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Die Tafelritter
HELFEN  Der Verein Wiener Tafel vermittelt zwischen der Industrie und Bedürftigen. Man bringt Waren, die Industriebetriebe zu viel haben und andernfalls vernichtet würden, zu sozialen Einrichtungen. Ehrenamtlich, unbürokratisch und direkt. Eine Reportage zum Thema Überfluss. CHRISTOPHER WURMDOBLER

SPENDEN: Siegel für die Güte

Falter 47   Originaltext aus Falter 47/03 vom 19.11.2003

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Drei Tonnen Tacos sind schon sehr viel", erzählt Daniela Fidler. Aber auch die seien sie losgeworden. Genauso wie kistenweise Kekse, mit denen eine Bank die Euro-Einführung feierte. Fiedler sitzt hinter dem Steuer des bunt beschrifteten VW-Transporters und steht im Vormittagsstau. Der Falter begleitet die Sozialarbeiterin auf einer Tour quer durch die Stadt. Wir sind auf dem Weg zum Nordrand Wiens. In einem Tiefkühllagerhaus soll es eine Menge Lebensmittel geben, die vernichtet werden, wenn Fidler oder einer ihrer Mitstreiter sie nicht rechtzeitig abholen. Ein ganzer Transporter voll mit Waren, die völlig in Ordnung sind. Diesmal wird die Ladung einem Caritas-Flüchtlingsheim in der Josefstadt zugute kommen, einer jener Wiener Einrichtungen, die Fidler und Kollegen regelmäßig versorgen.
Die junge Frau, die hauptberuflich mit Obdachlosen arbeitet, gehört zur Wiener Tafel, einem ausschließlich ehrenamtlich werkenden Wohltätigkeitsverein, der konfessionsübergreifend und überparteilich organisiert ist. Die Mitarbeiter sammeln bei Betrieben in und um Wien noch einwandfreie, aber überschüssige Waren ein und bringen sie zu Einrichtungen, die sie bitter nötig haben.
Sozialer Transfer nennt sich das, ein Konzept, das seinen Ursprung in den USA und Deutschland hat. Es ist bestechend einfach: Industrie und Handel stellen überschüssige Waren unentgeltlich zur Verfügung, Bedürftigen wird unbürokratisch und direkt geholfen. Als Nebeneffekt wird die Umwelt nicht durch die - allgemein übliche - Praxis der Entsorgung von Überschüssen belastet. Die Helferinnen und Helfer fahren mit ihrem VW-Bus beispielsweise bis nach Baden, um bei Nöm überproduzierte Milchprodukte abzuholen. Sollte sich aber jemand aus Salzburg melden, passen sie: Die Strecke wäre zu weit.
Viele Unternehmen wollen nicht als Tafel-Sponsor genannt werden. Nicht aus Edelmut, sondern weil die Produktion von Überschüssen möglicherweise schlecht fürs Image ist. In Deutschland ist derartiges Social Sponsoring niemandem peinlich. "Dort stehen die Unternehmen dazu, dass ihnen Produkte übrig bleiben", sagt Stephan Waldner, der mit Martin Haiderer und Heimo Schoof, allesamt Sozialarbeiter, vor vier Jahren die Wiener Tafel gründete. Ursprünglich war die Institution ein Projekt im Rahmen des gemeinsamen Studiums an der Akademie für Sozialarbeit. "Wir wollten damals gleich etwas ganz Großes realisieren", erzählt Waldner, "etwas, das es in dieser Stadt noch nicht gab."
Mittlerweile ist der Tafel-Transporter beim Lagerhaus im Norden Wiens angekommen, die Ladefläche ist voll gepackt mit gefrorenem Fischfilet und Tiefkühlgemüse. Einige Kartons Gemüse hätte er noch, meint der Lagerarbeiter. Außerdem jede Menge Shrimps. Fidler knöpft sich die Jacke zu, zieht sich die Mütze tiefer ins Gesicht und geht mit dem dick vermummten Lageristen ins Kühlhaus. Es stellt sich heraus, dass die Shrimps nicht mehr lange haltbar sind. Doch das Gemüse hat noch ein paar Wochen bis zum Ablaufdatum. Also packen wir es noch dazu, selbst wenn der Transporter mittlerweile stark überladen ist. Auf dem Lieferschein - die geschenkten Güter werden als "Warenprobe" deklariert - steht diesmal nur die Hälfte der tatsächlichen Fuhre.
"Ware erhalten", unterschreibt Fidler, und zurück gehts in die Stadt. Unterwegs ruft sie in dem Flüchtlingsheim an, das beliefert werden soll. Der Mobilfunkbetreiber tele.ring hat Handys und Sprechminuten gesponsert. Die Sozialarbeiterin gibt Bescheid, dass die Lieferung heute etwas umfangreicher ist und ob das okay sei. Ist es. Der Tafel-Bus steht wieder im Stau.
Die Wiener Tafel unterstützt derzeit 40 soziale Institutionen, Obdachlosenunterkünfte, Mutter-Kind-Wohnstätten, Flüchtlingshäuser, Einrichtungen für alte Menschen. Nicht jeder, der von der Wiener Tafel versorgt wird, hat große Lagerkapazitäten. Der Verein selbst kann nichts zwischenlagern. Einziger Stützpunkt ist ein Wohnheim in Ottakring, wo Schlüssel und Papiere für den Bus deponiert werden.
Da muss man gründlich planen, wer was wann bekommt, um effizient zu bleiben. Weil Gefrorenes zu den regelmäßigen Spenden gehört, haben sich einige Institutionen den Luxus eines Tiefkühlhauses geleistet, andere haben wenigstens ein paar Kühltruhen angeschafft.

Nicht alles kann die Wiener Tafel annehmen. Obst und Gemüse seien schwierig, erzählt Fidler. Wegen der geringen Haltbarkeit. Und im Organisieren von Brot seien die diversen Einrichtungen ohnehin schon ziemlich perfekt. "Fisch ist ideal", meint die Frau am Steuer. Vor allem wenn die Lieferung Flüchtlingen mit verschiedenen religiösen Hintergründen, darunter viele Muslime, zugute kommen soll. "Schweinsschnitzel käme da nicht so gut." Der direkte Kontakt mit den Empfängern, die Freude, die so eine Lieferung auslöst, seien der Lohn der Arbeit: "Zu sehen, dass man etwas Sinnvolles vollbracht hat."
Geschätzte 3000 Menschen in Wien profitieren regelmäßig von den Lieferungen der Wiener Tafel. Mittlerweile gibt es sogar soziale Einrichtungen, die ohne die Tafel zusperren müssten. "Man kann davon ausgehen, dass das Wiener Hilfswerk, aber auch die Caritas fix mit uns rechnen", sagt Tafel-Gründer Waldner. Für die in Nachbarschaftszentren betreuten Menschen sei "jedes Lebensmittelpaket ein Geschenk".
Fidler ruft täglich telefonisch viele große Unternehmen durch und teilt Lieferungen zu. Ohne Büro organisiert sie dort, wo sie sich gerade aufhält. Manchmal melden sich auch Manager direkt bei ihr, wenn sie etwas "im Angebot" haben. Denn wegwerfen kommt Industrie und Handel teurer als gratis weggeben. Die Wiener Tafel nimmt alles, was noch nicht abgelaufen ist. Falsche oder eingedrückte Verpackungen stören niemanden. Auch nicht die Charge Bohneneintopf, die in der Fabrik eine Minute zu lang gekocht wurde und deshalb nicht in den Handel gelangen durfte. Nicht nur am Essen fehlt es in vielen sozialen Einrichtungen, sondern auch an Hygieneprodukten, Seife, Klopapier oder Waschpulver. Einmal haben sie einen ganzen Lkw Damenbinden bekommen, berichtet Fidler. Die Ware sei völlig in Ordnung, die Verpackung jedoch tschechisch beschriftet: Fehlproduktion - in den Handel darf so etwas nicht. Der Hersteller stand vor der Wahl, die Binden teuer zu entsorgen oder edel zu spenden, und entschied sich für Letzteres.
Meist holt man die Waren gar nicht beim Produzenten direkt ab, sondern bei den beauftragten Speditionen. Und manchmal finden Lagerarbeiter längst aufgegebene, verloren geglaubte Lieferungen und bieten sie der Tafel an. Zu viel wird eigentlich nie ausgeliefert, jede Einrichtung soll das bekommen, was sie braucht. "Wir appellieren natürlich auch an die Vernunft der Verantwortlichen", sagt Waldner. "Die wissen, dass sie vorsichtig kalkulieren müssen, weil es schließlich nicht nur sie gibt, sondern 39 weitere Einrichtungen." Aber es gebe so gut wie keine Produktion, die sich nicht irgendwo unterbringen lasse. Notfalls dreht man eben die große Tafel-Runde quer durch die Stadt. Üblicherweise fahren die Ehrenamtlichen pro Tag zwei bis drei Stellen an.
Das Caritas-Flüchtlingsheim im 8. Bezirk mit seinen 200 Bewohnern nimmt alles auf einmal. Auch die 600 Kilo Tiefkühlware. Sechs junge Männer, die ein Sozialarbeiter eilig zusammengetrommelt hat, schupfen die eiskalten Pakete gekonnt aus dem Transporter, stapeln sie bei der Eingangstür und versperren fast den Weg. Dann tragen sie die Lebensmittel ins Kühlhaus im Keller. Irgendwer muss das Durcheinander noch sichten und schlichten.
So beeindruckend das klingt, verglichen mit anderen Tafel-Projekten leisten die Wiener bescheidene Arbeit. Täglich zwei Sattelschlepper samt Anhänger voll mit Waren liefert die Berliner Tafel für den guten Zweck aus. "Auch wir könnten viel mehr liefern", sagt Tafel-Gründer Waldner. Angebot und Nachfrage seien vorhanden. "Ich schätze, dass wir gerade zehn Prozent von dem ausliefern, was effektiv möglich wäre." Handel und Industrie fehlt es vor allem am Bewusstsein, glaubt der Sozialarbeiter. Mit den großen Supermarktketten habe man bislang keine guten Erfahrungen gemacht, "die geben nichts". Allerdings sei mit dem derzeitigen Organisationssystem - kein Büro, keine Zentrale, nur ehrenamtliche Helfer - auch nicht mehr zu schaffen. "Irgendwann müssen Handel und Industrie ihre Logistik umstellen." Wenn die Waren für die Wiener Tafel an einem Ort gesammelt und von dort an die Institutionen verteilt würden, liefe die Arbeit der Helfer um einiges leichter.
Die derzeit 20 ehrenamtlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen möchte man auch nicht überfordern. "Klar können die meisten abends oder am Wochenende fahren", sagt Fidler. "Aber dann haben die Firmen und auch einige Einrichtungen geschlossen." Die Tafelritter suchen deshalb laufend freiwillige Helfer mit und ohne Führerschein. Immerhin gibt es jetzt einen - von FunkTrans und Taxi 40 100 gesponserten - VW-Transporter. "Ein echter Kühlwagen wäre super", wünscht sich Fidler. "Vor allem im Sommer, wenn Tiefkühlware auszuliefern ist." Und überhaupt gehen demnächst die von OMV geschenkten Benzingutscheine zur Neige. "Wir brauchen Busse, Benzin, Ehrenamtliche", fasst ihr Kollege Waldner zusammen. "Und natürlich immer gute Ideen."

Verein Wiener Tafel, Spendenkonto Erste Bank, BLZ 20111, Konto-Nr. 3100 530 3005; Infos: www.wienertafel.at

 
SPENDEN
Siegel für die Güte


Alle Jahre wieder pünktlich vor Weihnachten flattern per Post die Spendenaufrufe ins Haus. Mit Inseraten, Plakaten und Werbespots buhlen unzählige Hilfsorganisationen um die Gunst der edlen Herzen. Und obwohl die Menschen in Österreich als überdurchschnittlich spendabel gelten - etwa 450 Millionen Euro werden hier jährlich für den wohltätigen Zweck ausgegeben -, ist nur eine gewisse Summe Geld da, die sich diverse Institutionen aufteilen müssen. Und der Griff in die Spendierhosentaschen ist Jahr für Jahr ein Kampf.
Da wird mit Herz zerreißenden Briefen, Fotos von armen Kindern, bemitleidenswerten Tieren oder kaputter Natur geworben, der Erlagschein ist gleich angefügt. Und für den ORF-Spendenmarathon "Licht ins Dunkel" stehen die üblichen Verdächtigen bereits in den Startlöchern.
Um Spendern das Geldausgeben zu erleichtern, wurde vor einigen Jahren von acht großen Non-Profit-Organisationen nach deutschem Vorbild das "österreichische Spendengütesiegel" ins Leben gerufen. Die Auszeichnung soll den so genannten Spendenmarkt sicherer und transparenter machen. Dabei werden die Organisationen nach 34 Kriterien extern geprüft. Ordnungsgemäße Rechnungslegung, mögliche Unvereinbarkeiten, den Tatsachen entsprechende Werbung sowie widmungsgemäße und sparsame Verwendung der gespendeten Beträge werden kontrolliert. "Das Spendengütesiegel ist zum fixen Bestandteil in der Entscheidungsfindung vieler Spender geworden", sagt Alfred Brogyányi von der für das Gütesiegel zuständigen Kammer der Wirtschaftstreuhänder. Mittlerweile tragen mehr als hundert Hilfsorganisationen das Gütesiegel, von der Aids Hilfe Wien bis zur Beratungsstelle Zellkern.
Ein "Verein zur Förderung der New Economy" findet sich auf der Liste übrigens nicht.

Infos: www.osgs.at

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November 2003 © FALTER
E-Mail: wienzeit@falter.at