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| Sindelar ohne Würden |
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NS-AUFARBEITUNG Fußballlegende Matthias Sindelar hat kein Ehrengrab mehr. Auch andere Berühmtheiten wurden zu Normalsterblichen degradiert. NINA HORACZEK |
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Er war Stürmer im Wunderteam und Österreichs Spieler des Jahrhunderts. Nur am Zentralfriedhof ist Matthias Sindelar ("der Papierene") seit kurzem kein Ehrenbewohner mehr. Schuld ist ein Antrag der Sozialdemokraten, der vergangenen Donnerstag im Wiener Gemeinderat mit den Stimmen von SPÖ, ÖVP und Grünen angenommen wurde. In diesem Antrag steht, dass alle Ehrungen des NS-Regimes aufgehoben sind - selbst wenn der Geehrte kein Nazi war. Zahlreiche Ehrengräber der Gemeinde Wien sind dadurch über Nacht zu ganz normalen Gräber n geworden: "Wir gehen davon aus, dass alle Ehrungen von 1938 bis 1945, also auch Ehrengräber, null und nichtig sind", sagt Saskia Schwaiger, Sprecherin von Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny. Also auch das Grab des Ehrenkickers, der 1939 verstorben ist. Dabei war Sindelar alles andere als ein Nazi. Als den Austria-Spielern 1938 verboten wurde, mit jüdischen Funktionären zu verkehren, rief Sindelar demonstrativ dem Austria-Präsidenten Michl Schwarz zu: "Der neiche Vereinsführer hat uns verboten, dass ma Ihna griaßn. I wer Ihna oba immer griaßen, Herr Doktor!" "Die Auswirkungen dieses Beschlusses sind nicht absehbar", sagt Wolfgang Neugebauer vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, "schließlich hat damit auch jeder Militärorden und Auszeichnungen aus anderen Bereichen, die in dieser Zeit verliehen wurden, keine Gültigkeit." Auch Straßenschilder müssten nach diesem Beschluss geändert werden. Der Austria-Kultkicker ist also nicht der Einzige, der nach über fünfzig Jahren seinen Ehrentitel verloren hat. Alleine am Zentralfriedhof liegen über vierzig Personen, die während der Nazizeit eine besondere Ruhestätte bekamen. Der Schriftsteller Karl Schönherr ist nun ebenso kein Ehrengrab-Besitzer mehr wie der Burgtheater-Schauspieler Willi Thaller oder der Psychiater und Nobelpreisträger Julius Wagner-Jauregg. Auch die Begräbnisstätte von Gabriele Possanner, Österreichs erster Ärztin, muss künftig nicht mehr von der Gemeinde gepflegt werden. Sogar Guido Adler, Begründer der Musikwissenschaft in Wien, dessen Tochter Melanie von den Nazis deportiert und ermordet wurde, hat kein Ehrengrab mehr - er ist nämlich auch während der NS-Zeit verstorben. Auf Antrag der Grünen wird nun eine Expertenkommission unter der Leitung des Wiener Restitutionsbeauftragten Kurt Scholz eingesetzt, die Wiens Ehrungen durchforsten soll. "Ich werde kein Richter im Reich der Toten sein", sagt Scholz, "Exhumierungsideen halte ich für barbarisch, die Gräber bleiben, wo sie sind." Ob künftig wieder "Ehren-" vor dem Grab stehe, werde er sich aber genau ansehen. Die Kommission hat ihre Arbeit zwar noch nicht aufgenommen, für Österreichs Fußballhelden stehen laut Scholz die Chancen aber trotzdem nicht schlecht, seinen Ehrentitel bald wieder zurück zu bekommen: "Beim Matthias Sindelar wirds da wohl keine Diskussionen geben." |
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nach oben September 2003 © FALTER E-Mail: wienzeit@falter.at |