Das alte Schauspielhaus schlägt zurück: Nach dem Theater in der Josefstadt, wo seit September Hans Gratzer Direktor ist, wird nun auch das Volkstheater von einem Regisseur übernommen, dessen Name eng mit dem Schauspielhaus der Siebziger- und Achtzigerjahre verbunden ist: An dem von Gratzer gegründeten und geleiteten Theater in der Porzellangasse feierte der junge Schauspieler Michael Schottenberg mit den Musiktheaterinszenierungen "Piaf" (1982) und "Rocky Horror Show" (1983) erste Erfolge als Regisseur.
"Wien braucht ein sinnliches, witziges, erotisches, intelligentes und freches Theater", schwärmt Schottenberg unmittelbar nach der Bestellung im Falter-Siegerinterview. "So ein Theater hat ganz früher der Hans Gratzer im Schauspielhaus gemacht. Das war ein Ort, wo man gerne hinwollte. Und das soll jetzt das Volkstheater werden." Als am Dienstag dieser Woche endlich bekannt gegeben wurde, dass Michael Schottenberg im Herbst 2005 die künstlerische Leitung des Wiener Volkstheaters übernehmen werde, war die Überraschung nicht mehr allzu groß. Der 51-jährige Wiener war der Favorit gewesen - zumindest in den letzten 48 Stunden vor der Bekanntgabe der Entscheidung am Dienstag dieser Woche.
Seine schärfste Konkurrentin, die Schauspielerin Andrea Eckert, hatte am Samstag ihre Kandidatur zurückgezogen. "Da mir glaubhaft bekannt wurde, dass im Fall meiner Bestellung als Direktorin des Wiener Volkstheaters Staatssekretär Morak die Subventionen des Bundes für das Theater entscheidend verringern oder gänzlich streichen würde, ziehe ich meine Bewerbung für das Amt der Direktorin zurück", ließ Eckert via APA wissen. "Es hätte nicht den geringsten Sinn, diese schwierige Position unter budgetären Umständen anzutreten, die mein Team und mich in jedem Fall zum Scheitern verurteilen würden."
Eckert war signalisiert worden, dass sie keine Chance mehr habe - und trat daraufhin die Flucht nach vorne an. Dahinter steckt aber mehr als die beleidigte Reaktion einer enttäuschten Kandidatin: Offensichtlich ist es in Wien tatsächlich nicht mehr möglich, gegen den Willen von Staatssekretär Franz Morak (ÖVP) einen Posten zu besetzen. Zwar trifft im Fall des Volkstheaters letztlich der Kulturstadtrat die Entscheidung; aber vierzig Prozent der Subventionen (11,2 Millionen Euro) trägt der Bund - und dass das nicht unbedingt so bleiben muss, hat erst vor einigen Monaten die überfallsartige Streichung der Bundesmittel für die Wiener Festwochen bewiesen (wobei der Bundesanteil in diesem Fall bloß vergleichsweise marginale 2,7 Prozent betrug).
Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) möchte Eckerts Rücktrittsbegründung nicht näher kommentieren, bestätigt aber grundsätzlich die Situation: "Für die Finanzierung des Volkstheaters sind zwei Theatererhalter zuständig, und es liegt letztendlich in meiner Verantwortung, dass die Finanzierung des Hauses auch in Zukunft gesichert ist. Insofern war auch die Zustimmung von Staatssekretär Morak wichtig." Dass das Volkstheater und die Josefstadt von Stadt und Bund gemeinsam finanziert werden, ist nichts Neues; bisher sei es bloß nicht weiter aufgefallen, "weil der rote Kunstminister sich nicht dafür interessiert hat, wen der rote Kulturstadtrat besetzt". Mailath dementiert, dass Eckert seine "Wunschkandidatin" gewesen sei. "Sie war für mich im engeren Kreis, aber wenn die Zustimmung von beiden Seiten nicht zu erreichen ist, kann das nicht funktionieren."
Die Diskussion um die Nachfolge der Langzeitdirektorin Emmy Werner, die seit 1988 im Amt ist, begann vor etwa anderthalb Jahren. Zunächst hatte Mailath-Pokorny noch von einer spektakulären Lösung mit einem internationalen Starregisseur geträumt; aber alle, die er für das Volkstheater begeistern wollte - darunter der kompromisslose Kärntner Martin Kus?ej und der verträumte Schweizer Christoph Marthaler - winkten dankend ab. In den letzten Monaten waren dann nur noch Lokalmatadore im Gespräch: Neben Andrea Eckert und Michael Schottenberg wurde regelmäßig auch der dem Volkstheater biografisch eng verbundene Paulus Manker (Vater Gustav war bis in die Siebzigerjahre Direktor, Mutter Hilde Sochor ist die Grande Dame des Hauses) genannt, zuletzt brachte sich auch der Wiener Regisseur Stephan Bruckmeier (Theater Rampe Stuttgart, Donaufestival) ins Spiel.
Wenn es stimmt, dass Eckert tatsächlich Mailath-Pokornys Favoritin war - dafür spricht unter anderem, dass er sich für den Posten ausdrücklich eine Frau gewünscht hatte -, dann haben sich sowohl der Stadtrat als auch die Kandidatin verspekuliert. Eckert hatte ganz auf die SPÖ-Karte gesetzt, ihre Beziehungen zu einflussreichen Freunden (mit André Heller angefangen) spielen lassen und es sich damit vermutlich endgültig mit Morak verscherzt; für die Schauspielerin, die sich als Moderatorin der "Nestroy"-Gala voriges Jahr regierungskritisch geäußert hatte, gab es im Bundeskanzleramt nicht einmal einen Gesprächstermin. Mailath wiederum hat sich mit dem von ihm entworfenen Entscheidungsprocedere selbst gefesselt - um dann verblüfft festzustellen, dass ihm die Hände gebunden sind. Erstens wurde die Stelle - was der Stadtrat zum Prinzip erhoben hat - ausgeschrieben; zweitens wurden die Bewerbungen dann vom formalrechtlich zwar zuständigen, aber fachlich weitgehend inkompetenten Vorstand des Volkstheater-Stiftungsrats beurteilt.
Bis zum Ende der Einreichfrist, am 15. November, waren 33 Bewerbungen eingetroffen. Acht Kandidatinnen und Kandidaten - darunter Bruckmeier, Eckert, Manker und Schottenberg sowie das Grazer Theater im Bahnhof, das sich als Kollektiv beworben hatte - wurden zu so genannten "Hearings" eingeladen. Der Begriff Hearing (Anhörung) muss in diesem Fall wörtlich verstanden werden: Ernsthafte Gespräche über die eingereichten Konzepte waren schon deshalb nicht möglich, weil den Bewerbern drei theaterfremde Herren gegenübersaßen: Neben Kulturamtsleiter Bernhard Denscher sitzen der Hotelier Peter Kremslehner (Hotel Regina) und der Arbeiterkammer-Jurist Otto Farny (Leiter der Abteilung Steuerpolitik) im Stiftungsrats-Vorstand des Volkstheaters.
Der frühere Falter-Redakteur Roland Koberg, der jetzt Dramaturg am Deutschen Theater Berlin ist und sich mit Andrea Eckert um das Volkstheater beworben hatte, war nach dem Hearing fassungslos: Statt sich mit dem in monatelanger Arbeit ausgetüftelten Konzept auseinander zu setzen, wurde im Stiftungsrat bloß eine Liste formaltechnischer Fragen ("Und Sie würden dann auch tatsächlich fünf Jahre für dieses Amt zur Verfügung stehen?") abgehakt. "Die drei Un-Experten konnten weder mit Namen noch mit Strukturvorschlägen etwas anfangen", erinnert sich Koberg. "Und tatsächlich haben sie keine einzige Frage gestellt, aus der hervorgegangen wäre, dass sie Andrea Eckerts Konzept auch nur gelesen haben."
Verdächtig auch die Fragen nach dem kaufmännischen Direktor Rainer Moritz, dessen Vertrag zwei Jahre länger als der von Emmy Werner läuft. Dass die Kandidatin gewillt ist, mit Moritz zusammenzuarbeiten, schien den Herren wichtiger zu sein als die Frage, wie aussichtsreich es ist, ein Reformkonzept mit jemandem umzusetzen, der für den Status quo wesentlich verantwortlich ist. Aus diesen Eindrücken wird ein weiteres Problem deutlich: Der Stiftungsrat - der vor einigen Jahren eingesetzt wurde, um das Volkstheater aus dem Einflussbereich des ÖGB zu bringen - vertritt offenbar zuerst die Interessen der amtierenden Leitung. Der neue Volkstheaterdirektor musste also nicht nur Mailath und Morak in den Kram passen, sondern auch Emmy Werner zu Gesicht stehen.
Nachdem sich die Herren auf ihre Weise ein Bild gemacht hatten, waren nur noch zwei Kandidaten übrig: Dem Vernehmen nach hatten Bruckmeier und Schottenberg beim Stiftungsrat den besten Eindruck hinterlassen. Mailath traf eine Entscheidung, holte sich im Staatssekretariat das Okay - und Schottenberg war designierter Volkstheaterdirektor. Der Vorgang erinnert an eine Standardsituation aus dem Western: Nach einer wilden Schießerei bleibt einer übrig - Last Man Standing.
"Er ist der Vollblut-Theatermann, den dieses Theater braucht", begründet Mailath-Pokorny die Ernennung. "Er ist so etwas wie ein moderner Prinzipal. Jung genug, was Neues zu wagen - und reif genug, um die nötige Erfahrung mitzubringen." Tatsächlich blickt Schottenberg, der am Mozarteum Schauspiel studierte, auf eine vielseitige Karriere zurück. Nach der Schauspielhaus-Zeit gründete er die freie Gruppe Theater im Kopf, mit dem er in einem Zirkuszelt vor der Votivkirche "Der Widerspenstigen Zähmung" und "Peer Gynt" inszenierte. Schottenberg und seine prominente Truppe wollten damals beweisen, dass Theater profitabel sein kann, und verzichteten auf Subventionen - entsprechend oberflächlich waren dann auch die Ergebnisse.
Nach einer mehrjährigen Theaterpause, in der er - wenig überzeugend - für Kino ("Caracas") und Fernsehen ("Landläufiger Tod") arbeitete, wandte er sich Mitte der Neunzigerjahre wieder dem Theater zu: Er inszenierte am Schlosspark-Theater in Berlin und am Wiener Volkstheater (zuletzt "Der Talisman", 2001) und brachte in der Kulisse die Sozialkomödie "Das Wunder von Hernals" auf die Bühne. Seine jüngste Theaterarbeit war die vom Klagenfurter Stadttheater und dem Wiener Metropol heuer produzierte Bühnenfassung der Lubitsch-Komödie "Sein oder Nichtsein" (Titel: "Noch ist Polen nicht verloren").
Verglichen mit dem exzentrischen Paulus Manker und der mondänen Andrea Eckert ist Schottenberg die unspektakulärste - der Papierform nach vielleicht auch unspannendste - Wahl. Als Regisseur ist er außerhalb Wiens keine große Nummer und stilistisch wohl auch nicht stark genug, um ein Haus entscheidend zu prägen. Auf der anderen Seite hat er bewiesen, dass er ein talentierter Macher und ein leidenschaftliches Theatertier ist - und er scheint für die neue Aufgabe ebenso zu brennen wie seine Mitbewerber.
"Er ist kein Kompromisskandidat!", beteuert Andreas Mailath-Pokorny, der in Sachen Direktorenbesetzung immerhin Fortschritte macht. Zuletzt, beim Theater in der Josefstadt, hatte sich die von Mailath einberufene Expertenjury für Hermann Beil ausgesprochen - der dann aber ablehnte. Michael Schottenberg wird sein Amt antreten.
MICHAEL SCHOTTENBERG
"Ich bin der Räuberhauptmann"
Der designierte Volkstheaterdirektor Michael Schottenberg wurde vom Falter unmittelbar nach der Entscheidung zum Siegerinterview gebeten.
Falter: Wie haben Sie denn selbst Ihre Chancen eingeschätzt?
Michael Schottenberg: Das hab ich überhaupt nicht abschätzen können. Ich hab mir gedacht, ich überlege mir was, schreibe das auf und gebe es ab - mehr kann ich nicht tun. Ich habe keinen Wahlkampf geführt.
Und was haben Sie sich für das Volkstheater ausgedacht?
Ich möchte es eindeutiger, schärfer positionieren gegenüber den anderen Bühnen. Man sollte wissen, wofür das Volkstheater steht. Drei Säulen nehme ich mir vor. Erstens: Das Volkstheater muss eine ganz klare Position vertreten. Es muss Partei nehmen für Dinge dieser Stadt. Zweitens: Es soll ein Ensembletheater mit einem scharfen Schauspielerprofil sein. Drittens: Das fixe Ensemble soll zum Großteil aus sehr jungen Leuten bestehen, die ich zum Beispiel vom Reinhardt-Seminar hole und die dann alle drei Wochen Produktionen machen. Ich träume von einem Labor. Und dafür wäre so ein Stock von jungen, begabten Leuten wunderbar, durchsetzt mit Könnern.
An wen denken Sie da?
An die Leute, mit denen ich schon seit Jahren zusammenarbeite. Wolfram Berger, Heribert Sasse, Michou Friesz - ich kenne viele, die gerne miteinander arbeiten wollen. Ich weiß, dass die darauf warten.
Was soll aus dem Volkstheater in den Außenbezirken werden?
Den Auftrag der Außenbezirke würde ich einerseits ernster nehmen: indem man tatsächlich dorthin geht, wo es brennt, an den Schauplatz. Da machen wir ein, zwei Projekte im Jahr, mit dem Hubsi Kramar oder so, die man dann auch spürt in den Bezirken. Es kann nicht der Sinn sein, dass man dort für ältere Damen ein Stück von John Steinbeck spielt, das sie eh nicht verstehen.
Das wird aber einen Aufstand geben. Die wollen doch genau das!
Moment, es gibt ja noch eine zweite Schiene für die Außenbezirke: Die kriegen in kleiner, aber schönster Form sieben, acht Mal im Jahr eine musikalische Vorstellung geboten, von den Andrew Sisters bis Sammy Davis oder Piaf. Darüber hinaus wird es zwei Busse geben, mit denen die Leute dann ins Theater gefahren werden.
Braucht das Volkstheater eine zweite, kleinere Bühne?
Unbedingt. Man kann ja nicht jedes Stück auf dieser Riesenbühne spielen. Ich träume von der jetzigen Probebühne in der Margaretenstraße: ein leerer Raum, ein paar Sessel, und die Schauspieler reißen selber die Karten ab - so, wie wirs damals mit dem Theater im Kopf im Zelt gemacht haben. Ich finde, so ein Feeling gehört in dieses Theater rein. Es muss ein Neuanfang her, und der kann nicht bunt und witzig und frech genug sein.
Sie haben ja schon öfter am Volkstheater gearbeitet, kennen das Haus. Wie groß ist der Reformbedarf?
Wahnsinnig groß. Das geht bei den Sparlampen und der tristen Außenbeleuchtung los. Da sind noch so viele Dinge, die an DDR und Arbeiterkammer erinnern! Wien braucht ein sinnliches, witziges, erotisches, intelligentes und freches Theater. Das ist weder die Josefstadt noch das Burgtheater, das braucht es. So ein Theater hat ganz früher der Hans Gratzer im Schauspielhaus gemacht. Das war ein Ort, wo man gerne hinwollte. Und das soll jetzt das Volkstheater werden.
Was treibt Sie überhaupt dazu, Direktor zu werden?
Als Theaterdirektor ist man der Räuberhauptmann einer verschworenen Bande. Man kann Träume verwirklichen, und man kann ein Theater fliegen lassen.
Welche Regisseure sollen am Volkstheater arbeiten?
Auf jeden Fall der Manker, wenn er will. Aber ich glaube, es hat nicht viel Sinn, den Thalheimer, den Nübling oder den Kus?ej anzusprechen. Die kann ich mir nicht leisten. Ich glaube, ich muss jetzt die Thalheimers und Nüblings von übermorgen finden. Ich denke aber auch an Filmregisseure. Warum inszeniert der Ulrich Seidl in Berlin sein erstes Theaterstück? Das finde ich jammergrottenschade. Der arbeitet so genau mit Schauspielern, das ist so ein Vergnügen, die anzuschauen! Oder die Barbara Albert, da sind die Schauspieler so hervorragend!
Ein Theatertalent?
Absolut - sie muss ja nicht gleich die "Räuber" auf der großen Bühne inszenieren.
Andrea Eckert hat ihre Bewerbung mit der Begründung zurückgezogen, dass Franz Morak sonst die Bundessubventionen gestrichen hätte. Spricht es gegen Sie, dass Morak für Sie ist?
Es könnte doch sein, dass das eine Behauptung ist, die nicht stimmt - dann würde sich die Frage gar nicht stellen. Ich bin doch das lebende Beispiel dafür, dass es diesmal nicht parteipolitisch ausgeschnapst wurde! Nicht weil ich mit Mailath und Morak so gut bin, sondern weil ich mich weder mit dem einen noch dem anderen je ins Bett gelegt habe. Ich behaupte, es war eine sachliche Entscheidung.
Interview: Wolfgang Kralicek
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