seinem 26. Geburtstag zum 25. Mal statt. Der künstlerische Leiter, Gerhard Eder, ist von Anfang an dabei und hat das Musikfest zum wichtigsten Jazzfestival Österreichs und zu einem der spannendsten in Europa gemacht. Mit seiner Kapazität von 4000 Zuhörern ist das Zelt "der größte Konzertsaal Österreichs", wobei das Festival mit 75 Prozent einen überaus hohen Eigendeckungsgrad aufweist (Subventionen: 750.000 Euro) und dementsprechend auf ausverkaufte Veranstaltungen mehr oder weniger angewiesen ist. Der 1951 in Saalfelden geborene Eder besuchte in Mödling die HTL (Elektrotechnik) und hat Klarinette und Saxophon gelernt, ohne sich deswegen als "Musiker" bezeichnen zu wollen. Für das Jubiläum stellte er ein besonders schönes Programm zusammen (siehe Kasten). Im Interview gibt er Auskunft über die historische Genese des Festivals, über Erfolge und Misserfolge, Versäumtes und Geleistetes. Falter: Was muss ein Jazzfestival wie Saalfelden heute Ihrer Meinung nach leisten? Gerhard Eder: Es kann bei einem Festival über die Jahre nicht darum gehen, dass ein paar Leute ein Konzert hören. Und wenn es für den Musiker nur noch "ein Gig" ist und er es nicht mehr als bedeutungsvoll empfindet, in Saalfelden aufzutreten, dann habe ich etwas falsch gemacht. Es muss einen Mehrwert geben, nur dann rechtfertigt sich ein Festival in unserer Region. Ist es nun schwieriger oder leichter geworden, ein Jazzfestival zu machen? Sagen wir so: Der Wechsel von der Alternativkultur zu einer gewollten Ernsthaftigkeit hat auch Probleme mit sich gebracht, und die größte Krise hatten wir sicherlich in den Achtzigern, als wir von einem amateurhaften zu einem professionellen Management übergehen mussten. Früher hats halt ein Paar Würsteln gegeben, man ist auf Bierbänken gesessen, und ein Ofen hat vor sich hingebullert und Rauch verbreitet. Ich habe mir gedacht, dass das professionalisiert gehört. Und kann mir jetzt anhören, dass "Urigkeit" und "Gemütlichkeit" verschwunden seien. Wenn jemand das behauptet, frage ich: "Und, das hat dir getaugt, zehn Stunden auf einer Bierbank zu sitzen?" Die Leute waren damals jung und frisch verliebt - da ist es natürlich wurscht, wer spielt, wo man sitzt und was passiert: Der Anspruch ist gleich null, Hauptsache es findet ein Festl statt. Außerdem war es relativ einfach, neben Karajan etwas zu machen, von dem man sagen konnte: Und das ist jetzt ganz was anderes! Sind die Salzburger Festspiele denn etwas, worauf sich Saalfelden bezieht? In meinem Kopf war das immer da. Wir haben eben Alternativkultur zu Karajan, zur Position des konservativen, klassischen Hochkulturdenkens gemacht. Und auch heute ist es für mich wichtig, was die Festspiele im Bereich der zeitgenössischen Musik anbieten. Als es den "Zeitfluss" noch gab, hat man dort Cecil Taylor nach Salzburg geholt - der ist in Saalfelden schon zwanzig Jahre davor aufgetreten. Also müssen wir der Zeit so weit voraus sein, dass die Festspiele sagen: Das machen wir noch nicht. Im Übrigen finde ich es okay, dass die Festspiele die Hotels und Restaurants füllen müssen. Die Auffassung, dass sie immer am Puls der Zeit sein müssten, resultiert ja nur daraus, dass man so tut, als ob die Festspiele global wichtig und für zwei Wochen der kulturelle Nabel der Welt wären. Wenn man die als ganz normale Veranstaltungsreihe betrachtet, muss man diesen Anspruch nicht stellen - Bregenz tuts ja auch nicht. Was uns dennoch fehlt, sind Leadership-Betriebe, die versuchen, das konservative Salzburgbild zu korrigieren. Der Festspiel-Intendant Peter Ruzicka ist ja auch jemand, der dem Modernismus seines Vorgängers (Gérard Mortier, Anm.) entgegensteuert, weil man eben will, dass Thomas Gottschalk und die Gräfin Bumsti wieder zu den Festspielen kommen. Eine der wenigen Grundsatzaussagen von Kulturstadtrat Franz Morak besagt, dass man den Förderungsschwerpunkt von der Großstadt Wien aufs Land verlagern will. Haben Sie etwas davon bemerkt? Nein. Bis jetzt nicht. Ganz im Gegenteil, denn unser Ansuchen, die Kunsthalle Nexus mitzufinanzieren, ist vom Bund abgelehnt worden. Das Jazzfestival Saalfelden hat doch einiges für die Region geleistet? Es hat dazu beigetragen, dass Saalfelden kein Nobody-Ort ist, sondern dass man weiß: Aha, da gibts doch was! Ich glaube auch, dass die Gemeinde das durch den Bau des Nexus honoriert hat. Würde man das Festival für völlig bescheuert halten, hätte es auch keinen Sinn gehabt, beinahe drei Millionen Euro in ein Kunsthaus zu investieren. Die Akzeptanz war aber bestimmt nicht von Anfang an gegeben? Natürlich nicht. Es gab Lokale, in denen die "Neger" und die Jazzer nicht verkehren durften. Damit, dass man das Fremde grundsätzlich einmal als Eindringling und ablehnenswert empfindet, habe ich aber kein Problem - außer wenn es offen rassistisch wird oder abgleitet. Wenn ich nur versuche, das ohnedies Bekannte zu verkaufen, brauche ich keine Kulturarbeit zu machen. Das Schöne an so einem Ort wie Saalfelden ist ja, dass man sich nicht in die Subkultur schleichen kann: Man bleibt integrativer Teil der Ortsdiskussion und muss sich mit der Tradition auseinander setzen. Es hat sich ja auch einiges verändert - und wenn man bloß ans Repertoire der Blasmusik denkt. Wie sehen denn Ihre "Bildungs- und Erziehungserfolge" aus? Ich glaube, wir haben in Saalfelden mittlerweile den jazzigsten Bahnhof Österreichs. Man braucht nur zu hören, was während der Dienstzeit für eine Musik läuft. Wie sieht das Publikum von Saalfelden heute aus? Es gibt die, die immer kommen, seit 25 Jahren. Es wächst aber auch eine junge Szene nach, und wenn wir glauben, dass dies oder jenes schon ein alter Hut ist, vergessen wir, dass eine Vielzahl von jungen Hörern ja keine Ahnung hat, was Bebop, Free Jazz oder Fusion ist. Wer kennt denn James Chance and The Contortions noch? Ich find die einfach super und denke, das kann man schon wieder mal machen - ohne dass man denkt: Naja, das ist doch eigentlich Punk Jazz oder No Wave aus den Siebzigern. Im Grunde genommen setzt Saalfelden aber schon sehr stark auf Premieren? Wir haben ja nur eine Chance: Projekte zu präsentieren, die man anderswo nicht zu hören bekommt, ohne Gefahr zu laufen, dem Uraufführungswahn zu verfallen. Wir haben zum Beispiel heuer drei amerikanische Pianistinnen - nämlich Geri Allen, Carla Bley und Myra Melford - gebeten, sich für das Jubiläum etwas Neues zu überlegen. Das tun die auch, aber wir sind natürlich immer noch weit von dem entfernt, was wir eigentlich tun müssten und was in der klassischen Musik selbstverständlich ist: dass man jemand für die Komposition bezahlt und dass ein ausreichender Probenzeitraum finanziert wird. So wirkt vieles oft noch sehr zusammengeschustert. Man initiiert Partnerschaften und Projekte, die dann eigentlich erst nach einigen Auftritten richtig gut werden und woanders ihre Bestleistung bieten. Wir sind in erster Linie dazu da, Impulse zu setzen. Wenn das Ergebnis schon so toll und aus einem Guss ist - schön. Ich habe aber kein Problem damit, wenn ich etwas Halbfertiges vorgesetzt bekomme. Kriegt man das eigene "Investment" dann später in der ein oder anderen Weise zurück? Sogar in vielen Fällen. Haben Sie denn überhaupt Zeit, sich die Konzerte anzuhören? Ich höre von jedem Konzert im Durchschnitt zweimal fünf Minuten und merke sofort, ob etwas schief läuft. Manchmal wünsche mir auch ein wesentlich rebellischeres Publikum, das zum Ausdruck bringt, wenn etwas eigentlich nix war. Gehen denn Sie zu den Musikern und sagen das denen? Ich fand zum Beispiel The Young Philadelphians mit John Zorn und Marc Ribot vor einigen Jahren ganz fürchterlich. Das war ein Scheißkonzert, aber das wissen die eh selber, das brauche ich ihnen also nicht zu sagen. Es kommen aber immer auch außermusikalische Faktoren dazu. Ein Auftritt vor 4000 Leuten, das ist schon eine Riesenbühne; und wenn es einer nicht schafft, das, was er musikalisch zu sagen hat, über die Rampe zu bringen, ist er meistens gescheitert. Es reicht nicht, nur Musiker zu sein? Meiner Ansicht nach nicht. Warum haben Rockbands eine Bühnenshow entwickelt? Weil sie so eine schlechte Musik machen? Nein, sondern deshalb damit ein Zuschauer, der 300 Meter von der Bühne entfernt ist, auch noch was sieht. Es gibt Dinge, die ich für selbstverständlich erachte. Ich brauche einfach den besten Sound, ein gutes Licht, eine halbwegs gute Bühne. Wenn die Musiker die ganze Zeit damit zu tun haben, dem Sound-Mann Signale zu geben, wie soll sich da einer auf seine Musik konzentrieren? Hinzu kommt, dass manche Musiker einfach eine Aura haben. So jemand geht auf die Bühne und ist einfach da. Andere kommen auf die Bühne und verschwinden. Wer zum Beispiel? Also Miles Davis war sicher nicht nur deswegen Miles Davis, weil er so eine tolle Musik gemacht hat. Auch Don Cherry, Sonny Rollins oder Ornette Coleman gehören dazu. Und was ist mit Musikern, die interessant sind, von denen Sie aber wissen, dass sie diese Bühnenpräsenz nicht haben. Die machen wir natürlich auch. Die kann man dann aber vielleicht nur zu einer bestimmten Uhrzeit einsetzen. Wen holen Sie denn überhaupt nach Saalfelden - und wen nicht? Ich war zum Beispiel stets ein Vertreter der Idee, dass man bestimmte Personen über einen längeren Zeitraum begleitet und betreut, bei denen sich immer was tut - ob das nun in Nuancen oder in radikalen Brüchen stattfindet. Musiker wie Louis Sclavis, Michel Portal, John Zorn, Marc Ribot oder auch Wolfgang Puschnig. Für mich war es niemals nachvollziehbar, wenn man sagte: Der hat doch eh schon vor fünf oder zehn Jahren gespielt. In der Literatur oder der bildenden Kunst gibt es diesen Zugang nicht. Welchen interessanten Musiker haben Sie denn verpasst? Also es gibt einen Musiker aus Österreich, der nie in Saalfelden war, das ist der Joe Zawinul. Ich weiß nicht, warum. Und es gibt einen Musiker, den ich eigentlich machen hätte können, wollen oder müssen - das war Miles Davis. Und woran ist das gescheitert? An meiner eigenen Angst. Es wäre sein erstes oder zweites Konzert in Europa gewesen, nachdem er für einige Jahre wegen Drogenproblemen in der Versenkung verschwunden war. Ich habe einmal erlebt, wie Nina Simone nicht aufgetaucht ist, weil sie zur Wunderheilerin nach Afrika musste, also habe ich mir gedacht: Was, wenn der einen Rückfall hat? Dann stehe ich da, habe Miles Davis angekündigt, und er tritt nicht auf. Haben Sie es bedauert, ihn nicht engagiert zu haben? Schon. Sonst noch schlimme Versäumnisse? Es gab ein paar Musiker, die ich machen hätte können, aber nicht gebracht habe: Rahsaan Roland Kirk, Charles Mingus und eben Miles Davis. Ansonsten waren eh alle da. Chick Corea und Keith Jarrett wollte ich nie nach Saalfelden bringen. Das heißt, wenn ich die Möglichkeit hätte, Keith Jarrett solo zu kriegen, würde ich das wahrscheinlich machen. Aber geschätzte 100.000 Dollar Gage oder mehr - da ist halt die Frage, ob man das zahlen soll. Was war denn der teuerste Auftritt in Saalfelden? Ich glaube Sonny Rollins. Wie viel hat der gekostet? (Lacht.) Der kostet mehr als die Dave Holland Big Band? Der kostet mehr. |
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