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König David
MUSIK  David Bowie zählt zu den vielseitigsten, einflussreichsten und besten Musikern der Popgeschichte. Seine erste Welttournee seit acht Jahren führt den Wahl-New-Yorker mit einer Mischung aus Klassikern und neuen Songs auch nach Wien. GERHARD STÖGER

BEST OF BOWIE: Favourites der Redaktion

Falter 43   Originaltext aus Falter 43/03 vom 22.10.2003

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Seine aktuelle Single "New Killer Star" ist seit langem der erste neue Song, mit dem David Bowie regelmäßig im ORF-Radio präsent ist. Im Gegensatz zu früheren Hits rotiert der kontrolliert-aggressive Rocksong aus Bowies kürzlich erschienenem Album "Reality" (siehe Falter 38/03) aber nicht auf Ö3, sondern bei FM4. Nicht nur weil Bowies aktuelle Lieblingsplatten von Blur, Granddaddy, Radiohead und den Dandy Warhols durchwegs FM4-affin sind, hat das seine Richtigkeit: Der 56-jährige Brite passt nach dem Ende seiner kreativen Midlife-Crisis wieder weit besser in das von echtem Interesse an Musik geprägte Umfeld des Alternative-Senders als in die belanglose Soundtapete der ORF-Cashcow.
Bowies künstlerisches Comeback der letzten Jahre - "Reality" waren das großartige Album "Heathen" (2002) und das passable "Hours ..." (1999) vorausgegangen - ist erfreulich; es kommt aber auch ein wenig überraschend. In den Neunzigern wirkte der einst so unfehlbare Musiker mit elektronischen Alben wie "Earthling" (1997) zwar ambitioniert, aber orientierungslos. Und auch seine grobschlächtige Rockband Tin Machine Ende der Achtziger war vor allem unter dem Aspekt der Selbstfindung eines großen Popkünstlers interessant, der sich im Laufe der Achtziger völlig ins Out manövriert hatte.
1983 war "Let’s Dance" erschienen, Bowies letztes wirklich gutes Album für viele Jahre und gleichzeitig sein erster ganz großer kommerzieller Erfolg. Die Singles dominierten weltweit die Hitparaden, und ihr Schöpfer avancierte von der schillernden Kultfigur zum Superstar des Mainstreampop. In der Folge tauschte der in London geborene und erst seit seiner Hochzeit mit dem Exmodel Iman vor zehn Jahren in New York sesshaft gewordene Weltenbummler seine Fähigkeit zur permanenten Selbsterfindung gegen den Versuch, ein Publikum zu bedienen, das sich eigentlich gar nicht für Musik interessierte. Rückblickend bezeichnet der vielseitige Workaholic - Bowie trat im Laufe der Jahre auch als Film- und Theaterschauspieler und als bildender Künstler in Erscheinung - die Jahre 84 bis 88 als ein einziges künstlerisches Desaster. "Bei den zwei Alben nach ‚Let’s Dance’ dachte ich beim Schreiben: Was könnte den Leuten gefallen? Sowas wie ‚Scary Monsters’ kann ich ihnen nicht anbieten, sonst rennen sie weg und kaufen Phil-Collins-Platten ...", bemerkte er im Rolling Stone kürzlich mit selbstkritischer Ironie.
Trotz negativer Ausreißer in seiner Diskographie wurde David Bowie vor drei Jahren in einer groß angelegten Umfrage des New Musical Express unter mehr als 150 britischen Rock- und Popmusikern, DJs und Labelmachern zum einflussreichsten Künstler der Popgeschichte gewählt. Verantwortlich dafür sind vor allem die vierzehn von 1969 bis 1983 entstandenen Studioalben, die in ihrer qualitativen Dichte und Vielfalt nur die Konkurrenz der Fab Four aus Liverpool fürchten müssen; in den Siebzigern seltsamerweise aber nur zu zwei Nummer-eins-Hits führten ("Fame" reüssierte in den USA, ein Reissue der alten Raumfahrerode "Space Oddity" in England). Trotzdem gilt David Bowie, der 1997 als erster Popmusiker überhaupt an die Börse ging und mit seinem gebührenpflichtigen BowieNet (www.davidbowie.com) zu den wenigen auch mittelfristig erfolgreichen Dotcommern zählt, heute nach Paul McCartney als zweitreichster britischer Musiker.

Die Zuschreibung als Pop-Chamäleon wurde über die Jahre zu einem Synonym für den Verwandlungskünstler, obwohl dieser Begriff eigentlich denkbar unpassend ist, wie profil kürzlich ganz richtig anmerkte: Vor allem in den Siebzigerjahren verstand es der ebenso intelligente wie charismatische Musiker zwar wie kein Zweiter, permanent die Farbe zu wechseln und sich beinahe mit jeder Platte neu zu erfinden; im Gegensatz zum ständig auf Tarnung bedachten Chamäleon hob sich David Bowie aber stets vom sonstigen Geschehen seiner Zeit ab und kontrastierte sein Umfeld mit immer wieder anders leuchtenden Farben.
Auf ein bestimmtes musikalisches Genre ließ sich der leidenschaftliche Kunstsammler nie festlegen. Bevor er mit seiner später als "Space Oddity" wiederveröffentlichten, im Original schlicht "David Bowie" betitelten Debüt-LP als Solokünstler 1969 einen ersten Achtungserfolg erzielte, hatte er sich als Sänger und Saxophonist bereits jahrelang in diversen Formationen zwischen Jazz, Folk, psychedelischem Beat und Blues versucht.
Obwohl seinem Debüt zwei fantastische Platten folgten - das feinsinnige Artrockalbum "The Man Who Sold the World" (1970) und das mit späteren Klassikern wie "Changes" und "Life on Mars?" gespickte Popkunstwerk "Hunky Dory" (1971) -, nahm die Welt erst 1972 wirklich Notiz vom Musiker mit den verschiedenfarbigen Augen, der sich selbst immer schon als singender Schauspieler verstand. Bowie trug plötzlich glitzernde Klamotten und kiloweise Make-up, spielte mit androgynen Images und nannte sich Ziggy Stardust; seine ebenfalls von einem fremden Stern gefallene Band hieß The Spiders From Mars. Ihr Manifest "The Rise And Fall of Ziggy Stardust And the Spiders from Mars" sollte in seiner Stimmigkeit und Dichte (zwölf Songs, zwölf Hits; von "Five Years" bis "Rock’n’Roll Suicide") Bowies Meisterwerk bleiben.
"Mit Ziggy Stardust ging es darum, das Konzept des Rockstars zu dekonstruieren und ein Wesen irgendwo zwischen Alter Ego und synthetischem Produkt zu schaffen", erklärte Bowie später. Neben T-Rex sowie vor allem den frühen Roxy Music wurde der einst lockenköpfige Folksänger mit dieser Strategie zum wichtigsten Protagonisten des Glamrock, einer Bewegung, die auszog, dem Rock ’n’ Roll Mädchenschuhe anzuziehen.
Sein Freund John Lennon soll einmal gesagt haben, dass er Bowies Sachen zwar toll fände, diese aber eigentlich nichts anderes seien als Rock ’n’ Roll mit ein bisschen Lippenstift. Gerade in diesem bisschen Lippenstift lag freilich das Revolutionäre am Glamrock (Glam wie "Glamour") und dem damit - noch einige Jahre vor Punk - verbundenen Abschied vom lange tradierten Mythos des authentischen Rockmachos. In einer Zeit, in der Gitarrensoli die Haarlänge ihrer Protagonisten erreichten, schockierte Bowie nicht durch Härte, sondern durch das ausgeprägte Spiel mit sexuellen Präferenzen und geschlechtlichen Identitäten.
Am besten Weg zum Superstar wurde Ziggy Stardust zum Rock ’n’ Roll Suicide verurteilt. "Of all the shows of the tour this particular show will remain for us for the longest because not only is it the last show of the tour but it’s the last show that we’ll ever do", verkündete er am 3. Juli 1973 vorm Schlussstück des letzten Gigs der Spiders-Tour (dokumentiert in D.A. Pennebakers Konzertfilm "Ziggy Stardust. The Motion Picture"). Ziggy Stardust mutierte zum kaum weniger farbenprächtigen Aladdin Sane; die gleichnamige Platte lieferte quasi die experimentelle Auslegung von Glamrock.
Seinen ausgeprägten Hang zur Erfindung unterschiedlicher Bühnen- und Künstlercharaktere erklärt Bowie rückblickend mit seiner ausgeprägten Schüchternheit - der Sänger schuf diese Fabelwesen, um sich hinter ihnen verstecken zu können. "Ich merkte schon, dass da was im Gange war, dass ich irgendwie gut war", erinnert sich Bowie im aktuellen Rolling-Stone-Interview. "Ich wusste nur nicht, ob es an meiner Stimme lag oder an meiner Persönlichkeit oder woran auch immer. Ich wusste nicht, dass ich gewissermaßen geboren war, um auf der Bühne zu stehen. Deshalb nahm ich Rollen an, um mich verstecken zu können und in Sicherheit das zu tun, was ich tun wollte." In dieser Lesart der Popgeschichte deutet ein lachender David Bowie die Erfindung des Glamrock als Mittel gegen die Schüchternheit. "Ich warf mich in die Arme des Postmodernismus, weil ich zu schüchtern war!"

Mit jahrelangem exzessivem Alkohol- und Drogenkonsum fiel die zweite Strategie im Umgang mit der fehlenden Selbstsicherheit deutlich konventioneller aus; an Bowies Output änderte sich dadurch nichts. "Diamond Dogs" (1974) war eine psychotische Popversion von Orwells "1984", "Young Americans" im Jahr darauf doppelzüngig-schicker Weiße-Buben-Soul. "Station to Station" mit seinem spektakulären, rund zehnminütigen Titelstück markierte 1976 nicht nur den Höhepunkt seiner Kokainphase, sondern auch die Geburt des "Thin White Duke", der in seinem Nazi-Chic beklemmendsten von Bowies Kunstfiguren. In diese Zeit fallen auch zwischen Drogenrausch und zu viel Nietzsche-Lektüre entstandene Zitate à la "Hitler war der erste Rockstar - er hat ein ganzes Land inszeniert".
Die Platte selbst zählt zu Bowies Meisterwerken. Im Titelstück verwendete er - ein gutes Jahr vor den vom ihm verehrten Kraftwerk - Zuggeräusche als Teil eines Popsongs. Während die Düsseldorfer in "Trans Europa Express" mit rhythmisiertem Schienenrattern Richtung Zukunft unterwegs waren, ließ Bowie aber die Vergangenheit mit einer kollabierenden Dampflok implodieren. Der eigenen Vergangenheit suchte er dann gemeinsam mit Iggy Pop durch einen Umzug nach Berlin zu entfliehen. Neben dem besonderen Flair und der Künstlerszene der Stadt sprach ein weiteres Argument für Berlin: "In einer Stadt mit einer Mauer drum herum zu leben, war für mich wie eine Entziehungskur", erzählte Bowie dem Starmodel Kate Moss, die ihn kürzlich für die Titelgeschichte des US-Magazins Q interviewte. "Kurze Zeit später kam ich drauf, dass die Mauer lediglich das ganze Heroin in der Stadt behält." Pech für Iggy, der Heroin - im Gegensatz zu seinem Freund Bowie - mehr als zugeneigt war.
Die Berlinjahre waren dennoch höchst produktiv: Gemeinsam mit Brian Eno produzierte Bowie 1977 die beiden prätechnoiden Meisterwerke "Low" und "‚Heroes""; mit "Lust for Life" und "The Idiot" entstanden im selben Jahr auch Iggy Pops beste Soloarbeiten - an beiden wirkte Bowie als Songwriter, Musiker und Produzent mit. Von "Let’s Dance" und den Folgen trennte Bowie zu diesem Zeitpunkt noch das vielschichtige Dance-Pop-Album "Lodger" (1979) und die für überzeugte Phil-Collins-Hörer trotz der Hitsingle "Ashes to Ashes" wohl tatsächlich zu komplexe Großtat "Scary Monsters" (1980).
Das US-Magazin Creem charakterisierte David Bowie einst sehr eigenwillig als "Dylan eines Paralleluniversums, der zur Begleitmusik von Black Sabbath umhertaumelt". Heute liegt diese Einschätzung ferner denn je: Der Ex-Black-Sabbath-Frontman Ozzy Osbourne musste seinen Wienbesuch wegen akuter Harald-Juhnke-Symptome erneut verschieben, während man bei Dylan, der zwei Tage vor Bowie in der Stadthalle gastiert, kaum glauben kann, dass er lediglich sechs Jahre älter ist als sein ewig gut aussehender Kollege.
Die soeben gestartete und für insgesamt sieben Monate anberaumte Konzertreise ("A Reality Tour") ist übrigens Bowies erste weltumspannende Tour seit acht Jahren; im Gegensatz zum bisher letzten Stadthallen-Konzert 1996 spielt er diesmal auch alte Stücke. "Es hat mich lange belastet, meinen alten Songs Gleichwertiges folgen lassen zu müssen", erklärte Bowie kürzlich im Interview mit dem österreichischen Popmagazin now!. "Jetzt bin ich mir aber sicher, dass ich heute genauso gut bin wie damals, und deshalb habe ich keine Probleme mehr, in Konzerten alte und neue Sachen zu spielen, weil ich weiß, dass die neuen Songs ebenbürtig sind."
Letztlich bleibt die Songauswahl dennoch eine Überraschung: Bowie hat mit seiner Band über fünfzig Titel aus allen Schaffensperioden geprobt, um jeden Abend ein neues Programm zusammenstellen zu können. Fans dürfen also bis zum letzten Song auf ihre persönlichen Lieblingslieder hoffen - und junge FM4-Hörer können entdecken, dass es bei David Bowie mehr als nur ein Leben vor "New Killer Star" gab.

Aktuelle CD: "Reality" (ISO/Sony).

Live am 29.10., 19.30 Uhr, in der Wiener Stadthalle (Support: The Dandy Warhols).
Karten: www.oeticket.com oder Tel. 960 96.

 
BEST OF BOWIE
Favourites der Redaktion


Changes (1971)
Ein dramaturgisches Wunderwerk: Verstreute, windschiefe Akkorde, danach fünf Takte Proto-Glam-Rock, die in eine dekadente Klavierballade kippen - alles falsche Fährten, die sich auflösen, sobald die Streicher den umso triumphaleren Refrain servieren. Beste von vielen tollen Zeilen: "Die Kinder, auf die ihr spuckt (...), sind gegen eure Ratschläge immun."
ROBERT ROTIFER

Oh! You Pretty Things (1971)
Ein Bowie-Lieblingssong? Unmöglich! Eher findet man seine saisonalen Favoriten - derzeit etwa "Oh! You Pretty Things" (Hunky Dory), eine verhatschte Klavierballade der Spiders, die im Refrain zur koketten Revuenummer mutiert: "Let me make it plain / you gotta make way for the homo superior"!
MICHAEL LOEBENSTEIN

Afraid (2002)
An sich hatte ich mich ja für "Life on Mars?" entschieden. Aber dann sah ich die Liste der Kollegen und dachte: noch einmal "Hunky Dory"? Das hieße doch, Kohle nach Newcastle zu schippern und so tun, als würde der Mann ausschließlich von einem Jahrzehnte zurückliegenden Ruhm zehren. Deswegen: "Afraid", zu finden auf dem grandiosen Vorjahresalbum "Heathen"; weil: "I’m still so afraid!"
KLAUS NÜCHTERN

Rock ’n’ Roll Suicide (1972)
"Time takes a cigarette, puts it in your mouth ..." Die Schlussnummer auf dem Meisterwerk "Ziggy Stardust" beginnt als Ballade mit Akustikgitarre und entwickelt sich zur bombastischen Glam-Rock-Hymne mit Pauken und Trompeten (und Streichern, natürlich). Große Oper in 2:58 Minuten, so muss ein Popsong sein.
WOLFGANG KRALICEK

Let’s Dance (1983)
Nur wegen "Let’s Dance" hab ich mir damals beim Humanic in Bregenz rote Schuhe gekauft, damit eine lange Landdisconacht durchgetanzt und sie am nächsten Tag weggeworfen. Der Grund? Kinder riefen mir hinterher, rote Schuhe seien Mädchenschuhe - "put on your red shoes and dance the blues".
CHRISTOPHER WURMDOBLER

Sound And Vision (1977)
Zugegeben: Es mag bessere Bowie-Songs geben. Aber wie er in diesem 180-Sekunden-Juwel aus der Berlin/Eno-Phase mit Versatzstücken von Soul bis Krautrock spielt und nebenbei einen Blueprint für Elektropop schafft, ist bis heute nicht nur inspirierend, sondern vor allem ganz großes Gefühlskino, das mit wenigen Worten auskommt.
SEBASTIAN FASTHUBER

Heroes / Helden (1977)
Eine Überdosis Pathos inmitten einer ziemlich schroffen Platte. Eine Melodie, die beim ersten Hören hängen bleibt und auch beim hundertsten Mal noch glücklich macht. Dazu der vor allem im deutschen Teil herzzerreißende Gesang: "Und die Scham fiel auf ihre Seite. O wir können sie schlagen für alle Zeiten."
GERHARD STÖGER

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Oktober 2003 © FALTER
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