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"Songs sind wie Kleider"
MUSIK  Die Avantgarde-Ikone und Rock-Legende John Cale gibt demnächst ein Konzert in Wien. Mit dem "Falter" sprach der 61-jährige Cale über sein neues Album, die böse US-Regierung und die Professionalität Londoner Straßendiebe. ROBERT ROTIFER

Falter 46   Originaltext aus Falter 46/03 vom 12.11.2003

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Nie hat es eine bessere Zeit dafür gegeben, ein gealterter Rockstar zu sein. Vorbei die wilden Tage des Punk und der Dance-Revolution, als sich nachfolgende Musikergenerationen unter lautem Gekreische mit beiden Beinen vom Mutterbauch abzustoßen pflegten. John Cale genießt heute jene schrankenlose Verehrung, die heutige, in ihrer popgeschichtlichen Obsession vereinte Generationen überlebenden Legenden entgegenbringen. Und das nicht zu Unrecht: Die Welt hat dem aus Wales stammenden Mitbegründer von The Velvet Underground eine Unzahl einflussreicher Produktionen (von den Stooges über Patti Smith und Nico bis zu den Happy Mondays) sowie einen reichen Katalog zum Teil grob unterverkaufter Solowerke zu verdanken. Doch im Gegensatz zu seinem alten Kollegen und Rivalen Lou Reed, der im Sommer mit einem Programm alter Songs in Wien gastierte, hat John Cale derzeit wenig Lust, sich mit der eigenen Vergangenheit aufzuhalten.
In den letzten Jahren arbeitete Cale vor allem an Filmsoundtracks (unter anderem für "American Psycho", "I Shot Andy Warhol" und "Basquiat"), heuer unterschrieb er einen frischen Plattenvertrag bei einem Major-Label. Knapp nach der hochgelobten EP "5 Tracks" erschien im Oktober ein ehrgeiziges neues Soloalbum namens "HoboSapiens", das Cale gemeinsam mit Nick Franglen von den atmosphärischen Soundbastlern Lemon Jelly produzierte. Sein Enthusiasmus für die Möglichkeiten neuer Technologien hat Cale tief in die Welt der programmierten Beats und des mit räumlichen Effekten operierenden Sounddesigns getrieben. Seine Songs profitieren nicht immer von diesen Spielereien. Aber immerhin zeigt der klassisch geschulte, in der New Yorker Avantgarde-Szene rund um LaMonte Young und John Cage sozialisierte 61-Jährige noch die Bereitschaft, sich musikalisch erneut herauszufordern.
Zum Zeitpunkt des Interviews ist Cale gerade auf Kurzbesuch in seiner ehemaligen Wahlheimat, dem mittlerweile schicken Londoner Bohemienviertel Notting Hill, wo er zur Blütezeit des Island-Labels in den Siebzigern eine seiner produktivsten Phasen erlebte. Cale ist überaus gesprächig, und gelegentlich ufern seine politischen Welterklärungen ins, nobel gesagt, Spekulative aus. Immerhin: Ein Veteran der Gegenkultur ist immer noch nicht willens, sich mit dem System zu versöhnen.

Falter: Es ist ziemlich früh am Morgen, und ich habe Sie beim Vorbeifahren am Weg hierher bereits mit einem Kaffeebecher in der Hand auf der Straße herumgehen sehen.

John Cale: Ja, ich war einen Sprung draußen. London ist nicht gerade sauberer geworden, oder? Es ist nicht wie Wien.

Das stimmt. Ich komme aus Wien und lebe nun schon ein paar Jahre hier. Man beginnt Sauberkeit erst zu schätzen, wenn sie nicht mehr da ist.

Absolut. Die Starbucks-Läden hier sind eine Schande. Ich ging am Sonntagabend da hin und kaufte mir einen Kaffee. Dann ging ich aufs Klo, und es war einfach ekelerregend. Was zum Teufel geht in diesem Land vor? Die Hygienestandards hier sind furchtbar. In Amerika wird einem vom Department of Homeland Security dazu geraten, immer seine Hände zu waschen, und ich habe gelernt, dass man backstage niemandem die Hand geben sollte. Die könnten eine Erkältung haben, und schon ist der Rest der Tour beim Teufel.

Was empfinden Sie, wenn Sie aus New York in diese Gegend Londons kommen? Brian Eno wohnt gleich nebenan, Sie selbst lebten nicht weit von hier in Holland Park, das Büro von Island Records lag ebenfalls in der Nachbarschaft. Diese Straßen müssen für Sie eine gewisse persönliche Bedeutung haben.

Oh ja, ich mag den multikulturellen Geschmack dieser Gegend, sie ist ein wenig unkontrollierbar, und das gefällt mir - obwohl mir gestern mein Telefon gestohlen wurde. Aber das gab mir wenigstens Anlass, ein bisschen zu laufen. Ich wusste nicht, wie sehr ich aus der Form gekommen bin.

Konnten Sie den Dieb fangen?

Natürlich nicht, er hatte das ganz exzellent ausgeführt. Aber ich war sehr beeindruckt, wie die Polizei plötzlich aufkreuzte und mir schon nach 15 Minuten die Verdächtigen vorgeführt wurden. Diese armen Kids! Die hatten einfach irgendwo vor einem Sozialbau auf der Straße herumgespielt. Sie schnappten sie und setzten sie mir vor: "Wars einer von denen?" Natürlich nicht, diese Kids hatten keine Ahnung. In diesem Viertel hier gibts Cafés, wo man um acht oder halb neun in der Früh von irgendwelchen alten Kerlen um zehn Pfund Mobiltelefone kaufen kann.

Aber auf gewisse Weise ist es ja auch gut, dass diese Gegend sich vom Zustrom der Neureichen nicht domestizieren lässt.

Sicher, denn diese Stadtteilverschönerung ist eine Methode, Bevölkerungsbewegungen zu erzwingen. Die Immobilienmakler arbeiten mit den Gemeindeverwaltungen zusammen und siedeln bestimmte Klassen von Leuten um.

Diese Frage kam unterschwellig auch in Ihrer vor ein paar Jahren erschienenen Autobiografie "What's Welsh for Zen?" zur Sprache. Als Sie nach New York kamen, waren Sie zunächst selbst Teil einer Unterwelt ...

... Unterklasse!

... und am Ende zogen Sie auf der Flucht vor dieser Welt in eine von Security gesicherte Privatstraße.

Ja, denn ich brauchte einen Wohnort, wo meine Tochter auf der Straße spielen konnte. Als sie dann aus diesem Alter heraus war, zog ich wieder weg. Es erfüllte seinen Zweck, fraß aber auch mein Bankkonto auf. Als ich zum ersten Mal nach New York kam, ging ich in die Lower East Side, weil dort die Musik war. Dort war die Community, dort waren die Menschen.

Sie mussten damals selbst mit Drogen handeln, um Ihren Lebensunterhalt zu finanzieren.

Es war kein großes Geschäft, fünfzig Dollar hier und fünfzig Dollar da. Da war kein Kartell oder so im Spiel. Jeder macht am Ende sowas, unter den College-Studenten und sogar in den High Schools von New York gibts immer einen, der sich damit was dazuverdient. Nicht, dass er deshalb mit dem Ferrari in die Schule fahren würde ... Eine Zeit lang dachte das Weiße Haus unter Ronald Reagan, dass der Kokainhandel die Emanzipation der schwarzen Middle Class bringen würde. Joe Kennedy (der während der Prohibitionszeit in illegalen Alkoholhandel verwickelte Vater der Kennedy-Brüder, Anm. d. Red.) und seine Alkoholschmuggler hatten die irische Mittelklasse emanzipiert, und mit den Schwarzen würde nun dasselbe geschehen. Das ist ein Teil dieser Denkart: Du kratzt meinen Rücken, und ich kratze deinen. Sie liefern Gewehre an die Leute vom Shan-Stamm in Burma, die ihr Geld aus dem Heroinhandel haben. Dieses Heroin landet auf den Straßen von New York, wo dann die Drogenpolizei die Leute auffischt. Die Bürokraten helfen einander beim Geldverdienen. Sie verwenden die Shan, um China anzugreifen, und beschäftigen auf der anderen Seite die New Yorker Polizei.

Ihr politisches Interesse kommt in den neueren Songs besonders spürbar zum Ausdruck. Auf "5 Tracks" findet sich eine Art Sozialstudie aus der New Yorker U-Bahn, wo ein Mann Batterien verkauft, während der Fahrer über die Lautsprecher patriotische Botschaften verbreitet.

Nein, diese Durchsagen waren keineswegs patriotisch gemeint. Das war ein Fahrer des A-Train, der alle seine Passagiere verblüffte. In der New Yorker U-Bahn gibt es bestimmte Charaktere, die jeder kennt. Im J-Train aus Williamsburg fährt immer eine Frau, die Süßigkeiten verteilt. Und der A-Train hat noch einen Ansager. Die Lexington Line dagegen hat nur mehr elektronische Anzeigen, aber auf dem A-Train gibt es diesen bestimmten Fahrer, und der machte das an diesem Morgen um halb acht in der Früh zum ersten Mal, als alle völlig groggy von Brooklyn hereinkamen und sich unter ihren Kopfhörern versteckten. Er sagte: "Habt einen wundervollen Tag, und vergesst nicht: Ihr seid New Yorker. Ihr seid die Allerbesten." Und alle waren völlig überrumpelt. Sie wollten nichts davon hören, aber nach dem zweiten oder dritten Mal wurde ihnen klar, was er meinte. Dieser Typ wollte sich seinen Job leichter machen und gleichzeitig allen anderen helfen. Das ist eine dieser Grauzonen, die sich in New York nicht leicht ausmachen lassen. Tut da jemand nur so, oder ist das echt? Solche Dinge kommen aus einem Reservoir der Ehrlichkeit, das in New York sehr tief verborgen liegt, weil es aus den Leuten herausgeprügelt wurde.

Der 11. September hat viele Songwriter inspiriert. Wie ist das für Sie als grundskeptischen Menschen? Hat der "Krieg gegen den Terror" das Leben in New York schwieriger gemacht?

Er hat die Wut vermehrt, so viel ist sicher. Viele meiner Freunde finden, dass George Bush das Amt des Präsidenten, die Demokratie und Amerika entehrt hat, aber der großen Mehrheit ist das egal. Und die Presse ist einfach umgefallen. Sie hat es zugelassen, dass jeder, der nicht mit dem Präsidenten übereinstimmt, den verräterischen Anstrich erhält, kein Patriot zu sein. Es ist abscheulich und widerwärtig. Thomas Friedman von der New York Times hat dreimal den Pulitzer gewonnen, und das letzte Mal, als ich mit jemandem von der Zeitung sprach, wurde mir gesagt, er sei auf seinen vierten aus. Er hat sich einfach flachgelegt. Es gibt nur einen in der New York Times, Paul Krugman, der noch irgendwas macht. Was die Politiker angeht, herrscht in Amerika immer noch dieses Denken, dass die, denen das Land gehört, es auch verwalten sollten. Bush kauft sich die Präsidentschaft, so wie diese Familie das immer schon gemacht hat. Im Weißen Haus ist eine Junta am Werk. Die hatten ihr Programm schon lange, bevor sie einzogen, parat und fahren nun wie ein Truck über alles drüber.

Fühlen Sie sich in den USA manchmal nicht mehr zu Hause?

Ich werde zornig, denn ich weiß, dass es in diesem Land sehr viele kreative, unkontrollierbare Elemente gibt. Und diese Elemente werden von Generalstaatsanwalt John Ashcroft jetzt als Gefahr angesehen. Die Regierung hat über alles eine Decke von Gesetzen gelegt, aber so kann man damit nicht umgehen. Die hätten den 11. September schon lange kommen sehen müssen. Vom Blickwinkel des Gesetzeshüters her ist es einfach unverantwortlich und unprofessionell, so etwas geschehen zu lassen und die Öffentlichkeit nicht davor zu beschützen. "Amateurhaft" ist ein Wort, das einem dabei in den Sinn kommt. Es gibt viele hart arbeitende Leute in der Exekutive, aber die Außenpolitik zeigt immer diese herausfordernde Attitüde: Kommt nur, kommt nur, wenn ihr euch traut. Aber die Armeeführung hat schon nach dem Fall von Basra zu Bush gesagt: "Wir können die nächsten 18 Monate keinen Krieg mehr machen, wir sind pleite." Was für eine Botschaft ist das denn? Jetzt ist die Gelegenheit, Boys, legt los! Und dann erzählen sie uns, dass die Massenvernichtungswaffen wahrscheinlich nicht mehr so wichtig sind. Die halten die Bevölkerung für blöd. Und irgendwie haben sie Recht.

Kommen wir endlich auf Ihre neue Platte "HoboSapiens" zu sprechen: Da gibt es diesen Landstreicher, der an verschiedenen Orten der Welt auftaucht. Ist er eine erfundene Figur oder eine Metapher?

Er könnte beides sein.

In dem Song "Caravan" gehen Sie von den englischen Norfolk Broads bis zu den Niagara-Fällen. Bestehen da Parallelen zu Ihrer eigenen Reise?

Das ist eine Nummer über Wiedergeburt. "Du darfst die Karawane nicht versäumen" bedeutet, dass man das Leben nicht verpassen soll. "Und du darfst nicht zu früh dran sein für den Müllmann", zu früh für den Tod.

Glauben Sie an Reinkarnation?

Nein, ich weiß nur, worum es in diesem Song geht. Die Songs bewohnen meinen Kopf. Sie sind wie Kleider, die ich nach Belieben anziehen kann. Ich fühle mich in ihnen wohl. Das ganze Album ist voller Wiedergeburten, Textfetzen, die mir vor dem Einschlafen durch den Kopf gingen und die ich mir am Morgen darauf in Erinnerung rief. Manchmal dagegen kam mir der Text ganz spontan in den Sinn, wie zum Beispiel bei "E Is Missing". Ich wollte einfach etwas über Ezra Pound schreiben, aber dann verhedderte ich mich zwischen ihm, Pasolini und den Partisanen. Das sind zwei Ikonen dieser Spannungen, die in Italien immer noch da sind. Pasolini war ein Kommunist, Pound ein Faschist. Berlusconi besitzt zu viel, und jetzt hat er noch dieses Gesetz durchgesetzt, das ihm Immunität verlieht. Das kommt Mussolini und seinen Schergen bereits gefährlich nahe.

Um einen großen Künstler des 20. Jahrhunderts geht es auch in dem Song "Magritte".

Das ist eine Liebeserklärung. Magritte war der Hauptgrund, warum ich je ein Museum betreten habe. Ich mag Museen nicht, und in Kunstgalerien geh ich üblicherweise auch nicht gern. Ich hatte einmal eine Freundin, die war Museumsdirektorin, und das klappte nicht. Sie versuchte mich immer ins Museum zu zerren, und für mich war das so, als wollte sie mich zur Arbeit mitnehmen. Ich wollte nie hingehen. Aber mit Magritte hab ich kein Problem. Ich versuchte das einzufangen, und ich liebe diesen Song, weil er den Klang eines Museums wiedergibt. Die Celesta und das Cello vermitteln diese Räumlichkeit. Ich mag Magrittes Ideen, den Ausdruck des Gleichgewichts, den seine schwebenden Männer vermitteln.

Dann gibts auch noch diesen Song über Archimedes ...

Das ist so eine spielerische Sache. Pure Angabe von der Sorte: "Archimedes und ich, wir sind alte Freunde, wir gingen zusammen an verschiedene Schulen!" Die Art von Aufschneiderei, die man auf einem griechischen Dorfplatz am Kaffeetisch hören kann.

Aber liegt darunter nicht doch auch eine Anspielung auf Sie selbst verborgen? Sie waren an so vielen Wendepunkten der Popgeschichte mit im Spiel, Sie kennen gewissermaßen alle, die die archimedischen Schrauben des Pop erfunden haben. Kommt Ihnen das nicht manchmal wie eine verschworene Clique alter Kumpel vor?

Nein, denn ich versuche an andere Themen zu denken. Ich versuche zu unterhalten, und für mich ist es einfach lustig, mir vorzustellen, wie Archimedes und ich gemeinsam an der Begrünung des Beckens von Los Angeles arbeiten.


Aktuelle CD: HoboSapiens (EMI).

Live am 20.11., 20 Uhr, in der Szene Wien.
Information: Tel. 749 33 41.

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November 2003 © FALTER
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