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THEATER Hans Gratzer, der zwei Jahrzehnte lang das schicke Schauspielhaus geleitet hat, ist jetzt Direktor des konservativen Theaters in der Josefstadt. Er fühlt sich wie zu Hause. WOLFGANG KRALICEK |
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Hans Gratzer legt Wert auf Äußerlichkeiten. Man merkt das an seinen Inszenierungen, die immer nach der neuesten Mode gestylt sind. Man merkt es aber zum Beispiel auch daran, dass das Theater in der Josefstadt ab sofort quadratisch ist: Der neue Direktor hat entdeckt, dass die Fluchtlinien des Zuschauerraums auf ein Quadrat hinauslaufen - weshalb das neue Logo des Theaters ebenso streng geometrisch gestaltet ist wie der schlichte Bühnenbildrahmen, in dem die ersten vier Inszenierungen der neuen Josefstadt-Spielzeit präsentiert werden. Das Direktionszimmer, bisher im schwül-venezianischen Stil des Hauses eingerichtet, sieht jetzt so luftig und leer aus wie die Büros im Werbefernsehen. Der Raum wirkt zwar noch unbewohnt, Hans Gratzer selbst aber merkt man nicht an, dass er gerade erst eingezogen ist. Odysseus brauchte zehn Jahre, bis er in Ithaka landete. Bei Hans Gratzer dauerte es noch viel länger. Aber jetzt ist er endlich da, wo er immer hin wollte. "Es macht mir Spaß, den bürgerlichen Direktor zu spielen", sagt er. Und er klingt dabei so glaubwürdig, dass man es kaum glauben kann: Hans Gratzer, der mit dem Schauspielhaus in der Porzellangasse einst das lange Zeit hippste Theater Wiens gegründet hat, sitzt jetzt gut gelaunt auf dem Direktionsbalkon der Josefstadt und findet nichts dabei. Im Gegenteil: Die Josefstadt sei immer schon sein "Traumtheater" gewesen, behauptet Gratzer allen Ernstes. "Offenbar habe ich mit jemandem zusammengearbeitet, der im falschen Körper gelebt hat", stellt der Wiener Schriftsteller Ernst Molden, der in den Neunzigerjahren Dramaturg am Schauspielhaus war, amüsiert fest. Ernsthaft wundert sich in der Szene niemand über Gratzers jüngsten Karrieresprung. Die Regisseure Michael Schottenberg und Gerhard Willert, die beide häufig am Schauspielhaus inszenierten, haben schon vor zehn Jahren beim Schmähführen überlegt, welches Theater eigentlich ideal für Gratzer wäre - und sich rasch auf die Josefstadt geeinigt. "Je besser die Leute ihn kennen", so Molden, "desto weniger überrascht sind sie jetzt." Tatsächlich war Gratzer nie der oppositionelle Theatergeist, für den man ihn angesichts seiner Biografie vielleicht halten könnte. Er hat nur immer das gemacht, was er gerade für angesagt hielt. Zwischen 1978 und 1986 zeigte er am Schauspielhaus jene Regiestile und Autoren, die am Burgtheater vor Peymann nicht gepflegt wurden; wer in Wien coole Shakespeare-Inszenierungen oder Heiner Müller sehen wollte, musste zu Gratzer. Als er in den Neunzigerjahren - nach einigen Jahren Unterbrechung - wiederkam, suchte er nach einer neuen Marktlücke und verwandelte das Schauspielhaus in eine Uraufführungsbühne, an der etwa Werner Schwab oder Sarah Kane erstmals in Wien gespielt wurden. Im Jahr 2000 geriet Gratzer dann in eine schwere Schaffenskrise, worauf er das Schauspielhaus für seine letzte Saison kurzerhand in ein kleines Opernhaus umwidmete. Der Josefstadt-Direktor Hans Gratzer ist also nur die jüngste Metamorphose eines Künstlers, der alle paar Jahre sein Gefieder wechselt. Vor zehn Jahren haben ihn auf einmal nur noch neue Stücke interessiert, vor drei Jahren konnte er nur noch Musiktheater ertragen. An der Josefstadt will er sich jetzt ganz auf österreichische Dramatik konzentrieren. "Es ist eigentlich immer das Gleiche", erklärt Gratzer seelenruhig die verwirrenden Hakenschläge seiner Laufbahn. "Ich brauche immer eine Form und ein Ziel." Wenn man so will - und Gratzer will es so -, kann man auch von einem Kreis sprechen, der sich geschlossen hat: Vor genau vierzig Jahren war der heutige Direktor nämlich schon einmal in der Josefstadt - damals noch als Schauspieler. Der junge Reinhardt-Seminarist war als Eleve engagiert, spielte in einer Shakespeare-Inszenierung einen Jäger und tanzte stolz am Ball der Schauspieler des Theaters in der Josefstadt. Dann flog er, nach einer Zwischenprüfung, vom Seminar, womit auch das Josefstadt-Engagement beendet war. Trotzig eröffnete der junge Mime gleich ums Eck, in einem Saal des Piaristenklosters, das "Kammertheater in der Piaristengasse" - eine Studiobühne, die man sich als eine Art Miniatur-Josefstadt vorstellen muss: Gratzer hatte einen roten Teppich ausgelegt, einen Kristallluster aufgehängt, die Sessel und sogar den Ofen golden streichen lassen. "Nicht genial und zu bürgerlich für den Beruf", hatte das Reinhardt-Seminar den Rauswurf des Schülers Gratzer damals begründet. "Das kann ich unterschreiben", sagt der Direktor Gratzer heute. "Ich war immer bürgerlich. Aber das heißt ja nicht, dass ich bürgerliches Theater mache!" Natürlich hat der Arztsohn aus Wiener Neustadt immer davon geträumt, ein großes Theater zu leiten; mit Ausnahme der Staatsoper gibt es in Wien keine große Bühne, für die Gratzer nicht irgendwann einmal als Direktor im Gespräch war. Dass es nun doch noch geklappt hat, hätte der heute 61-Jährige selbst nicht mehr gedacht. Beinahe wärs ja auch diesmal wieder schief gegangen. Nach dem Rücktritt des amtsmüden Helmuth Lohner war der Posten ausgeschrieben worden; obwohl sich Gratzer offiziell gar nicht beworben hatte, wurde ihm der Job noch vor der entscheidenden Jurysitzung zugesagt (jedenfalls hat er einen Anruf des Kulturstadtrats so interpretiert). Aus dem Fernsehen erfuhr der Kandidat dann, dass sich die Jury für den früheren Burgtheater-Dramaturgen Hermann Beil entschieden hatte; Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny tröstete Gratzer, der am nächsten Tag Geburtstag feierte, mit einem roten Kaschmirschal. Nachdem die Verhandlungen mit Beil, der für das knapp dotierte Theater mehr Budget herausschlagen wollte, gescheitert waren, kam schließlich doch noch Kompromisskandidat Gratzer zum Zug. "Ich hab einen Mördervertrag unterschrieben - mit Sanierungskonzept, ohne Regiegagen und so weiter. Aber das war mir vollkommen wurscht. Ich hab mir gedacht: Jetzt oder nie." Als der designierte neue Intendant vor anderthalb Jahren sein provisorisches Büro in der Josefstadt bezog, war das Theater Feindesland. Der noch amtierende Direktor Lohner hatte sich - wie das ganze Haus - den Burgschauspieler Karlheinz Hackl als Nachfolger gewünscht. Dass Gratzer in ersten Interviews von Personalabbau gesprochen hatte, war dem Klima auch nicht unbedingt förderlich: Zwischen dem alten und dem neuen Team herrschte kalter Krieg, man benutzte sogar getrennte Eingänge. "Das Haus war bis oben mit Hass und Angst angefüllt", erinnert sich der eigentlich notorisch harmoniesüchtige Gratzer an die schwierigen ersten Monate. Mit dem beleidigten Lohner haben auch die meckernden Altstars Elfriede Ott und Fritz Muliar das Haus verlassen, und die Atmosphäre hat sich mittlerweile deutlich entspannt. Auch die sensiblen Josefstadt-Abonnenten scheinen den ersten Schock schon überwunden zu haben: Nur sieben Abos wurden wegen Gratzer gekündigt. Es besteht ohnedies kein Grund zur Panik: Der Josefstadt-Spielplan besteht fast ausschließlich aus NestroyRaimundGrillparzerSchnitzler, und das in der Saisonvorschau abgedruckte Geleitwort des neuen Direktors klingt angriffslustig wie eine Weihnachtskarte. "Kunst soll kritisch sein. Natürlich. (...) Aber sie soll bitte nicht rechthaberisch sein und auftrumpfend besserwisserisch", schreibt Gratzer seinem Publikum ins Stammbuch. Und: "Wir wollen Ihnen mit unseren Aufführungen Freude bereiten. Wir bekennen uns, trotz der sorgenvollen Gegenwart, unter deren Konflikten immer mehr Menschen leiden, zum Prinzip Hoffnung." So reaktionär, wie das klingt, sei es nicht gemeint, beteuert Gratzer selbstkritisch. "Aber wie schlecht die Welt ist, habe ich jetzt jahrzehntelang zu zeigen versucht - das führt doch nirgends hin. Es ist noch schlechter geworden!" Ist es nicht verlogen, in einer hoffnungslosen Welt das "Prinzip Hoffnung" zu behaupten? "Theater an sich ist schon Fantasie und Hoffnung. Ich muss in einer Aufführung schon zeigen, wie verlogen die Welt ist. Aber ich kann es ja auch mit Humor und in schönen Bildern zeigen!" Chefideologe der neuen Josefstadt ist Knut Boeser, mit dem Gratzer schon vor 25 Jahren zusammengearbeitet hat. Der 58-jährige Berliner hat in den Siebzigerjahren zwei Stücke für das Schauspielhaus geschrieben, war später Dramaturg am Schiller-Theater und hat in den vergangenen zehn Jahren fast ausschließlich als Drehbuchautor für Film und Fernsehen ("Rosa Roth", "Schlosshotel Orth") gearbeitet; Gratzer hat ihn zu einem Theatercomeback überredet. Als neuer Josefstadt-Chefdramaturg hat Boeser eine radikale, wenn auch anfechtbare Theorie entwickelt: Seit der Moderne befinde sich die Kunst auf einem Irrweg; anstelle von Visionen liefere sie nur noch Tautologien. "Das neue Jahrtausend ist da, und es muss einen Paradigmenwechsel in der Kunst geben: Die Beschreibung des Bestehenden reicht nicht mehr hin." Mit aktuellen Regiestars wie René Pollesch ("das ist für mich der größte Langweiler") oder Michael Thalheimer ("da krieg ich das Kotzen") kann der Feuerkopf Boeser gar nichts anfangen. In der Josefstadt will man es ganz anders machen: Man nimmt sich die alten Stücke her, liest sie ganz genau, versucht sie aus der Zeit heraus zu begreifen und vom Ballast der Rezeptionsgeschichte zu befreien. Hört sich gut an; der Haken ist nur, dass das ohnedies an jedem Theater versucht wird. Es gelingt halt selten. Entscheidend wird auch in der Josefstadt sein, was auf der Bühne passiert. "Ich glaube, die werden mich alle für verrückt halten, wenn der Vorhang das erste Mal aufgeht", sagt Hans Gratzer kokett. "Hoffentlich!", fügt er, noch koketter, hinzu. Mit dem sagenumwobenen "Josefstadt-Ton" darf man ihm jedenfalls nicht kommen, auch vom "Theater der Zwischentöne" will er nichts wissen. "Wenn ich das schon höre! Was ist ein ,Zwischenton'? Oder ein ,Übergang'? Im Leben gibt es auch keine Übergänge: Du sagst einen Satz, als wärs der letzte deines Lebens. Dann sagst du den nächsten Satz. Bei den Schauspielern der ,Zwischentöne' hörst du nur ihre Faulheit - da ist jeder Satz nach hinten zu offen, weil sie nachdenken müssen, wie der nächste Satz geht." Für viel schwieriger als das Haupthaus hält Gratzer die Kammerspiele, die Boulevard-Zweitbühne der Josefstadt in der Rotenturmstraße. "Kunst kann man immer irgendwie machen, aber Boulevard ist Hochleistungssport!" Dem neuen Direktor schwebt für die Kammerspiele ein "elegantes Großstadttheater" mit schickem Publikum und ebensolchen Stücken vor. Aus dem Repertoire hat er keine einzige Produktion übernommen. "Das war das Theater mit den teuersten Eintrittskarten und dem schlechtesten Programm. Ich war vorige Saison in allen Inszenierungen - dass den Leuten das gefallen hat, glaube ich nicht." Auf der Ehrentafel der Direktoren im Foyer des Theaters in der Josefstadt ist der Name Hans Gratzer bereits in Gold verewigt. Er gibt zu, dass ihn das beeindruckt hat. Dass im J-Wagen nicht nur "Lederergasse", sondern auch "Theater in der Josefstadt" angesagt wird, hat der Herr Direktor mit Wohlgefallen registriert. Wenn der D-Wagen durch die Porzellangasse rattert, wird das Schauspielhaus bis heute nicht ausgerufen. "Ich arbeite wahnsinnig gern hier", sagt Hans Gratzer. Das merkt man. "Ohne eitel sein zu wollen: Ich finds gut, dass ich das mach." |
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