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DEBATTE Wohin entwickelt sich Wien? SPÖ-Planungsstadtrat Rudolf Schicker, Grünen-Chef Christoph Chorherr und Architekturzentrums-Leiter Dietmar Steiner diskutieren über Geschäftemacherei in Wien-Mitte, dumme Investoren, die Angst vor der Stadtflucht und Frank Stronachs Austria-Stadion im wilden Süden Wiens |
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Ratznstadl und Sauhaufen haben die Politiker den vergammelten Bahnhof Wien-Mitte schon geschimpft. Im vergangenen Frühjahr wurde das Projekt mit den bereits bewilligten Hochhaustürmen über dem Landstraßer Verkehrsknotenpunkt nach 13 Jahren gekippt - auch weil die Türme zu hoch fürs angrenzende Unesco-Weltkulturerbe Innenstadt gewesen sein sollen. Ein Paradebeispiel für die Probleme, mit denen sich Stadtplanung herumschlägt. Ansonsten tüfteln die Planer im Rathaus eher von der Öffentlichkeit unbemerkt vor sich hin und entwerfen langfristige Pläne für die Entwicklung Wiens. So auch für die Erschließung des äußersten Südens der Stadt - wo bislang Traktoren tuckern, wird künftig die U 1 und die umstrittene Umfahrungsstraße S1 hinführen. Und Investoren wie Frank Stronach interessieren sich schon für das Stadtentwicklungsgebiet, wie der Falter berichtete (28/03, 31/03). Falter: 13 Jahre lang ist an den Hochhaustürmen über dem Bahnhof Wien-Mitte herumgedoktert worden, bevor sie im Frühjahr nach Protesten der Unesco endgültig zu Fall gebracht worden sind. Ist das nicht auch eine totale Niederlage für die Wiener Stadtplanung? Rudolf Schicker: Wien-Mitte ist vor allem an den ökonomischen Rahmenbedingungen gescheitert: weil es so viele verschiedene Spieler an diesem Standort gab, die meinten, dass sie dort besonders gut verdienen müssten. Noch dazu hat man 13 Jahre lang nicht wirklich genau gewusst, welche Dinge sich im Untergrund des Bahnhofs abspielen und welche genauen Vorgaben sich daraus ergeben. Das ist jetzt klar. Christoph Chorherr: Wenn alle nur maximal Geld machen wollen, kommt das raus, was in Wien-Mitte rausgekommen ist: nichts. An einem der städtebaulich spannendsten Orte der Stadt haben ausschließlich wirtschaftliche Interessen eine Rolle gespielt. Auch bei Unternehmen, die im Bereich der öffentlichen Hand liegen. Die ÖBB denkt hier nur daran, wie viel Geld sie aus ihrem Grundstück schlagen kann. Und es gibt Akteure, die schwer gestörte Verhältnisse zueinander haben: Wahrscheinlich ist der Konflikt zwischen Rathausparteien ein Liebeswerben im Vergleich zum Verhältnis Stadt Wien - ÖBB. Dietmar Steiner: Wien-Mitte ist aber auch ein interessantes Lehrbeispiel für die Zukunft der Stadtplanung: dass man in einem permanenten Verhandlungsverfahren zwischen öffentlichen, privaten und Investoreninteressen steht. Es zeigt sich hier, dass Stadtplanung nicht mehr nur mit den traditionellen Instrumenten - zuerst Flächenwidmung und Bebauungsplan, danach gibts einen Bauherren und Architekten, dann wird gebaut - auskommt. Jetzt wurde nach einem neuerlichen städtebaulichen Wettbewerb das neue Projekt für Wien-Mitte präsentiert, das nur in Etappen verwirklicht werden kann - der Sauhaufen samt alter Bahnhofsfront und Markthalle könnte demnach noch 15 Jahre lang bleiben, wie er ist. Steiner: Ich war ursprünglich total gegen diesen Wettbewerb, weil er eine völlig irrationale Maßnahme war. Da habe ich ein Projekt, das bewilligt ist, und dann schreibe ich "unter" dieses Projekt einen Wettbewerb für eine neue Flächenwidmung hinein - eine groteske Situation, die von der klassischen Stadtplanung her unvorstellbar ist. Trotzdem hat der Wettbewerb die Dinge endlich wieder in Bewegung gebracht und die Akteure neu darüber nachdenken lassen. Schicker: Dass in Wien-Mitte eine etappenweise Umsetzung möglich sein muss, war diesmal Grundlage für die Juryentscheidung. Es erschreckt mich also gar nicht, dass der Investor abschnittsweise bauen will und daher vorerst noch einiges vom alten Bestand bleibt. Jetzt gibt es hier erst einmal die entscheidende Phase für die Architektur: Wie weit gelingt es, dass die dort handelnden Architekten nicht in Brotneid verfallen? Wenn es für Wien-Mitte eine Chance gibt, dann nur mit dem neuen Entwurf. Und der ist so gestaltet, dass mehrere Architekten eigene Projekte umsetzen können. Dort kann es nebeneinander einen Neumann-Steiner, einen Ortner, einen Henke und Schreieck geben. Steiner: Wir haben es natürlich noch nicht mit einem Architekturprojekt zu tun, sondern mit einem städtebaulichen Entwurf. Alle glauben jetzt, so wird das Projekt tatsächlich ausschauen, aber so wirds nie ausschauen. Das kann man jetzt schon sagen, weil es derzeit keinen Auftraggeber für einen Entwurf gibt. Chorherr: Und es wird in Wien-Mitte schon wieder nur übers Sparen und die Rendite geredet und nicht über Prioritäten der Stadtplanung. Darum glaube ich nicht, dass jetzt der gordische Knoten gelöst ist. Der "Ratzenstadl" bleibt bis auf weiteres. Was ich vom Investor höre, ist der sich gar nicht sicher, ob er das Projekt selber machen will, ob er es verkaufen soll oder wie viel zusätzliche Flächen er noch draufsetzen will. Was ist, wenn der Finanzier jetzt mehr Flächen verlangt, damit es sich für ihn auch rechnet und das ganze Projekt wieder hochgepumpt wird? Wiederholt sich dann die leidige Geschichte von Wien-Mitte? Schicker: Es gibt Fehler, die man nicht wiederholen sollte. Deswegen hat es bei der Ausschreibung des neuen Wettbewerbs Quadratmeterzahlen gegeben, die man erreichen darf. Die Architekten Henke und Schreieck sind darunter geblieben, sie haben schon bei anderen Bauten gezeigt, dass sie so bauen, dass Qualität Masse aufwiegt. Die Wettbewerbs-Jury hat allerdings erklärt, eine Ergänzung des Volumens wäre noch möglich. Chorherr: Der Investor übt einen beträchtlichen Druck auf das Projekt aus, um mehr Flächen zu erzielen. Es wird Aufgabe der Stadtplanung sein, dass da nicht wieder raufgepappt wird, bis das Ganze nichts mehr mit dem ursprünglichen Entwurf zu tun hat. Ich bin froh, dass es diesmal eine gewisse Transparenz gibt, im Gegensatz zu den Mauscheleien von früher. Steiner: Und ein Rat in Richtung der Investoren: Mehr Qualität bringt auch mehr Ertrag. Ich habe mich darüber mit Jon Jerde unterhalten, dem Shoppingmall-Papst aus Los Angeles, der von Amerika bis Japan die größten und besten Einkaufszentren baut. Er hat mir erklärt, dass seine Malls immer teurer sind als andere. Aber er hat Erfolg, weil jeder Investor noch nach zehn Jahren sieht, das Ganze funktioniert wie am ersten Tag und liefert Erträge wie ein Casino. Hierzulande haben wir es mit einer Investorendummheit zu tun, weil manche Geldgeber glauben, einen bestimmten fiktiven Ertrag durch Maximierung der Flächen und Minimierung der Qualität zu erhalten. Bedeutet der Sturz von Wien-Mitte nicht auch das Ende für Hochhäuser in Wien - wenn es nicht einmal an dem dafür laut Hochhauskonzept gut geeigneten Ort geklappt hat? Und verhindert das in Wien-Mitte eingesetzte Unesco-Weltkulturerbe nicht bald jede moderne Architektur in Wien? Steiner: Ich halte das Weltkulturerbe für absolut entbehrlich. Und ich befürchte, dass es künftig eine Tendenz des vorauseilenden Gehorsams in diese Richtung geben wird: Mit einer affirmativen Anpassungsarchitektur an das, was laut Unesco bis zum 19. Jahrhundert stattgefunden hat. Das Weltkulturerbe wird immer ein Totschlagargument sein. Die Herausforderung ist, ob diese Verschärfung restaurativer Tendenzen auch zu einer Gegenöffentlichkeit führt. Das ist ein Elchtest für Wien: Wird die Stadt Zukunftsfähigkeit haben oder nicht? Wird der klassische Presse-Leserbriefschreiber, der sich ja seit Karl Kraus nicht wirklich geändert hat, weiterhin kulturelle Macht in dieser Stadt beanspruchen, oder wird er endlich in die ihm zustehenden Schranken der Minderheit gewiesen? Schicker: Mit dem Weltkulturerbe müssen wir rechnen. Sogar wenn der Kran schon steht, wird das Argument noch hervorgeholt, wie jetzt etwa beim Dach der Albertina. Das ist aber auch gut so. Eine Stadt lebt davon, dass es verschiedene Meinungen gibt. Und davon, dass ein Ergebnis der Diskussionen realisiert wird. Was den Hochhausbau in Wien betrifft, sehe ich da keinen Endpunkt. Mit unserem Hochhauskonzept definieren wir, wo wir prinzipiell bereit sind, mit Investoren über Hochhäuser zu diskutieren: nämlich nur dort, wo es ins städtebauliche Leitbild passt, wo es eine maximale Erschließung mit öffentlichem Verkehr gibt, wo historische Sichtachsen nicht beeinträchtigt werden. Erst dann gibt es einen städtebaulichen Wettbewerb. Chorherr: Das Hochhauskonzept war ein Fortschritt, aber auch eine massive Kritik an der bisherigen SPÖ-Planungspolitik. Es hat ein eigenes Konzept gebraucht, um eine Selbstverständlichkeit festzuschreiben: dass eine hohe Verdichtung nur dort möglich ist, wo öffentliche Verkehrsmittel sind. Die Wolkenkratzer am Wienerberg wären demnach nicht möglich gewesen, auch der Monte Laa nicht. Damit hat man die Verkehrsprobleme der Zukunft begründet und muss im Nachhinein mit viel öffentlichen Mitteln eine Straßenbahn oder sogar eine U-Bahn hinbauen. Die Stadtplanung arbeitet derzeit am neuen Stadtentwicklungsplan. In den Neunzigerjahren hat man dabei mehr auf die innere Stadtentwicklung gesetzt, die Nutzung brachliegender Industrie- und Bahnhofsgelände in der Stadt. Jetzt wird aber der tiefe Süden erschlossen, das hauptsächlich landwirtschaftlich genutzte Gebiet rund um Rothneusiedl. Warum will man das Grünland erschließen, wenn es in der Stadt noch genug zu tun gäbe? Schicker: Wir können derzeit noch nicht genau abschätzen, wie sich die EU-Osterweiterung auf Wien auswirken wird. Daher kann ein neuer Stadtentwicklungsplan nur so flexibel gestaltet sein, dass er mit beiden Situationen - viel Zuwanderung oder wenig - fertig werden kann. Dafür ist es notwendig, dass wir ausreichend Flächen vorbereitet haben. Also müssen wir die Erneuerung bestehender Teile der Stadt zustande bringen, Gebiete wie Nordbahnhof oder Eurogate. Auf der anderen Seite brauchen wir auch im Stadterweiterungsbereich Gebiete, die leicht mobilisierbar sind. Wie das Flugfeld Aspern oder Rothneusiedl im Süden. In Rothneusiedl wollen wir einen Güterterminal mit Brief-, Paketzentrum und Güterbahnhof für den Süden Wiens und das Wiener Becken unterbringen. Wenn dieses Projekt dorthin kommt, kann ich nicht die Augen verschließen und sagen, da wird sich rundherum nichts tun. Und da ist es mir lieber, ich plane dort von Beginn an und versuche Strukturen hineinzubringen: Also Grünreserven zu belassen, wo Wohnbevölkerung ist, dafür dass ich am Ende der neuen U-Bahn mit Anbindung zur neuen Umfahrungsstraße, eine Park-and-Ride-Anlage baue. Chorherr: Im Zusammenhang mit der Stadterweiterung leidet Wien an einem noch immer unterschätzten Problem: der Stadtflucht. Wien verliert jedes Jahr 8000 Bürger, die sich im Umland ansiedeln. Deshalb muss sich ein neuer Stadtentwicklungsplan überlegen, innerstädtisch Grünraum, Ruhelagen, Licht, Freiraumqualität anzubieten, um einen Teil der Stadtflucht zu verhindern. Eine innere Stadtentwicklung mit diesen Qualitäten ist bisher allerdings nicht passiert. Und das, obwohl wir innerstädtisch Riesenpotenziale hätten. Es gibt zum Beispiel meinen Vorschlag, das rechte Donauufer zu überplatten und als neuen Stadtteil aufzuwerten, als 24. Bezirk. Da habe ich die Donauinsel und die Lobau vor der Tür, bin aber doch in der Stadt. Nur gibts da noch gar keine Initiative seitens der Stadt. Schicker: Ich habe prinzipiell ein offenes Ohr für diese Idee. Wir sind gerade dabei, von Wolf D. Prix und seinen Studenten ausarbeiten zu lassen, was in diesem Bereich an Möglichkeiten tatsächlich vorhanden ist. Steiner: Es gibt einen Politirrtum, den ich seit den Siebzigern beobachte: Stadterneuerung und Stadterweiterung als entweder-oder. In Wahrheit passiert immer beides gleichzeitig. Und dann wird alle zehn Jahre ein neuer Stadtentwicklungsplan gemacht, und in der Wirklichkeit geschieht das Gegenteil. Es ist ein Spiel innerhalb der Stadtplanung, es sei den Beamten vergönnt: Give the toys to the boys. Was die Stadtflucht betrifft, ist das ein weltweites Phänomen, worauf es bisher keine Antwort gibt. Wir haben jahrhundertelang vom Gegensatz von Stadt und Natur gesprochen, wir sollten zu einer stärkeren Integration von Stadt und Landschaft finden und die Landschaftsplaner stärker einbinden. Für Investoren ist es rentabel, immer neue billige Grünflächen am Stadtrand zu erwerben, alleine die Umwidmungen bringen schon Gewinn. Jetzt interessiert sich etwa Frank Stronach für das Stadtentwicklungsgebiet im Süden und will ein Fußballstadion samt Entertainment- und Shoppingcenter in Rothneusiedl an die Endstelle der U1 stellen. Was bekommt eigentlich die Stadt zurück, wenn sie Investoren solche Möglichkeiten eröffnet? Schicker: Es ist klar, dass so ein Standort nicht mit einer U-Bahn erschlossen wird, wenn dort am Endpunkt nicht etwas Attraktives hinkommt. Eine Park-and-Ride-Anlage für die Benutzer der S1 alleine würde sich nicht rechnen. An einem U-Bahn-Endpunkt muss man einen neuen Stadtteil generieren. Da kann ich nicht nur ein Stadion raussetzen, und die Krauthappeln schauen zu. Da möchte die Stadt dann auch Flächen, die für andere Sportarten und Erholungsmöglichkeiten zugänglich sind. Außerdem wäre dort auch ein Mobilitätsmuseum, wie es beim Technischen Museum geplant war, interessant. Und wenn Stronach dazu noch ein Einkaufszentrum will, das auf eine sinnvolle Größenordnung reduzierbar ist, lässt sich das alles in Kombination machen. Steiner: Es gibt international einen Trend zu solchen Fußballstadien mit Shopping und Entertainment, das sind spannende Attraktoren. Ich habe kein Problem damit, dass man auch in einem Stadtrandgebiet einen Attraktor hinsetzt, der das gesamte Gebiet auch noch urbanisiert. Ich verstand die Kritik daran im Falter ehrlich gesagt nicht. Das Problem in Wien wird eher sein, ob da auch genug Fußballfans hinkommen, denn ob beim Zustand des österreichischen Fußballs Stadien wie das von Ajax Amsterdam oder Schalke funktionieren, ist sehr fraglich. Da wäre es vielleicht gescheiter, so ein Stadion bei der SCS zu bauen, wo die Leute schon da sind. Chorherr: Wenn jemand bereit ist, aus eigener Tasche so ein Stadion hinzustellen, sollte man nicht gleich "Nein!" schreien. Es gibt international auch interessante Vorbilder wie das Basler Stadion, eine 24-Stunden-Immobilie, dort gibt es Ereignisvielfalt. In diesem Komplex sind sogar Altenwohnungen untergebracht, nicht nur "Erlebnisshopping" und Gastronomie. Wenn jemand so ein Gesamtkonzept mit Seminarhotel, Alten- und Studentenwohnen, Sportareal, wo auch der nicht organisierte Sport Nutzungsmöglichkeiten bekommt, hinbaut, kann man einmal darüber diskutieren. Ich bin allerdings komplett dagegen, in so ein Projekt öffentliche Mittel reinzustecken. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass das völlig ohne öffentliche Mittel geht - obwohl sich Frank Stronach das sicher leisten könnte. Moderation: Julia Ortner |
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