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| "Dich krieg ich noch!" |
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PSYCHOTERROR Dauernd schrillt das Telefon, der Täter lungert vor dem Haus herum, ist immer da. Manchmal bringt er die Verfolgte sogar um. Auch in Österreich leiden viele Frauen unter Stalking, einer Form der Gewalt, vor der sie noch kein Gesetz schützt. JULIA ORTNER STALKING: Die Nacht des Jägers |
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Die Frau wurde am 11. September in Wien auf offener Straße ermordet. Auf dem Weg vom Auto zur Wohnungstür stach ihr der Täter drei Mal in den Rücken, sieben Mal in Brust und Bauch. Er war ihr Ehemann. Die gebürtige Türkin hatte ihn verlassen, er wollte sie nicht gehen lassen. Er verfolgte sie, lauerte ihr überall auf, mit den üblichen Drohungen: "Wenn du dich scheiden lässt, bring ich dich um." Die Polizei hatte den gefährlichen Mann nach dem Gewaltschutzgesetz aus der Wohnung gewiesen. Gegen seinen Psychoterror war sie hilflos. Zuerst hat er seine Frau unermüdlich verfolgt, dann getötet. Nicht alle Fälle von Stalking oder Psychoterror enden mit einer Bluttat, aber es passiert immer wieder, dass der Verfolger sein Opfer nach langer Jagd ermordet. Stalking kommt aus der Jägersprache, heißt "sich anpirschen" und bezeichnet das willentliche, wiederholte Verfolgen oder Belästigen einer Person, die dadurch psychisch, aber auch physisch bedroht wird. Stalking reicht von einer massiven Störung des Alltags bis hin zur Zerstörung des Lebens. Ein noch ziemlich unerforschtes soziales Phänomen, das man vor allem bei Prominenten wahrnimmt, die von fanatischen Fans verfolgt werden. Dass der Psychoterror auch viele Durchschnittsmenschen ständig begleitet, die oft über Jahre hinweg ein Leben in Angst und auf der Flucht führen, ist kein Stoff für bunte Illustriertengeschichten. Für die Betroffenen des Terrors, der meist mit Telefonbombardements beginnt und mit brutaler Gewalt enden kann, gibt es bisher in Österreich nur wenig Hilfe. Eine aktuelle IFES-Studie ergibt, dass ein Viertel der befragten Wienerinnen schon über einen längeren Zeitraum belästigt und verfolgt wurde. Von Expartnern oder aber auch von flüchtigen Bekannten, die nicht akzeptieren konnten, dass ihre Liebe unerwidert blieb. Ein Ergebnis dieser Studie war eine internationale Expertenkonferenz zum Thema Psychoterror, die vergangene Woche vom Wiener Frauenbüro im Rathaus veranstaltet wurde - es war das erste Mal, dass Stalking hierzulande überhaupt thematisiert wurde. In Kalifornien wurde die erste Anti-Stalking-Gesetzgebung schon 1990 geschaffen. Mittlerweile gibt es derartige Gesetze in allen US-Bundesstaaten, Australien, Kanada, England, Nordirland, Irland, Niederlanden, Belgien, Finnland und Deutschland. Österreich hat noch kein eigenes Gesetz, das die vorwiegend weiblichen Opfer schützt - laut deutschen Untersuchungen sind neunzig Prozent der Opfer von Psychoterror Frauen, achtzig Prozent der Täter sind Männer. Karin Spacek, Leiterin des Wiener 24-Stunden-Frauennotrufs, wird immer öfter mit dem Phänomen konfrontiert: "Jede zehnte Anruferin wird gestalkt, Tendenz steigend." Die Frauen seien oft schon bei der Polizei oder bei Gericht gewesen, hätten das Gespräch mit dem Täter gesucht - aber nichts habe geholfen. Weil die Exekutive jemandem, der dasteht und starrt, hinter dir herläuft und am Arbeitsplatz auftaucht, nicht viel anhaben kann. Weil Drohungen wie "Du entkommst mir nicht" oder "Dich krieg ich noch" rein strafrechtlich nicht so einfach als Tatbestand der "gefährlichen Drohung" durchgehen. Weil grob gesagt für Psychoterroropfer eine Regel gilt: Solange dir nicht wirklich was ganz Böses widerfährt, passiert nicht viel. Bei Gewaltandrohung darf die Polizei eingreifen, bei Psychoterror nicht. Daran können diverse Beratungsstellen und Opferschutzvereine bisher nichts ändern, sagt Spacek: "Es ist frustrierend, dass wir den Frauen nicht sagen können, wo sie geschützt sind. Wir bieten ihnen psychologisch erste Hilfe und schicken sie wieder in ihr Leben mit dem Verfolger zurück." In ein rechtliches Niemandsland, das die Stalker schlau für sich nutzen. Diese Grauzone erforscht auch Hans-Georg Voß, Chef der Forensischen Psychologie an der Universität Darmstadt. Er beschäftigt sich nicht nur mit den Opfern, sondern auch mit den Tätern. "Stalker sind generell unglückliche Menschen, die ihr Unglück über andere bringen. Sie sind in den meisten Fällen psychisch gestört und Wiederholungstäter", erklärt der Psychologe. Fünfzig Prozent der Fälle ereignen sich im Anschluss an eine Beziehung, quasi als Fortsetzung der Gewalt mit anderen Mitteln. Aber auch Arbeitskollegen, Nachbarn, flüchtige Bekannte oder gänzlich Fremde werden zu Verfolgern. Dabei entwickeln die Stalker ungeahnte Kreativität. Ändert das Opfer seine Telefonnummer und macht damit den Telefonterror unmöglich, werden eben täglich Blumen oder Briefe geschickt. Die Verfolger tauchen ständig am Arbeitsplatz des Opfers auf oder rufen dort an, pirschen sich an Freunde und Familie heran, dringen in die Wohnung ein, drohen mit Gewalt oder Selbstmord, wenn sie nicht erhört werden. Die Verfolgten leiden an den Folgen des Psychoterrors: von Depressionen, Angstattacken, Jobproblemen bis hin zu massiven Konflikten in Familie oder Partnerschaft - Psychoterror-Forscher Voß hat festgestellt, dass es in den Familien der Opfer oft zu hoher Gewaltbereitschaft und Aggression kommt, weil der Druck durch den täglichen Psychoterror zu groß wird. Zwischen einem Monat und dreißig Jahren lang leiden die Betroffenen unter ihrem Verfolger. Viele Frauen sind davon dermaßen zermürbt, dass sie sich nicht mehr wehren können und nicht einmal die gesetzlichen Möglichkeiten nutzen können, die ihnen Hilfe versprechen. Deutschland übernimmt mit seinen Stalking-Verordnungen im neuen Gewaltschutzgesetz eine Vorreiterrolle im deutschsprachigen Raum. In Bremen gibt es mittlerweile die erste Selbsthilfegruppe zum Thema und zwei Sonderdezernate zur Verfolgung von Psychoterror bei der Staatsanwaltschaft. Patentrezepte im Kampf gegen Stalking gibt es nicht, meint Forscher Voß. Wichtig sei aber die fachlich kompetente Betreuung des Opfers: juristische Beratung, individuelle Fallanalyse mit Einschätzung des Gefahrenpotenzials, danach eine eigene Strategie. Nur eine Faustregel gilt für alle Opfer: Jeden Kontakt mit dem Verfolger verweigern. In den Niederlanden kämpft man seit 2000 mit einem besonders umfassenden Gesetz gegen den Psychoterror. Stalker ist, "wer willentlich und wiederholt die Privatsphäre des Opfers stört". Marijke Malsch, Forscherin am Netherlands Institute for Study of Crime and Law Enforcement, erklärt: "Wir haben eine breite Definition von Stalking gewählt, um möglichst alle Verhaltensweisen damit abzudecken." Für Täter gibt es nicht nur Gefängnisstrafen, sondern auch eigene Therapiekliniken. Die Polizei kann sofort handeln, es gibt ein eigenes Alarmsystem. Ein Problem kann allerdings auch dieses Gesetz nicht ganz lösen, meint Malsch. "Viele Stalker sind keine kalkulierenden Persönlichkeiten. Deshalb kommen manche nach der Verbüßung einer Strafe oder nach einer Therapie wieder zurück und verfolgen ihr Opfer einfach weiter." Wiens SPÖ-Frauenstadträtin Renate Brauner fordert jetzt ein eigenes Psychoterrorgesetz für Österreich. "Psychoterror muss strafbar werden, um die Opfer wirksam zu schützen", sagt sie. Wie eine konkrete Regelung aussehen kann, soll nun Thema einer groß angelegten Expertendiskussion werden, die Brauner von Wien aus starten will - mit Juristen, Opfervertretungen und Frauenvereinen soll eine Grundlage für ein Bundesgesetz erarbeitet werden. Ähnlich den Vorbereitungen zum Gewaltschutzgesetz, das mit seinem Wegweiserecht für gewalttätige Ehemänner nicht nur bessere rechtliche Standards in Österreich gesetzt hat, sondern auch symbolische Wirkung besitzt. "Mit dem Gewaltschutzgesetz ist klar, dass der Staat Schlagen, Stoßen und Würgen verdammt: Ein derartiges Signal brauchen wir auch, wenn es um Psychoterror geht", sagt Renee Mader, Leiterin der Interventionsstelle Salzburg, die sich dort um Gewaltopfer kümmert. Trotzdem warnt Stalking-Experte Hans-Georg Voß vor hohen Erwartungen an Gesetze und Symbole. "Man kann bei Psychoterror leider nicht immer das optimale Ziel erreichen. Erwarten Sie keine Gerechtigkeit." Informationen: www.stalkingforschung.de, www.psychoterror.konferenz.wien.at oder beim Wiener Frauennotruf Tel. 71 71 9. STALKING Die Nacht des Jägers Er war unauffällig, still, ein Außenseiter. Den kleinen Wolfgang*, der mit ihr damals in der Volksschulklasse gesessen ist, hat Iris Leitner* nie wirklich bemerkt. "Wir waren nicht befreundet, hatten außerhalb des Klassenzimmers keinen Kontakt", erzählt sie. Keine Rede davon, dass sie in Wolfgangs eigener Welt irgendwie viel mehr wurde als eine Sitznachbarin - nämlich seine imaginäre große Liebe, die Frau seines Lebens. Dass der mittlerweile erwachsene Schulkollege so für sie empfindet, hat Leitner erst mit 23 Jahren erfahren. In der Nacht, als der Mann plötzlich auftauchte, Sturm läutete, die Haustür ihres Elternhauses mit einem Wagenheber einschlug und sie laut schreiend überall im Haus suchte. In dieser Nacht ist Wolfgang in ihr Leben getreten und bis jetzt nicht mehr daraus verschwunden. Iris Leitner wird seit 15 Jahren von dem psychisch kranken Mann verfolgt. Ein Leben wie eine Belagerung, ein Leben im Ausnahmezustand. Offen, mädchenhaft, kurze blonde Strubbelfrisur, eine Meg Ryan vom Dorf außerhalb Wiens: Hinter der selbstbewussten Fassade der 38-jährigen Geschäftsfrau steckt langjährige Arbeit an sich selbst und der erklärte Wille, sich nicht von ihrem Verfolger das Leben versauen zu lassen. Zuerst versuchte Leitner noch, mit Wolfgang zu reden und ihn damit von seiner Fixierung abzubringen: "Ich habe ihm erklärt, dass ich schon verheiratet bin, dass er keine Chance hat." Im Nachhinein betrachtet ein Fehler. Die totale Abgrenzung von Anfang an wäre besser gewesen, meinen Experten. Der Mann ließ sich nach dem ersten gewalttätigen Auftritt nicht mehr von seiner fixen Idee abbringen. Sturm läuten in der Nacht, tagelang vor der Tür stehen und lauern, Telefonterror, dazwischen kurze Verschnaufpausen für die terrorisierte Frau. Zumindest wenn Wolfgang - schizophren, depressiv, autistische Züge - nach seinen besonders akuten Phasen für ein paar Wochen in die Psychiatrie gebracht wurde und dort Medikamente bekam. Kaum war er wieder zurück im Dorf, im Haus seiner Mutter, kehrte er auf seinen Beobachtungsposten vor Leitners Haus zurück. Und daran konnte sie nichts ändern. Nicht nur weil sich der Stalker (siehe Geschichte oben) hierzulande in einer rechtlichen Grauzone bewegen kann, sondern auch weil ihr Verfolger noch dazu vor dem Gesetz als "schuldunfähig" gilt - psychisch krank ist, aber nicht so krank, dass er in einer geschlossenen Anstalt leben muss. Und nicht so verrückt, dass er die gesetzlichen Grenzen nicht geschickt ausloten würde. Die Spezialität des 1 Meter 95 großen, 150 Kilo schweren Hünen, vor dem sich nicht nur Leitners Familie, sondern auch die Dorfpolizisten fürchten: leiser Psychoterror, der manchmal sehr laut werden kann. "Er strahlt so eine passive Aggressivität aus, die in offene Aggressivität umschlagen kann, wenn man ihn angreift", erklärt Leitner. Neben den üblichen Spielen - belagern, obszöne Gesten, Beschimpfungen, Sachen zerstören, Anrufe - kamen dann noch andere Varianten hinzu. Wolfgang kurvte mit seinem Moped wild über das Grundstück, wenn die Frau dort mit ihren Kindern im Gras saß. In der Nacht brach er in die Autos der Familie ein und machte es sich darin gemütlich. Immer wieder Polizeieinsätze, immer wieder Psychiatrie, immer wieder ist nichts weiter passiert. Bis das Psychospiel 1994 eskalierte. Wolfgang hatte versucht, sich eine Waffe zu kaufen. Bei Familie Leitner brach Panik aus. "Damals dachte ich, er hört nicht auf, bevor mir etwas Schlimmes passiert", sagt Iris Leitner und wird ganz still. Der Stalker kam dann auch in einer Nacht, mit einer Axt, und schlug die Tür ein. "Ich will sie haben,", schrie er vor den Polizisten herum. Diesmal wurde er tatsächlich wegen Sachbeschädigung verurteilt, ein Gutachten attestierte, dass eine Vergewaltigung nicht auszuschließen wäre. Leitners Ehemann besorgte eine Waffe, seine Frau lernte schießen. Ehemann und Vater gingen nicht mehr zur Arbeit, sondern passten ständig auf die Verfolgte auf. Dann kam Wolfgang ins Heim - eine Ruhepause für die ganze Familie. Nach drei halbwegs ruhigen Jahren war sie vorbei, Wolfgang zurück auf seinem Beobachtungsposten. Legte in der Nacht eigenartige Geschenke vor Leitners Tür, schräge Videos, Musik. Er spielte jetzt wieder den stillen Jäger. Manchmal zeugten nur die Zigarettenstummel vor der Tür davon, dass er die Nacht dort verbracht hatte. Zwischendurch kam er in Leitners Geschäft und belästigte die Angestellten. Aber das Schlimmste war die ständige Angst und die Unsicherheit, was Wolfgang als Nächstes planen könnte. "Natürlich habe ich mir manchmal auch gedacht, andere verfolgte Frauen geht es noch viel schlechter, denen passiert noch viel Ärgeres", meint Leitner. Aber auch diese dauernde psychische Gewalt, dieses Belauertwerden, kann einen Menschen fertig machen. Wenn du dich in der Früh kaum den kurzen Weg von der Haustür zum Auto gehen traust. Wenn die 13-jährige Tochter Angst hat, dass der große Mann wieder vor der Tür lauert. Iris Leitner hat alles versucht, um sich zu wehren. War bei Wolfgangs Mutter, bei Rechtsanwälten, bei diversen Beratungsstellen, bei der Polizei, bei einer Staatsanwältin, beim Volksanwalt. Sie hat jahrelange Psychotherapie hinter sich, Depressionen, Selbstverteidigungskurse. Sie will sich nicht zum Opfer machen lassen - auch wenn ihr manchmal so zumute ist. Wenn Wolfgangs Terror wieder einmal als Bagatelldelikt abgetan wird, kommt dieses Gefühl, ohne jeden Schutz leben zu müssen, voll zurück. Dass er die Macht hat und sie hilflos ist. Dass nichts passiert, bevor ihr nichts Schlimmes passiert. Ohne die Unterstützung ihres Mannes, der Familie, der Freunde, der Leute aus dem Ort, hätte sie das Ganze nicht 15 Jahre durchgehalten, glaubt Leitner. "Ich bin im Gegensatz zu vielen betroffenen Frauen noch privilegiert: finanziell abgesichert, gesellschaftlich gut vernetzt, mit einer starken Familie im Rücken." Wenn ihr Vater oder ihr Mann nicht im Haus sind, kommen die Männer aus der Nachbarschaft vorbei, damit sie nicht alleine ist. Die 15-jährige Belagerung hat trotzdem ihre Spuren hinterlassen. Seit kurzem ist Iris Leitner so weit, dass sie sich mit ihrem Stalker nicht mehr dauernd beschäftigen will. "Ich habe alles getan, was ich tun konnte. Ich trainiere mich darauf, ihn zu ignorieren und hoffe, dass das auch irgendwie bei ihm greift." Natürlich würde ein Annäherungs- und Kontaktverbot für Stalker, wie es etwa die Niederlande haben, ihr Leben erleichtern. "Wir brauchen ein Gesetz, um die Verfolgten zu schützen und den Tätern klare Grenzen zu setzten: Diese Strukturen können auch ihnen helfen, zu erkennen, was falsch ist." Ihr eigener Verfolger hat erst kürzlich wieder für Wirbel im Ort gesorgt. Als er sich in der Sparkasse nackt ausgezogen und um sich geschossen hat - "nur" mit Platzpatronen. Dann kam Wolfgang wieder einmal für ein paar Wochen auf die Psychiatrie. Jetzt wurde er schon im Dorf gesehen. Und die Frau, die er seit 15 Jahren verfolgt, weiß nicht, ob er morgen wieder vor ihrem Haus steht und auf sie wartet. *Namen von der Redaktion geändert. |
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