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Lichter, Ketten & Kometen
WEIHNACHTEN  Die festliche und umsatzfördernde Beleuchtung der Einkaufsstraßen ist gerettet: Die Stadt übernimmt die Hälfte der Kosten. Auch viele Privathaushalte gönnen sich den ganz persönlichen Lichterglanz zu Weihnachten und machen Vorgarten, Balkone und Fenster zum Kitschparadies. CHRISTOPHER WURMDOBLER

Falter 49   Originaltext aus Falter 49/03 vom 03.12.2003

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Am Kohlmarkt konnten es die Verantwortlichen offenbar nicht erwarten: Tausende kleine Glühbirnchen über dem feinen Pflaster funkelten bereits ein paar Tage vor dem offiziellen Start der Weihnachtszeit um die Wette. Spätestens am ersten Adventsamstag aber leuchteten dann auch in den übrigen 34 Wiener Einkaufsstraßen Sterne, Lichtbögen und Kometen.
Ob man es nun mag oder nicht, die festliche Illuminierung des öffentlichen Raums gehört zur Vorweihnachtszeit wie das Aufstellen von diversen Christbäumen ("gewidmet von Ihrem Bezirksvorsteher"), Punschhütten mit heiterer Kundschaft und das Klingeln der Kassen. Auf Letzteres hoffen jedenfalls die Geschäftsleute und lassen sich die elektrische Stimmungsmache einiges kosten: Knapp 600.000 Euro werden für den Spaß mit den Glühlampen jährlich ausgegeben, Stromkosten, Instandhaltung und Lagern inklusive. Seit heuer beteiligt sich die Stadt Wien verstärkt an dem Lichterzauber und trägt die Hälfte der Kosten, früher waren es gerade einmal zehn Prozent.
Jede Einkaufsstraße ist für ihren Adventsschmuck selbst verantwortlich, organisiert die Montage und wählt das Design aus. Dass sich die Stadt mehr am Extralicht beteiligt, war seit langem eine Forderung der Wirtschaft. "Warum sollten die Einkaufsstraßen für die Beleuchtung der Stadt allein bezahlen", meint Helmut Mondschein von den Wiener Einkaufsstraßen. Als ob die Stadt sonst dunkel bliebe. Bislang sei immer die Wirtschaftskammer eingesprungen und habe die Weihnachtsbeleuchtung mitfinanziert, erzählt Mondschein. Regelmäßig haben die Kaufleute gedroht, auf die Lichterketten zu verzichten, falls die Stadt sich nicht beteilige. Und auch manchen Geschäftsleuten ist das Weihnachtslicht zu kostspielig: Die Extraabgaben dafür sorgen regelmäßig für Hochspannung in den Kaufleutevereinen.
Zu viele Köche verderben den Brei", umschreibt Schuhhändler Kurt Weidner, Obmann der Kaufleute der Landstraßer Hauptstraße, den Entscheidungsprozess rund um die neue Illuminierung seiner Einkaufsstraße vor vier Jahren. Entschieden hat man sich dann schließlich für eine "klassisch-elegante Version", die dank Umflechtung mit künstlichem Tannengrün auch tagsüber gut sichtbar ist. Jetzt sind alle zufrieden und verzichten mag Geschäftsmann Weidner auf die stimmungsvolle Straßendekoration sowieso nicht mehr. Dafür nennt er auch den Grund: "Licht zieht Motten an, wo viel Licht ist, ist auch viel Kundschaft."

Ein Santa hängt am Glockenseil. Zwar nicht extra beleuchtet, aber gut sichtbar hat sich - vor allem am Stadtrand - der Nikolo-Einbrecher als ganz privater Beitrag zur allgemeinen Weihnachtsdekoration durchgesetzt: Lebensgroße Weihnachtsmänner aus Kunststoff, die, an Seilen hängend, Hausfassaden erklimmen. An manchen Einfamilienhäusern an der Wiener Peripherie hängt gleich ein ganzes Rudel davon. Doch auch weniger Betuchte schmücken Fenster und Balkone und zeigen, was sie haben. Lichtervorhänge am Gemeindebau, Hunderte von funkelnden Glühlampen, Rentierschlitten, Schneemänner am Wohnzimmerfenster. Oder auch ein Santa Claus, der blinken kann.
In den Geschäften finden Lichterketten und beleuchtete Motive reißenden Absatz. "Der Umsatz mit diesen Artikeln steigt seit Jahren kontinuierlich", bestätigt auch Günther Koglgruber von der Heimwerkermarktkette Bauhaus. "Die Leute wollen ihr Eigenheim festlich schmücken, wollen sich vermehrt nach außen hin repräsentieren." Darum geht es also. "Wenn man einmal damit anfängt, kauft man jedes Jahr mehr", meint eine Kundin, die gerade bei Obi Lichterseile in den Einkaufswagen packt, wetterfeste Kunststoffschläuche mit leuchtendem Innenleben. Sie habe eine Zeitschaltuhr installiert, und wenn sie von der Arbeit nach Hause käme, würde ihr Haus schon "so heimelig" ausschauen, erzählt die Frau.
Eine gediegene Villengegend über Grinzing. Santas an der Fassade und illuminierte Weihnachtsbäume im Vorgarten sind hier eher eine Seltenheit. Ein Haus "Am Himmel" strahlt jedoch so, als ob man es auch noch vom Weltraum aus sehen soll. Der Balkon ist über und über mit Minilichtern behängt, an der Türe ein Adventskranz und der hohe Nadelbaum im Vorgarten gleicht einer beleuchteten Raketenabschussrampe: Wer hier wohnt, liest definitiv zu viele Einrichtungsmagazine und die Stromrechnung spielt offenbar auch keine Rolle. Da wird repräsentiert, was das Zeug hält.
Auch die Geschäftsleute bemühen sich um Repräsentation. Den jeweiligen Einkaufsstraßen wollen sie mittels Weihnachtsbeleuchtung ein eigenes Profil verleihen. Acht Kilometer Lichtgirlanden hängen heuer im öffentlichen Raum, von den Motiven her hat sich in Wien seit Jahrzehnten nicht viel verändert. Einigermaßen neu ist gerade das elegante Lichtermeer über dem Kohlmarkt. Doch die zu spießigen Reisig-Duschen mutierten Straßenlaternen samt "größtem Adventkranz der Welt" am Graben, die Kometen über der Kärntner Straße oder die eher muffig-biederen Lichtbögen mit "Kirche im Dorf"-Darstellungen über der Mariahilfer Straße wirken reichlich ideenlos. Spannendes Design leistet sich keine der 35 Wiener Einkaufsstraßen, verzückte Ahs und Ohs ruft hier wohl keine Dekoration hervor.
Das bedauert übrigens auch Einkaufsstraßen-Auskenner Helmut Mondschein. Gefragt nach seiner Lieblingseinkaufsstraße in Sachen Festbeleuchtung außerhalb Wiens, fallen ihm die 5th Avenue in New York und der Berliner Kurfürstendamm ein, wo die Straßenbäume mit Hunderttausend Glühlampen bestückt werden. "Die Herrengasse in Graz ist auch sehr schön beleuchtet", erzählt Mondschein. In der Noch-Kulturhauptstadt werden Hausfassaden jetzt mit buntem, bewegtem Licht angestrahlt. Weihnachtlich ist das nicht gerade. Repräsentativ aber schon. Und möglicherweise fördert das ja den Umsatz vorm Fest.

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Dezember 2003 © FALTER
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