Aufblende: die Störche. Das Bild der steirischen Malerin Norbertine Bresslern-Roth, eine Vertreterin der klassischen Moderne, ist Hans Dichands Lieblingswerk. "Weil er als Familienmensch die Seinen beschützt wie ein Storch", sagt Krone-Autor Günther Nenning. Die Störche fliegen hoch; bauen ihr Nest ganz oben; betten die Jungen weich. Wenn es heiß wird, schirmen sie den Nachwuchs mit ausgebreiteten Flügeln ab. Dafür lassen die Jungen die Alten später nicht verkommen.
So sind sie, die Dichands. Ihre Geschichte erinnert an eine opulente Familiensaga: Eine Döblinger Zeitungsdynastie kämpf entschlossen darum, die Herrschaft im Familienunternehmen zu behalten.
In den Hauptrollen: Hans Dichand, der Alte, der die Krone vor bald einem halben Jahrhundert wiederbelebte und zum mächtigsten Blatt in seiner Heimat aufbaute; seine Frau Helga, eine attraktive Salondame Mitte sechzig; die drei erwachsenen Kinder Michael "Snoopy" Dichand, der Lebemann, Johanna Dichand, die Kunstsinnige, und Christoph "Chri-Chri" Dichand, der Thronfolger. Lokale Politiker wie Thomas Klestil, der Präsident der Republik, oder Michael Häupl, der Bürgermeister der Hauptstadt, reißen sich um Statistenrollen. Und als Gaststar: Erich Schumann als "der Bösewicht". Er ist Geschäftsführer und Gesellschafter des Essener Medienkonzerns WAZ, dem die halbe Krone gehört. In früheren Folgen wurde sein Part von Kurt Falk gespielt, dem ehemaligen Kompagnon Hans Dichands.
Was zuletzt geschah: Nachdem er sich jahrelang zwischen Havanna und Los Angeles herumgetrieben hat, taucht Michael Dichand wieder in Europa auf. Er bezichtigt die WAZ-Männer, auf dem Balkan mit der Mafia zusammenzuarbeiten. Die WAZ unterstellt Hans Dichand, im Vorhinein gewusst zu haben, was der Junior da den Medien stecken wollte. Und das verletze die Treuepflichten gegenüber dem Geschäftspartner. Vater und Sohn bestreiten den Vorwurf. Die Deutschen rufen ein Schweizer Schiedsgericht an, das Hans als alleinigen Geschäftsführer und Christoph, Michaels jüngeren Bruder, als Chefredakteur der Kronen Zeitung abberufen soll.
Es geht um Macht und sehr viel Geld: Jeden Tag lesen 2,9 Millionen Österreicher die Krone. Das Unternehmen ist trotz Wirtschaftskrise noch profitabel, die Medien schätzen den Wert auf 500 bis 600 Millionen Euro. Doch seit 1987 gehört es zur Hälfte der WAZ, Hans Dichand hält nur 50 Prozent der Anteile. Im Krieg gegen den verhassten Partner wird Dichand bis zum Äußersten gehen, aber nicht bis zum Letzten. Anfang der Neunzigerjahre führte er ebenfalls einen Grabenkampf, gegen seinen ehemaligen Teilhaber Falk, der sein Vermögen, das er beim Verkauf seiner Krone-Anteile lukriert hatte, in das Boulevardblättchen täglich Alles investierte. Bei einer Weihnachtsfeier der Kronen Zeitung soll Dichand einmal über Falk den Kopf geschüttelt und gesagt haben: "Wenn man Familie hat, rührt man die letzte Milliarde doch nicht an."
Sein Privatvermögen hat Hans Dichand längst in einer Stiftung geparkt. Im Februar berichtete das Branchenblatt Extradienst, dass Dichands Frau und seine drei Kinder eines Tages zu gleichen Teilen mit der Krone bedacht würden. Versilbern würde Hans Dichand seine Zeitung nie, "weil ich lieber ein gut gehendes Geschäft übergebe als eine Menge Geld", vertraute er einmal dem Wirtschaftsmagazin trend an. "Wer damit herumjongliert, kann leicht Pech haben." Und der Patriach fügte hinzu: "Ich hoffe, dass meine Familie weitermacht."
Das Los trifft "Chri-Chri", den Jüngsten und Klügsten. Schon in seiner Kindheit steht fest, dass er dem mächtigen Vater nachfolgen soll und nicht seine älteren Geschwister Michael oder Johanna.
"Ich glaube nicht, dass es Christophs Traum war, Chefredakteur der Krone zu werden", meint Familienfreund Nenning. Aber wer kann das bei dem zurückhaltenden Verlegerspross schon so genau sagen. "Er hat nie über Privates geredet", erzählt ein ehemaliger Mitstudent vom Wiener Juridicum: "Er ist sensibel, fein und kulturbeflissen, aber auch schüchtern. Er schien jene typische Angst reicher Leute zu teilen, dass man ihren Kontakt nur des Geldes wegen suche." Christoph, vermutet der Kommilitone, habe das Privileg, ein Dichand zu sein, wohl eher als Bürde empfunden: "Wie der eine Sohn in Thomas Manns Roman ,Die Buddenbrooks'."
Zügig studiert der junge Dichand fertig, seinen Doktor macht er an der Universität Innsbruck. Als "begabten und intellektuell niveauvollen Typ" erlebt ihn sein Betreuer, der Strafrechtsprofessor Frank Höpfel. Das Thema der Dissertation: "Der Persönlichkeitsschutz im Medienrecht".
Die Praxis fehlt dem frisch gebackenen Juristen noch. Er volontiert bei der Münchner Abendzeitung und beim Kölner Fernsehsender RTL. Wieder zu Hause, schnuppert er in die Krone hinein. 1995 macht ihn der Vater zum Chef der Sonntagsbeilage Krone bunt. Zwei Jahre später schickt er ihn nach New York. Bei den Boulevardblättern Daily News und New York Post schaut sich Dichand junior an, wie die Amis Cover gestalten.
Als ihn der Vater im Sommer 2001 dann auch offiziell zu seinem Nachfolger als Chefredakteur erklärt, glaubt ihm trotzdem kaum einer, dass er sein Fach beherrscht. Gemeine Anekdoten machen im Verlag in der Muthgasse die Runde. Auf Fragen von Mitarbeitern, wird kolportiert, antworte der Junior stets: "Da muss ich erst den Vati fragen." Einen Krone-Autor, der auf Veröffentlichung seines Textes drängte, habe er vertröstet: "Ich weiß auch nichts, ich warte seit zwei Wochen auf einen Termin bei Herrn Dichand." "Christoph in der Rolle des Chefredakteurs wäre so, als ob ich das Staatsopernballet anführen würde", soll der pensionierte Kolumnist Richard Nimmerrichter alias "Staberl" gespottet haben. Selbst der den Dichands wohl gesonnene Nenning, der Christoph Dichand für sehr intelligent hält, sagt: "Um Kleinigkeiten kümmert sich der oberste Richter nicht. Aber das letzte Wort hat immer der Hans Dichand."
Hans Dichand bleibt hart. Sollte Christoph nicht gewollt sein, sagt er bei einer Sitzung, dann werde er "ihn bei der Hand nehmen, und wir werden gemeinsam das Haus verlassen". Die WAZ tobt.
Dabei hat Christoph Dichand auch schon außerhalb des Imperiums des Vaters etwas auf die Beine gestellt: Gemeinsam mit den Kärntner Baubrüdern Soravia kaufte er das Hotel Hilton und das Auktionshaus Dorotheum; der Vater wird ihm dabei wohl etwas unter die Arme gegriffen haben. Mit Onetwosold, einer Versteigerungsbörse im Internet, bewies er geschäftliches Geschick - erregte aber auch das Misstrauen der Krone-Partner aus Essen. Die Firma, so der Vorwurf, sei im redaktionellen Teil der Zeitung ausführlich abgefeiert worden.
Aber Hans Dichand setzt sich vorerst durch, heute trägt Christoph den Titel Chefredakteur. Die WAZ hat ihm allerdings den langjährigen Sportchef des Hauses, Michael Kuhn, zur Seite gestellt.
Hans Dichand hat niemand zu seiner Position verholfen, der 82-Jährige ist ein Selfmade-Millionär.
Mutter Leopoldine ist Hausdame bei einer Gräfin, Vater Johann stellt im eigenen Betrieb Schuhoberteile her. Doch als Hans drei Jahre alt ist, verliert der Vater das Geschäft. Die Familie zieht von der weißen Villa im Stiftingtal bei Graz in eine kleine Wohnung in der "Affentürkei", eine Barackensiedlung am Rande der Murauen. Daran zerbricht die Ehe der Eltern.
Hans Dichand wird Drucker und lernt für die Abendmatura - da bricht der Zweite Weltkrieg aus. Dichand meldet sich zur Marine. Zurück aus der Gefangenschaft geht sein Traum vom Journalismus in Erfüllung: Er fängt beim britischen Nachrichtendienst an; Mitte zwanzig ist er bereits Chefredakteur der Murtaler Zeitung; später folgen die Kleine Zeitung in Graz und der Kurier in Wien.
Ende der Fünfzigerjahre kauft Dichand die Rechte am Titel Kronen Zeitung um 17.000 Schilling. Gemeinsam mit dem jungen Waschmittelmanager Falk stampft er eine Tageszeitung aus dem Boden. Der mächtige ÖGB-Boss Franz Olah besichert ihre Kredite mit Sparbüchern der Gewerkschaft. Restlos aufgeklärt wird seine dubiose Rolle bei der Zeitungsgründung nie. Dem sensationellen Erfolg des Blattes tut das keinen Abbruch.
In den Sechzigern bringt Dichands Sekretärin ihre Tochter, Helga Schneeberg, zur Krone. Der Chef verschaut sich in die hübsche Blondine. Sie heiraten. Bald kommt er erste Sohn, Michael, zur Welt.
Michael wächst ganz anders auf als sein Vater. Der bekannte Architekt Wilhelm Holzbauer hat der Familie eine Villa an einer der teuersten Adressen Wiens gebaut, am Kaasgraben in Döbling. Die deutsche Zeitung Die Welt hat das Domizil der Dichands einmal so beschrieben: "Die Blumen sind in Gallé-Vasen arrangiert. Tiffany-Lampen geben Licht. Im weitläufigen Park stehen Skulpturen von Wotruba."
Wird diese Idylle bedroht, rücken die Dichands zusammen. Mitte der Sechzigerjahre übernimmt die Gewerkschaft - eine Spätfolge der Olah-Connection - nach einem Gerichtsurteil für kurze Zeit kommissarisch die Krone. Polizisten durchsuchen die Familienvilla. Der kleine Michael schmeißt ihnen Bausteine nach. Er wird zu den Großeltern aufs Land geschickt. Nach drei Tagen holt sich Dichand seine Zeitung zurück, mithilfe des Präsidenten der Journalistengewerkschaft, Günther Nenning.
Dichand muss die Krone aber immer noch mit Kurt Falk teilen. Als das Marketinggenie Mitte der Siebziger versucht, Dichand als Chefredakteur abzulösen, zerstreiten sich die beiden endgültig. Falk zieht sich zurück. Dichand zahlt ihn aber erst 13 Jahre später aus - mit dem Geld der WAZ eben.
Als alleinige Herrscher über die Krone fühlen sich die Dichands offenbar schon zuvor. Als Teenager ist Michael "der typische, verzogene Fratz aus Döbling", wie sich ein langjähriger Krone-Mitarbeiter erinnert. Er gibt vor den rotierenden Druckmaschinen ein Fernsehinterview und sagt: "Das gehört alles uns." Falk bekommt einen Tobsuchtsanfall.
Die Feinde seines Vaters sind auch seine Feinde. "Wie kommt mein Vater dazu, sein Lebenswerk nicht vererben zu dürfen?", schimpft Michael Dichand, "jeder Schlosser darf seinen Betrieb an seinen Sohn weitergeben." Er spricht nicht im Eigeninteresse. Obwohl Michael der Erstgeborene ist, wurde er nie als Nachfolger des Vaters gehandelt. "Michael ist ein impulsiver Abenteurertyp", sagt Günther Nenning, "er schert sich um nichts."
Aber der Vater schert sich um "Snoopy", wie er in der Szene genannt wird. Michael versucht sich als Biobauer auf dem Csardahof im Burgenland. Der Betrieb kommt ins Trudeln, aber er sei ohnehin von vorneherein als Verlustabschreibemodell konzipiert gewesen, sagt Michael Dichand. Heute betreibt Billas ehemaliger Bioguru, Werner Lampert, den Hof erfolgreich für die Dichands.
Vielleicht hat die Natur dem Kurzzeitlandwirt Michael aber doch mehr zu verdanken, als Spötter glauben wollen. "Warum, glauben Sie, war die Kronen Zeitung für die Besetzung der Hainburger Au?", deutet er an: "Ich habe jedenfalls mein Federgewicht in die Waagschale geworfen."
Nach dem Abenteuer auf dem Bauernhof zieht es Michael Dichand in die Ferne. In Kuba sieht er sich dreieinhalb Jahre lang den Kommunismus an. Ist ausgerechnet der Sohn von Kommunistenfresser Hans der Lehre Marx' verfallen? Ist er doch eher ein militanter Grüner? "Immer noch besser als ein rechtsextremer, langhaariger, lahmarschiger Macho", antwortete Michael Dichand unlängst der linken deutschen Zeitung Junge Welt. Im Branchenblatt Der österreichische Journalist träumt er davon, seinen Erbteil an der Krone als "Volksaktie" auflegen zu lassen. Zum Falter sagt er: "Es gibt immer Arschlöcher - links und rechts. Aber das große, anonyme, globale Kapital vermehrt sich immer auf den Rücken anderer."
Eigentlich lebt Dichand junior heute in Kalifornien, wo er dem Ökostrom zum Durchbruch verhelfen will. In letzter Zeit kommt er aber wieder öfter nach Europa, auch, um sich um seine Oma zu kümmern. Aber nicht nur: "Jetzt ist meine Mission, meinem Vater zu helfen", sagt er, "dabei gehe ich volle Länge."
Die einzige Tochter der Dichands, Johanna, mischt sich nie in den Streit um die Zeitung ein. Aber auch sie wird nun, in der Krise, wieder häufiger in Wien gesehen.
In ihrer Jugend arbeitet Johanna als Model, lässt sich von Andy Warhol fotografieren und Franz Gertsch malen. Das Bild des Schweizer Fotorealisten hängt lange im Museum für Moderne Kunst in Wien. Wie ihr älterer Bruder Michael zeigt Johanna nie Interesse am Journalismus. Dafür teilt sie mit dem Vater die Liebe zur Kunst. Hans Dichand gilt als einer der bedeutendsten Sammler Österreichs, er besitzt Werke von Schiele, Klimt und Kubin. Die Tochter führt Anfang Neunziger seine Galerie Würthle in der Wiener Innenstadt. Nach einer drastischen Mieterhöhung sperrt Hans Dichand den Laden jedoch kurzerhand zu. Johanna lebt lange in New York, nun, mit Ende dreißig, soll es ihr in London und Paris besser gefallen.
Privat ziehe der Vater den braven Christoph seinen beiden älteren Geschwistern nicht vor, erzählen Freunde der Dichands. "In guten Familien sind die Kinder eigentlich immer gleichrangig", sagt auch Krone-Autor Günther Nenning, der an einem Buch über den Krieg mit der WAZ schreibt, "unter den Kindern Dichands ist aber schon eines das wichtigste: die Kronen Zeitung."
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DICHAND GEGEN WAZ
"Am Wort sind die Gerichte"
Die Zeit der Kompromisse ist vorbei", sagt Friedrich Dragon. 42 Jahre lang hat "Bibi" an der Seite Hans Dichands die Kronen Zeitung geleitet, als Freund und Chefredakteur. Bis ihn Dichand vor zwei Jahren rauswarf. Jetzt arbeitet Dragon für den Feind: Er vertritt die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) in der Kronen Zeitung. Der WAZ gehört die Hälfte des Blattes.
Der alte Dichand, so scheint es, verlässt sich nur mehr auf seine Familie - und genau daran entzündete sich der Streit mit der WAZ. Als Dichand zu Jahresbeginn seinen Sohn Christoph zum Chefredakteur bestellen wollte, liefen die Deutschen Sturm. "Wir erkennen bei Ihrem Sohn weder Neigung noch Begabung, auch nur im Ansatz den Maßstäben zu genügen", teilten sie dem Senior mit.
Der Haussegen hängt aber auch aus anderen Gründen schief. Die WAZ-Männer werfen Dichand vor, die Zeitung so zu führen, als gehöre sie ihm allein. Der Gewinn der Krone brach innerhalb von zwei Jahren von 60 auf 28 Millionen Euro ein. Und vom derben Kampagnenjournalismus des Kleinformats sind die nüchternen Deutschen auch nicht begeistert.
Vor allem Dichands Feldzug gegen das tschechische Atomkraftwerk Temelín soll den Herren in Essen sauer aufgestoßen sein - Dichands Erstgeborener, Michael, glaubt auch zu wissen, warum. Nach einem halbherzigen Friedensschluss - Christoph Dichand wurde Sportchef Michael Kuhn als Co-Chefredakteur zur Seite gestellt - fachte Michael den Konflikt von neuem an: Erst unterstellte er WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach Nähe zur Atomlobby. Dann warf er den WAZ-Bossen Kontakte zur Balkan-Mafia vor.
Die WAZ will nun, wie im Gesellschaftsvertrag vorgesehen, ein Schweizer Schiedsgericht entscheiden lassen, ob Dichand senior samt Sohn Christoph wegen geschäftsschädigenden Verhaltens abgesägt werden kann. Entscheidung voraussichtlich im Frühjahr. Auch gegen Michael überlegt der Konzern eine Klage. Bibi Dragon: "Am Wort sind jetzt die Gerichte. Das Interregnum in der Krone muss ein Ende haben."
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