|
Zum Archiv |
| "Barbara Karlich ist Gott" |
|
TALKSHOW Die ATV-Show "Beichtphater Phettberg" bringt den besten Talkmaster Österreichs zurück ins Fernsehen. Der "Falter" sprach mit seinem Predigtdiener Hermes Phettberg über gestohlene Messbücher, den Ritt auf Laserteilchen und Zärtlichkeitsexzesse. THOMAS PRLIC und GERHARD STÖGER |
|
| "Martina Salner hat eine ganze Modekollektion gemacht, und das war wahrscheinlich weniger Arbeit als mein Anzug", lacht Hermes Phettberg, der sich in seiner neuen Arbeitskleidung sichtlich wohl fühlt. Gehüllt in "Unmengen feinster Ballonseide" empfängt der 51-jährige Sprachkünstler, Sadomasochist und Selbstdarsteller vorerst für zehn Folgen prominente Gesprächspartner, um ihnen die Beichte abzunehmen. Vor der Aufzeichnung zur ersten Folge von "Beichtphater Phettberg" haben zwei Falter-Jeansboys Phettberg selbst die Beichte abgenommen. Falter: Gott, der unser Herz erleuchtet, schenke dir wahre Erkenntnis deiner Sünden und seiner Barmherzigkeit. Hermes Phettberg: Dieser Satz stammt ja aus dem Bußunterricht für Zweitklassler, den müssen die vor der Erstkommunion können. Wann hast du das letzte Mal gebeichet? 1981. Ich war damals in der Pfarre St. Hemma angestellt. Der Pfarrer war der spätere Dompfarrer Kardinal Groers - weil er eine ähnliche Gesinnung hatte. Zu dem bin ich in den Beichtstuhl gegangen, habe mich niedergekniet und gesagt: "Herr Pfarrer, das Hauptproblem ist, dass ich Sie nicht leiden kann." Da das Unbewussste das Peinlichste immer verdrängt, weiß ich nicht mehr, wie das Gespräch ausgegangen ist - Umarmen, Weinen oder Trösten gab es aber natürlich nicht. Warst du davor oft beichten? Für mich war das 1981 der intensivste Akt der Beichte. Davor gab es immer eine unglaubliche Scham und verstohlenes Beichten gehen. Eine Zeit lang habe ich fürchterlich viele Bücher gestohlen und mir dann ein Mördergewissen daraus gemacht, dass das ja real zu einem Fegefeuer führt. Irgendwann kam mir dann der erlösende Gedanke, dass ich die Bücher wenigstens sorgfältig aufhebe und somit einen ganz anderen Besitzerwillen habe als die ursprünglichen Besitzer. Einmal habe ich sogar ein Messbuch aus einer Sakristei gestohlen, weil ich unbedingt das Vorwort für die Priester lesen wollte, das im Schott-Messbuch fürs Volk nie drinstand. Nachdem du dem Priester gebeichtet hast, dass du ihn nicht leiden kannst, war die Beichte für dich aber erledigt. Das fällt damit zusammen, dass mich die Erzdiözese rausgehaut hat. Nicht wegen Diebstahls, sondern wegen Homosexualität. Was war der Unterschied zwischen deiner Homosexualität und der Homosexualität, die in der Kirche gang und gäbe ist? Es gab wohl bereits einen Verdacht, weil die Eltern ihre halbwüchsigen Ministranten nach der Abendmesse akkurat am Kirchentürl abpassten, bevor ich ihnen ans Hosentürl konnte. Tatsächlich hatte ich natürlich keine diesbezügliche Absichten, denn ich bin ein unglaublich skrupulöser Mensch. Über das Wort "schwul" wurde damals nie geredet. Man sagte mir bei der Kündigung nur: "Es sind Briefe gekommen." Hast du den Umgang mit sündhaftem Verhalten ab 1981 in deine künstlerische Arbeit verpackt? Ich kann das Wort "künstlerisch" bis heute nicht wirklich denken. Die Gruppendynamik einer katholischen Jugendgruppe und der Sado-Maso-Gruppe, die wir dann gegründet haben, ist ident - ich habe das dann auch oft verwechselt. Aber ich bin ohnehin schwer sozial krank, und mit mir in einer Gruppe zu sein muss alle zermürben. Statt Pfarrblätter habe ich dann halt Sadomasoblätter geschrieben und an alle möglichen Zeitungen geschickt. Irgendwann ist der Thurnher dann an mich herangetreten, dass ich für den Falter was schreiben soll. Im Prinzip ist auch dein "Predigtdienst" ein Beichtdienst. Beichten wäre ja eine gute Idee. Sagen wir, du bist im Falter-Milieu und wirst plötzlich ein Nazi, musst deine Gedanken aber verheimlichen. Im Prinzip würdest du der Alte bleiben in deinem Ackern, das Wahre zu finden; du entfernst dich aber immer mehr von der Gruppendynamik. Dadurch entsteht eine mentale Reservation, die in dir eine gewisse Spannung auslöst. "Sünde" kommt ja vom Wort "Absondern", und da wäre es schon gut, wenn es einen Gott als Entlastungsgerinne für deine Entfernung gäbe. So lang es Gott gegeben hat, war die Beichte ein Hit. Darum ist ja die Barbara Karlich Show die direkte Nachfolge der Gottheit. Endlich kann ich meiner Nachbarin sagen, was für ein Saubartel ich bin. Und durch die Karlich habe ich auch noch die Lizenz dafür, denn nach der Beichte bei ihr darf ich es ja öffentlich machen. Warum hat sich die Beichte vom Verborgenen in die Öffentlichkeit der Fernsehtalkshows verlagert? Weil sich die Gottheit als solches entpuppt hat. Aber ich glaube, dass die Industrie so lange nicht rasten wird, bis irgendwann in 500 Jahren eine Art ewiges Leben möglich sein wird. Das heißt dann, sein Hirn einzuscannen. Sagen wir, du bist ein bisschen krank, es steht schlecht um dich oder du schaust aus wie ich, dann gehst du in einen Fleischsalon und lässt dir einen neuen Körper machen - oder du nimmst gleich einen der Leibe, die dort schon fertig hängen. Du wirst dann einfach ein bisschen angesteckt, dein Hirn scannt sich hinüber, und alles ist da. Und wenn die Welt untergeht, weil die Sonne immer dicker wird, dann setzt du dich auf Laserteilchen und reitest in ein weniger heißes Eck vom Weltall. Dein Bewusstsein lebt ewig weiter, und mit der Zeit werden wir draufkommen, dass es wirklich eine Gottheit gibt. Eine sich wissende Gottheit, die halt nichts von uns weiß. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Industrie die Gottheit erst wirklich schafft. Insofern habe ich da einen sehr perversen aber tatsächlichen Glauben, dass doch noch etwas kommt. Bis auf Weiteres bleibt für uns aber das Fernsehen die Gottheit? Ja, die Barbara Karlich Show ist sozusagen die Vorläuferin. Was bist du mit deiner neuen Show? Ich bin sozusagen eine Zwischenstufe. Ich bin sozusagen eine Art Kontext zur Karlich - Karlichs Kontext. Wobei es ja nicht nur um dich oder die Karlich, sondern schon auch um die jeweiligen Gäste geht. Gäste sind halt immer ein Problem, Gäste hauen in einer Show meistens alles zusammen. Ich will eigentlich keine Gäste, merke ich gerade. Die Gäste sind ja weiter zurück als ich. Vielleicht kann man an dieser Stelle ein "meinte er ironisch" anfügen? Oder in Klammer "lacht schmutzig" dazuschreiben? Es ist ja eine Art Fußballübertragung. Darum wäre es mir auch lieber, vorher nichts über die Gäste zu wissen, sondern wie jeder andere Pape auch im Beichtstuhl zu sitzen, und irgendwer kommt zur Tür herein. Kannst du dir vorstellen, dass die Gäste ein Stück weit mit dir reisen in Richtung neuartige Gottheit? Das Hauptproblem ist, dass ich keine Fragen stellen will. Ich stelle es mir so vor, dass ATV dem kommunikationskrankesten Menschen Österreichs, also mir, für die nächsten 17 Jahre die Baustelle einer Stunde gibt, aus der wir irgendwas machen. Im Sinne einer Art Werkstatt also. Dank vieler guter Geister, die an mir herumgezupft haben, bis ich etwas darstellte, habe ich jetzt vielleicht trotz meiner Andersartigkeit eine gewisse Gültigkeit. Und das ist schon eine Chance. Wird der einstige Erfolg der "Nette Leit Show" und ihr späterer Kultstatus jetzt für dich zum Erfolgsdruck? Man muss sich das so vorstellen: Ich bin mit 39 Jahren erstmals in meinem Leben auf der Bühne gestanden, als Kurt Palm bei den Salzburger Festspielen etwas inszenierte. Und ich war nur dabei, weil ich Tex Rubinowitz kennen lernen wollte. Ich habe nicht geglaubt, dass ich ihn als Lover gewinnen kann, aber ich wollte ihm nahe sein und einfach nur die Schuhe lecken oder so etwas. Letztendlich ist es also Tex Rubinowitz zu verdanken, dass du überhaupt auf der Bühne gelandet bist? Ja, schon. Fritz Ostermayer hatte damals ja auch noch ein Trauermarschfestival am Schwarzenbergplatz veranstaltet, bei dem Tex als Krönung Raketen aus seinem Rektum abgeschossen hat. Das war natürlich das Meine! Und das öffentliche Gespräch, wie es in "Nette Leit Show" etabliert wurde, war dann eben auch das Deine? Ich glaube halt, dass ich erzählen kann. Erzählen heißt ja transkribieren aus dem, was das Hirn gerade macht. Das Hirn hat natürlich auch eine besondere Mäanderung, eine glückhafte, eine glückhaft-krankhafte. Ich erkläre mir das damit, dass meine Eltern so zerstritten waren, und ich bereits als Nulljähriger die ganze Pastoral der Familie schupfen musste, um ein bissl Atmosphäre zu machen. Darum hab ich so einen Charme entwickelt. Dazu kommt noch diese unglaubliche Begabung zur Skrupelhaftigkeit. Wie erklärst du dir den Erfolg, den diese unkonventionelle Show hatte? Das war überhaupt nicht unkonventionell! Einer sitzt, und es kommen der Reihe nach drei Gäste. Man muss jetzt unbedingt etwas zum Palm sagen, dem ich sehr viel verdanke: Der war einmal Chef vom kommunistischen Studentenverband. Die Intellektuellen waren damals ja nicht grün, sondern kommunistisch - und sie haben ihn geliebt, weil er so effektiv war. Sie wussten, mit dem wirds immer spannend. Wenn der eine Bisamratte auf die Bühne gestellt hätte, wäre das auch ein Erfolg geworden. In diesen Humus hinein pflanzte er mich. Warum wurde die Show trotzdem nach drei Staffeln eingestellt? Vielleicht hat der Kardinal angerufen und gesagt: Wenn ihr den Phettberg absetzts, schicken wir den Groer nach Roggendorf. Oder der Bacher hat angerufen und gesagt: Wenn ihr den Phettberg absetzts, werde ich nicht das siebte Mal Generalintendant. Oder wenn ihr den Phettberg absetzt, schieben wir den Zeiler nach Köln. Da habe ich die verschiedensten Paranoien als Joint-Ventures; die tatsächlichen Gründe kenne ich aber nach wie vor nicht. Man sollte den Palm fragen. Er sagt es mir nie. Wer erfüllt gegenwärtig Palms Rolle? Die Idee zur Show stammt von Alfred Guttmann, dem Chef von CCC-Film. Der ist schon rührig. Der Beichtstuhl ist aus akustischen Gründen notwendig, denn in dem Saal hallt es fürchterlich. Dieser Guttmann ist dort aufgewachsen und hat als Teenager auch die Arenabewegung mitbekommen. Obendrein ist dieser Schlachthof natürlich ein sexueller Ort. Überhaupt, diese Schlachthöfe, für Sadomaso und dirty Sex und so! Angekettet sein in der Rinderwartehalle! Zwei fußballfeldgroß Rinder, die warten! Beichten im Schlachthof ist natürlich auch lustig: Im Schlachthof beichten, und dann gleich die Vollstreckung. Die katholische Netzzeitung empört sich bereits vorab über die Show. Die Kirche soll endlich das Spielen lernen! Ich tät aufjohlen als Erzbischof, dass wir im Beichtstuhl spielen. Aber ich glaube, dass sie mir eh wohlgesonnen sind, darum machen sie ein bisschen PR. Kann durchaus sein, dass sie mich lieb haben. Siehst du selbst etwas Blasphemisches an der Show? Ich bin ja selber pastoraler als die gesamte Bischofskonferenz. Es kann ja nicht sein, dass eine Religion sakrosankt ist. Allein schon im Verhältnis zu allen anderen Weltreligionen hat Wien ja auch eine Verpflichtung, die eigene Religion gründlich zu stören. Damit setzt man ja auch Maßstäbe - was muss eine Religion aushalten im internationalen Standard. Das ist auch ein Verdienst einer Blasphemiekultur. Blasphemiekultur, das Wort ist mir jetzt gekommen! Der Thurnher hasst es ja, Wörter mit dem Wort Kultur zu verbinden. Blasphemiekultur! Sündigst du gerne? Nein! Harmonie ist ja was unglaublich Schönes. Alfons Haider ist so ein Fall, gegen den ich immer wieder sündige. Einerseits ist er auch schwul, und daher verdient er meine Solidarität. Aber er ist ja auch ein schlimmer Finger, und jetzt kritisiere ich ihn immer wieder in meiner Kolumne - und dann hab ich immer ein schlechtes Gewissen. Das ist aber auch eine ganz profane Angst, wie ich ihm ins Gesicht schauen kann, wenn ich ihm wieder einmal begegne. Die Absolution kriegst du von uns ja sowieso. Bei der Buße tun wir uns allerdings schwer, denn du freust dich ja, wenn du bestraft wirst. Ich freue mich nicht, wenn ich bestraft werde, sondern das ist ein Zärtlichkeitsexzess. Würde sich eine Persönlichkeit eures Zuschnitts mit mir abgeben, wäre das für mich so schön, dass ich dafür ... Christus hat sich ja töten lassen ob des Skandals, wie Gott die Welt verpfuscht hat. Er hat eben ein Verhältnis mit Gott gehabt, und ich hatte nie ein Verhältnis mit irgendwem und wurde auch noch nie begehrt. Das ist eine schwerste Behinderung, bei uns aber noch überhaupt nicht als solche etabliert. Noch dazu bei unserem Sozialministerium. Welche Buße wirst du deinen Gästen auferlegen? Ich will das überhaupt nicht sonderlich pflegen. Ich will das nur ganz sparsam einfließen lassen. Nicht, um die Kirche zu schonen, sondern damit das nicht penetrant wird. Das Höchste der Gefühle ist, dass ich jemand Semmelkren essen schicke. Und zwar solange, dass er im Wirtshaus sitzen bleibt, bis der Koch bereit ist, real einen Semmelkren zu machen - und damit den Semmelkren wieder zu etablieren. Esst einmal Semmelkren, und eure Magenschleimhaut wird jubeln. Weil das Kochen ein bisschen Mühe macht, wurde der Semmelkren ausgerottet. Ich aber behaupte: Der Semmelkren ist das Beste, was Wien je hervorgebracht hat! |
|
Zum Archiv |
|
nach oben November 2003 © FALTER E-Mail: wienzeit@falter.at |