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Wien: That’s Amore!
STADTERKUNDUNG  Jährlich kommen rund 3,3 Millionen Nichtwiener nach Wien - als Touristen, zu Kongressen oder Geschäftszwecken. Wie wird die Hauptstadt mit all ihrem ermatteten imperialen Gestus und ihrer Lebensart in diversen Reiseführern den Besuchern präsentiert? WOLFGANG PATERNO (Text) und Heribert Corn (Fotos)

Falter 44   Originaltext aus Falter 44/03 vom 29.10.2003

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Unter dem Wiener Himmel ist Zuckerguss-Herrlichkeit: Wien ist die "Hauptstadt der Höflichkeit", ein "Kristallisationspunkt der Kultur", "eine muntere Diva", der die "Geschichte zu Glanz und Gloria" verhalf. Wien ist, auch das ist in Reiseführern zu lesen, "mehr mondän als mondsüchtig", "strahlend hergerichtet, lebendig, selbstbewusst und ungeheuer liebenswürdig". Im Kopf des Besuchers löst die Stadt, so wird das in der "Gebrauchsanleitung für Wien" beschrieben, bereits bei Reiseantritt kleine Explosionen der Vorfreude aus: "Wien. Schon der Klang hat Ihre Erwartungen geweckt. Mit einer warmen Stimme haben Sie das Wort mehrmals vor sich hingesprochen. Wien! Sehr entschieden ist es Ihnen über die Lippen gekommen, wie der Endpunkt einer langen Suche, so, als wüssten Sie bereits, was Sie, sind Sie einmal dort angekommen, alles erleben werden." Wien ist der Himmel auf Erden. Ist Wien der Himmel auf Erden? Acht unsystematische Streifzüge mit acht verschiedenen Reiseführern in das Innere von Wien. Oder: wie Klischees munter zementiert werden.

Das Kaffeehausrisiko

Ein Kaffeehausbesuch gehört dazu. Jahrhundertalte Tradition! Musil! Schnitzler! Torberg und Compagnie. Reine Gemütlichkeit, der Kaffeehaussessel als Hochstand zur Beobachtung des Wienermenschen. Nur: Einfach nur Kaffeetrinken, ein Ding der Unmöglichkeit. Hierin sind sich alle Reiseführer einig: Der Kaffeehausbesuch birgt viele Risiken, fast wortident wird gewarnt: Niemals nur einen Kaffee bestellen, noch dazu auf a betont. Für den Ober, gern gezeichnet als wandelnde Karikatur der ewigen Grantscherben, werden Sie so zum Gast niederer Stufe, der berüchtigte Schmäh des Kellners wird Sie gnadenlos treffen. Eine kleine Kaffeekunde ist in jedem Reisebegleiter zu finden. "Wer in Wien einfach nur Kaffee bestellt, muss auf Überraschungen gefasst sein, denn die Wiener pflegen ganz eigentümliche Vorstellungen vom Stil ihres Kaffees", gibt etwa "Wien vis-à-vis" zum Besten - mit zahlreichen Fotografien von Kaffeevariationen wird hier versucht, Ordnung in die vorgebliche Koffeinsucht zu bringen: Ganz Wien sitzt bei Einspänner, Fiaker, Kaisermelange, Franziskaner, Kapuziner. Nachfrage im Griensteidl und im "Diglas": Servieren Sie, Herr Ober (niemals: Kellner!), oft Franziskaner und Fiaker? Maulfaule, nicht uncharmante Antwort: "Na." Dann, bitte, einen Kaaaffee! "Wollen S' einen kleinen Braunen, eine Melange, einen Mokka?" Von Kaffeezaubereien mit Eigelb, Brandy und Sahnehäubchen: ka Red!

Im Totenreich

Wien ist die Stadt der Toten, morbider Charme allüberall: In keinem Vorwort bleibt das Bestattungsmuseum und die hohe Selbstmordrate unerwähnt, dazu kommen die schiere Größe des Zentralfriedhofs und der Friedhof der Namenlosen, das todtraurige Wienerlied und die Kapuzinergruft: Körper, Herzen und Eingeweide der Habsburger schauerlich getrennt bestattet. Neue Standards müssen her, der ADAC-Reiseführer bietet diese en masse, schöner und in verwickelteren Wortgirlanden ist der Tod in Wien nie besungen worden: "Wenn auch der Wiener nicht immer von Todessehnen geplagt ist, so genießt er doch stets den schönen Schauer, der damit zusammenhängt", schreibt die Autorin und vergisst dabei nicht, ticktack, die Zeit läuft ab, bereits in den ersten Zeilen gesondert auf das "faszinierende Uhrenmuseum" hinzuweisen. Sowieso: Die vereinzelten alten Frauen, die sich auf dem weitläufigen Zentralfriedhof-Areal tummeln, sind von "Wiener Selbsthasslust" ergriffen.

Ganz Wien ist Museum

Der Tross der Touristen hat für das "künstlerische Phänomen" Schönbrunn wenig über, im DuMont-Reiseführer mit zwei Sternchen ("keinesfalls versäumen") ausgezeichnet. Jeder Quadratzentimeter Schloss wird hier kompetent und anschaulich erklärt, allein: Die Touristen sind eher an der optimalen Fotoperspektive interessiert, das museale DuMont-Wien - sieben Beethoven-, zehn Mozart-Gedenkstätten werden akribisch aufgelistet - ist eine Randerscheinung im Erlebnisrausch. Beinah ungehörig wirken da die Hinweise am Ende des Buches, "Informationen von A-Z", ganze vier Seiten lang: Neben "Auskünften" und "Aussichtspunkten im Stadtgebiet" beschäftigt sich ein Kapitel mit dem eher lebensnahen "Shopping". Auch jeder Stein der Innenstadt erzählt eine jahrhundertealte Geschichte, die "Wiener Altstadt-Spaziergänge" erzählen diese nach, Motto: "Für den Stephansturm hat jeder Wiener eine gewisse Schwäche." Irritationen werden dabei aus dem Weg geräumt: "Wir sehen uns zuerst Haus Nummer 23 auf der rechten Straßenseite an; hier stand im Mittelalter ein bekanntes Bordell", ist über den Tiefen Graben zu lesen - unerwähnt bleibt freilich, dass Haus Nummer 30, Hotel Orient, noch heute ein berühmtes Stundenhotel ist.

Moser trifft Qualtinger

Der echte, der urige Wiener ist, folgt man der "Gebrauchsanweisung für Wien", eine Mischung aus dem Herrn Karl, Mundl, Hans Moser und dem lieben Augustin. "Der eigentliche, hinter aller Vielschichtigkeit versteckte Kern seines Wesen [ist] der Gaukler", beschäftigt ist der Wiener tagaus, tagein mit seiner "Nörgelmeditation", pendelnd "zwischen buddhistischem Gleichmut und mitteleuropäischer Schicksalsergebenheit". Der Reisebegleiter "Gebrauchsanweisung für Wien" will, das wird immer wieder betont, die "Schattenseiten" der Bewohner nicht verschweigen - und stellt jedem Klischee, das aufgebrochen werden soll, nicht minder fragwürdige zur Seite, Devise: Ein Klischee ist peinlich, tausend sind erhaben. Er ist nämlich nirgends zu finden, der originale Wiener, man kennt ihn nicht. Nicht in der Verköstigungsinstitution Zu den 2 Liesln ("Keine Ahnung!"), nicht im Traditionshaus Ubl ("Wos? Zum Trinken?"). Ein neues Barock, so diagnostiziert der Reiseführer, sei zusätzlich unter den Wienermenschen ausgebrochen, "es herrscht ein Lebensgefühl wie zur Zeit Kaiserin Maria Theresias". Illustriert wird diese "Bühne des Lebens" mit Schäferdichtung: Auf der Strudlhofstiege "betritt nun eine Dame im mittleren Alter mit Riesenterrier die Bühne", "fast ohne Bodenhaftung" schwebt sie die Stiegen herunter; es hüpft eine Amsel "von Stufe zu Stufe und lässt sich schließlich in den violettblau blühenden Glyzinien nieder", ein hochherziger "Sandler genießt sein Wohnrecht". Vergangene Woche, Mittwoch, 13.52 Uhr, war die Lebensbühne menschenleer, kein Wiener Originalgenie in Sicht; nur der Auftritt eines Hundes hatte dampfende Spuren hinterlassen.
Zeitgeist-Mekka?

So gut das 1999 erschienene Merian-Heft "Wien" (mit Beiträgen von Süddeutsche-Korrespondent Michael Frank) ist, so schütter präsentiert sich das Bändchen "Merian live!". Versprochen wird "Reisen mit Erlebnis-Garantie" - Wien, die imperiale Glanz- und Prunkmetropole, ist, so wird atemlos festgehalten, "eine muntere Diva" mit einer "äußerst lebendigen Dancefloor-Szene". Die beiden Musikheroen heißen laut der zeitgeistigen "Merian"-Offenbarungsbibel: "Kruger (sic!) und Dorfmeister". Die noch nie so ganz taufrische "Biergartenszene" im alten AKH wird ebenso erwähnt wie "eine Reihe trendiger Lokale in den Bögen der Stadtbahn" - sonst flüchtet sich auch dieser Reiseführer, der Lipizzaner und Sachertorte zum Schmock erklärt, in die ausgetretenen Pfade: Kaiserappartements, Silberkammer, Maria-Theresia-Denkmal.

Wien, realitätsnah

Ein Blick von außen, zugleich wider die falsche Eingemeindung. Manch ein Reiseführer klärt stolz auf: "Berggasse 19, Sigmund-Freud-Museum". Dass Freud im Juni 1938 vor den Nazis aus Wien floh, findet kaum je Erwähnung; das Gros der Wien-Handbücher jongliert auch fröhlich mit den Stichworten Restaurants, Restauration und Revolution: von Freuds Emigration, von Restitution berichtet in lakonischer Manier "TimeOut". Kriminalitätsrate, Jörg Haider, Botschaft besorgter Bürger sind auch so Wörter, die anderswo gerne verschwiegen werden. Keine Zeit wird hier auf eingehende Betrachtung der windigen Wiener Wesensart verschwendet, was zählt, sind Hinweise, Preisangaben und massenhaft Fakten. Jeder darf sich seine Wien-Klischees selber aussuchen. Und der Ober des Café Griendsteidl darf auf dem Foto einmal ein freundliches Gesicht machen.

Auf Schmäh-Suche

Den Herrschaften geht es heute nicht um den weltberühmten Wiener Schmäh: Im Kleinen Café, im Café Alt-Wien, im Amacord, Orten, wo gemäß den Wien-Büchern die Schmähbrüder zuhauf sitzen müssten, sind die Helden in den Tiefen ihrer Schweigsamkeit versunken. Keine goscherten Gschichtldrucker, auch ist die Zeit kein großes schwarzes Loch: ein Kommen und Gehen an den Tischen, nur einer bleibt bis zur Sperrstunde picken. Zumindest theoretisch weiß "Wien und Umgebung" über den oft und oft behaupteten, selten aber wirklich zu erlebenden Schmäh Bescheid: "Schmäh ist weit mehr als Ulk, Spaß oder Scherz. Schmäh schließt Doppelb(l)ödigkeit, Charme, Falschheit, Sarkasmus, Zweifel und anderes mehr ein ... Der Schmäh wird nicht eingesetzt oder vorgetragen, er wird geführt, und zwar von einem Schmähführer."

Der Überschmäh

An den Kaffeehaustischen sind die Schmähführer schmähstad. "Das Leichte, Tänzelnde, Spielerische" will nicht auftauchen. An der Bar des Amacord packt nur einer das Spiegel-Jahrbuch 2004 aus der Tasche, einen Wien-Reiseführer der anderen Art. Dort ist Wien, 41.495 Hektar groß, davon 20.679 Hektar Grünfläche, 1,8 Millionen Einwohner, fern aller Kitschigkeit und Seligkeit, ziemlich klar als das beschrieben, was die vor allem in Wien weltberühmte Stadt tatsächlich ist: Wien, Hauptstadt Österreichs, dargestellt zwischen den Einträgen "Oman" und "Osttimor", Seite 320 bis 326.

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Oktober 2003 © FALTER
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