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"Die Angst bleibt"
PREMIERE  Dreieinhalb Jahre nach seiner spektakulären Container-Aktion vor der Staatsoper ist Christoph Schlingensief wieder in Wien: Am Burgtheater inszeniert er Elfriede Jelineks "Bambiland". Mit dem "Falter" sprach der Regisseur über frühe Kinoerfahrungen, geile Terroristen und Angst im Theater. WOLFGANG KRALICEK und KLAUS NÜCHTERN

Falter 49   Originaltext aus Falter 49/03 vom 03.12.2003

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Christoph Schlingensief, 43, ist in Wien spätestens seit Juni 2000 eine Berühmtheit. Im Auftrag der Wiener Festwochen errichtete der deutsche Regisseur und Aktionist damals neben der Staatsoper ein kleines Containerdorf, in dem nach dem Muster der Reality-Show "Big Brother" Asylanten um die Wette lebten. Die Aktion "Bitte liebt Österreicher" wurde zum Politikum: Rund um die Container wurde Tag und Nacht debattiert, die Krone schürte wieder einmal den Volkszorn, und die FPÖ forderte den Rücktritt von Kulturstadtrat Peter Marboe.
Der in Oberhausen geborene Schlingensief kommt vom Avantgardefilm; er war Assistent des deutschen Experimentalfilmers Werner Nekes und erregte in den Achtzigerjahren mit seinen trashigen Spielfilmen ("100 Jahre Adolf Hitler", "Das deutsche Kettensägen-Massaker") erstes Aufsehen. Nach ersten Theaterarbeiten an Frank Castorfs Volksbühne in Berlin ("Kühnen '94", "Rocky Dutschke, '68") verlegte sich Schlingensief zunehmend auf Aktionen im öffentlichen Raum: Unter anderem gründete er eine Bahnhofsmission, eine Arbeitslosenpartei ("Chance 2000") und eine Initiative für ausstiegwillige Neonazis. Zuletzt war Schlingensief Mitbegründer der Church of Fear, deren Pfahlsitzen-Wettbewerb eine der Hauptattraktionen der Kunst-Biennale in Venedig war.
Dreieinhalb Jahre nach der Container-Aktion arbeitet Schlingensief derzeit wieder in Wien; diesmal allerdings im vergleichsweise geschützten Raum des Burgtheaters. Auf der größten Bühne des Landes inszeniert er die Uraufführung von Elfriede Jelineks jüngstem Theatertext "Bambiland", Premiere ist am 12. Dezember. Der nichtszenische Text ist Jelineks - von der Aischylos-Tragödie "Die Perser" und Medienberichten gespeister - Kommentar zum Irakkrieg. Schlingensief, der Wunschregisseur der Autorin, hat noch nie einen fremden Text inszeniert - und wird das auch diesmal nur bedingt tun: "Bambiland" ist für Schlingensief Teil einer autobiografischen Trilogie, die mit "Atta Atta" im Jänner an der Volksbühne begonnen wurde und kommenden Februar in Zürich abgeschlossen werden soll.


Falter: Sind Sie als Elfriede Jelineks Danaergeschenk ins Burgtheater geschmuggelt worden, oder fühlen Sie sich eher als der Quoten-Anarcho für Burgtheaterdirektor Klaus Bachler?

Christoph Schlingensief: Als die Anfrage kam, hab ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Ich dachte nur: Klasse, ich würde hier unheimlich gerne was machen. Luc Bondy wollte ja, dass ich bei den Festwochen mit einem Omnibus durch die Stadt fahre. Aber ich fand es besser, wenn ich hier nicht wieder auf der Straße herumgröle.

Stimmt es, dass vier Burgschauspielerinnen aus der Produktion ausgestiegen sind?

Ja, und bei zwei davon sage ich: Es wäre schon gut, wenn die dabei wären.

Was war denn das Problem?

Einige hatten so diese Einstellung: Ich bin Schauspieler, ich habs gelesen, ich habs nicht verstanden - aber ich sprechs mal so, als hätte ichs verstanden. Und da habe ich gesagt: Das kanns nicht sein!

"Bambiland" ist unter anderem Teil der von Ihnen mitbegründeten Church of Fear. Was ist das genau?

Die Church of Fear ist eine Vereinigung von Terrorgeschädigten, die auch bereit sind zum Terror - aber natürlich macht es keiner. Da gabs diesen Typen in Amerika, der in ein Flugzeug stieg und zur Stewardess sagt: "Ich habe Angst." Darauf sie: "Sie brauchen keine Angst zu haben. Wir haben vier Triebwerke, das wird schon klappen." Sagt er: "Nein, ich habe Angst, weil ich nicht kontrolliert worden bin. Ich hab höllische Angst, dass gleich was ganz Schlimmes passiert." Daraufhin wurde die Maschine geräumt und der ganze Flughafen sechs Stunden gesperrt. Der Mann ist festgenommen worden, konnte aber nicht verurteilt werden, weil Angst kein strafbarer Tatbestand ist. Er hat das System durch Angstäußerung gesperrt.

Und der war von der Church of Fear?

Das war sozusagen der Gründer. Auf den berufen wir uns.

Und was hat das Ganze mit Jelinek zu tun? Kommt überhaupt noch Text vor?

Text kommt vor. Aber wenn man mir vorwirft, ich würde das Stück nicht inszenieren, hat man das Stück nicht gelesen: Das ist kein Stück, das ist ein Teppich. Was Einar Schleef (in seiner "Sportstück"-Inszenierung an der Burg, Anm. d.Red.) gemacht hat, diese Rhythmisierung, das ist schon genau der richtige Weg gewesen. Ich hab auch so einen Mini-Schleef-Chor drinnen. Und es gibt eine sehr starke filmische Ebene. Theater tritt für mich gerade wieder in den Hintergrund. Ich will wieder zum Film hin, weil ich mit Bildern viel mehr zu tun habe als mit der Analyse von Text. Das liegt mir nicht. Wenn ich ein Buch lese, lese ich das sicher sehr anders, als es in der Schule gefordert wird. Den Text von der Jelinek hab ich auch nicht verstanden, nur Teile daraus. Wenn die Leute jetzt immer von dieser "präzisen Sprache" der Jelinek reden, da frage ich mich immer: was denn für eine präzise Sprache? Das kann ich auch!

Haben Sie als Kind "Bambi" gesehen?

Ich fand "Dschungelbuch" immer besser. Großartige Lieder, die kann ich heute noch auswendig. Und dann bin ich schon in Katastrophenfilme gegangen. Den "Exorzisten" durfte ich nicht gucken, den hab ich im Foyer gehört - und als ich ihn dann gesehen habe, war ich enttäuscht. Mit 17 bin ich mal mit hochgestelltem Kragen in "Die 120 Tage von Sodom" gegangen, bin aber dann nach dreißig Minuten raus, weil ich glaubte, meinen Religionslehrer, Herrn Hildesheim, und meinen Griechischlehrer, Herrn Bauer, zu sehen. Ich weiß noch, dass ich mich beim Rausgehen zur Sicherheit demonstrativ entrüstet habe: "So ein Mist!" Eine Woche später bin ich dann aber noch mal rein.

Worin besteht der Konnex zwischen dem Text und dem, was Sie auf der Bühne zeigen?

Was schildert der Text? Den Irakkrieg und die Medien. Jetzt kann man sich darauf einlassen und sagen: Wir behandeln den Irakkrieg. Aber an den Krieg ist auf dieser medialen Ebene - all die Talkshows, all die Analysen - doch gar nicht ranzukommen! Da sind uns doch die Terroristen Lichtjahre voraus, im negativsten Sinne. Wir sind alle noch auf Menschenrechtskonventionen aus, wir wollen die Moral, und wenn wir sie nicht haben, dann spielen wir sie.

Ist doch okay.

Ja, aber die Katastrophe des 11. September ist schon in meinem Kopf gewesen, bevor sie passiert ist - nicht mit den Zwillingstürmen, aber mit dem Europahaus in Oberhausen, das ist ein Hochhaus mit zwanzig Stockwerken. All diese Sachen sind irgendwie schon da. Ich hab vor dem Fernseher gesessen und sah den ersten Einschlag in der Wiederholung. Da dachte ich: Fliegen ist auch nicht mehr sicher, das lassen wir lieber. Dann der zweite Einschlag. Da bin ich mal kurz hoch: Was ist das? Aber man darf nicht hingehen und sagen, jetzt bebildere ich das. Diese Oberfläche - der Jelinek-Text, der Irakkrieg - steht für mich gar nicht im Vordergrund. Was ich an Schreckensbildern oder Obsessionen in mir habe - das waren immer die stärksten Stellen in meinen Sachen.

Im Sommer inszenieren Sie "Parsifal" in Bayreuth. Ist das Burgtheater eine Vorstufe dazu?

Ich hab immer wieder Wagner in meinen Arbeiten verwendet. Und es gibt ein Interview vor zweieinhalb oder drei Jahren, da hab ich gesagt: "Ich weiß, dass ich ganz sicher mal am Grünen Hügel landen werde." Aber ich kann mir in Bayreuth nicht das leisten, was ich mir hier leiste. Da muss ich alle jetzt schon enttäuschen. Ich kann da nicht sagen: Wir setzen jetzt mal kurz mit der Musik aus, ich zeig 'nen Film. Gott sei Dank hab ich den "Parsifal" bekommen und nicht "Tannhäuser" oder "Rienzi". Dieser Erlösungsgedanke ist mir wichtig.

Haben Sie etwas Messianisches an sich?

Nö. Aber ich staune immer, wie viele Leute Messias spielen und wissen, wie es geht. Deshalb gucke ich da genau hin - wo die diese Einbildung hernehmen. Ein Messias ist nicht einer, der uns ins Ohr trötet, wie es läuft. Auch das Christentum ist ja so ein Stille-Post-Unternehmen.

Aber vor drei Jahren sind Sie auch auf dem Container bei der Oper gestanden und haben getrötet.

Ich muss ehrlich sagen, dieser Container war doch ein Zufallsprodukt, das mit der Krone und allem Drum und Dran plötzlich gut funktioniert hat. Aber hat es die Welt verändert? Ist die FPÖ weg?

An sich schon.

Das wusste ich nicht. Aber es geht nicht darum, ein Ziel zu erreichen - und dann ist die Glückseligkeit ausgebrochen. So was gibts eben nicht. Selbst in Beziehungen ist es doch so: Alles läuft - und dann fängst du plötzlich an, daran zu kratzen. Warum, wenn es doch so toll ist? Dieser Wahn, dass Theater ein Ergebnis haben muss - und am Ende gehen wir alle aus der Burg und sagen "Nie wieder Krieg". Es ist aber trotzdem was da drin, das ist was Rituelles: Das ist ein anderer Weg, und den kann man kaum noch vermitteln. Den gesteht man eher einem Terroristen oder einem Politiker als einem Künstler zu. Obwohl: Dass Terroristen das aus Geilheit machen, kommt ja auch nirgendwo vor.

Terroristen handeln aus Geilheit?

Stellt euch mal vor, wir drei haben das jetzt besprochen, die Beine sind rasiert, das Genital parfümiert - und dann rasen wir mit einem Jumbojet ins Parlament. Dann muss es da doch irgendetwas geben, das mich da hin treibt, mich über mich selber hinaus potenziert - über den Menschen hinaus, der normalerweise sagt: Auf die Bremse steigen, Sicherheitsgurt anlegen! Auf dem Weg zum Flughafen haben die sich wahrscheinlich noch angeschnallt.

Die Church of Fear ist nicht nur eine Reaktion auf den internationalen Terrorismus, sondern auch eine Antwort auf das Krisengerede in Deutschland. Lässt sich das auf Österreich übertragen?

Ich hab gehört, dass jeder von euch 6000 Euro auf dem Konto hat. Wir haben Minus.

Trotzdem ist auch bei uns Sparen angesagt.

Das ist das Komische. In Fritz Langs Film "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" heißt es: "Die Seele der Menschen muss in ihren tiefsten Tiefen verängstigt werden durch scheinbar sinnlose Verbrechen, die nur den einen Zweck haben, nämlich Angst und Schrecken zu verbreiten." Und wenn du als Regierung nicht einfach mal den Kölner Dom in die Luft sprengen kannst, musst du halt sagen: "Katastrophe - keine Experimente!" Wenn der Staat Angst verbreitet, dann kann er wunderbar agieren. Theater ist ja auch eine Institution, die viele Leute von der Straße weghält. Es kann ja nicht im Interesse des Staates sein, wenn wir den Quatsch, den wir hier machen, auf der Straße machen. Aber hier wird keine Revolution ausbrechen. Dass die Leute in der Pause rausrennen und eine Revolution beginnen, das gibts nur in Georgien. Bei uns gibts nicht mal eine Pause.

Gehen Sie raus, wenn Sie sich im Theater langweilen?

Ich bleib schon sitzen. Das war damals in der Messe ja auch nicht möglich. Aber ich gehe nur noch ganz selten in die Kirche. Geht ihr noch, ihr seid doch katholisch, oder?

Nein, wir sind beide Protestanten.

Da geht man gar nicht?

Wir sind lauwarme Protestanten. Aber noch nicht ausgetreten.

Ich bin auch noch nicht ausgetreten. Ich hab auch das Gefühl, dass ich da manchmal gerne reingehe. In letzter Zeit vielleicht nicht so, aber andere gehen gerne rein - da finanziere ich das jetzt mit, damit die mir das später dann finanzieren. Ich war im Sommer in Nepal, und es hat mir schon zu denken gegeben, dass meine Heiligen auf einmal alle weg waren: Dort gibt es hundert Götter und tausend Heilige - und meine waren komplett funktionslos. Meine Muttergottes, die Heiligen Drei Könige waren weg! Erst auf dem Rückweg in der Thai-Air-Maschine waren die wieder da. Vor dem Abflug gibts bei mir immer so Stoßgebete: "Heiliger Christophorus, sei unser Reisegefährte! Mutter Maria, bitte für uns jetzt und in der Stunde unseres Todes, amen! Jesus Christus, vergib mir meine Sünden! Lieber Gott, ich lege mein Leben in deine Hände!"

Das beten Sie jedes Mal?

Da gibts viele Variationen, das ist wie ein Ritual. Und wenn ich abgelenkt werde, muss ich nochmal von vorne anfangen, sonst gilt das nicht. Das kommt noch aus dieser Messdienerzeit.

Wollen Sie die Angst nehmen, oder hat Angst auch etwas Gutes?

Die Angst ist ja da. Zum Beispiel hat Focus jetzt ein Heft rausgebracht: "Das Knie." Ich habe gesehen, wie Helmut Markwort im Fernsehen sagt: "Das Knie ist der empfindlichste Teil des Menschen. Wir haben eine Liste von allen Ärzten zusammengestellt, die Knieoperationen machen." Da habe ich sofort gedacht: "Das kauf ich mir." Dabei hab ich überhaupt nix am Knie! Als ein Element, das Skepsis auslöst, finde ich die Angst wunderbar. Angenommen, du sagst zu einem Politiker: "Ich würde Sie gern wählen, aber ich hab einfach Angst. Es geht nicht." Da würden die alle nervös werden! Die Angst bleibt. Du kannst sie mit Alkohol absaufen lassen. Aber morgen ist sie wieder da.

Ist das Theater nicht auch ein Ort, an dem man gemeinsam mit anderen Menschen Angst haben kann - und dadurch beruhigt wird?

Ich könnte nicht sagen, wann ich mich das letzte Mal im Theater geängstigt habe. Da hab ich höchstens Angst, dass ich husten muss. Oder dass es fünf Stunden dauert. Aber sonst? In Bayreuth hab ich jetzt eine Frau gesehen, die gekotzt hat - das war auch schlimm. Die hatte in der Pause wohl so einen Fischteller für dreißig Euro gegessen - und dann so eine Ladung abgelassen! Die ist dann aber nicht den kürzesten Weg raus, sondern hat links und rechts noch alle angereihert. Und die haben das nur so abgewischt und sind sitzen geblieben. Wann ist man schon mal in Bayreuth? Da wartet man sieben Jahre, damit man dann angekotzt wird.


"Bambiland" im Burgtheater: Premiere am 12.12., 19.30 Uhr; nächste Vorstellungen am 14., 15. und 17.12. Information: www.burgtheater.at bzw.
Tel. 514 44-4140.

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Dezember 2003 © FALTER
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