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Zum wilden Mann
QUALTINGER  Der 75. Geburtstag von Helmut Qualtinger wird mit einer Ausstellung und einer Filmretrospektive gewürdigt. Noch siebzehn Jahre nach seinem Tod wird der Wiener Autor, Kabarettist, Schauspieler und Vorleser wie ein seltenes Naturereignis bestaunt. WOLFGANG KRALICEK

Falter 40   Originaltext aus Falter 40/03 vom 01.10.2003

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Durch dunkle Nacht schritt einst ein mächtiger Mann die tief verschneite Grünangergasse hinab. Von hinten näherte sich ein Mercedes der in einen dicken Pelzmantel gehüllten Gestalt, die mitten auf der Straße ihres Weges ging. Der Fahrer hupte, der Passant drehte sich gelassen um - und schritt, den Wagen im Rücken, langsam weiter. Die von Falter-Chefredakteur Armin Thurnher beobachtete Szene zeigt: Helmut Qualtinger war nicht leicht von seinem Weg abzubringen.
Die Faszination - oder soll man sagen: die Bedrohung? -, die von Helmut Qualtinger ausging, ist noch heute, siebzehn Jahre nach seinem Tod am 29. September 1986, ungebrochen. Sein 75. Geburtstag, der am 8. Oktober ansteht, wird gefeiert wie zuletzt vor zwei Jahren Johann Nestroys 200er. Die Magazine und Zeitungen sind voll von Würdigungstexten und Interviews mit Weggefährten (siehe auch das unten stehende Gespräch mit André Heller), das Filmarchiv zeigt sämtliche Fernseh- und Kinofilme mit Qualtinger, und das Historische Museum der Stadt Wien widmet dem Jubilar eine Sonderausstellung. Fast jeder in Wien, der zu Qualtingers Lebzeiten schon geboren war, scheint ihn persönlich gekannt zu haben; doch hinter all den Anekdoten und Heldenerzählungen, die sich um die öffentliche Figur ranken, wird die Person Qualtinger nicht wirklich greifbar.
"Es bleibt vieles in einer Nebelwolke", sagt Wolfgang Kos, der neue Direktor des Historischen Museums. "Zwischen Anekdoten und Fakten ist schwer zu unterscheiden. Und es leben zu viele Leute in der Stadt, die es besser wissen." Die Ausstellung "Quasi ein Genie" (Kuratorin: Alexandra Hönigmann) war schon vor Amtsantritt des neuen Chefs geplant; Kos, der Qualtinger erstaunlicherweise übrigens nicht persönlich kannte, hat das Projekt freudig begrüßt und mit Feuereifer an der Konzeption mitgewirkt. Die Schau ist biografisch angelegt; neben zahlreichen Fotos (Kos: "Qualtinger war ein Fressen für die Fotografen") werden natürlich auch zahlreiche audiovisuelle Dokumente (darunter das Video vom "Herrn Karl") präsentiert; eine eigene Stationen ist Qualtingers Wien - besonders seinem legendären Stammlokal Gutruf und seinem geliebten Prater - gewidmet.

Der Eskimodichter

Qualtingers Leben beginnt in den Wirren der Nachkriegszeit, als es manchmal schon genügt, etwas darzustellen, um jemand zu sein. Der 17-jährige Qualtinger gibt sich als Theaterkommissar aus und stellt ein Ensemble für eine neu zu gründende Bühne zusammen. Als der Schwindel auffliegt, landet Qualtinger im Gefängnis. Danach arbeitet er als Übersetzer und Lektor für einen Verlag und als Film- und Theaterkritiker für die Welt am Abend, bei der Johannes Mario Simmel sein Ressortleiter ist. Angeblich verliert Qualtinger den Job bei der Zeitung wegen eines albernen Namenswitzes: Einen Anruf der Gattin von Verwaltungsdirektor Vogel soll der junge Kritiker mit "bei uns wird nicht gevögelt!" quittiert haben.
Zur Bühne hatte es ihn schon sehr früh gezogen. Erste Puppentheatervorstellungen gab Qualtinger bereits in der Volksschule, seine erste Nestroy-Rolle spielte er mit 16 am Gymnasium, knapp gefolgt von seiner ersten Nestroy-Inszenierung ("Nur keck!"). 1949 wird in Graz Qualtingers erstes eigenes Theaterstück - das glühende Lost-Generation-Drama "Jugend vor den Schranken" - uraufgeführt; bei der Premiere kommt es zu Tumulten im Publikum. Bereits im Jahr davor hat Qualtinger im Wiener Studio der Hochschulen seine erste Kabarettgruppe gegründet.
In den frühen Jahren übt Qualtinger sich auch in der Disziplin des practical joke. Er ruft mit verstellter Stimme bei Schauspielern an und bittet sie zum Vorsprechen; er forderte den Unterrichtsminister Hurdes schriftlich auf, den "anstößigen" Vokal U aus dem Alphabet zu entfernen; und er kündigt in einer Presseaussendung die Ankunft des Eskimodichters Kobuk an, der mit Wiener Theatern über Inszenierungen des Dramas "Einsames Iglu" und der Komödie "Die Republik der Pinguine" verhandeln wolle.

Der Popstar

In den Fünfzigerjahren bildet Qualtinger mit Gerhard Bronner, Georg Kreisler, Louise Martini, Carl Merz und Peter Wehle eine Art Supergroup des Kabaretts. Die Programme "Brettl vorm Kopf", "Blattl vorm Mund", "Glasl vorm Aug" und so weiter. werden vom Publikum gestürmt, Songs wie "Der g'schupfte Ferdl" gehören heute zum Volksliedgut. "Das war, wie wenn jemand in die richtige Band kommt", vergleicht Wolfgang Kos Qualtingers damaligen Status mit dem eines Popstars. Auch dass die Gruppe sich 1960, auf dem Höhepunkt ihres Ruhms, auflöst und der Star eine Solokarriere startet, passt ins Bild.
"Sie lachen es weg. Sie vernichten uns durch ihren Applaus. Deshalb habe ich aufgehört", erklärt Qualtinger nach seinem Abgang von der Kabarettbühne. Bereits das erste Soloprojekt, der gemeinsam mit seinem langjährigen Co-Autor Carl Merz geschriebene Monolog "Der Herr Karl", sorgt 1961 für Furore. Die schaurig-komische Rede des ganz kleinen Mannes, der ohne Rücksicht auf Verluste durchs Leben geht, wird zuerst als Fernsehspiel gesendet und dann auf der Bühne gezeigt; sogar in New York präsentiert Qualtinger sein Meisterwerk - "Enemy of Gemütlichkeit" titelt der New Yorker seine Besprechung. Der Künstler ist Mitte dreißig und auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Was nun?

Autor ohne Schreibmaschine

Mit keinem Stück und mit keiner Rolle wird Helmut Qualtinger den Erfolg des "Herrn Karl" je wieder erreichen. Er würde am liebsten als Schriftsteller wahrgenommen werden, verfügt aber nicht über das zum Schreiben nötige Sitzfleisch. Qualtinger ist mehr Sprechsteller als Schriftsteller; "Autor ohne Schreibmaschine" nennt ihn der Literaturwissenschaftler Arnold Klaffenböck in seinem Katalogbeitrag zur Qualtinger-Ausstellung. Die bei Deuticke erschienene Gesamtausgabe von Qualtingers Texten - Theaterstücke, Kabarettszenen, Zeitungskolumnen, Kurzprosa - umfasst zwar immerhin fünf Bände mit insgesamt knapp 1800 Seiten. Aber gäbe es nur die Bücher, wäre Qualtinger heute wohl kein Thema mehr. Nach der erfolglosen Premiere des Stücks "Die Hinrichtung" 1965 am Volkstheater verliert Qualtinger auch noch seinen kongenialen Schreibpartner: "Mein Freund Merz hat wenigstens die Konsequenzen aus dem Stück gezogen", kommentiert Qualtinger bitter. "Er hat sich umgebracht."
Als Theaterschauspieler - unter anderem spielt er am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg den Dorfrichter Adam in Kleists "Zerbrochenem Krug" - steht Qualtinger einerseits die überlebensgroße Figur im Weg, die er ohnedies schon darstellt. Andererseits fällt es ihm immer schwerer, sich die Texte zu merken: Qualtingers bevorzugtes "Menü" - Gösser und Fernet - fordert seinen Tribut.

Der Zauberkönig

"Er war mehr Filmschauspieler als Theaterschauspieler", meint der Filmregisseur Dieter Berner, der Qualtinger in der "Alpensaga" (1976/77) als kapitalistischen Großbauern besetzt hat. "Er hatte die Faszination eines Tieres. Zugleich war er aber auch ein Durchblicker und konnte seine Präsenz sehr genau einschätzen." Während Berner von einem "schauspielerischen Naturereignis" spricht, berichtet Hanno Pöschl, der neben Qualtinger in Maximilian Schells Verfilmung der "Geschichten aus dem Wiener Wald" spielte, von einem geradezu brechtischen Zugang: "Er hat den Zauberkönig bei jeder Probe anders gespielt - als würde er sage: Ich zeige euch, wie man das spielen kann." Der Alkohol wurde auch beim Filmen immer wieder zum Problem. Dieter Berner erinnert sich, dass er sogar eine stumme Szene mit Qualtinger vier Mal drehen musste: Der Schauspieler konnte sich nicht merken, dass er ins Haus gehen sollte.
Rund vierzig TV- und Kinofilme umfasst die Retrospektive des Filmarchivs, darunter die Krimis "Mann im Schatten" (1961) und "Kurzer Prozess" (1967), zweimal "Geschichten aus dem Wiener Wald" (1961 und 1979), "Das falsche Gewicht" (1971) nach Joseph Roth und "Der Kulterer" (1974) nach Thomas Bernhard. In der Verfilmung des Bestsellers "Der Name der Rose" (1986) spielt Qualtinger einen Mönch; er freundet sich mit Hauptdarsteller Sean Connery an und ist guter Dinge: Ein neuer Karriereschub scheint möglich. Doch der Einstieg ins internationale Geschäft kommt zu spät: Als der Film anläuft, ist Qualtinger bereits tot.
"Es sind zu wenige Filme mit ihm gemacht worden", findet Dieter Berner. "Qualtinger hätte ein Filmschauspieler von der Größenordnung eines Oskar Werner sein können."

Der Tierstimmenimitator

Mit Oskar Werner hatte Qualtinger, vom Alkoholproblem abgesehen, wenig gemeinsam. Auffällig allerdings, dass beide Schauspielergrößen in ihren letzten Lebensjahren fast nur noch Lesungen bestritten haben. Doch während Werner Weinhebergedichte rezitierte, las Qualtinger im Alleingang ganze Nestroy-Stücke, Hitlers "Mein Kampf" oder - immer wieder - aus den "Letzten Tagen der Menschheit" von Karl Kraus. In der hundertstimmigen Szenenfolge aus dem Ersten Weltkrieg brachte Qualtinger ein Talent zur Hochblüte, mit dem er zeitlebens ganze Wirtshäuser unterhalten hat: "Er hatte die unglaubliche Gabe eines Tierstimmenimitators, wie ich es nenne", beschreibt Hanno Pöschl voll Respekt Qualtingers Fähigkeit, in den unterschiedlichsten Dialekten und Tonlagen zu sprechen.
Von Qualtingers Qualitäten als permanente One-Man-Performance schwärmen alle, die ihn kannten, in höchsten Tönen. Die Aussagen der Zeitzeugen ergeben ein paradoxes Bild: Qualtinger war ein begnadeter Gesprächspartner, bei dem man kaum zu Wort kam. Neben dem Gutruf und dem Schweizerhaus gehörte auch das Falstaff bei der Volksoper zu Qualtingers Stammlokalen. Shakespeares feister Lebemann war seine Traumrolle; wenn man an Oskar Werners tragische letzte Auftritte denkt, war es vielleicht ein Glück, dass Qualtinger den Falstaff dann doch nicht mehr gespielt hat.
"Helmut Qualtinger - das ist ein Phänomen", erkannte Franz Schuh in einem vor sechs Jahren im Falter (49/97) abgedruckten Essay. Mit Qualtingers Qualitäten als Autor, Kabarettist, Schauspieler und "Original" lässt sich auch der Kult zum 75er nicht hinreichend begründen. Was macht ihn bis heute so bedeutend? Schuhs These: "Helmut Qualtinger war bisher der letzte Österreicher, der Österreich - dem Land, der Nation, dem Volk - ein Gesicht hatte geben können." Anders gesagt: Wir vermissen weniger den Künstler als seine Haltung. Oder, noch deutlicher: So nix geschissen wie der Qualtinger hat sich keiner was. q


Qualtinger-Termine:

Ausstellung: "Quasi ein Genie". Von 2.10. bis 6.1. im Wien Museum Karlsplatz (vorm. Historischen Museum der Stadt Wien). Geöffnet täglich außer Mo von 9 bis 18 Uhr. Der Katalog (Deuticke) ist während der Ausstellungsdauer zum Subskriptionspreis von EUR 29,90 erhältlich.

Filme: Das Filmarchiv Austria zeigt im Metro Kino von 3. bis 16.10. und von 1. bis 6.11. über vierzig Film- und Fernseharbeiten Qualtingers. Anschließend (7.11. bis 8.1.) läuft die Filmschau in den Breitenseer Lichtspielen. Zur Retrospektive erscheint ein Buch (300 S., EUR 24,90).

Fernsehen: ORF 2 zeigt am 4.10. (23.20 Uhr) "Der Herr Karl" und am 5.10. (23.15 Uhr) das "Porträt eines Unbequemen"; ORF 1 sendet am 8.10. (20.15 Uhr) "Der Name der Rose".

Radio: Ö1 sendet am 4.10. das Hörspiel "Bösendorfer" (14 Uhr) und die Erinnerungssendung "Das war's" (22.05 Uhr); am 5.10. (22.05 Uhr) ist die Sendung "Contra" Qualtinger gewidmet.

Theater: Unter dem Titel "Wiener Mädeln" lesen Qualtingers Witwe Vera Borek, Erni Mangold und Hilde Sochor am 12., 18. und 24.10. in der Volkstheater-spielbar Qualtinger-Texte. Information: www.volkstheater.at.

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September 2003 © FALTER
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