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| "Wir können nicht anders" |
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MUSIK Die Hamburger Intellektuellen-Popper Blumfeld pausieren vom Diskurs und legen mit "Jenseits von Jedem" ihr bislang gelassenstes Album vor. Der "Falter" sprach mit Sänger Jochen Distelmeyer über die neue Platte, die Qualität von John Lee Hooker und die Funktion der "FAZ". GERHARD STÖGER |
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Blumfeld polarisieren die deutschsprachige Pop- und Feuilletonwelt, seit sie im Herbst 1991 ihre aufsehenerregende Debütsingle "Ghettowelt" veröffentlichten. Von den einen als markanteste und klügste deutschsprachige Popband gefeiert, schlägt ihnen von den anderen Häme entgegen: Blumfeld seien verkopft, heißt es, protestantisch und besserwisserisch. Musikalisch passierten Jochen Distelmeyer & Co unterschiedliche Stationen: Auf die schroffe Post-Punk-Platte "Ich-Maschine" (1992) folgten das sprachgewaltige Indie-Rock-Album "L'Etat et moi" (1994), die Neubestimmung unter den Bedingungen elektronisch unterfütterter Popmusik auf "Old Nobody" (1999) und die Protestsongs von "Testament der Angst" (2001). Auf ihrem fünften Album "Jenseits von Jedem" verknüpfen Blumfeld nun musikalische Einflüsse, die vom Folkpoeten Bob Dylan über die schwelgerischen Popperfektionisten Prefab Sprout bis zu den emotionalen Agitrockern Ton Steine Scherben reichen. Der Falter traf Jochen Distelmeyer und seine - allerdings sehr schweigsamen - Bandkollegen Andre Rattay und Michael Mühlhaus beim FM4-Frequency-Festival in Salzburg. Falter: Bisherige Blumfeld-Platten galten über das Musikalische hinaus stets als Ereignis. "Jenseits von Jedem" wirkt beim Hören vor allem als schöne Popplatte; es scheint also eine gewisse Normalität einzukehren. Wie geht es Ihnen selbst dabei? Jochen Distelmeyer: Auf angenehme Weise ähnlich. Das mit den Platten davor ist schon gut beschrieben, und es stimmt: "Jenseits von Jedem" macht das erst mal nicht. Da steckt aber keine wirkliche Absicht dahinter, sondern es hat sich eben so entwickelt. Die unspektakuläre oder besser gesagt: die scheinbar unspektakuläre Blumfeld-Platte ist vielleicht die Blumfeld-Platte, die wir so bisher noch nicht gemacht haben. Wir haben aber natürlich ganz andere Platten auch noch nicht gemacht! Hieß es zuletzt "Anders als glücklich", so singen Sie nun "Die Welt ist schön, ich lebe gern". Ging es Ihnen um einen Gegenentwurf zum Vorgängeralbum? Die neue Platte ist kein Gegenentwurf, sondern eher ein unmittelbarer Nachfolger, denn "Testament der Angst" ist für uns weder in musikalischer noch in inhaltlicher Hinsicht obsolet geworden. Vielmehr schwingt sie auf "Jenseits von Jedem" hoffentlich noch in gewisser Hinsicht mit. Insgesamt könnte man die neue Platte natürlich als leichter empfinden - sie fängt ja nicht zufällig mit dem Swing-Stück "Sonntag" an. Aber während die Musik die Platte gut gelaunt eröffnet, nehmen Sie sich von der im Song skizzierten beschwingten Gemeinschaft aus und bleiben zu Hause, um einen Text zu schreiben. Es freut mich sehr, wenn das erkannt wird. "Sonntag" kommt zwar - wie die Single "Wir sind frei" - leicht und positiv daher, das heißt aber noch lange nicht, dass es ausschließlich eine leichte und positive Platte wäre. Eine gewisse Ambivalenz schwingt mit, ohne dass wir sie sonderlich in den Vordergrund rücken würden. Auf "Sonntag" folgt "Armer Irrer", wobei es sich in den beiden Songs durchaus um dieselbe Person handeln kann, die aber aus zwei unterschiedlichen Perspektiven beschrieben wird. Aus dem Schöpfergott, der durch die Schöpfung spaziert, wird ein durchgeknallter Fuzzi, der durch den Park latscht. Ist der Plattentitel "Jenseits von Jedem" ein Abgesang auf die Idee des Kollektivs? Nicht wirklich. Der Ursprung für dieses Wortspiel ist ja "Jenseits von Eden", und man kann davon ausgehen, dass es das ist - dieses Paradies, dieses Schöne, eben diese Form des Alle-Zusammen. Im Song wird ein lustvoller, rauschhafter Spitzenabend beschrieben, und da ist es nicht zwangsläufig positiv, wenn jemand jenseits davon steht. Was für ein Leben! Sie positionieren sich im Text aber selbst jenseits davon. Der, der das Stück singt und das Szenario wie ein Bänkelsänger beschreibt, macht das. Auch wenn es etwas mit mir zu tun hat, sind die Texte nicht zwangsläufig auf mich als Person umzulegen. Wie entstehen eigentlich Blumfeld-Stücke? Schreiben Sie Ihre Texte und suchen dann nach einer möglichen musikalischen Umsetzung? Manchmal sind Text und Musik praktisch gleichzeitig da. Dann gibt es Stücke, bei denen die Musik zuerst entsteht, die Gesangsmelodie aber schon etwas über den Textinhalt weiß. Andere Stücke gehen wiederum vom Text oder einer Textidee aus. Das neue Album ist größtenteils in der klassischen Songwriting-Form entstanden. Blumfeld sind neben Ihren Texten auch für eine genuine, dabei durchaus wandelbare musikalische Sprache bekannt. Neben Folk-Elementen fand zuletzt auch Blues Eingang in Ihre Musik. Folk ist traditionell als klassische Form politischer Popmusik codiert, aber wie kommen Sie zum Blues? Als Songwriter aus Hamburg, oder was, oder wie? Eher als Rock- bzw. Popband generell. Andre Rattay: Gerade die Rock- oder Hardrockmusik hat sich nicht nur aus dem Blues entwickelt, sondern das ist ja Blues! Von den Stones über The Who bis zu Led Zeppelin hat sich alles auf Rhythm & Blues bezogen. Das ist eine ganz eindeutige Wurzel von Popularmusik. Gut, aber Blumfeld sind keine Hardrockband, und Rockmusik machen Sie auch nur noch bedingt. Distelmeyer: "Old Nobody" ist ein Bluesalbum, auch wenn sich darauf musikalisch keine klassischen Blues-Schemen finden. Im Sprechtext "Eines Tages" ging es mir um bestimmte Fragen, von denen auch die Platte handelt: Was ist ein Bluessänger? Welcher Schritt hat stattgefunden von der Gospelgemeinde, ihren transzendenten Anrufungen und ihrem Aufgehobensein in einer beseelten, aber auch traurigen Gemeinschaft hin zum Bluestypen, dem Hobo, der diese Gemeinschaft verlässt, weil er nicht an diese Technologie der Anrufung glaubt? "L'Etat et moi", die Platte davor, war noch sehr stark an HipHop-Schreibweisen ausgerichtet. Als diese dann auch im deutschsprachigen Raum zum Mainstream wurden, dachte ich mir: Okay, ich weiß, wie das geht, das interessiert mich nicht weiter. Stattdessen wollte ich es mit einer sprachlichen Verknappung versuchen. "Eines Tages" ist gleichzeitig wie ein Gebetstext, aber auch wie ein Bluestext geschrieben. Diverse Figuren, die in den Songs von "Old Nobody" auftauchen, handeln auch davon, was es heißt, den Blues zu haben. "Eines Tages" untersucht, was an den Crossroads, den Orten der Entscheidung passiert ist - egal, ob das jetzt Goethe ist, Faust und Mephisto, oder Robert Johnson, der dem Teufel an den Crossroads seine Seele verkauft hat, oder Kraftwerk auf der Autobahn. Was passiert an all diesen Wegen, wo die Blitze verrückt spielen? Ich vermute, dass sich der Blueskünstler dadurch auszeichnet, dass er sich seiner eigenen Schuld bewusst wird und seine eigene Verantwortung erkennt. Aus dieser Spannung singen John Lee Hooker, Howlin' Wolf und all die anderen. Und davon handelt auch "Old Nobody". So, wie sind wir darauf gekommen? Durch die Frage nach der Annäherung an den Blues. Ja, das ist spätestens seit "Old Nobody" ein Thema für uns. Und zwar genau so, wie wir uns davor auf HipHop bezogen haben, ohne dabei wie HipHop zu klingen oder signalisieren zu wollen, dass wir auch noch "dran" wären, uns auch noch für neumodische Musik interessieren würden. Vielmehr geht es um den Versuch, diese Dinge auf eine ganz eigene Art in den musikalischen Raum der Band zu überführen. Sie nehmen bei dieser Form der Auseinandersetzung also nicht in Anspruch, selbst ein Bluesmusiker zu sein? Ja, ich meine - ich hab den Blues, darum gehts ja! Und man sucht dann eben nach Musikern, die ähnlich drauf sind, von denen man etwas lernen kann. Da muss ich mir nicht die White Stripes oder die Jon Spencer Blues Explosion anhören, sondern da höre ich mir John Lee Hooker an, denn der weiß, was der Blues ist. Jon Spencer Blues Explosion oder die White Stripes können zwar auch geile Musik machen, aber das hat für mich nicht diese Qualität - wobei das gar nicht bei Bluesleuten aufhört. Auch Kraftwerk ist eine Bluesband, genauso wie The Fall, AC/DC oder die Ramones. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" warf Ihnen kürzlich vor, nicht mehr so unmissverständlich dagegen zu sein wie früher. Ihre neue Platte vermittle stattdessen "das Wissen darum, dass alles hoffnungslos ist, und die seltsame Gelassenheit, trotzdem ganz gute Laune zu haben". Was halten Sie davon? Die FAZ hat noch nie eine Vorstellung von Widerstand gehabt, sie ist nicht berufen, denke ich. Die glauben, Straßenkampf wäre immer, und Wasser trinken sei verboten. Es gab diese Werbungen, da sitzen Leser in den aufregendsten Gegenden - in der Wüste, in Athen -, ohne aber von ihrem Umfeld irgendwas mitzubekommen, weil sie sich die ausgeklappte FAZ ständig unmittelbar vor die Nase halten. Genau das ist der Gestus dieser Zeitung. Vielleicht ist es doof, wenn ich das jetzt so sage, aber die FAZ funktioniert für ihre Leser wie ein Beruhigungsmittel. Abschließend noch einige Fragen, die aus existierenden Interviews mit unterschiedlichen Popmusikern stammen. Die erste wäre: Was hat Sie so weise gemacht? Ich sehe mich nicht so. Ich bin das nach meiner Auffassung nicht. Sind Sie glücklich mit sich selbst? Ich kann mich sehr genau daran erinnern, dass ich schon beim ersten Mal sehr ungern auf derartige Fragen geantwortet habe, weil ich nicht verstehe, was das bedeuten soll. Manchmal ja, manchmal nein. Diese Fragen wurden uns bei "Top of the Pops" schon einmal gestellt. In diesem Fall entstammen sie einem "Bravo"-Interview mit Justin Timberlake. Nächste Frage: Blumfeld haben immer ein ganz anderes Image angeboten, als man es von den meisten Bands kennt. War das am Anfang irgendwie eine bewusste Entscheidung, oder können Blumfeld nicht anders? Wir können nicht anders, denke ich. Bevor es Blumfeld gab, war es für mich natürlich auch eine Entscheidung, gängige Klischees darüber, wie etwas zu sein hat, zu hinterfragen und zu gucken: Warum gibt es diese Erwartung? Warum existieren bestimmte Bilder? Diese Überlegungen eröffnen auch den Sprechtext "L'Etat et moi", wenn es heißt: "Von einem Blatt, das unbeschrieben vor mir liegt und Fragen stellt. Wie ich dem Blick derer entkam, die mich durch ihn für sich erzeugen. Kann ich, ohne mich zu beugen, in diesem Blick leben, oder wächst man lebenslang in ihn hinein?" Ein Gegenstand, der im Begriff ist loszulegen, tritt dann aus diesem Bild heraus - wie ein Blitz, der sich entzieht. Mögen Sie den Gedanken, dass Leute Sex zu Ihrer Musik haben, oder sagen Sie eher nein, die sollen zuhören? Ich finde es gut, wenn Leute Sex zu unserer Musik haben. Ich hab sogar schon einmal einen Anruf von Leuten bekommen, die mir unbedingt nachts um halb fünf mitteilen mussten, dass sie gerade zu einem Blumfeld-Stück Sex hatten. Das war aus einem "Spex"-Interview mit Michael Stipe. Letzte Frage, aus einem "Bravo"-Gespräch mit t.A.T.u: Gibt es Jungs in eurem Leben? Ja. Mit denen machen wir zusammen Musik - und haben dann Sex zu unseren eigenen Stücken. DIE NEUE BLUMFELD Keine Macht für Niemand "This machine kills fascists" haben sich Folksänger einst auf ihre akustischen Gitarren geschrieben, und nicht wenige junge Menschen glaubten auch ernsthaft an die politische Kraft populärer Songs. Wer heute noch an den Qualitäten von Popmusik als Befreiungsmedium festhält, gilt zumeist als realitätsfremder Spinner. Blumfeld-Frontman Jochen Distelmeyer ist so einer: Allen Einwänden zum Trotz versteht er Musik als Kommunikationsform und die in Popsongs entworfenen Bilder weiterhin als Angebote für eine andere Wirklichkeit. Und genau aus dieser Ambivalenz heraus singt er in "Wir sind frei", der ersten Single des neuen Albums "Jenseits von Jedem", mit charmanter Koketterie: "Manche sagen: Der Typ gehört in Therapie. Kann sein, doch um mich weht ein Hauch von Anarchie." Musikalisch verpackt als eingängiger Folk-Pop-Ohrwurm, formuliert "Wir sind frei" in schlichten Worten die Utopie einer von Zwängen befreiten Existenz, ohne sich mit dem enervierenden Weg dorthin herumzuschlagen: "Komm sag es allen: Wir sind frei. Es gibt kein Müssen und kein Sollen, wenn wir nicht wollen." In seiner komplexen Schlichtheit ragt dieses Stück zwar aus einer dramaturgisch geschickt aufgebauten Platte heraus; trotz ambivalenter Zwischentöne präsentieren sich Blumfeld aber auch in den restlichen zehn Songs deutlich entspannter als zuletzt. Natürlich könnte man sich einmal mehr in Distelmeyers teils lyrischen Texten verlieren oder nach Referenzen forschen: Das 14-minütige Titelstück wirkt etwa als Äquivalent zu "Desolation Row", dem epischen Schlusstrack auf Bob Dylans "Highway 61 Revisited"; in "Alles macht weiter" wird ein Gedicht des Beat-Poeten Rolf Dieter Brinkmann fortgeschrieben; und als Analogie zum legendären Ton-Steine-Scherben-Album "Keine Macht für Niemand" steht ein in seiner klaren Sprache entwaffnend schöner Lovesong am Ende der Platte. Wie bei den vier Vorgängeralben kann das tiefe Eintauchen in den Kosmos Blumfeld zwar auch diesmal unterhaltsam sein und vor allem Distelmeyers Background etwas transparenter machen. Letztlich ist die Theorieebene aber erneut zweitrangig, stehen Blumfeld doch vor allem für wunderbare Popmusik. Popmusik, die in ihren besten Momenten eben auch über die rein ästhetische Ebene hinaus gehen kann. G. S. Blumfeld: Jenseits von Jedem (ZickZack/Wea/Warner), erscheint am 1.9. Live am 25. und 26.11. im WUK. Karten: Tel. 401 21-70 oder tickets@wuk.at |
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