Ein bescheidenes, von Efeu überwuchertes Grab, ohne Namen. Ein eisernes Kreuz ohne Schnickschnack, kein Protz und keine Hofratstitel-Inschrift. Nur ein Strauß halb verdorrter gelber Blumen erinnert daran, dass sich jemand darum kümmert. Thomas Bernhards Grabstätte sieht anders aus als die anderen am Grinzinger Friedhof. "Eine echte Antithese", sagt Michael Frank und schaut beinahe liebevoll auf die verdorrten Blüten. "Gerade bei diesem Grab liegen immer Blumen oder was Kurioses als Memento - an was auch immer." Schöne Gesten an einem besonders inspirierten Ort der Stadt, findet Frank. Es ist auch einer der Plätze, die der langjährige renommierte Österreich-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung Wienbesuchern gerne zeigt.
Warum gerade das Grab Bernhards? "Er hatte dieses unbeschreibliche Talent, die Grundstimmungen hierzulande herauszufordern und offenzulegen. Eine therapeutische Großleistung, die bei den Wienern schwierig ist: ihre Seele bloßzulegen, das tun sie sehr ungern", sagt der Journalist. Frank, 56, stattliche Figur, heller, forschender Blick hinter Brillengläsern, weißes Haar. Der Bilderbuch-Bayer mit Humor, der gar nicht klingt wie ein Bayer, beobachtet die Wiener schon das zwölfte Jahr. Nicht lieblos, eher ironisch-distanziert. "Die so genannte Wiener Gesellschaft ist unglaublich auf Äußerlichkeiten aus, und wenn daran gekratzt wird, wie Bernhard das getan hat, ist man sofort stinksauer: Das hat mir sehr an ihm gefallen." Frank grinst gut gelaunt. Auch der Mann aus dem Kaff in Oberbayern fuchst die Wiener ganz gern - und das, nachdem sie ihn sich oft schon als gemütlichen Typ aus dem netten Freistaat an die Brust nehmen wollten: der Mann, der zwar Hochdeutsch spricht wie so ein kaltschnäuziger Piefke, aber Gott sei Dank doch einer von uns ist. Einer, der Verständnis für unsere Mentalität haben muss. "Naja, den politischen Katholizismus hierzulande kenne ich natürlich von daheim", meint Frank trocken. Seine Wienerlebnisse, atmosphärische Geschichten, hat er jetzt in dem Buch "Alles Wien" zusammengefasst und die Stadt darin besser durchschaut, als es den Wienern lieb sein dürfte (siehe Kasten).
Frank kennt die nekrophile Ader der Stadt, die große Begeisterung für ihre Friedhöfe, für den Tod an sich. "Das alles hat hier eine überdimensionale Bedeutung, dafür haben die Leute eine Schwäche. Das ist eines der Klischees, die viel Wahres haben." Deswegen flaniert er nicht nur gerne über den idyllischen Grinzinger Friedhof, sondern auch über den in St. Marx. Und beim Friedhof der Namenlosen kommt Frank ins Schwärmen. "Dieser Ort hat eine fast magische Dimension, mit diesen archaischen alten Lagergebäuden des Alberner Hafens nebenan. Diese Häuser sehen aus, als würden die Vampire dort wohnen." Manchmal klingt Michael Frank so, als wäre er schon etwas zu lange in Wien.
Frank hatte sich vor allem mit Entwicklungspolitik beschäftigt, bevor er 1986 zum ersten Mal als Korrespondent nach Wien kam. Gerade rechtzeitig, um turbulente Zeiten im alten Mitteleuropa zu erleben. "Der Michel Frank kam, als die Waldheim-Affäre auf ihrem Höhepunkt war. Für ihn war das eine unglaubliche Herausforderung, aber auch ein großes Vergnügen", erinnert sich der Publizist Peter Huemer, mit Frank befreundet, seitdem dieser damals mit ihm im "Club 2" über den Weinskandal diskutierte. 1992 wechselte Frank dann nach Prag und kehrte 1998 auf den Wiener Posten zurück - pünktlich vor der schwarz-blauen Wende. "Immer, wenn er in ein Land kommt, ist es dort besonders spannend. Dann gehts los", ortet Huemer fast schon eine prophetische Ader bei seinem Freund aus Bayern.
Nach all den Jahren fühlt sich Frank in Wien noch immer wohl, "aber wenn der Tag käme, wo ich hier beheimatet wäre, müsste ich sofort weg". So was dürfe einem Berichterstatter nicht passieren, der müsse eine gewisse Äquidistanz wahren, sagt Frank und schaut ernsthaft durch seine Brille. Beim Berufsethos versteht der Joseph-Roth-Preisträger keinen Spaß. Frank ist ein Korrespondent vom alten Schlag, einer, der ganz nach klassischer Schule nur Beobachter sein will. Mitmischen und dazugehören möchte er nicht. Ein Journalist wie der britische Korrespondent im "Quiet American" von Graham Greene: Nah dran, aber nie wirklich emotional involviert, beobachtet er die Welt um sich, schweigend. Nur mit der Stille hat es Michael Frank nicht so: Er erzählt mit Leidenschaft, ausführlich, barock, erklärt einem die Welt vom Kaiser-Komplex der Ösis bis hin zur Faszination des Wiener Gemeindebaus. "Sie müssen mich fei bremsen", sagt er dann zwischendurch, wenn er den Bayern mal kurz rauslässt.
Auch wenn der eloquente Journalist gerne plaudert - plumpe Vertraulichkeiten mag er nicht. "Die eigentliche Korruptionsgefahr im Journalismus sind Vertraulichkeiten, wenn erst einmal das Duzen anfangt. Ich führe eine systematische Abwehrschlacht gegen das Du, nicht nur bei Politikern." So ein Typ wie Frank, einer ohne die üblichen Haberer, ein Unbequemer, der sich nicht einordnen lässt, ist auch der Kronen Zeitung ein Dorn im Auge. Sie beschimpfte Frank vor zwei Jahren sogar auf dem Cover. "Die mieseste Story über Österreich" prangte da in großen Lettern. Der Deutsche hatte nämlich gewagt, in einem SZ-Artikel die österreichischen Gesetzestexte ganz sachlich nach ausländerdiskriminierenden Gesetzespassagen zu durchforsten. "Michael Frank - einer gegen Österreich!" kampagnisierte das Boulevardblatt dann eifrig auf den Leserbrief-Seiten weiter, mit einem Foto des bösen Deutschen. Frank nahm es gelassen. "Ich war allerdings gerührt, dass sich viele Wiener Freunde und Kollegen tatsächlich Sorgen um mich gemacht haben."
"Unberechenbar" nennen heimische Politiker den Mann, der bayrischen Schmäh scheinbar nahtlos mit norddeutscher Sachlichkeit verbindet. "In Deutschland würde man sagen, der ist unabhängig, in Wien sagt man, der ist unberechenbar. Ich nehm das als Kompliment, auch wenn es nicht so gemeint ist", sagt der Berichterstatter, den seine Kollegen gerne als linken Bürgerlichen einordnen. Politiker und Kollegenschaft bekommen ihn allerdings nicht oft zu sehen, Frank lässt die üblichen Anlässe, "wo sie dauernd zusammenhocken", einfach aus. Wie meist auch das Pressefoyer nach dem wöchentlichen Ministerrat. Was für manche Innenpolitik-Journalisten den gesellschaftlichen Höhepunkt ihrer Arbeitswoche darstellt, ist für ihn nichts anderes als "eine heilige Messe, ein Ritual".
Frank sitzt währenddessen lieber im Café Jelinek, gleich bei seiner Mariahilfer Wohnung ums Eck, und erträgt die "Verehrungsbezeugungen" der übereifrigen Wirtin. Oder er ist auf den Straßen der Stadt unterwegs, um Geschichten zu erfahren. In der Trafik, in der Bim, am Markt. Seine Besucher führt er nach den obligaten Friedhofsgeschichten auch zu jenen Orten, die ihm besonders an Wien gefallen, zu den spannenden Plätzen im öffentlichen Raum. Wie dem Augarten ("die zwei Nazi-Flaktürme sind eine totale Verletzung, geben dem Ort aber eine besondere Atmosphäre"), dem böhmischen Prater ("was da an unglaublicher sozialer Wärme an Brennpunkten offensichtlicher Armut entstanden ist") oder der Gloriette ("die ist en detail hässlich, dieses Ornamentengetue, aber ihre Positionierung ist unglaublich").
Bei seinen Erkundungstouren durch die Stadt achtet der unternehmungslustige Journalist darauf, nicht unbedingt bei der Wiener Schickeria anzustreifen, obwohl er "gestählt ist von Münchens Szene": "Abgesehen von München wird nirgendwo ein derart hysterischer Schickimicki-Jugendkult betrieben wie hier in Wien - weil das hier eine alte Gesellschaft ist, die sich alt fühlt." Für den Bayern hat die Stadt dafür einen anderen großen Reiz: "Sie ist uneindeutig, nicht einfach einzuordnen. Das Königreich des Uneigentlichen." Die Wiener Szene gebe es nicht. Auch keine einheitliche monothematische Stadtstruktur. Und sogar der Wiener selbst vereinbart Widersprüche in sich, meint der SZ-Mann. "Das sind an sich sehr behäbige Leute - aber im Kopf schnell und wendig. Die denken flott mit. Wie sie es dann aber umsetzen, ist eine andere Frage."
Michael Frank, Bayer in Wien, hat schon viel Einfühlungsvermögen in die Wiener investiert. "Bis manche Leute hier die Pappnase endlich abnehmen und zeigen, was dahintersteckt, braucht man wirklich Geduld." Sein großer beruflicher Traum, ein Korrespondenten-Posten in Rom, hat sich dafür bisher noch nicht verwirklicht. Wenn er Wien einmal verlässt, bleiben zumindest sein Wienbuch und viele Geschichten rund um die Stadt als Vermächtnis. Von einem Beobachter aus Überzeugung, der immer nur genau hingeschaut und nie mitgespielt hat.
FRANKS WIEN-BUCH
Wien, windiges Wesen
Das Wiener Wesen kennt manche Exegesen. Michael Franks "Stadtansichten" genannte Glossen signalisieren schon mit dem Titel "Alles Wien" einen umfassenden Anspruch. Darin steckt natürlich einerseits die Anspielung an die Worte des Tanzmeisters beim Opernball, mit dem dieser die Tanzfläche freigibt ("Alles Walzer"), und andererseits eine ironische Anerkennung der Wiener Anmaßung, die österreichische Hauptstadt habe alles zu bedeuten, was es an Welt gebe.
Franks Ironie ist fein genug, um zu wissen, dass man solche Anmaßungen nur durch Anerkennung aushebeln kann. Also erkennt er diverse Wiener Verfeinerungen des Lebens an. Naturgemäß beginnt er bei der gemeinsamen Sprache, die uns von den Deutschen trennt, und bei den Friedhöfen. Dass er uns die schöne Leich nicht erspart hat, möchten wir ihm als Einziges ankreiden in einem Buch, das sonst den Klappentext-Anspruch, "Bekanntes in neuer Farbgebung" zu beschreiben, durchaus erfüllt. Franks Beschreibung des Böhmischen Praters ist die beste, die ich kenne, seine Annäherung an die Märkte der Vorstadt über das Begriffspaar "süß und sauer" erweist seine subtile Kennerschaft des Angebots.
Exkurse über den Hitzewahn der Wiener in der Sauna und über das Verhalten der Verkehrsteilnehmer, deren "Handeln im Straßenverkehr weniger der Fortbewegung als der pädagogischen Unterweisung der Mitwelt zu dienen hat", sind Ergebnisse einer teilnehmenden Beobachtung, die leidet, ohne wehleidig zu werden. Aus Franks leichter Hand erfährt der gelernte Wiener zudem manches Wissenswerte, etwa woher der Name "Sandler" stammt oder warum es das Glas Wasser zum Kaffee gibt.
Am Ende des Buchs stehen zwei symbolische Geschichten: Die eine erzählt von einer Wienerin, die unausgesetzt um die ganze Welt fährt, in einem Autoscooter im Prater. Die zweite handelt von Wien, seiner ungeliebten Donau und dem viel strapazierten Bild von Wiens Brückenfunktion. Zitiert wird jener Wiener Bürgermeister, der sagte, auf einer Brücke zu wohnen sei ungemütlich, es ziehe dort. Frank fügt hinzu: "Ja, in Wien weht 200 Tage im Jahr der Wind." Am Ende ist der deutsche Stadtbetrachter Michael Frank dort angekommen, wo all die klugen, zugewanderten Stadtbetrachter zuletzt landen. Mit seinem Buch hat er sich in die Reihe der besten Wiener Feuilletonisten eingeschrieben.
ARMIN THURNHER
Michael Frank: Alles Wien.
Stadtansichten. Wien 2003 (Picus Verlag). 136 S., EUR 16,90
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