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| Parteigenosse Sindelar |
| ZEITGESCHICHTE Friedrich Torberg hat den Wunderteamfußballer Matthias Sindelar mit einem Gedicht zum Opfer des Nationalsozialismus gemacht. Jetzt sind just zu Sindelars 100. Geburtstag Dokumente aufgetaucht, die zeigen, dass der Fußballer 1938 im Zusammenspiel mit den Nazibehörden ein jüdisches Kaffeehaus geraubt hat. PETER MENASSE |
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Friedrich Torberg hat ihm nach dem Krieg ein literarisches Denkmal gesetzt. Mit seinem Gedicht "Auf den Tod eines Fußballers" machte er Matthias Sindelar zum großen Märtyrer, der keinen anderen Ausweg vor dem Nationalsozialismus wusste, als in den Selbstmord zu gehen: "Er war gewohnt zu kombinieren, und kombinierte manchen Tag. Sein Überblick ließ ihn erspüren, dass seine Chance im Gashahn lag." Tatsächlich ist Matthias Sindelar, der Mittelstürmer des einstigen österreichischen Wunderteams, am 23. Jänner 1939 in der Wohnung seiner Freundin Kamilla Castagnola an einer Rauchgasvergiftung gestorben. 1903 wurde Sindelar im mährischen Dorf Kozlov bei Jihlava geboren, die Familie zog, wie Zehntausende Tschechen auch, Anfang des 20. Jahrhunderts nach Wien, in den Arbeiterbezirk Favoriten. Der junge Mann begann seine Fußballkarriere beim Favoritner Klub Hertha, 1924 wechselte er zur Austria. Dort wurde er dann zum vergötterten Fußballstar, zu einem schon zu Lebzeiten legendären Helden für die von der Wirtschaftskrise und der instabilen politischen Lage schwer getroffenen Österreicher. Sindelar, der wegen seines schmächtigen Körpers der "Papierene" genannt wurde, spielte 56 Mal im Nationalteam, gewann mit der Austria zwei Mal den Mitropacup, den Vorläufer der europäischen Cupbewerbe, und galt in ganz Europa als Ästhet des Fußballspiels. Die Zeitungsmeldungen über die Todesursache des Fußballhelden waren zunächst so widersprüchlich, dass alle möglichen Spekulationen, von Unfall über Selbstmord bis hin zu Mord, die Runde machten. Besonders die Illustrierte Kronen-Zeitung erging sich in wüsten Spekulationen und berichtete zwei Tage nach Sindelars Tod, dass alle Anzeichen darauf hindeuteten, "dass dieser prächtige Mensch, dieser vorbildhafte Sportsmann das Opfer eines Giftmordes geworden ist". Am 27. Jänner meldete schließlich Das kleine Volksblatt, dass die Obduktion der Leiche eindeutig eine Vergiftung durch Kohlenoxydgase ergeben habe. Laut "Feuerschutzpolizei" sei ein Kamingebrechen der Auslöser der Tragödie gewesen. Dennoch hat sich das Bild von Matthias Sindelar als Opfer des Nationalsozialismus dank Torberg unter den vielen verschiedenen Spekulationen durchgesetzt. So schön das Gedicht vom "Kind aus Favoriten", das vom Leben nicht viel wusste und nur fürs Fußballspiel lebte, auch sein mag, es ehrt den Falschen. Gerade jetzt aufgetauchte Dokumente zeigen ein ganz anderes Bild des Mannes, der so gut kombinieren konnte. Matthias Sindelar hat im Zusammenspiel mit den Institutionen des Nationalsozialismus ein Kaffeehaus "arisiert" und den jüdischen Besitzer unter massivem Druck seines Eigentums beraubt. Das Kaffeehaus Annahof in der Laxenburger Straße 16 im Wiener Arbeiterbezirk Favoriten war bis zur Machtübernahme durch die Nationalsozialisten ein gut gehendes Lokal. Aus dem Protokoll eines Sachverständigen von 1938 im Auftrag der "Arisierungsstelle" geht hervor, dass sich je zur Hälfte jüdische und nichtjüdische Gäste bei Kaffee und Zeitung an den 37 Marmortischen trafen. Die großen Wohnhäuser in der Umgebung, ein Werk von BMW und ein Arbeiterwohnheim sorgten für viele Besucher. Noch im Jahr 1937 hatte der Besitzer Leopold Simon Drill mit seinem Betrieb einen Umsatz von umgerechnet 76.000 Reichsmark gemacht. Das entsprach einem Betrag von 114.000 Schilling, wobei ein kleiner Mokka damals etwa sechzig Groschen kostete. Bereits am 27. April 1938 setzte der "Staatskommissar in der Privatwirtschaft" einen langjährigen Parteigänger der NSDAP, Franz Roithner, als kommissarischen Verwalter ein. Die erste Maßnahme des Aufpassers bestand darin, "Ariern" den Besuch des Kaffeehauses zu untersagen. Das Kaffeehaus verlor damit zwar auf einen Schlag die Hälfte seiner Gäste, wurde aber in den nächsten Monaten immer mehr zum Treffpunkt der jüdischen Bevölkerung, die ihrerseits vom Besuch der meisten anderen Lokale ausgeschlossen war. In einem seiner Berichte stellte der Verwalter fest, dass der Geschäftsgang auch nach dem "Umbruch" sehr gut war. Dennoch trafen Mitte Juni 1938 zwei Anträge bei der "Arisierungsstelle" der Gast- und Schankgewerbe-Innung ein: Der "Kaufantrag" des Berufsfußballers Sindelar für das Kaffeehaus Annahof und die korrespondierende "Verkaufsanmeldung" des Cafetiers Drill. In den nächsten Tagen wurde der Antrag Sindelars um einige fehlende Dokumente ergänzt. Als Erstes brachte der Sohn tschechischer Einwanderer eine handschriftliche, eidesstattliche Erklärung bei, dass er "arischer" Abstammung sei. Als Nächstes folgte die Unterstützung der Partei: Zwar hatte Sindelar noch im Antragsformular in der Rubrik "Ist der Bewerber Parteimitglied?" mit Nein geantwortet, doch bereits zwei Wochen später erreichte die "Arisierungsstelle" ein Schreiben der "Kreisleitung IV der NSDAP-Gau Wien", in dem festgehalten wird, "dass gegen die politische Einstellung des Parteigenossen Matthias Sindelar keine Bedenken bestehen". Anders als im Torberg'schen Gedicht hatte der blonde Jüngling ohne viel Schnörkel den direkten Weg zum Tor gesucht. Auch der österreichische Fußballverband, umbenannt zu "Deutsche Reichsliga Gau 17 - Fußball", ersuchte die "Arisierungsstelle", "dem besonderen Wunsch des Reichssportführers nachzukommen und seinem Interesse an der Vormachtstellung des deutschen Sports zu entsprechen". Matthias Sindelar hatte alle Register gezogen und sich jedem Diktat gebeugt, um das Kaffeehaus des Leopold Drill zu übernehmen. Was aber hatte Drill bewogen, dem Verkauf seines gut gehenden Lokals zuzustimmen? Dazu wurde NU jetzt ein Dokument übergeben, das zeigt, wie Drill unter einen nicht zu ertragenden Druck gesetzt wurde. Der kommissarische Verwalter des Café Annahof verfasst am 9. August 1938 einen Schlussbericht, in dem er beschreibt, wie es ihm und den Nazibehörden gelang, Drill vom Verkauf zu überzeugen: "All mein Zureden, auch der mir zu Gebote stehende Druck, hatte keinen Erfolg. Erst durch die Aktion der Kripoleitstelle Ende Mai war es mir möglich, ihn endlich so weit zu bringen, den Verkaufsantrag einzubringen. Es wurde damals veranlasst, dass mehr als die Hälfte der jüdischen Gäste in das Konzentrationslager Dachau aus verschiedenen Gründen eingeliefert wurden. Unter ihnen war auch der Sohn des Besitzers, der in den letzten Jahren der eigentliche Geschäftsführer war." Leopold Simon Drill war am Ende. Am 3. August erschien er gemeinsam mit Matthias Sindelar und dem kommissarischen Verwalter Franz Roithner beim Notar, um den "Verkauf" zu fixieren. Als Preis wurden 20.000 Reichsmark vereinbart, von denen 5000 in kleinen Raten ab 1939 fällig wurden. Die restlichen 15.000 Reichsmark kamen auf ein Treuhandkonto, um "alle Schulden und Verpflichtungen des Verkäufers (...) nach den Weisungen der Devisenstelle (...) zu bezahlen". Drill wurde verpflichtet, seine Konzession zugunsten des Käufers zurückzulegen, und verzichtete "auf das Recht der Anfechtung wegen Verletzung über die Hälfte des wahren Wertes". Viel Chance auf Anfechtung hat Drill ohnehin nicht gehabt. Von den 15.000 Reichsmark hat er keinen einzigen Pfennig erhalten: "Arisierungsabgabe", plötzlich auftauchende Forderungen des Oberkellners, vom Verwalter nicht bezahlte Krankenkassenabgaben und andere dubiose Forderungen ließen den Betrag nicht nur hinschmelzen, sondern machten aus Drill einen verschuldeten Mann. Bald darauf wurde er nach Theresienstadt deportiert, und dort starb er. Sein Sohn wurde aus dem KZ Dachau nach Buchenwald verlegt, von dort 1939 entlassen, anschließend konnte er nach England fliehen. Nach Matthias Sindelars Tod im Jänner 1939 wurde seiner Mutter die Übernahme des Kaffeehauses untersagt. Der "Kreiswirtschaftsberater" der NSDAP klassifizierte Maria Sindelar als unzuverlässig: "Genannte ist Nationaltschechin, die für die Bewegung absolut nichts übrig hat. Sie war stets gegnerisch eingestellt, verteilt an tschechische Kinder Lebensmittel, ist eine große Egoistin, die nur auf sich bedacht ist. Einer Förderung durch den NS-Staat nicht würdig!" Just zum hundertsten Geburtstag von Matthias Sindelar muss seine Lebensgeschichte also umgeschrieben werden. Noch zu Pfingsten dieses Jahres wurde zu Ehren des vermeintlichen Antifaschisten ein Fußballturnier von Migrantenvereinen als Symbol für Antirassismus veranstaltet. Im September diskutierte dann der Wiener Gemeinderat auf Antrag der SPÖ über die Ehrengräber aus der NS-Zeit. Laut einem Rechtsgutachten des Magistrats sind Ehrungen aus dieser Zeit nicht gültig. Eine Historikerkommission unter Leitung des Wiener Restitutionsbeauftragten Kurt Scholz prüft derzeit, was mit den Gräbern zu geschehen hat. Wie auch immer die Verantwortlichen entscheiden werden - Matthias Sindelar war kein Ehrenvoller. Ob ihm das unter den herrschenden Bedingungen möglich gewesen wäre, soll hier nicht diskutiert werden. Zu gedenken gilt es wohl eher des Verlierers im Match gegen die Nazis und den Mittelstürmer Sindelar: "Das Tor, durch das er dann geschritten, lag dunkel ganz und gar, und still. Er war ein Kind aus Favoriten, und hieß Leopold Simon Drill." Dieser Text ist die leicht überarbeitete Version eines Artikels, der in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "NU" erschienen ist. |
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