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"Ich mache Opa-Interviews"
FERNSEHEN  Für die deutsche Intelligentsija ist sie die "Königin des Pop-Fernsehens", jetzt bekommt Charlotte Roche eine Spät-Show auf Pro 7. Der "Falter" sprach mit der Deutsch-Britin über ihre neue Sendung. CHRISTOPHER WURMDOBLER

Falter 42   Originaltext aus Falter 42/03 vom 15.10.2003

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Für Harald Schmidt ist Charlotte Roche die "Queen of German pop-television". Deshalb hat der Entertainer die Kollegin vom Musikfernsehen auch schon fünf Mal in seine Show eingeladen. Und wer so oft bei Schmidt am Show-Schreibtisch landet, tut das nicht aus Gründen der Crosspromotion innerhalb der eigenen Senderkette, sondern weil man ein guter Gast ist. So sind die Late-Nite-Regeln.
Doch eigentlich ist Charlotte Roche eher eine gute Gastgeberin als ein guter Gast. Jahrelang hat sie bei Viva in der Sendung "Fast Forward" ihren Gästen und Zuschauern gezeigt, dass im deutschen Jungmenschensender nicht nur mausige Blondchen und
öde Kleiderständer mit einfältigem Fragenvokabular arbeiten. Jetzt bekommt die eigenwillige Moderatorin ihre eigene Late-Nite-Show auf Pro 7, kein Pop-TV mit ein bisschen Reden zwischen den Videoclips mehr, sondern konzentriertes Interviewen. Ab 20. Oktober wird die 25-Jährige montags um viertel nach elf prominente Schwergewichte begrüßen. "Charlotte Roche trifft", heißt die Sendung, in der die Moderatorin zum Beispiel Hollywoodstars wie Bruce Willis, den Designer Wolfgang Joop oder die Popband Die Ärzte mit Nonchalance, Witz und Verve ausfragen wird. Und die werden es höchstwahrscheinlich mögen. Ebenso wie die Zuschauer.
"Du bist sehr nett." Wenn Charlotte Roche so was im Falter-Interview zu einem sagt, hebt das die Stimmung. Und illustriert gleichzeitig ihre Art, Interviews zu machen - auch wenn sie ausnahmsweise selbst einmal die Ausgefragte ist. Roche ist in ihrer Erscheinung heiter, frech und gleichzeitig auch sehr ernsthaft, nie oberflächlich. Sie veranstaltet keine knallharten Verhöre im Stile der ARD-Talkerin Sandra Maischberger, kein traniges Geseiere wie ZDF-Kollege Johannes B. Kerner und auch keine Belehrungen ŕ la Roger Willemsen: Man könnte ihren Stil natürlich auch als Schleimerei auffassen, denn Roche gibt ihren Gästen selten das Gefühl, in die Defensive gehen zu müssen. Vielmehr bestätigt sie deren Aussagen und überrascht mit großer Kenntnis und ebenso großer Geschmackssicherheit. "Du bist auch sehr nett." So was muss man auch als Journalist dieser Frau einfach mal sagen dürfen.

Auf Charlotte Roche können sich alle irgendwie einigen. Für junge Frauen ist die in Wimbledon geborene und in Mönchengladbach aufgewachsene Deutsch-Britin mit dem Lidstrich und dem exzentrischen Kleiderstil das etwas andere Role Model. Jungs finden sie sexy, Feministinnen mögen sie, weil sie mit Popstars auch über Feminismus redet, und das Feuilleton liebt überhaupt ihre Art, Interviews zu führen. "Richtungsweisend" findet sie der Spiegel, für die taz ist sie "Deutschlands angenehmste Musik-TV-Moderatorin", vor zwei Jahren war die "kompetent eigenwillige Moderatorin" für den begehrten Grimme-Preis nominiert. Den Bayrischen Fernsehpreis hat Roche bekommen, das Musikmagazin Spex hob sie als "Persönlichkeit des Jahres" ebenso aufs Cover wie die feministische Emma. Und Robbie Williams wollte mit Charlotte gleich in die Kiste. Das provokant gemeinte Angebot: "Let's fuck" des zunächst genervten Talkgasts wusste Roche wenig später mit einer Gegenfrage zu kontern: "Trinkst du auch dein eigenes Sperma?", fragte sie den Popstar, als dieser behauptete, er höre ausschließlich seine eigene Musik. Williams war verblüfft und lieferte anschließend eines der geistreichsten und witzigsten Fernsehinterviews der letzten Zeit. Zur Erinnerung: Im ORF poppte Robbie Williams damals mangels Alternativen bei der sichtlich überforderten Talktante Vera Russwurm auf.
Das Roche-Interview mit Robbie Williams - es lief, ebenso wie das Gespräch mit Madonna, auf Pro 7 - war gleichzeitig die Pilotsendung für "Charlotte Roche trifft". Ohne dass die Musik-TV-Königin es überhaupt wusste. "Das wird eine State-of-the-Art-Show", beschreibt sie das Konzept der neuen Sendung. Ähnlich wie bei "Fast Forward" wird es jeweils nur einen Gast geben, treffen tut man sich aber nicht im - bei Viva mit einem Feldbett als Sitzgarnitur extrem spartanisch eingerichteten - Studio, sondern dort, wo sich die Prominenten gerade befinden. "Ich reise überall hin, wo ich die treffen kann", sagt die nicht nur sozial kompetente Interviewerin, die auch im Deutschen gern die Britin durchhören lässt. "Am liebsten wäre es mir, mit den Leuten spazieren zu gehen und dabei zu reden."
Wahrscheinlich finden die Gespräche aber eher in den branchenüblichen 5-Sterne-Hotelzimmern statt. So wie das Interview, das Roche letzten Mai mit Madonna führte. Damals zeigte sich die Popikone überrascht, dass sich da eine junge Frau plötzlich nicht über ihre Klamotten, ihre Karriere oder ihr Celebrity-Dasein unterhalten wollte, sondern über den Inhalt der Texte ihres neuen Albums. Statt Videoclips wird es bei "Charlotte Roche trifft" Filmausschnitte, Archivmaterial oder Konzertmitschnitte geben, "der Kern jeder Sendung ist jedoch unser Gespräch".
Auf Interviews bereite sie sich akribisch vor, erzählt Roche. "Das ist echt harte Arbeit für mich, ich recherchiere tagelang, beschäftige mich mit der Musik und den Texten meiner Gäste." Hatte man sie bei Viva zunächst "nur" als VJ engagiert - angeblich weil sie beim Moderatoren-Casting perfektes Englisch als Argument vorbrachte, war ihr das Ansagen von Videoclips bald "irgendwie zu wenig". Learning by doing: Ohne Aufforderung und ohne es gelernt zu haben, begann sie journalistisch zu arbeiten und wurde zum Liebling von Alternative-Bands und deren Anhängerschaft. Das tägliche "Fast Forward", mit Minimalaufwand im kleinen Team produziert, ist für Roche ein Freispiel, für Viva die Ausrede, nicht nur Abspielstätte der Musikindustrie zu sein, sondern sich auch um die Avantgarde zu bemühen.
Archivsuche, Netzrecherche, Textanalyse: normalerweise ein Zugang, den man sich von journalistisch arbeitenden Menschen erwarten sollte, der jedoch im deutschsprachigen Unterhaltungsfernsehen rar geworden ist. "Eigentlich mache ich so klassische Opa-Interviews", meint Roche. Akribisch auf ihre Gäste vorbereitet zu sein, intelligente oder ungewöhnliche Fragen zu stellen, auf eine angenehme Weise, das ist der Trick, mit dem sie Stars wie die "alten Opas" Mick Jagger oder David Bowie oder eben Madonna greifen kann. "Meine Gäste sind oft überrascht. Die sind auf Promotiontour und da treffen sie dann mich und denken sich: ‚Wieder so ein Pop-Girlie', junges Mädchen, flippig angezogen - und machen gleich mal genervt zu."

Seit einiger Zeit ist Charlotte Roche verändert, ihre Piercings sind verschwunden, der Lidstrich mehr Sixties als punkig, und die Klamotten, die sie trägt, sind auch nicht mehr ganz so Girlie-mäßig wie früher. Verändert hat sie auch ein Schicksalsschlag im Sommer 2001, als sich plötzlich sogar Boulevardzeitungen für die junge Fernsehmacherin interessierten - auf dem Weg zu ihrer Hochzeit in England starben ihre drei jüngeren Brüder bei einem Autounfall. Bereits zwei Monate später ging Roche wieder bei Viva auf Sendung. Ohne Erklärung, "weil man den Zuschauern einfach nicht klar machen kann, was geschehen ist, was mit mir los ist", wie sie dem Spiegel sagte. Noch eine Veränderung: Vor ein paar Monaten ist Roche Mutter einer Tochter geworden, die Band Fehlfarben hat sie per Videoauftritt in den "Club der schönen Mütter" aufgenommen. Und für das Wiener Kunstprojekt "Love Pangs" und deren "United Lovesick Society" ist sie eine Botschafterin der Liebeskranken und hat dafür extra bei "Fast Forward" eine wöchentliche Rubrik eingerichtet.

Schnell voran: Die Sendung auf Viva wird wie gewohnt weiterlaufen, jetzt also noch die Personality-Show auf Pro 7 - ganz schön viel für eine Frau mit gerade mal 25 Jahren. Dass plötzlich der Privatsender über ihr Privatleben, ihre Gäste und ihre Show bestimmt, fürchtet Roche nicht. "So wie es kein Studio gibt, gibt es auch keine Vorgaben, die einzige Konstante bin ich selbst", sagt sie. Sie bestimme, wen sie in ihrer Sendung treffe. Dass ihr der Sender Gäste unterjubelt, brisante Fragen herausschneidet oder gleich unterbindet, das soll es nicht spielen. "Da ist ganz allein meine Meinung entscheidend", sagt sie. Geladen werden Musiker und Schauspieler. Kultautoren wie Nick McDonell, dessen Roman "Zwölf" Roche gerade als Hörbuch vorgelesen hat, kämen eher weniger infrage, sagt sie. "Aber es geht um Pop im weitesten Sinne."
Ihre Gäste müsse sie aber übrigens nicht nur ausschließlich gut finden. Und jemandem wie Britney Spears wollte sie zwar immer schon ihre Meinung sagen ("ich habe sie in einem Konzert gesehen, da hat sie halb nackt in einem Kinderbett herumgeturnt. Da will ich schon von der wissen, wieso die so was macht."), in ihre Sendung gekommen ist das US-Popgirl jedoch bislang nicht. Kylie Minogue hingegen findet sie ("ich kann das jetzt gar nicht begründen") richtig gut - ein Lieblingswunschgast sozusagen. Und selbstverständlich gibt es auch Menschen, die möchte die nette Frau Roche nie und nimmer treffen. Popikone Sting zum Beispiel. "Sting ist Scheiße. Ich weiß nicht, wieso, aber schon Police waren damals Scheiße, und Sting ist es immer noch."
Demnächst dürfte Roche wieder bei Harald Schmidt am Show-Schreibtisch sitzen. Nicht nur, weil sie innerhalb der Senderkette ihre neue Sendung promoten muss, sondern einfach, weil die gute Gastgeberin auch ein ganz guter Gast ist.

"Fast Forward", Mo-Fr, 23 Uhr, Viva,
"Charlotte Roche trifft", Mo, 23.15 Uhr, Pro 7.

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Oktober 2003 © FALTER
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