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Aktionskünstler des Rock
Pop SPECIAL  Zur Veröffentlichung des neuen Ärzte-Doppelalbums "Geräusch" sprach der "Falter" mit Chefarzt Farin Urlaub über plakative Belanglosigkeit, den Pakt mit "Bravo", CDs ohne Kopierschutz und unrockbare Schlagerfans. GERHARD STÖGER

Falter 39   Originaltext aus Falter 39/03 vom 24.09.2003

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Als Teenager-Punktrio 1982 in Berlin gegründet, wurden Die Ärzte mit einer schlauen Mischung aus absurdem Humor, markantem Auftreten, rotziger Attitüde und eingängigen Melodien und nicht zuletzt dank spektakulärer Livekonzerte schnell zu alternativen Popstars. 1988 löste sich die Band auf, um fünf Jahre später ihr Comeback zu feiern. Seitdem zählen Farin Urlaub (Gitarre, Gesang, Beatles-Fan), Bela B. (Schlagzeug, Gesang, Kiss-Fan) und ihr mittlerweile dritter Bassist, Rod Gonzalez, mit Hits wie "Schrei nach Liebe" oder "Männer sind Schweine" zu den wenigen echten Superstars des deutschen Popmainstreams. Ende September erscheint ihr gewohnt fidel und kunterbunt angelegtes neues Album "Geräusch".


Falter: Sie haben den mitgebrachten "Falter" mit Blumfeld am Cover angewidert zur Seite gelegt. Sie sind kein Blumfeld-Fan?

Farin Urlaub: Nein, aber dafür bin ich ein umso größerer Fan von Tex Rubinowitz.

Warum das eine, und warum das andere?

Über Blumfeld will ich gar nicht reden, und von Tex bin ich einfach Fan, seit ich eines seiner Bücher in die Hände bekommen habe. Wir haben ihn dann auch kennen lernen dürfen - ein total angenehmer, bizarrer Mensch!

Die Ärzte sind seit rund zwanzig Jahren aktiv und zählen längst zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Popacts. Was ist Ihr Antrieb, noch immer weiter zu machen?

Es ist tatsächlich der gleiche Antrieb wie am Anfang: Spaß! In dieser Konstellation können wir Sachen machen, die niemandem sonst offen stehen. Nicht einmal Frank Zappa konnte das, denn er war letztlich ein Gefangener des Zwangs zur Virtuosität. Wir sind die freieste Band der Welt und dadurch quasi die Aktionskünstler des Rock. Trotz all der anderen Aktivitäten - ob ich jetzt ein Soloalbum mache, ob Bela Schauspieler ist oder Rod Bands produziert - will das keiner von uns aufgeben.

Seit Ihrer ersten EP "Zu schön, um wahr zu sein" sind zwanzig Jahre vergangen, Sie selbst werden im Oktober vierzig. Lösen derartige Jubiläen Sinnfragen aus?

Null, nee. Ich bin kein Kabbalist, und mich interessieren Zahlen überhaupt nicht. Meine Telefonnummer muss ich auswendig kennen, meine Kontonummer wäre auch noch ganz schön, aber das war's dann.

Wurden die Fans eigentlich mit Ihnen älter, oder spielen Die Ärzte seit zwanzig Jahren vor Teenagern?

Die ersten fünf Reihen auf großen Konzerten bleiben immer gleich jung, weiter hinten sind die Leute deutlich älter geworden. Vor allem durch die Bravo-Berichterstattung waren wir früher eher eine Teenieband. Mittlerweile spielen wir aber schon fast für drei Generationen.

Sind Die Ärzte inzwischen etwa eine Erwachsenen-Band?

Die Frage stellt sich für uns nicht. Viele Bands sagen irgendwann: "Was wir bisher gemacht haben war Kinderkacke, ab jetzt werden wir richtig profund", und werden dann schnell bedeutungslos, weil da nichts dahintersteckt. Wir können profund und trotzdem albern sein. Früher konnten wir das auch, haben es aber vorgezogen, hauptsächlich albern zu sein.

"Bravo" hat bereits 1984 ausführlich über Die Ärzte berichtet, als die Band noch völlig unbekannt war. Wie kam es dazu?

Das war ganz bizarr: Der Chefredakteur war im Urlaub, und ein Redakteur hat sich im Sommer diese Indiebands als neues Thema ausgedacht. Darauf gab es so viel Resonanz, dass man das nicht mehr gänzlich zurücknehmen konnte.

Wie passte das Teenie-Massenblatt zu Ihrem Status als kleine Indieband?

Es war uns ein bisschen unheimlich, aber letztlich hat uns ja genau das zu Aktionskünstlern gemacht: Bei unserem ersten Auftritt haben wir uns als Punks vor fünfzig Leuten in einem besetzten Haus hingestellt und gesagt: "Wir sind Popstars!" Dass das letzten Endes aufging, ist einer der größten Treppenwitze der deutschen Rockmusik. Bravo haben wir damals nicht sonderlich hinterfragt. Erst Jahre später sahen wir, dass das ein Pakt mit dem Teufel sein kann.

Für eine Punkband sind Die Ärzte sehr genreuntypisch aufgetreten.

Es hat uns gelangweilt, dass diese ursprünglich sehr ernsten politischen Parolen zur Pflichtübung wurden. Du musstest Lieder gegen die Bullen machen, du musstest den Staat Scheiße finden. Wir wollten diesen Parolen etwas ganz Deutliches entgegensetzen, und das war eben die plakative Belanglosigkeit. Also haben wir stattdessen über Teenagerliebe und Pickel gesungen.

Auf dem neuen Album heißt es durchaus parolentauglich: "Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es ist nur deine Schuld, wenn sie so bleibt."

Wir dürfen uns ja auch weiterentwickeln! Das Korsett wurde uns schon sehr bald zu eng, und als wir uns 1993 wieder gegründet haben, ging es auch bewusst mit der Single "Schrei nach Liebe" los, der ersten richtig deutlichen und bis heute gültigen politischen Äußerung der Ärzte.

Politische Äußerungen werden bei Ihnen gerne in ironischer Form verpackt.

Es gibt sehr viel Übel, das anzuprangern wäre. Aber ich finde, das kann man als Privatperson tun. Auf Platte wird das schnell ermüdend und langweilig.

Laufen Sie nicht Gefahr, durch die Ironie missverstanden zu werden?

Komischerweise nur von Kritikern, die sich ja automatisch übers Publikum stellen und die Reaktion derjenigen antizipieren, die sie für dumme 16-Jährige halten.

Was bedeuten die "Grenzen den guten Geschmacks" für Sie?

Das ist eine Grenze, die ich nicht wahrnehme und die auf mein Leben keinen Einfluss hat, denn ich habe sie schon so oft überschritten - von beiden Seiten. Ich kann aus Versehen auch mal guten Geschmack artikulieren, und dann heißt es gleich ganz irritiert: "Was ist denn jetzt los?"

Im Stück "Helmut K." hieß es einst: "Hannelores Tag ist grau, denn Helmut Kohl schlägt seine Frau." Ist Ihnen das nach ihrer schweren Krankheit und ihrem Selbstmord nicht unangenehm?

Überleg mal: Warum ist sie so schwer krank geworden? Guten Morgen! Wir habens einfach gewusst! Nein, mangelnde Sensibilität sollte man einem damals Zwanzigjährigen nicht unbedingt zum Vorwurf machen. Wir sind zwar manchmal subtil; Subtilität ist ein Schwert, das wir nicht oft schwingen.

Anstatt gegen Live-Bootlegs vorzugehen, bieten Die Ärzte Konzertmitschnitte auf der offiziellen Homepage zum kostenlosen Download an. Warum das?

Die Idee kam von unseren Fans, weil ihnen die Bootlegs zu teuer waren. Als ihnen der Webspace ausging, haben wir das eben auf unseren Server geholt. Im Unterschied zu anderen Bands ist bei uns ja jeder Auftritt ein einmaliges Ereignis, deshalb macht es auch Sinn, sich siebzig Konzerte herunterzusaugen. So gesehen ist es vor allem ein Kompliment an uns, dass sich so viele Leute sich die Mühe machen, Konzerte mitzuschneiden.

Wie stehen Sie dem illegalen File-Sharing von Musik im Netz gegenüber?

Auf unserem neuen Album steht: "Diese Platte ist nicht kopiergeschützt", und so ist es auch. Natürlich verkaufen auch wir weniger Platten, daher haben wir jetzt die Eintrittspreise für die Tour auf 24 Euro raufgesetzt. So können wir trotzdem noch tolle Videos drehen und den ganzen anderen Rockstarscheiß machen. Unsere Fans finden diesen Schritt okay, und die Tour ist trotzdem ausverkauft. Wir können uns ja nicht hinstellen und wie Mister Metallica sagen: "Ihr ruiniert uns durch Downloads", denn man kann uns nicht mehr ruinieren, der Zug ist längst abgefahren.

Es gibt gegenwärtig zwei Ansätze zur Erklärung der Krise der Musikindustrie. Der eine gibt dem Internet die Schuld, während der andere behauptet, dass es keine interessante Musik mehr gäbe.

Der dritte Ansatz ist, dass die Plattenfirmen ihre Versprechen nie eingelöst haben. Als die CD rauskam, hat sie fast doppelt so viel gekostet wie die LP. Damals hieß es stets, die Preise würden sinken, sobald die Investitionskosten amortisiert wären. Das ist nicht passiert. Dabei ist die herkömmliche CD in der Herstellung deutlich billiger als die LP. Dazu kommt, dass die großen Plattenfirmen Teil internationaler Konglomerate sind, die gleichzeitig Rohlinge und CD-Brenner verkaufen. Der Gedanke wurde allerdings nie zu Ende gedacht: Was passiert, wenn das wirklich alle nutzen? Das ist eine selbst gemachte Krise, und deswegen: kein Mitleid!

Die großen deutschen Popstars der Gegenwart sind durchwegs Altbekannte - von Herbert Grönemeyer über Die Ärzte bis zu Dieter Bohlen. Ist in den letzten 15 Jahren nichts mit vergleichbarer Breitenwirkung nachgekommen?

Ich führe das eher auf die Reizüberflutung zurück. Wenn ich im Plattenladen vor den Neuerscheinungen stehe, kenne ich im Schnitt zwei Bands von sechzig - und dann nehme ich erst mal, was ich kenne. Es gibt in Deutschland superviele, supergute und kreative Bands, aber die Foren sind halt besetzt von boring old dinosaurs wie uns. Höhö. Cool, an diesem Ende zu sein!

Die US-Punklegende Jello Biafra ist seit Jahren für die amerikanischen Grünen tätig. Können Sie sich einen derartigen politischen Aktivismus vorstellen?

Nicht solange ich im Umfeld der Ärzte bin. Falls wir überhaupt einen Erziehungsauftrag haben, wollen wir erreichen, dass die Leute selber denken. Jello Biafra ist in einer völlig anderen Position. Ich kenne bis heute kaum ein politischeres Album als das Debüt seiner Band Dead Kennedys ("Fresh Fruit for Rotting Vegetables", Anm. d. Red.), für den war das ein logischer Schritt. Außerdem haben die US-Grünen mit Ralph Nader jemanden, der wirklich über einiges sehr gründlich nachgedacht hat, gerade über wirtschaftliche Dinge.

Im Unterschied zu den Grünen in Deutschland?

Naja, da tut sich auch viel. Und im Gegensatz zu manch anderem bin ich auch über Fischer superglücklich - und ich kann mir vorstellen, dass sich die beiden gut kennen.

Mit Ihrer aktuellen Single "Unrockbar" führen Sie ein neues Wort in die deutsche Sprache ein. Wer oder was ist "unrockbar"?

Ich hatte mal eine wunderschöne, intelligente Freundin. Irgendwann fuhren wir frisch verliebt in ihrem Auto, sie drückte auf "Play" - und ich bin fast aus dem fahrenden Wagen gesprungen, denn sie hat deutsche Schlager gehört! Unsere Beziehung hielt zwar trotzdem ein paar Monate, aber ich dachte damals schon, dass ich das irgendwann in einem Text unterbringen muss. Als mir dann das Wort "unrockbar" einfiel, war mir klar: "Das ist sie!"

Im Song "Besserwisserboy" zitieren Sie den Fehlfarben-Sänger Peter Hein ...

Voll Respekt und Ehrfurcht!

Werden Sie damit nicht selbst zum Besserwisserboy?

Das Lied handelt ja von mir, denn ich bin ein Megaklugscheißer! Wenn ich in der Band bei einer Diskussion den Mund aufmache, verdrehen die anderen sofort die Augen und sagen: "Ja, was hast du denn diesmal wieder gelesen?" Deshalb kann ich auch so hart mit mir ins Gericht gehen.

Aktuelles Doppelalbum: "Geräusch"
(Universal; erscheint am 29.9.)

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