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Bohemian Rhapsody
FREIHAUSVIERTEL  Vom räudigen Marktgrätzel zur Künstlergegend für den Bohemien mit Kohle: In fünf Jahren hat das Freihausviertel eine Blitzkarriere hingelegt. Aber jetzt eröffnet dort schon das zweite Prolo-Lokal. Eine Bedrohung für das schicke Viertel? JULIA ORTNER und CHRISTOPHER WURMDOBLER (Text) Heribert Corn (Fotos)

CENTIMETER IM FREIHAUS: Scheibtruhe voll Mist

Falter 42   Originaltext aus Falter 42/03 vom 15.10.2003

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Marco Culo, der Papa, wacht heute noch über sein Lokal. Grauhaarig, mit väterlichem Blick hinter Brillengläsern, sehr akkurat in seinem weißen Cafetiers-Mantel, schaut er würdig vom Ölschinken über dem Tisch fürs Personal hinunter auf die Tochter, seine Nachfolgerin. Ankica Saric ist in den Siebzigerjahren aus Dubrovnik nach Wien gekommen, um dem alten Vater im Geschäft zu helfen. Dem Café Anzengruber, einer Institution auf der Schleifmühlgasse, im Grätzel hinter dem Naschmarkt. "Der Papa war hier eine Legende", erzählt die resolute Wirtin mit dem dicken blonden Zopf. "Alle haben ihn gekannt, alle haben ihn gern gehabt."
Seit dem 49er-Jahr servierte Herr Culo schon Kaffee und kroatische Hausmannskost in seinem Lokal, nach seinem Tod 1983 übernahm Saric gemeinsam mit ihrem Mann Jere das Familiencafé. Ein Ort, an dem Konventionen immer irgendwie außer Kraft gesetzt waren, erinnert sich die Wirtin. "Da ist der Abgeordnete neben dem Hackler gesessen, bei Cola Rum" - quasi angewandter Sozialismus. Heute weiß die Gastronomin nicht einmal mehr, wann sie ihren letzten Rum verkauft hat. Die Hackler kommen nicht mehr, sagt Saric. "Weil es hier keine Arbeiter mehr gibt." Die können sich das schicke Viertel nicht leisten.
Das Anzengruber war schon da, als rundum noch gar nichts war, keine Rede von schick. Als das Freihausviertel zwischen Rechter Wienzeile und Wiedner Hauptstraße nichts war als ein Grätzel mit leeren Auslagen, heruntergekommenen Gründerzeithäusern und dazwischen ein paar Wirtshäusern - das triste Hinterland des Naschmarkts. Benannt nach dem einst größten privaten Mietshaus der Stadt: Im 1812 erbauten Freihaus am Wienfluss lebten tausend Menschen, eine Stadt in der Stadt mit sechs Höfen und 31 Stiegen. Bis zum Ersten Weltkrieg stand die Anlage, dann wurde sie geschliffen. Ende der Neunziger taten sich dann ein paar Geschäftsleute im Viertel zusammen, um die totgesagte Gegend in Eigeninitiative zu beleben: zuerst mit Galerien, neuen gestylten Lokalen, ausgesuchten Design- und Modegeschäften.
Und bald entdeckten vor allem junge Leute mit Kohle und Hang zur Bohemien-Attitüde die Gegend mit diesem Montmartre-Charme, wo immer was los ist und alles trotzdem entspannt rüberkommt. Nicht zu vergessen, dass der nahe Naschmarkt mittlerweile als hippe Adresse galt. Und die Nähe zur City kostet natürlich extra. Die früheren Bewohner hätten die stark gestiegenen Mietpreise nicht zahlen können. In nur fünf Jahren vom alten Marktgrätzel zum angesagten Künstlerviertel - eine Blitzkarriere. Nur jetzt bekommt die Chichi-Idylle erste Risse.
Nachdem nämlich vergangenes Jahr anstelle der Pizzeria in der Schleifmühlgasse das prollige Austropopcafé aufgemacht hat, setzt sich nun ein weiterer Fremdkörper dreist in das flotte Viertel: Eine Filiale des studentischen Bier- und Fresslokals Centimeter (siehe unten), Typ holzverschalte Burschenschaftler-Kneipe, hat den Standort des edlen Freihaus übernommen - gerade jenes Lokals, das in den Achtzigerjahren mit moderner Architektur und feiner Küche zum Pionier des späteren Szeneviertels wurde, zu einem Symbol des Aufstiegs der öden Gegend. Schuld am neuen ungeliebten Nachbarn sei "brutale Geschäftemacherei", schimpft ein Lokalinhaber. Der ehemalige Besitzer habe nur möglichst teuer verkaufen wollen, sich nicht um einen passenden Nachfolger geschert. "Bewerber hat es genug gegeben."
Die schwarze Wiedner Bezirksvorsteherin Susanne Reichard sieht ihr Bilderbuchbeispiel von einem aufgewerteten Stadtviertel als "Glücksfall": "Engagierte Bürger und Geschäftsleute haben zur richtigen Zeit die richtige Idee gehabt und eine ganz neue Szene geschaffen." So was schafft die Politik nicht so leicht - "eine derartige Entwicklung kann man nicht von oben verordnen, das muss von den Leuten selbst kommen", erklärt sie. Von Leuten wie Georg Kargl, der seit zehn Jahren im Freihausviertel lebt. 1997 eröffnete der Kunsthändler hier - entgegen allen Warnungen, das Gebiet sei sowieso tot - eine Galerie. Gemeinsam mit anderen Geschäftsleuten gründete er vor fünf Jahren einen Verein, der die Zukunft des Grätzels gestalten soll - mit Straßenfesten, aber auch mit politischen Interventionen. "Als ich 1999 hier mein Geschäft eröffnet habe, hielten mich manche für sehr mutig, in dieser Umgebung was zu machen - vor allem die Banken", erzählt Christine Fink, Floristin und Inhaberin des edlen Blumenkraft. Das meiste im Viertel sei auf Initiative des Kaufleute-Vereins entstanden, behauptet Kargl. So wie vor zwei Jahren in Sachen neuer Beleuchtung der Schleifmühlgasse, bei der auch der Verein mitgeredet hat. "Die Politik hat kein Konzept", meint der Kunsthändler, ganz Hobbypolitiker.
"Ich bin mit jedem Geschäft einverstanden, das sich engagiert und das Niveau nicht nach unten zieht." Und würde das Austropopcafé tatsächlich regelmäßig Fendrich, Danzer und Co zu Konzerten in die Gegend bringen, wäre das in Ordnung, "aber das machen die ja nicht", schimpft Kargl. Dem Galeristen ist das Lokal ein "bisschen zu tief, so was kann man eleganter machen". Wirklich profitieren würde das ganze Viertel von den Vernissagen bei ihm und der Kollegenschaft. Kaum vorstellbar, dass das kunstinteressierte Publikum im Anschluss an so eine schicke Eröffnung ausgerechnet das neue Bierlokal nebenan besucht.
Bevor das Centimeter Skihüttenflair in die Gegend gebracht hat, haben namhafte Designer wie Luigi Blau oder Eichinger/Knechtl sich in den neuen Geschäften und Lokalen des Viertels ausgetobt. Kargl, dessen Galerie sich in einem Haus des Jugendstil-Architekten Ernst Eppstein befindet, sorgt sich um das allgemeine Erscheinungsbild des Viertels. So gibt es Gerüchte, dass das 30er-Jahre-Haus Schleifmühl-/Ecke Operngasse demnächst umgestaltet wird. "Wenn die das kaputt renovieren, dann zweifle ich an der Integrität unserer Gesellschaft." Demnächst soll auch der Kühnplatz umgestaltet werden, viele Anrainer wünschen sich eine Grünfläche, Kargl hätte dort lieber eine unverhüttelte urbane Fläche.
Selbstinitiative hat es hier schon vor den eifrigen Freihaus-Aktivisten gegeben, meint Café-Anzengruber-Chefin Ankica Saric. "Anfang der Achtzigerjahre haben wir das Lokal ein bisschen umgebaut und auch die paar anderen Traditionslokale haben sich bemüht, dass die Gegend schöner wird." Künstler und Intellektuelle entdeckten das Kaffeehaus mitten im Niemandsland als ihr Wohnzimmer. Saric erzählt auch von den Straßenmädchen und ihren Zuhältern an den Straßenecken, von den Ratten und dem Dreck am nahe gelegenen Kühnplatz, der damals voll mit Lagerhallen war. Trotzdem, ruhig und beschaulich war es im Mikrokosmos hinterm Naschmarkt immer irgendwie: "Drüben auf der anderen Seite vom Markt, im 6. Bezirk, haben dauernd die Polizeisirenen geheult, da ist es sehr arg zugegangen." Mit den großen Bauvorhaben in der Nachbarschaft, wie der Technischen Universität am Karlsplatz, eroberten in den Achtzigern Horden von Bauarbeitern die Gegend. Das war auf jeden Fall lauter und unguter als die Zeit mit den Huren, sagt die Wirtin.
Prostituierte gibts hier schon lange nicht mehr. Sie sind verdrängt worden von Blumenkraft, Designmöbeln bei Rauminhalt, vom Klamottengeschäft Symptomatic oder der frankophilen Kochbuchhandlung Babette's. Steuern könne man Betriebsansiedelungen in der Gegend zwar nicht, sagt Georg Kargl ("wir sind ja nicht in der DDR"), man könne jedoch "kommunikativ tätig werden", sprich interessante Geschäfte anlocken. "Wir wollen kein radikales Reinheitsgebot in der Gegend", meint auch Johannes Wegenstein, Macher der Programmkino-Lounge Schikaneder in der Margarethenstraße. Aber wenn sich hier noch mehr Betriebe wie das Centimeter ansiedeln würden, hätten Leute mit innovativen Ideen bald kaum mehr eine Chance. Einige Geschäftsleute befürchten gar eine Art Bermudadreieck rund um die Schleifmühlgasse. Und viele ärgert, dass sie die mühselige Pionierarbeit geleistet haben und jetzt andere zum Abkassieren kommen. "Durch unsere Initiativen gibt es hier geschätzte 35 bis 40 Millionen Euro an Wertschöpfung", rechnet Kargl vor. Mietshäuser seien zwischen 300.000 und 400.000 Euro teurer geworden. "Jeder will jetzt ins Freihausviertel ziehen. Es gibt derzeit kaum freie Wohnungen", sagt Hannelore Kaffer, Kargls Obfrau-Kollegin im Verein, Antiquitätenhändlerin und Immobilienmaklerin im Grätzel. Deshalb zahlt man hier mittlerweile fast Innenstadtmieten, diverse Dachböden werden ausgebaut. "Natürlich wird spekuliert: Es gibt noch immer genug Wohnungen - die werden nur gehortet, bis die Preise noch mehr steigen", erzählt eine Geschäftsfrau, die selbst seit langem im Viertel wohnt.

Das Grätzel hochzubringen war eine Sache - das hohe Niveau zu halten werde allerdings die nächste heikle Aufgabe, meint Kaffer. "Wenn wir den Status quo halten wollen, sollten alle Geschäfte und Lokale in ihrer derzeitigen Form erhalten bleiben", erklärt die Immobilienmaklerin. "Denn wenn zum Beispiel alte Handwerksbetriebe wie der Schildermaler zusperren und sich dafür noch mehr Lokale wie das Centimeter ansiedeln, kann sich die Gegend verändern."
Und die ersten Veränderungen werden schon geplant. Hannah Neunteufel zum Beispiel will das Freihausviertel mit ihrem Catering-Unternehmen nach fünf Jahren verlassen. Auch weil ihr "Hannahs Plan" Tür an Tür zum ungeliebten Centimeter liegt. "Das Austropopcafé war noch ganz erfrischend in dieser Gegend", meint Neunteufel. "Aber das Centimeter ist nicht mehr skurril, sondern eher beängstigend." Solche Lokale brächten einen "total anderen Drive", der nicht gut wäre für die Gegend. Nur im Café Anzengruber, wo es eine eigene Zeitrechnung gibt, lässt der "neue Drive" die Wirtsleute kalt. "Wir werden weitermachen wie bisher", sagt Chefin Saric. Egal ob Chichi-Viertel oder Bermudadreieck - das Anzengruber wirds immer geben.

 
CENTIMETER IM FREIHAUS
Scheibtruhe voll Mist


"Bei uns liegt die Werbung auf dem Teller", sagt Heinz Pollischanski. Deswegen gibts in seinem Lokal auch Riesenschnitzel, "Mohr im Hemd" oder eine Spezialität, die sich "Scheibtruhe voll Mist" nennt. Vor sieben Jahren hat der Mann der Systemgastronomie eine neue Variante verpasst: Centimeter heißt das ziemlich erfolgreiche Konzept, das sich mit großen Portionen, deftige Küche und Holz in der Hütt'n zusammenfassen lässt. Pollischanski hat ein Lokal erfunden, in dem er sich selbst am wohlsten fühlt. Sagt er zumindest. Gerade hat das fünfte Wiener Centimeter als Franchiseunternehmen aufgesperrt. Nach zwei Spittelberg-Lokalen und je einem weiteren in Neubau und am Alsergrund hat sich der Skihüttenzauber nun im Freihaus niedergelassen, dem ehemaligen Szenefixpunkt im hippen Freihausviertel.
Bei der Standortsuche sei vor allem die Nähe der TU wichtig gewesen, sagt Pollischanski. Und die Tatsache, dass es keine ähnlichen Lokale in der Nähe gegeben habe. "Das Freihaus war wie geschaffen für unser Konzept, da passt der Centimeter genau hin", zeigt sich der Geschäftsmann ganz begeistert vom neuen Standort. "Wichtig war auch, dass es einen Raum gibt, in dem man feiern kann." Der Unterschied zu McDonald's? "Bei uns gibts noch die menschliche Komponente, bei uns sind die Apfelradln nicht überall gleich knusprig." Für 2004 ist übrigens ein weiterer Centimeter geplant - dem Vernehmen nach im feinen Döbling. Ausgerechnet.
C. W.

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Oktober 2003 © FALTER
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