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| "Herr Doktor, hören S auf!" |
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PSYCHIATRIE Seit Jahren warnen Ärzte vor einem Kollegen, der Patienten am Steinhof gequält und mit Medikamenten "diszipliniert" haben soll. Seine Methoden würden an "totalitäre Zeiten" erinnern. Bis heute wurde der Psychiater zu den Vorwürfen nicht befragt. Nun macht er Karriere als Gefängnisarzt. FLORIAN KLENK |
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Der Pfleger wollte dem Treiben nicht mehr zusehen: "Herr Oberarzt!", flehte er den Psychiater an, "hören S' auf! Es ist genug!" Der Oberarzt, so schildert es der Zeuge bei einer Einvernahme, war gerade wieder einmal damit beschäftigt, einen Obdachlosen "abzuduschen": Der Sandler sollte sich endlich merken, "dass er da bei uns nicht ein und aus gehen kann". Manchmal, so gibt ein Arzt zu Protokoll, habe sich der Doktor die "Schürze" angezogen, um "strafweises Magenauspumpen" oder die "strafweise Anordnung eines Einlaufes" vorzunehmen. Er werde den Patienten schon "zeigen, wo es langgeht". Einer "minderbegabten und schwer gestörten Patientin", hält eine andere Zeugin fest, "rechnete der Oberarzt bei der Aufnahme die Kosten ihrer Krankheit vor". Zur "Abschreckung" habe er ihr im Badezimmer der Station eine "Magenspülung mit Tierkohle verpasst". Ein anderer Bediensteter des Otto-Wagner-Spitals will beobachtet haben, wie der Oberarzt einem aggressiven Patienten "nicht nur abwehrend, sondern schlagend" begegnet sei. Die Schwester habe gebeten, aufzuhören, so der Zeuge. Der Patient habe bereits "blaue Flecken" gehabt. Reaktion des Oberarztes laut Protokoll: "Geben wir ihm zwei Rohypnol, dann hat er es vergessen." Einem Burschen, der schwer drogenkrank auf der Station aufgenommen wurde, soll der Arzt so fest "die Nase umgedreht" haben, dass sie zu bluten begann. "Er hat das Aufnahmezimmer mit einer blutenden Nase verlassen", erinnert sich eine Zeugin. Eine Oberärztin beklagte bei ihren Vorgesetzten schriftlich, dass der "Oberarzt der Ansicht ist, dass manche Patienten keine Therapie verdienen (es sei schad ums Geld)". Drogenabhängige und Alkoholkranke, soll er verkündet haben, "sind nicht krank, sondern arbeitsscheu und schädigen den Steuerzahler". Einem schwer kranken Österreicher indischer Abstammung, gibt eine Sozialarbeiterin zu Protokoll, wirft er "Scheinehe, Kindermachen, Sozialstaat ausnützen" vor. Einen Mann, der sich umbringen wollte, soll er gefragt haben: "Wie kommen Sie dazu, sich am Stephansplatz anzünden zu wollen, hängen Sie sich zu Hause auf!" Im Sommer 2001, so das Protokoll, "rechnet der Oberarzt einem Patienten vor, was der Feuerwehreinsatz bei einem Selbstmordversuch bei einer Brücke kostete. Er würde dafür sorgen, dass er ins Gefängnis kommt." Diese Zitate stammen aus vertraulichen Protokollen jener Ärzte, Pfleger, Schwestern und Patienten, die den Psychiater und Oberarzt Karl-Heinz R. belasten. Sie sind dem Rathaus seit fast zwei Jahren bekannt. Der Mediziner bestreitet die Vorwürfe seiner Kollegen. "Eine Intrige" sei das alles. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung. Auch ehemalige Kollegen des Arztes zeigen sich überrascht. "Er hat in den frühen Neunzigerjahren bei uns gearbeitet und seinen Job tadellos gemacht. Er war sogar sehr hilfreich", erinnert sich Hans Schanda, Leiter der Justizanstalt Göllersdorf. Momentan habe er allerdings nur noch sporadisch Kontakt zu dem ehemaligen Kollegen. Die Vorwürfe und vor allem deren Aufarbeitung durch die Wiener Stadtregierung bieten ein Sittenbild, wie in dieser Stadt mit kritischen Beamten und behaupteten Missständen umgegangen wird: Oberarzt R. soll, so der Verdacht, nicht nur jahrelang auf der Baumgartner Höhe Patienten beschimpft, erniedrigt und misshandelt haben, die Vorgesetzten, so der Vorwurf, hätten dabei auch jahrelang weggeschaut. Die brisanten Protokolle werden von der Disziplinarkommission seit zwei Jahren unter Verschluss gehalten. Der Arzt wurde nie dazu befragt. Er selbst will zu den Beschuldigungen trotz mehrmaliger Anfragen des Falter nicht im Detail Stellung nehmen. "Ich habe aber die Patienten immer lege artis behandelt. Leider ist es mir verboten, Genaueres zu sagen", sagt er. Sein Anwalt Christoph Wolf ergänzt: "Mein Mandant ist unschuldig. Er wartet darauf, endlich einvernommen zu werden." Die Staatsanwaltschaft wurde nie informiert. "Wir haben nie ein Hehl daraus gemacht, dass an der Sache strafrechtlich nichts dran ist", sagt Walter Dobner vom Wiener Krankenanstaltenverband. Der Oberarzt sei auch nicht suspendiert worden. Er habe lediglich um "unbezahlte Karenz gebeten". Ab April 2004 darf er wieder an den Spiegelgrund zurückkehren. Arbeitslos ist er freilich nicht. Als ob nichts wäre, lässt die öffentliche Hand den Mediziner weiter psychisch kranke Patienten behandeln. Kurz werkte der Oberarzt in der Nervenheilanstalt Gugging. Erst ein Anruf der grünen Wiener Gemeinderätin Sigrid Pilz führte dazu, dass die Verantwortlichen dort hellhörig wurden. Nun wird er von der Justiz beschäftigt. Er behandelt geistig abnorme Rechtsbrecher in der Justizanstalt Wien Mittersteig. Die Häftlinge müssen sich dort von ihm psychiatrieren lassen. Im Gefängnis gibt es keine freie Arztwahl. "Es ist skandalös, wie dieser Arzt nun von einem Spital zum anderen pilgert. Viele Kollegen haben ihn belastet. Es muss doch auch im Interesse des Beschuldigten sein, einmal zu den Vorwürfen befragt zu werden", sagt Helga Wolfgruber, Psychotherapeutin und Personalvertreterin am Steinhof. Bei der Justiz zeigt man sich ahnungslos: "Von den Vorwürfen ist uns nichts bekannt. Der Psychiater hat den Posten nach einer Ausschreibung bekommen, weil er der Beste war", sagt Justiz-Sektionschef Michael Neider. Solange offiziell nichts ans Ministerium herangetragen werde, sehe man auch keine Möglichkeit, etwas zu unternehmen. Das geschah vergangene Woche: Die Gemeinderätin Pilz hat eine Sachverhaltsdarstellung an die Staatsanwaltschaft geschickt. Man möge doch endlich prüfen, ob der Arzt Patienten vorsätzlich am Körper verletzt hat. Pilz bemüht sich seit Monaten, durch Anfragen im Gemeinderat Licht in die Affäre zu bringen. Pilz: "Die Kritiker sind der Reihe nach fertig gemacht worden. Sie staunen nur noch, wie dieser Mann trotz der schweren Vorwürfe Karriere machen kann." Bereits vor eineinhalb Jahren informierten die Oberärzte am Steinhof die Wiener Gesundheitsstadträtin Elisabeth Pittermann über die Vorfälle, weil sie sich an die schreckliche Vergangenheit des Spiegelgrundes (hier werkte einst der berüchtigte NS-Arzt Heinrich Gross) erinnerten. "Sehr geehrte Frau Stadträtin", heißt es in einem Schreiben der Mediziner vom Februar 2002: "Die schwer fassbaren Begebenheiten lösen bei uns Erschütterung und Empörung aus. Wiederholte entwertende sowie rassistisch zu bezeichnende Äußerungen gegenüber PatientInnen, medizinische Eingriffe ohne medizinische Indikationen zu bestrafend ‚erzieherischen' Zwecken sowie Hochdosierungen von Psychopharmaka zur Disziplinierung bis zu handfesten körperlichen Tätlichkeiten stellen unseres Erachtens einen strafrechtlichen Tatbestand dar, erinnern aber auch an die unsägliche Vergangenheit der Psychiatrie bzw. an ihren Missbrauch unter totalitären politischen Verhältnissen." Die Ärzte sprechen ausdrücklich von "Gefahr im Verzug (...). Die uns erreichenden Vorwürfe übersteigen das Maß des uns bisher Vorstellbaren bei weitem." Schwere Kritik üben die Verantwortlichen auch an Johann Stössl, dem verantwortlichen Primarius, und der Pflegeleitung. "Wir fragen uns, wie die Pflegeleitung der Station über die Äußerungen und Handlungen des Oberarztes, die sich vor ihren Augen vollzogen, hinwegsehen konnte, ohne schon beim ersten Vorfall eine schriftliche Beschwerde zu erstatten. Wir können uns dies nur durch einen Mangel an Zivilcourage und große Indolenz für die Erfordernisse der Menschenwürde erklären." Stadträtin Elisabeth Pittermann schaltet sich ein und beklagt Vertuschung. "Es verwundert auch, wie viel Zeit verstrich, bis man diese Ungereimtheiten meldete, sodass eine Objektivierung erschwert wird", ärgert sie sich in einem vertraulichen Schreiben. In der Tat. Schon in den Neunzigerjahren gibt es immer wieder Hinweise auf skandalöse Behandlungen auf der Akutstation am Spiegelgrund. Im Februar 2000 führen Ärzte und Patientenvertreter erste Gespräche. Von "Schlagen mit nassen Fetzen" und "oftmaligem Verwenden des Netzbettes als Disziplinierungsmaßnahme" ist die Rede. Im Oktober 2001 will eine Krankenschwester erstmals Übergriffe von Oberarzt R. protokollieren lassen. Wilhelm K., ein mittlerweile verstorbener Patient, der "sehr manisch" war und das Personal nervlich erheblich belastete, sollte von der Psychiatrie auf die Pulmologie verlegt werden. Medizinisch bestand dafür angeblich kein Grund. Der umstrittene Oberarzt, so schildert es die Krankenschwester im Protokoll, soll daraufhin angeordnet haben, dem Patienten "dämpfende Medikamente" zu geben, "damit die Sauerstoffsättigung tief genug sinke und eine Übernahme in der Pulmologie erfolgt". Mit anderen Worten: Ein lästiger Patient soll durch Medikamente so weit geschwächt werden, dass man ihn endlich woanders hin verlegen kann. "Dieses Ansinnen", so gibt die couragierte Krankenschwester an, "wurde seitens der Pflege zurückgewiesen und nicht durchgeführt." Weitere Vorwürfe laut Aktenvermerk: "Medikamente werden zur Disziplinierung verwendet", "der Oberarzt äußert sich abfällig über das Judentum", "Alkoholkranke, Süchtige und Angehörige von Randgruppen werden ‚negativ', Patienten aus der Privatordination ‚positiv' behandelt." Wochenlang passiert nichts. Im Jänner 2002 schreiben mehrere Oberärzte erstmals von "missachtenden und sadistischen Handlungen" und regen an, dass das gesamte System untersucht wird. Dann ein weiterer Hilfeschrei der Oberärzte: Sie bitten um "externe ExpertInnen". Die Stadträtin zeigt sich in einem Schreiben von den Vorwürfen "zutiefst betroffen" und verspricht, "dass die Sachlage aufgeklärt wird". Was passiert? Der mittlerweile pensionierte Primarius und Vorgesetzte des Oberarztes, Johann Stössl, wird von Pittermann im "Roten Salon" des Wiener Rathauses mit dem Hofratstitel geadelt. Nur kurz davor verklagt er die besorgten Oberärzte für ihren Alarmschrei wegen "Rufschädigung". Stössl persönlich urgiert bei seinen Mitarbeitern, eine schriftliche Petition gegen jene kritische Sozialarbeiterin zu unterschreiben, die den Fall ins Rollen brachte. Die engagierte Frau wollte nicht länger schweigen. Sie hatte nämlich folgenden Fall beobachtet: Eines Abends wurde ein verwirrter Mann mit unbekanntem Namen von der Rettung auf die Baumgartner Höhe gebracht. Der Asiate trug keine Schuhe, sprach nicht mit den Ärzten, grinste nur verwirrt. "Akute psychotische Störung", vermutete eine Ärztin. Der berüchtigte Oberarzt Karl-Heinz R. sieht keinen Grund, dem Mann zu helfen. Er greift zum Telefon und ruft die Fremdenpolizei an, damit sie den "Illegalen" abholt und ins Gefängnis steckt. Das ist in internen Unterlagen dokumentiert. Es erscheinen Beamte und verhaften den schwer erkrankten Patienten. Sie ziehen ihn aus, vermessen seinen Körper, nehmen seine Fingerabdrücke, wiegen ihn ab und sperren ihn ein. Ein Amtsarzt attestiert "Hafttauglichkeit". Ein paar Stunden später liefert die Polizei den Mann wieder auf der Psychiatrie ab: "akute Psychose". Erst jetzt wird er anständig behandelt. Endlich findet man heraus, dass der Mann kein illegaler Ausländer, sondern ein holländischer Tourist ist. Die niederländische Botschaft protestiert ob der skandalösen Behandlung. Der zuständige Primar, Johann Stössl, will die kritische Sozialarbeiterin nun höchstpersönlich wegen "kontrollierender Einmischungen" strafversetzen und erteilt ihr Hausverbot. Er führe zwar, so Stössl in einem offenen Schreiben, "ausdrücklich nicht Klage über die fachlichen Kompetenzen" der Frau, sie stelle aber eine "Belastung im betrieblichen Alltag dar". Er setzt sich durch. Einige Bedienstete unterschreiben gegen die Sozialarbeiterin. Sie quittiert den Dienst. Volksanwalt Peter Kostelka zollt ihr zwar für die Aufklärungsarbeit "Anerkennung", kann aber in Sachen Mobbing auch nicht weiterhelfen. Ein kritischer Stationsarzt wiederum, der ebenfalls Belastendes gegen den Oberarzt aussagt, bekommt ein anonymes Schreiben: "Denken Sie an Ihre Frau, Ihre Kinder und vor allem an Ihre Gesundheit", heißt es darin. Wir gehen davon aus, dass die gesamte Angelegenheit sorgfältig und unparteiisch geprüft wird", versichert Eugen Hauke, General des Wiener Krankenanstaltenverbundes, in einem Schreiben. Doch seine Beamten denken bis heute nicht daran, den Fall einem unabhängigen Richter vorzulegen. Die kritischen Oberärzte, die den Mut hatten, Missstände offen zu legen, werden zwischen den Zeilen als Querulanten hingestellt. Ludwig Kaspar, Direktor des Krankenanstaltenverbundes, betont in einem Schreiben an Stadträtin Pittermann zwar, dass es eine "institutionelle Krise" gebe und nach "systemischen Zusammenhängen" für die Übergriffe gesucht werden müsse. Ein paar Zeilen weiter aber heißt es: "Die gut gemeinten Ratschläge von doch eher außenstehenden Personen, sollten zwar weiter ernst genommen werden (...). Sie sind jedoch derzeit eher wenig hilfreich." Die Verschleppungen zeigen Erfolg. In einem Rundbrief, den Eberhard Gabriel, der ärztliche Direktor am Steinhof, vergangene Woche an seine "lieben Mitarbeiter" ausschickte, werden alle davon informiert, dass der Arzt zwar nicht mehr an der Abteilung arbeitet, gleichzeitig wird aber auch betont, "dass die erwähnten Magenspülungen als Delikte verjährt" sind. "Wir sind sicher", meint Gabriel, "dass es keinerlei Anlass gibt, diese (...) erledigte Geschichte wieder aufzuwärmen." Erledigte Geschichte? Die Häftlinge in der Justizanstalt Mittersteig werden beruhigt sein. |
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