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Der Club als Fluchtpunkt
MUSIK  Das Porgy & Bess feiert demnächst seinen zehnten Geburtstag. Christoph Huber, Betreiber des besten Jazzclubs in Europa, sprach mit dem "Falter" über das Wiener Publikum, den Unsinn von Konkurrenz-Debatten und über japanische Reisegruppen, die keinen Goebbels hören wollen. CARSTEN FASTNER und KLAUS TASCHWER

Falter 37   Originaltext aus Falter 37/03 vom 10.09.2003

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Am 26. September 1993 wurde mit einem Konzert von Karl Ratzer in der ehemaligen Fledermaus-Bar das Porgy & Bess eröffnet - und kaum mehr als ein Jahr später hatte sich der von Renald Deppe, Christoph Huber und Matthias Rüegg gegründete Jazzclub zu einem der interessantesten Musikorte der Stadt entwickelt. Nicht nur die klassische Jazzszene des Landes wurde von den Möglichkeiten, die sich im Porgy boten, beflügelt, auch für musikalische Grenzbereiche zur komponierten, elektronischen oder Clubmusik war man hier stets offen.
Ein Konzept der Vielseitigkeit, das sich bewährte: Schon fünf Jahre später war der Erfolg des Porgy zu groß für das enge Kellerlokal in der Spiegelgasse geworden, und nach einiger Zeit des Asyls im MuseumsQuartier und im Radiokulturhaus sowie heftigen kulturpolitischen Debatten fand der Club zum Jahreswechsel 2000/01 schließlich in einem ehemaligen Pornokino in der Riemergasse seine neue Bleibe. Heute kann Christoph Huber, der das Porgy mittlerweile alleine betreibt, auf 70.000 Besucher pro Saison verweisen. Mitten in den Vorbereitungen zum zehntägigen 10-Jahres-Fest traf der Falter den vom Organisationsstress schwer gezeichneten 35-Jährigen zum Interview.


Falter: Was macht Ihnen denn mehr Spaß: Heute einen professionellen Club zu führen oder, wie vor zehn Jahren, einen neuen Club ganz aus dem Nichts aufzubauen?

Christoph Huber: Die Frage hab ich mir so noch nie gestellt. Es war anfangs natürlich irrsinnig spannend, trotz aller Schwierigkeiten. Ich kann mich noch gut an die ersten Konzerte erinnern: Da kamen kaum je mehr als sieben, acht Leute, obwohl wir teilweise alle unsere Freunde angerufen hatten. Für uns war das schon sehr irritierend, denn wir hatten uns ja vorgenommen, diesen Raum täglich zu bespielen und pro Saison 15.000 Personen zu erreichen. Also im Schnitt vierzig Zuhörer pro Konzert. Das ist uns irrsinnig viel vorgekommen.

Wie viele Zuhörer sinds denn heute pro Saison?

Knapp 70.000 nur bei unseren eigenen Veranstaltungen. Aber wir hatten auch in der letzten Saison in der Spiegelgasse schon über 30.000 - also die Verdoppelung unserer optimistischen Prognose. Nach dem zähen Anfang hat die Sache schnell eine große Dynamik bekommen, und was es dann wirklich gebracht hat, war unsere Membercard, die wir im Sommer 1994 eingeführt haben. Damit hatten wir die Garantie, dass der Club nie leer ist, weil selbst bei Konzerten unbekannter Musiker immer wieder Mitglieder vorbeischneien und sich das anhören, ohne ein Risiko einzugehen.

Es gibt ja auch eigene Membercards für Musiker ...

Das sind die billigsten!

Und ein guter Trick, um die Musikerszene an den Club zu binden.

Na, das ist ja kein Trick! Wir haben von Anfang an gesagt, dass unser Club ein Kristallisationspunkt für die heimische Szene sein muss. Es war uns wichtig, auch für Sachen aus dem avancierteren Bereich die Unterstützung der Szene zu haben.

Wie erreicht man das?

Indem du Musikern einen verbilligten Gin Tonic anbietest ...? Nein, du kannst es nur übers Programm machen. Zum Beispiel über unsere Porträts. Da laden wir einen internationalen Musiker ein, drei Tage lang mit heimischen Kollegen zu arbeiten. Wie kommen die denn sonst dazu, zum Beispiel mit dem Bob Berg ein Projekt zu realisieren?

Wie funktioniert denn heute die Programmierung? Das Dreier-Kuratorium der Anfangszeit mit Renald Deppe und Matthias Rüegg gibt es ja nicht mehr.

Das ist schon 1998 ausgelaufen, aber natürlich gibt es die Menschen noch, und natürlich berät man sich nach wie vor. Ich hab zwar auch versucht, über Kuratoren mit verschiedenen Szenen zu arbeiten, bin dann aber draufgekommen, dass es vernünftiger, weil weit weniger kompliziert ist, die Entscheidungen letztlich alleine zu treffen.

Und wie halten Sie sich inhaltlich auf dem Laufenden?

Ich rede mit Musikern, lese Zeitungen, höre CDs - alles zusammen, das kann man nicht trennen. Ich meine, ich beschäftige mich mit diesen Dingen seit meinem 15. Lebensjahr - und ich hab nie was anderes gemacht!

Wie viel Zeit Ihres Lebens verbringen Sie denn im Porgy?

Na, schon viel. Ich bin sicher fünf-, sechsmal pro Woche da. Ich häng da zwar nicht bis vier Uhr früh rum, aber vor Mitternacht geh ich selten heim. Der Club ist für mich so etwas wie ein Fluchtpunkt, da sind einfach normale Menschen. Ich find unser Publikum wirklich super. Die sind unglaublich aufmerksam, beschäftigen sich ernsthaft mit der Musik und kommen nicht von vornherein mit einer enthusiastischen Haltung, sondern wollen erst überzeugt werden. Die Musiker empfinden das teilweise als anfängliche Distanz oder Kälte, aber wenn man unser Publikum erstmal überzeugt hat, dann ist es unglaublich dankbar. Mir gefällt das, es ist ein hoch qualifiziertes Publikum.

Als Sie das neue Lokal in der Riemergasse bezogen haben, gab es einige Animositäten seitens der anderen Wiener Jazzclubs. Wie schaut das denn mittlerweile aus?

Relativ entspannt. Es gibt ein neues Feindbild, das heißt Birdland (ein von Joe Zawinul geplanter Club, Anm. d. Red.) - und damit sind wir ein bisschen aus der Schusslinie. Aber ich halte nicht viel von diesen Konkurrenz-Debatten, weil die so nicht stimmen. Das Porgy hat dem Jazzland nicht geschadet, ganz im Gegenteil, und ich glaube auch nicht, dass das Birdland jemandem schaden wird. Ehrlich, das passt schon so. Damit wird Wien dann wirklich das europäische Jazzzentrum. Ein bisschen zweifelhaft ist da eher die Kulturpolitik und wie sie mit diesen Dingen umgeht.

Sie halten die Profile der einzelnen Veranstalter für ausreichend scharf?

Das weiß ich nicht. Wir sind ein sehr pluralistischer Veranstalter, und da ist es relativ kompliziert, ein klares Profil in Bezug auf Verkaufbarkeit, auf Marketing zu erkennen. Es ist zum Beispiel schon passiert, dass eine japanische Reisegruppe kommt, weil in irgendeinem Reiseführer steht, dass wir ein toller Club sind - und just dann tritt der Frank Hoffmann auf und rezitiert Goebbels. Wir sind halt nicht berechenbar.

Wo ziehen Sie überhaupt die Grenze Ihres Programms?

Alles, wo man Qualität und die Möglichkeit zur Entwicklung spürt, ist interessant. Egal, ob das mit dem Sujet Jazz noch gscheit umschrieben ist oder nicht. Wenn ich Jazz akademisch definiere, dann trifft sicher nur ein Bruchteil unseres Programms darauf zu.

Das Porgy hat sich ja immer schon durch sein breites Programm ausgezeichnet und auch dadurch, dass der musikalische Nachwuchs hier auftreten konnte. Matthias Rüegg hat dazu in der Festschrift Bedenken angemeldet: "Wenn ich zweimal in der Woche in diesen Club gehe, dann will ich Jazz auf höchstem Niveau hören. Und nichts, was wesentlich darunter liegt."

Natürlich gibts eine Diskussion. Matthias hat eine sehr strikte Definition von Jazz, und da interessieren ihn viele Sachen einfach nicht mehr. Aber, es tut mir leid: Der Club heißt "Jazz and Music Club", und zwar ganz bewusst. Das ist ja keine Ironie. Ich kann seine Bedenken gut verstehen, aber ich teile sie nur sehr partiell. Und ich sehe auch das Problem nicht so krass. Natürlich hats Sachen gegeben, die wir uns hätten sparen können. Aber die hats im Elektronikbereich genauso gegeben wie im klassischen Jazzumfeld. Fehler können passieren!

Wie schauts eigentlich mit der finanziellen Situation aus?

Ganz einfach: Die Unterstützung der öffentlichen Hand hat seit 1993 abgenommen und die Eigenleistung dementsprechend zugenommen. Das ist für den laufenden Betrieb meines Erachtens derzeit ganz okay. Wir haben ein Budget von rund 1.100.000 Euro, knapp zwanzig Prozent davon kommen zu gleichen Teilen von Stadt und Bund, und den Rest stellen wir selber auf. Was uns aber momentan in Bedrängnis bringt, ist die Tatsache, dass der Umbau um knapp 10.000 Euro mehr gekostet hat als die 720.000 Euro, die wir - nicht von der öffentlichen Hand - selber aufgestellt hatten. Das mag für dieses Umbauprojekt zwar nicht viel sein, ist aber für eine Privatperson schon ein Problem. Denn den Kredit unterschreibst du ja als Privatperson, du kannst dich da nicht hinter einem Mantel verstecken. Das gehört mittelfristig gelöst, und zwar von der Kulturpolitik. Wir haben da keine Chance.

Und wie decken Sie die achtzig Prozent Eigenleistung?

Die Hälfte davon sind sicher Eintrittseinnahmen. Die Gastronomie ist ausgelagert und bringt uns eine überschaubare, aber fest kalkulierbare Summe ein. Der Rest ist Sponsoring. Ohne den Hauptsponsor, die Bank Austria, würde es das Porgy schon lange nicht mehr geben. Da ist der glückliche Umstand dazugekommen, dass der Direktor der größten Bank in Österreich (Gerhard Randa, Anm. d. Red.) wirklich ein Jazzfan ist, sich mit Musik auskennt und auch relativ häufig im Club ist. Bei den kuriosesten Konzerten!

Sie bekommen durch Sponsoring mehr Unterstützung als von der öffentlichen Hand?

Die Sponsor-Unterstützung ist ausdrücklich höher als die von Stadt und Bund, und ich hab mit der Bank Austria ab 2004 sogar einen Fünfjahresvertrag. So etwas krieg ich weder vom Bund noch von der Stadt.

Hat das Bundeskanzleramt heuer eigentlich schon bezahlt?

Ja, wirklich! Am 1. September lag der Brief auf meinem Schreibtisch. Er war zwar datiert auf Juli, aber man weiß ja mittlerweile, dass der Postlauf aus dem Bundeskanzleramt manchmal ein bisschen länger dauert. Ich mein, das ist jetzt einmal so weit in Ordnung, aber trotzdem ist das eine unfaire Form der Behandlung. Wir hatten ja immer schon mit Problemen zu kämpfen. Die mögen sich jetzt zwar zugespitzt haben, wurden aber durchaus von der Sozialdemokratie wohl vorbereitet. Es war früher nicht um so viel besser, wir haben unsere Subventionen noch nie vor dem laufenden Jahr bekommen, aber so spät wie diesmal halt auch noch nie. Und das ist wirklich heikel, denn in der Privatwirtschaft wären wir längst in der fahrlässigen Krida: Wir budgetieren schließlich Geld, das wir nicht zugesichert bekommen haben.

Gibt es für Sie so etwas wie die größte Entdeckung in zehn Jahren Porgy?

Dhafer Youssef hat seine Karriere bei uns begonnen, Triology und Radian sind Bands, die im Porgy entstanden sind. Es gibt jede Menge Leute, wie Thomas Gansch, die aus unserem Umfeld kommen und davon auch profitiert haben. Bei mir im Büro hängen alle Folder der letzten zehn Jahre an der Wand, und das ist teilweise schon ein Genuss, einfach zu schauen, wer da wann gespielt hat. Nur: Das ist Geschichte, und es mag ganz nett sein, sich daran zu erinnern oder zu sehen, was aus den Leuten geworden ist. Aber die wesentliche Dimension ist das nicht.

Dann also zur Zukunft: Wo soll das Porgy in zehn Jahren stehen?

Ich würde das ja nie behaupten - aber wenn es stimmt, was die Musiker sagen, nämlich dass das Porgy der beste Jazzclub zumindest in Europa ist, dann haben wir eine Basis erreicht, auf der wir uns darum kümmern müssen, diesen Stellenwert weiterhin zu behalten, ohne dabei aus ökonomischen Gründen allzu viele Kompromisse einzugehen. Diese Gefahr besteht, weil der Eigenleistungsdruck so hoch ist. Und ich weiß natürlich durchaus, wie man einen Club ökonomisch sinnvoll führen könnte. Aber das widerspricht eben der Lebendigkeit und der Zielsetzung des Porgy.

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September 2003 © FALTER
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