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| "Hören Sie die Schreie?" |
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GEFÄNGNIS Angeblich gibt es hier laufend Vergewaltigungen. Mitunter auch an 14-jährigen Ladendieben. Im Grauen Haus warten 1200 Menschen auf ihren Prozess. Hinter den Mauern von Wiens gefürchteter Justizanstalt. FLORIAN KLENK (Text) und HERIBERT CORN (Fotos) |
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Neulich haben sie einen Burschen eingeliefert, der hatte 94 von diesen Säckchen im Darm. Fünfmal setzten ihn die Beamten auf die Toilette und bewachten ihn "beim Stuhlen". Am Ende hatten sie ein Kilo Heroin sichergestellt. Abgewogen und kuvertiert dienen die Kugeln nun als Beweis für die Richter im benachbarten Landesgericht. "Eigentlich sind wir für diese Drecksarbeit nicht zuständig", erklärt Peter Prechtl, der Anstaltsleiter, "doch die Kollegen machen es, weil sie eine Prämie bekommen." Täglich kommen so genannte "Bodypacker" her. Junge Burschen, meist aus Afrika, die das Gift im Körper transportieren. "Manche verschmieren den Kot in der Zelle oder stecken die Exkremente in den Mund", erzählt Prechtl, "das sind Szenen, die können Sie sich gar nicht vorstellen." "Willkommen im Grauen Haus, wir haben nichts zu verbergen!", sagt Peter Prechtl. Er ist ungewöhnlich offen für einen österreichischen Anstaltsleiter. Manchmal nennt er sein Haus "die totale Institution" oder "die Menschenfabrik". Auch bittet er, "die Beamten nicht schlecht zu machen, weil sie hier in Extremsituationen arbeiten". Eigentlich wollte Prechtl ja Theologe werden. Ausgerechnet der blaue Justizminister hat ihn, den die Hardliner "Weichling" nennen, zum Gefängnisdirektor ernannt. Seit Anfang des Jahres ist Prechtl auch für rund 120 Jugendliche zuständig. Das Ministerium glaubt, dass sie hier besser betreut werden können als in der "Rüdenburg" im dritten Bezirk. Die meisten Jugendexperten fürchteten hingegen, dass der "Geist des Grauen Hauses" den liberalen Jugendstrafvollzug zerstören könnte. Vergangene Woche fühlten sich die Kritiker bestätigt. Da wurde bekannt, dass ein Richter einen 14-jährigen Zahnbürsteldieb wegen "Fluchtgefahr" einsperrte. Noch am selben Tag wurde der Bub in der Zelle von Mithäftlingen missbraucht. Udo Jesionek, der pensionierte Jugendgerichtspräsident sagte: "Mir wurde von Beamten erzählt, dass es hier laufend Vergewaltigungen gibt." Der blaue Justizwachevertreter Peter Baumann kontert: "Es hat auch im alten Jugendgerichtshof Vergewaltigungen gegeben." Es gehe den Jugendlichen hier gar nicht so schlecht. Was jetzt? Werden hier die jungen Menschen gebrochen? Oder ist alles nur Politpropaganda? Und wie steht es eigentlich um die erwachsenen Häftlinge? Wer von der Zweierlinie auf das Graue Haus blickt, ahnt nicht, welch ein Labyrinth sich in den wuchtigen Gemäuern verbirgt. Das Graue Haus, so formulierte es der steirische Schriftsteller Gerhard Roth einmal, ist der "Hades" von Wien. Der Häftling, so Roth, habe hier den Eindruck, "verschluckt zu werden". 1200 Insassen aus siebzig Nationen warten hier auf ihren Prozess. Dazu kommen ebenso viele Beamte, Richter, Staatsanwälte, Schriftführer, Archivare, Köche, Mechaniker, Ärzte. Das Haus hat "Überbelag", nicht zuletzt weil so oft einsperrt wird wie seit Jahren nicht. Während die Verhandlungssäle und Richterzimmer mitunter pompös anmuten, während der Gerichtspräsident in imperialen Zimmerfluchten residiert und den mit Marmor ausgestatteten Schwurgerichtssaal für heiratende Richter und Operettensänger öffnen lässt, leben die Untersuchungshäftlinge in den "Trakten" auf engstem Raum. Nur eine Stunde pro Tag kommen sie zur "Bewegung im Freien" . "Hören Sie die Schreie?", fragt Matthias Geist, der evangelische Anstaltsseelsorger. In seinem Zimmer steht eine akustische Gitarre. Durch das geöffnete Fenster hört man das Gebrüll eines Häftlings. "Die Probleme, die es hier gibt, können gar nicht alle bewältigt werden", sagt Geist. "Es ist ein ohnmächtiges System. Es leiden viele, die selbst dann nicht entrinnen können, wenn sie von Mitinsassen missbraucht werden. Und es leiden sehr viele, die ihrer Arbeit nachgehen." Ein hoher Beamter des Justizministeriums, der unter der Zusicherung der Anonymität spricht, würde den Riesenkäfig "am liebsten sprengen". Das alte Graue Haus mit seinen feuchten Gemäuern und dem Galgenhof wurde zwar abgerissen und in den Achtzigern durch Betonriegel ersetzt. Doch schon damals hätten alle gewusst, dass das ein "irreversibler Fehler" war. Früher sei das Haus "der Vorhof zur Hölle" gewesen, erinnert sich der Beamte. Häftlinge hätten ihre Notdurft vor den Mithäftlingen in Kübeln verrichten müssen. Es herrschten Dynastien so genannter "Blutrichter", die keine Gnade kannten. Noch im Jahr 1974 zitierte das profil den damaligen Anstaltsleiter Wilhelm Kretschmer mit den Worten: "Ich bedauere, dass es keine kommunistischen Lager gibt. Denn da kommen die Gefangenen einfach nach Sibirien und verschwinden von der Oberfläche." Da waren noch keine dreißig Jahre vergangen seit nahe dem prunkvollen Schwurgerichtssaal im Namen des Gesetzes Massenhinrichtungen durch das "Gerät F", die so genannte "Köpfmaschine", vollstreckt wurden. Wer heute in die Gerichtskantine geht, kommt an einer unauffälligen Holztüre vorbei, auf der das Wort "Weihestätte" steht. An der Wand des verfliesten Raumes befindet sich noch heute jener Wasserhahn, an dem ein Schlauch angesteckt wurde, mit dem das Blut der Geköpften von der Blutrinne gewaschen wurde. Darüber sieht man Kränze und Gedenktafeln. 1284 Menschen fanden hier in der NS-Zeit den Tod. Rechtlich gesehen gelten die meisten Insassen hier als unschuldig, da sie auf ihren Prozess warten. In Wahrheit werden sie aber schlechter als Strafgefangene behandelt. Sogar inhaftierte Ladendiebe werden "aus Sicherheitsgründen" in Handschellen den Richtern vorgeführt. Gleich zu Beginn der Verhandlung werden sie ermahnt, ein Geständnis abzulegen. Die Strafverteidiger erzählen, dass es hinter den Kulissen Vereinbarungen mit Richtern über die Strafe gibt: Je geständiger der Täter, desto milder das Urteil. "Das Ritual eines fairen Verfahrens", so kritisiert ein Staatsanwalt, sei "hier unterentwickelt". "Wer hier leugnet, begeht Majestätsbeleidigung. Viele Richter sind voreingenommen und lassen sich gehen. Jeder normale Mensch geht weg von hier", sagt der Anwalt Lennart Binder. In letzter Zeit komme zwar eine junge Generation nach. Doch in wenigen Jahren werden auch sie abgehärtet sein, "da sie nur Strafsachen machen". Die bürokratischen Abläufe scheinen sich seit Jahrzehnten nicht geändert zu haben. Sechs Uhr morgens werden die Häftlinge geweckt. "Wir schauen, ob irgendwer nicht mehr aufsteht", sagt ein Beamter. Ab 15 Uhr gilt bereits "Nachtdienst". Mittagessen gibt es um halb elf, das Abendessen - meist "etwas Kaltes" - bereits um halb fünf. Ab 22 Uhr herrscht "Lichtschluss". Dieser werde aber, so ein Beamter, "nicht mehr so streng eingehalten". Aufgrund des Personalmangels beginnt das Wochenende bereits am Freitag um 13 Uhr. Nur mit großer Mühe kann Kurt Jagl einen Beamten freitags um 12.45 Uhr dazu bringen, eine Zelle aufzusperren, in der ein Häftling um ein kurzes Gespräch bittet. Jagl, den hier alle mit "Herr Magister" ansprechen, ist Mitglied des psychologischen Dienstes. "Vom ersten Tag an", sagt er, "herrscht bei Gefangenen nur Unsicherheit." Sie würden "systematisch hilflos gemacht". Jede Vergünstigung müsse "beantragt" werden. Viele Gefangene würden aufgrund der "Zwangsgemeinschaft" ernste Schädigungen davontragen. Aus Sicherheitsgründen, fügt Jagl hinzu, "sei es aber wahrscheinlich nicht anders möglich". Dem Häftling, den Jagl noch unbedingt vor dem Wochenende besuchen will, stehen Tränen in den Augen. Ob ihn seine Freundin noch liebt, will er wissen. In ausgetretenen Hausschuhen steht er in der Zelle, zeigt einen Brief, mit aufgeklebten Herzen. Soll er ihn abschicken? "Sie sollten sich keine Sorgen machen", spendet Jagl Trost. Nach neun Monaten bricht jede Bindung ab, erzählt Jagl später. Die Gefangenen malen zwar noch Blumen in ihre Briefe. Doch die Scheidung ist in vielen Fällen "unausweichlich". Obwohl das Familienleben wichtig für die Resozialisierung ist, werden so genannte "Tischbesuche" für Erwachsene im Grauen Haus fast nie bewilligt. "Es gibt nicht einmal ein Busserl. Du siehst deine Kinder nur durch die Scheibe und die ist dreckig", klagt ein Häftling, der zu Unrecht saß. Für Jugendliche hat Anstaltsleiter Prechtl eine neue Besucherzone errichtet: "Jetzt kann man sich endlich die Hand halten", sagt er. Die meiste Zeit wird gewartet, bis die Richter die Verhandlung "ausschreiben". Ladendiebe warten rund zwei Monate, Mörder ein bis zwei Jahre. Manchmal werden Verhandlungen wochenlang vertagt, weil ein Schöffe fernbleibt und die Richter keinen Ersatz organisieren. Das Warten lähmt. Jugendliche dürfen in einen Computer- oder Fitnessraum oder in die Schule. Erwachsene dürfen auf Arbeit nur hoffen. In der Anstaltsputzerei bügelt ein Häftling mit langem weißen Haar den Anzug eines Staatsanwaltes. Ein anderer, er muss über siebzig sein, bestickt Taschentücher mit Initialen eines Richters. Am Ende eines Flures, in dem Heizungsrohre verlaufen, sitzen zehn afrikanische Jugendliche an einem Tisch und stecken für eine Firma Eiskratzer zusammen. "Wir haben so viel, wir können sie schon in der Wüste verkaufen", sagt ein Beamter, der anmerkt, "dass die Schwarzen hier am fleißigsten" sind. "In der Früh, bevor s' arbeiten", so erzählt er, "fangen s' zum Singen an. Dann hoit da Heiptling a Rede, und sie arbeiten den ganzen Tog durch." Wer nicht arbeitet, darf nur zweimal die Woche fünf Minuten duschen. Beamte müssen "auf die Einhaltung der Duschzeit" achten. Vor allem im Sommer, so klagen die Häftlinge, "sei der Schweißgeruch unerträglich". Ein besonderes Privileg ist es, zum Hausarbeiter ernannt zu werden. Bei diesen so genannten "Fazis" bleibt die Zellentüre offen. Sie sind nicht immer beliebt. Besonders gefürchtet sind die "Badefazis", die neu ankommende Häftlinge "aufs Tiefste erniedrigen", wie es ein Häftling nennt. Jeder, der ins Graue Haus kommt, muss sich für das "Zugangsbad" bereit machen. "Dann", so ein ehemaliger Häftling, "schauen sie dir in den Arsch, fahren dir in den Mund und fragen dich, wie viele Kilos du hast. Die ganze Zeit hast du kein Gewand an." Bei der Einlieferung gibt der Häftling auch seine "Effekten", die persönlichen Wertsachen, ab. Wenn er Glück hat, darf er ein Adressbuch behalten. Langsam verwandelt er sich in den "Belag". Es wird ihm klar, dass er Wohnung, Beruf und Familie verlieren kann. Er wird einem "Stock" zugeordnet und "klassifiziert". Er wird lernen, dass es nur noch Nahrung gibt, die mit dem Schöpfer ausgeteilt werden kann. Seine Getränke werden in einen Kübel geschüttet und in die Zelle gestellt. Der Häftling bekommt auch das so genannte "Sexpaket", bestehend aus drei Kondomen und Informationen zu Hepatitis und HIV. Schwuler Sex ist "an der Tagesordnung", wie ein Beamter erklärt. Meistens wird dafür bezahlt. Die Hepatitisrate liegt bei sechzig Prozent. Am Gang vor dem Ordnungsstrafreferat steht ein schwächlich aussehender Häftling, der gleich als Zeuge dienen wird. Wieder einer, der in der Zelle misshandelt wurde. In der Amtsstube spielt ein Radio Volksmusik. Es sei schwer, solche Delikte aufzuklären, erzählt der Beamte, weil die Solidarität unter den Gefangenen groß ist. Verräter, so genannte Wamser, haben Schlimmstes zu befürchten. Sie werden, so erzählt es ein Häftling, "mit dem Besenstangl pudert". Der Anstaltsleiter holt ein Fotoalbum aus dem Kasten. Man sieht darin Bilder von Zellen, die nach "Selbstbeschädigungen" mit Blut verschmiert sind. Man sieht Hafträume von jenen, die durchgedreht sind. Ein Beamter richtet hier über das Schicksal der "Renitenten" und ihrer Opfer. Strafen können streng sein. Für tätliche Angriffe setzt es die "Absonderung". Der Häftling kommt in eine kahle Zelle, in der es nur eine Matratze und ein Loch im Boden gibt, wo er in "sauberer und schicklicher Weise seinen Bedürfnissen nachkommen kann", wie es das Gesetz nennt. Manche Häftlinge erzählen, dass sie zuvor mit kaltem Wasser abgespritzt wurden. Manche werden "aus Sicherheitsgründen" nackt ausgezogen. Vier Wochen Absonderung erlaubt das Gesetz. Es gibt dann keinen Besuch, keine Lektüre, keine Zigaretten, keinen Fernseher. Nur Pfarrer und Arzt. Das Fenster der Zelle kann mit einer Metallplatte verschlossen werden. Bis vor wenigen Jahren wurde hier von "Gitterbettfazis" auch noch das so genannte "Gitterbett" eingesetzt. Ein Metallsarg. Erst nach einer Protestnote des Antifolterkomitees wurde es zersägt. "Seit die Psychiater im Haus sind", erklärt der Anstaltsleiter, "wird die Absonderung nur noch selten verhängt." Die Mordverdächtigen kommen ins Reich des Stockchefs Peter Leitheim. Der "Peda", wie ihn die Häftlinge nennen, war einst Holzfäller. Nach seinem Händedruck muss man die Hand ausschütteln. Wenn er eine Zelle betritt, brüllt er den Nachnamen des Häftlings."Er ist streng, aber gerecht", zollt ihm der Anstaltsleiter Respekt. Auf dem Tisch des Stockchefs eine Tafel mit Dutzenden Steckkärtchen. "Braune Kartel sind Ausländer, weiße sind Österreicher, grüne sind Mörder und Gesperrte", erklärt der Stockchef das System. Die Gesperrten teile er in "einfach" und "doppelt" Gesperrte ein. Man müsse beim Belegen der Zellen viel Erfahrung mitbringen, erklärt Leitheim und zeigt eine Postkarte mit harmlos aussehenden Pferdchen darauf. Sie stammt von einem inhaftierten Mörder, der wieder einmal "Angst hat, durchzudrehen". Wenn der "Stand" unter hundert rutscht, erzählt der Anstaltsleiter, "wird unser Peda langsam unruhig, weil es ihm zu wenig wird". Seit 32 Jahren wacht er wie Zerberus vor der Unterwelt. Was sich hier seit den Siebzigern geändert hat? Leitheim lacht: "Kloschüsseln hamma kriegt!" |
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