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| Stelze und Herzkasper |
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KONGRESS Im neuen Messezentrum fand der erste Megakongress statt: 25.000 Kardiologen machten dem Wiener Fremdenverkehr eine große Freude - vier Tage zwischen Schweizerhaus und Herzinfarkt. CHRISTOPHER WURMDOBLER |
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Bruce Willis, USA, ist kein Herzspezialist. Aber der Hollywoodstar dient als Muster für die Identifikationskarten und ist als solcher auf einem Anweisungsformular für die Sicherheitskräfte abgebildet. Mit dem so genannten "Registrierungs-Badge" am Hals darf man das Kongressgelände betreten. Vier Tage lang kamen internationale Herzspezialisten in Wien zum jährlichen Treffen der European Society of Cardiology (ESC) zusammen. Als bei der Eröffnungszeremonie die Wiener Philharmoniker per Video den Donauwalzer anstimmen durften, war die meiste Arbeit bereits getan. Zehn Jahre Vorbereitung kostet ein Kongress dieser Größenordnung. Zuerst muss das Kongressbüro der Stadt Wien Lobbying betreiben, um den Verantwortlichen Wien als Kongressstadt schmackhaft zu machen. Hier sind auch lokale Vertreter aus der Wissenschaft am Werk, schließlich lassen sich Wiener Herzspezialisten gerne in ihrer Stadt besuchen. Die Herzgrößen Dietmar Glogar und Kurt Huber von der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft geben die lokalen Gastgeber. Fünf Jahre vor dem Kongress werden Termine fixiert und ab dann wird hart gearbeitet. Öffentliche Stellen, Verkehrsplaner und Stadt werden koordiniert. Ein bis zwei Wochen wird aufgebaut: Messestände, Restaurants, Vortragssäle. Ganz fertig geworden ist das neu gestaltete Messekongresszentrum diesmal noch nicht. Vor dem geplanten Hauptportal unter dem neuen rot-weißen Wahrzeichenturm funktioniert zwar schon die Springbrunnenanlage, der Haupteingang ist allerdings auf der Praterseite, acht Minuten Fußmarsch entfernt. Am Tag vor dem Kongress steht ein einsamer Konzertticket-Verchecker im Mozartkostüm am windigsten Eck vor der Messe. Der Mozart-Mann verspricht sich das ganz große Geschäft, er ist nur einen Tag zu früh dran. Vom Prater her tönt das Tuuuut der Liliputbahn und das Kreischen der Praterbesucher. Am Würstelstand Zur Messe und im Schweizerhaus ist es noch ruhig, Streifenpolizisten drehen ihre Runden, Sicherheitsleute bewachen das Messegelände. Die Ruhe vor dem Ansturm. Einen Tag später ist der Trubel groß. Falsch geparkte Autos werden rigoros abgeschleppt, um Platz zu schaffen für die 150 Pendelbusse, die die Tausenden Besucher von den großen Hotels in den Prater bringen sollen. Der erste Kongresstag geht vor allem für administrative Dinge drauf: Registrieren, Sicherheitskarte samt Umhängebändchen checken. Hotelbetten werden last minute vermittelt, Konzerttickets verkauft, und auch die Einladung zur Gala ins Wiener Rathaus nehmen viele wahr. Kostenpunkt 183 Euro - für Abendessen, Musik und Walzer. Der Kongress tanzt, das gehört dazu. Ob denn der Bürgermeister auch da sein werde, möchte ein Kongressbesucher wissen. Schön wäre das schon, meint die Dame hinter dem Tresen. Sie wisse es aber nicht. Wichtigstes Objekt der Begierde ist - wie bei jedem Kongress - die Kongresstasche, im Fall der ESC-Veranstaltung ein schicker grau-blauer Rucksack mit Herz-Kreislauf-Logo voller Info- und Werbematerial. In den vergangenen Tagen war er überall in der Stadt zu sehen, wenn auch kaum jemand wusste, wie man so eine futuristische Schrägtasche richtig trägt. Doch die 25.000 Menschen sind schließlich auch nicht zum Schrägtaschetragen nach Wien gekommen, sondern zum Fachsimpeln. In Hunderten Vorträgen und Präsentationen informieren sich die Herzauskenner zu Themen wie "Fußball schauen und sterben" (in der Schweiz gab es während der Fußball-WM 2002 deutlich mehr Herztote als im Vergleichszeitraum!), die Herzinfarktgefahr beim Rauchen und Kaffeetrinken (zur gleichen Zeit ganz gefährlich!) und die Zusammenhänge zwischen Herzkrankheiten und dem Ramadan (im islamischen Fastenmonat gibt es mehr Opfer!). Oder die bedrückende Tatsache, dass im Jahr 2025 Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Europa die häufigste Todesursache sein werden. Trotz aller Wissenschaft. In den Pausen säuselt leise klassische Musik. Es ziehen endlos scheinende Menschenkolonnen durch 85.000 Quadratmeter Messehalle. Es riecht nach Essen, hinter Pappwänden klappert Geschirr. Farbiger Bodenbelag gibt Auskunft, in welcher Zone man sich gerade befindet: Red, Green, Blue. Die 25 eigens installierten Vortragssäle sind nach Städten benannt, in "Rome", den größten, passen 1820 Personen, im kleinsten - "Cairo" - haben 154 Platz. In "Rome" findet auch die Eröffnungsfeier statt. Dann werden auf der fernsehstudiotauglichen Showbühne Koryphäen ihre Forschungsergebnisse in Sachen Herzkasper präsentieren. Die neu errichteten Messehallen werden erstmals genutzt. In den sachlich-schlichten, aber nicht unschönen Zweckbauten wirken die Vortragssäle weit weniger improvisiert, die Klimaanlagen funktionieren besser. Kongressen bedeutet, Tage im Halbdunkel zu verbringen. Die wenigsten Besucher ziehen das Programm jedoch durch, sondern stellen sich ihre Stundenpläne so zusammen, dass noch genügend Zeit für Freizeit und touristische Vergnügen besteht. Selten ist das Angebot dazu so groß wie in Wien. Typische Städte für Medizinerkongresse wie Prag oder Birmingham haben weniger points of interrest, Wien verkauft sich fast wie von selbst. So präsentiert sich das Sozialprogramm - früher politisch unkorrekt "Ladies Programme" genannt - des ESC-Kongresses bewusst schmal. Wien lässt sich auch auf eigene Faust erkunden. Sicherheit, überschaubare Größe und trotzdem Metropolen-Feeling: So was macht Kongressern offensichtlich Spaß. Offizielle Termine gibt es wenig, dafür lädt die Pharmaindustrie ihre besten Geschäftspartner gerne auf die eine oder andere Stelze im Schweizerhaus oder einen cholesterinärmeren Besuch im Konzerthaus ein. Busse und Fiaker-Shuttles werden gechartert, damit gehts in die Wachau oder in eine exklusive Pharmazie-Lounge in der Krieau. Dass die Staatsoper während der ersten beiden Kongresstage noch Sommerpause hat, finden viele enttäuschend. Am Info-Stand "Wining & Dining" wird darüber aufgeklärt, wo es in Wien gemütlich ist: vom Nobelheurigen über den Szeneschuppen bis zum Edelbordell. Überall in der Stadt kommt Kardiologenkohle in die Kassen. Die Kongress-Rucksack-Touristen sind der Fremdenverkehrsbranche die liebsten Gäste: Während ein typischer Wienbesucher pro Tag durchschnittlich 170 Euro ausgibt, lässt ein Kongressbesucher 389 Euro liegen. Der Herzkongress bedeutet zum Beispiel rund 150.000 Übernachtungen, vor allem in den exklusiveren Herbergen. Zu den registrierten Kongressbesuchern kommen noch mal geschätzte 10.000 Angehörige, die den Kongresstermin der Partnerin oder des Partners mit einem privaten Städtetrip verbinden. Insgesamt erwartet sich Wien von den Kardiologen sechzig Millionen Euro an Wertschöpfung. Vieles davon finanziert die (Pharma-) Industrie, die ihre "Kundschaft" auf Hotel, Edeldinner oder Heurigenbesuch einlädt. Im Kongresszentrum wird aber selbst gezahlt. Zum Beispiel 26 Euro für einmal Schlangestehen am Lunch-Buffet. Armeen von Jobbern in schlecht sitzenden Anzügen schwärmen aus und verschieben Catering-Container von A nach B. 25.000 Menschen haben Hunger, Gelegenheit zur Nahrungsaufnahme gibt es viele. In diversen Cafés und Stehtisch-Buffets. Die Alternative gibts auf einem improvisierten Bauernmarkt: Bratwürste und Speck. Georg Lehner, mit seinen Standln auch auf Weihnachts- und anderen Märkten vertreten, hofft, dass Herzspezialisten zwar gesunde Ernährung predigen, sich selbst aber nicht so daran halten. Darum hat er diesmal auch exquisite Weine im Angebot. Der "Schaumrollenkönig" hat ebenso einen Frischluftstand wie diverse Eisverkäufer oder ein Gehkaffee-Unternehmen. Dabei wird auch an den Messeständen in zwei Hallen gerne Kaffee ausgeschenkt. Unter Lampen in Form von roten Blutkörperchen zeigt sich, dass auch Kardiologen nicht nur koffeinsüchtig, sondern auch verspielt sind. Da werden regelrechte Quiz-Rallyes angeboten, Pharmahersteller verschenken Plüschtiere als Trostpreis oder Memory-Sticks als Hauptgewinn, und als Belohnung darf man in eine futuristische Cyberlounge. Manner-Schnitten mögen Kardio-Spezialisten weniger, zumindest liegen überall angebissene Schnitten herum, vielleicht gibts auch nur zu wenig Mistkübel. Gut gebaute Männer warten in Schlafanzügen darauf, ihren Oberkörper frei zu machen und als Ultraschallmodels zu agieren. Spezialisten interessieren sich rege für Transplantationskontrollsysteme, Spezialwerkzeuge, Computerprogramme und Ausbildungsplätze, an denen man Studenten zum Beispiel beibringen kann, Herzkatheder einzubauen. Schilder an den Türen auf denen "Drücken" oder "Ziehen" steht, macht manche Kongressbesucher hingegen ratlos. Immerhin: Die Kongresssprache ist Englisch. Mediziner sind sehr mobil. Wenn gegen 20 Uhr die letzten Lectures vorüber sind, ist zwar allgemeiner Aufbruch beim Prater, aber eigentlich herrscht den ganzen Kongresstag ein Kommen und Gehen. Die eigens aufgelegten 5-Tages-Tickets für die Wiener Linien sind längst vergriffen, am "Public Transport"-Stand werden jetzt 8-Tages-Karten verkauft. Ein Großteil der Kongressbesucher nimmt das Angebot wahr, öffentlich zum Kongress anzureisen. Dafür wurde die Taktfrequenz der Messetram erhöht und die Linie 81 zwischen Praterstern und Messegelände reanimiert. Dass in der Straßenbahn die Durchsagen ausschließlich auf Deutsch erfolgen, wenn überhaupt, wird sicher auch noch geändert. Und wenn dann 2008 die U2 bis zum Messegelände und zum Stadion verlängert ist, wird wahrscheinlich auch der öffentliche Transport auf internationale Kongresse umgestellt. Der Herzkongress läuft reibungslos, der befürchtete Verkehrsinfarkt bleibt aus. Die Menschenmassen finden sich sowohl im Kongressgelände als auch in der freien Stadtwildbahn zurecht, selbst wenn vieles typisch wienerisch funktioniert, also "irgendwie eh". Und das sprichwörtliche und goldene Wienerherz lässt die Herzspezialisten nicht kalt. Viele Mitarbeiter sind uniformiert, aber freundlich, aber bei Hunderten Jobbern in den Bereichen Technik, Sicherheit, Gastronomie oder Information müssen sich ja nicht alle gleich gut auskennen. Hauptsache, die Sicherheitskarte wird ordnungsgemäß um den Hals getragen. Beim Betreten von Vortragssälen wird gescannt, wer kommt. Bruce Willis hätte da keinen Zutritt. Sein "Badge" ist nur ein Muster. Aber kardiologisch hat der Mime ohnehin keinen Schimmer. |
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nach oben September 2003 © FALTER E-Mail: wienzeit@falter.at |