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"Es wird zu viel geduzt"
LITERATUR  Der deutsche Kultautor Max Goldt liest dieser Tage in Wien. Mit dem "Falter" sprach Goldt über das Wetter, Fragen der Herzensbildung, unförmige Karaffen, österreichischen Kaffee, beige Anzüge und Ms. Krabappel. KLAUS NÜCHTERN

Falter 11   Originaltext aus Falter 11/04 vom 10.03.2004

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Max Goldt, Jahrgang 1958, erfreut sich einer breiten Fan-Gemeinde, sodass seine Lesungen in der Regel ausverkauft sind und seine Bücher, vielfach Sammlungen seiner Kolumnen für das Satiremagazin Titanic, im Handel bleiben, auch wenn die entsprechenden Verlage mittlerweile zugrunde gegangen sind. Auch im Falter hat Goldt schon publiziert. Aus Anlass seiner bevorstehenden Wien-Lesung gab er uns eines seiner seltenen Interviews.


Falter: Sie haben vor Jahren eine sehr verdienstvolle Kolumne gegen das ständige Genörgel über mangelndes Schönwetter geschrieben. Derzeit schneit es gerade in fetten Flocken. Anlass zur Freude, oder überwiegt selbst bei Ihnen schon die Wintermüdigkeit?

Max Goldt: Da ich gern zügig durch die Straßen gehe, ist das Einzige, was mich am Winter wirklich stört, Glatteis, insbesondere dessen plötzliche Form, das Blitzeis. Ich freue mich sehr auf das Frühjahr, auch wenn damit zu rechnen ist, dass es sehr rasch in einen so langen und monotonen Hochsommer wie 2003 übergehen wird.

Apropos monoton: Wenn man sich so durch die TV-Kanäle zappt, gewinnt man den Eindruck, dass Deutschland an der Kippe zum Dritte-Welt-Land steht.

Ich schaue seit 35 Jahren fern, und es wurde zu allen Zeiten so getan, als ob die jeweilige Regierung das Land stracks in den Ruin führt.

Wenn wir hier ein bisschen Fortschritts- und Zukunftsfreude entfachen wollten, was würden Sie ins Treffen führen?

Dass die Luft und die Gewässer in den letzten 25 Jahren deutlich sauberer geworden sind, gibt einem doch Anlass zu der Hoffnung, dass auch andere Probleme lösbar sind. In meiner Jugend dachte doch jedermann, dass wir spätestens ab 1980 alle nur noch mit Gasmasken auf die Straße gehen könnten.

Sie haben seinerzeit ein Plädoyer für gehaltvolles Zuhausebleiben gehalten, sind aber immer wieder auf Lesetouren, die sie auch ins benachbarte Ausland führen.

Das benachbarte Ausland heißt aber nur Schweiz. Österreich läuft, Wien vorsichtig ausgenommen, überhaupt nicht. Die Lesungen machen durchaus meistens Freude. Sie dienen auch der Weiterentwicklung der Texte, weil man mit zum Beispiel rhythmischen Mängeln unbarmherzig konfrontiert wird.

Wie wohnen Sie denn am liebsten, wenn Sie unterwegs sind?

In zentral gelegenen, prachtvollen alten Hotels mit geräumigen Zimmern und Bioprodukten auf dem Frühstücksbuffet. Komischerweise gibt es aber selbst in Fünfsternehotels meist nur Billigware vom Discountmarkt - besonders schlimm ist's beim Käse. Ärgerlich sind auch diese bäuerlichen Milchkannen nachempfundenen Behältnisse, wo in der klassischen Milch-Schrift "Frische Vollmilch" draufsteht - und dann sieht man eine Hotelkraft, die da zehn Tetrapaks anderthalbprozentiger H-Milch reinkippt.

Sind Ihre Lesungen schiere ökonomische Notwendigkeit oder macht es Spaß auch?

Bekäme ich kein Geld dafür, würde ich nicht auf Tour gehen. Das Geld ist eine ausgezeichnete Sache.

Sind Sie ein sparsamer Mensch?

Ich bin inzwischen recht großzügig, sogar gegenüber russischen Xylofonisten in der Fuzo. Da ich aber viele Jahre lang auf sehr kleinem Fuß gelebt habe, achte ich nach wie vor automatisch auf die Preise. Ich gehöre nicht zu der Sorte von Mann, die nicht weiß, was ein halbes Pfund Butter kostet.

Was ist für Sie der Inbegriff von Luxus?

Als anständiger Postmaterialist ist man ja quasi dazu verdammt, zu sagen, wahrer Luxus sei "Zeit haben" oder "Stille" oder "ein Abend mit guten Freunden". Wenn man das aber tut, sagt der Journalist: Was für eine abgedroschene, schauspielermäßige Antwort. "Sieben scharfe Schlitten voller scharfer Schnitten" kann man aber auch nicht sagen, das würde rapperhaft rüberkommen. Da sage ich eben: Ein zwanzig Quadratmeter großes Badezimmer mit zwei Fenstern - über so etwas gebiete ich seit einigen Jahren -, das ist Luxus. Oder in einer Wohnung zu leben, von der aus man zehn verschiedene indische Restaurants zu Fuß erreichen kann. Ich empfinde aber auch meine eigenen Texte als luxuriös, da sie mit einem gewissen sprachgestalterischen Aufwand gearbeitet sind.

Haben Sie überhaupt noch einen Überblick, wie viele Ausgaben Ihrer Bücher es gibt?

Natürlich. Vor ein paar Jahren gab es zwei schlampige Best-ofs im Haffmans-Verlag, aber nur für ganz kurze Zeit, der Verlag hat sie mit in sein feuchtes Grab gerissen. Seit letztem Herbst gibt es eine sehr gute Best-of-Zusammenstellung bei Rowohlt. Und die Taschenbücher, die Haffmans an den außerordentlich widerwärtigen Heyne-Verlag verschachert hatte, erscheinen jetzt nach und nach neu bei rororo. Das ist alles ganz übersichtlich. Ich bin ja leider ein ausgesprochener Wenigschreiber. Alexander Fest, der Chef von Rowohlt, ist übrigens ein großartiger Mann. Ich erwähne dies, weil er von den deutschen Feuilletons gerade völlig ungerechtfertigterweise fertig gemacht wird in einer Hetzkampagne, die keine Parallelen kennt.

Eines Ihrer größten Verdienste besteht darin, die Etiketten-Ethik aus dem Eck der verstaubten Benimmtantenhaftigkeit gezerrt zu haben. Worin bestehen denn die häufigsten und gröbsten Verfehlungen auf diesem Sektor?

"Etikette" interessiert mich nicht. Mit Tischdekoration kann man mich jagen. Meinen Gästen biete ich zum Beispiel Rotwein in grün-blau gemusterten Saftgläsern an, weil ich die schöner finde als meine Weingläser. Richtig ekelhaft finde ich diese Dekantierkaraffen, die Formen haben wie Dalís zerfließende Uhren und die natürlich auch nicht in die Spülmaschine passen. Es wäre aber schön, wenn man sich über menschlichen Umgang mehr Gedanken machen würde. Die zentrale Frage der Kultur ist doch nicht, wie man sich gegenüber Gott oder dem Staat verhält, sondern gegenüber anderen Menschen. Der Kardinalfehler der Deutschen ist meines Erachtens ein Mangel an Diskretion und Charme. Es wird zu laut gesprochen, zu viel geduzt, zu viel öffentlich aneinander herumgegrabbelt, zu oft werden Menschen durch zwanghaftes Witzeln verunsichert. Man kann sich auch kaum mit jemand Fremdem unterhalten, ohne dass man binnen der ersten Minuten gefragt wird, womit man sein Geld verdiene. Aber in Österreich ist das ja alles eine Spur besser.

Gewiss gibt es Landstriche in Deutschland, in der eine uncharmante Direktheit die Ironiefähigkeit zerstört hat. Andererseits gibt es schon auch einen österreichischen Hochmut gegenüber "den" Deutschen, was irgendwie ungerecht ist, denn wir werden wiederum hartnäckig von den Deutschen geliebt.

Wissen Sie, Herr Nüchtern, ich bin in manchen Fragen ein kleines bisschen majestätisch: Ich äußere mich nicht über abschätzige Meinungen anderer Völker über jenes, dem ich angehöre, und ich kommentiere nur die Vorzüge von Nachbarländern, nicht deren Mängel. Eines erlaube ich mir aber, nämlich darauf hinzuweisen, dass man, wenn gewisse ungünstige Entwicklungen sich fortsetzen, in Deutschland bald besseren Kaffee serviert bekommen wird als in Österreich. Da müssen Sie unbedingt einschreiten! Im Übrigen empfehle ich Österreich ganz dringend, sich kulturell mehr an der Schweiz zu orientieren. Fragen Sie mich bitte nicht, warum. Ich empfehle das "nur so". So, wie man auch "nur so" mit dem Spazierstock an den Sprossen eines Zauns entlangrattert.

Weiße Anzüge kommen in Ihren Buchtiteln vor, auf einem offiziellen Foto haben Sie ein schönes weißes Hemd an - offenbar mit Manschettenknöpfen (die man aber nicht sieht). Besitzen Sie einen weißen Anzug?

Ich besitze circa fünf Anzüge, aber keinen weißen. Der hellste ist beige.

Tragen Sie den dann anlassgebunden oder nach Lust und Laune? Mit oder ohne Krawatte?

Den beigen trag ich vormittags, wenn die Sonne scheint und ich zum Arzt muss oder im Scheiß-Media-Markt Rohlinge kaufe, nachmittags auch, aber nicht abends. Krawatten können nur Leute tragen.

Wie steht es überhaupt um Kleidungsfragen?

Ich bin wirklich kein Spezialist für solche Fragen. Eine marottenbeladene, verarmte Sprache stört mich mehr als schlechte Kleidung. Es wäre aber schön, wenn bauchfreie Oberteile und Hüftjeans endlich mal aus der Mädchenmode kämen - dieser Look hat so etwas Selbstdegradierendes. Im Übrigen mag ich bei Männern keine leeren Gürtelschlaufen. In Gürtelschlaufen gehört ein Gürtel rein.

Dürfte ich Ihnen zum Abschluss noch ein paar andere Grundsatzfragen stellen? Offener oder geschlossener Hemdknopf?

Offener.

Nass- oder Trockenrasur?

Nass.

Brat- oder Weißwurst?

Wenn einen proletarischer Kohldampf überrumpelt, dann Bratwurst.

Regen oder Nebel?

Regen.

London oder Paris?

Ganz eindeutig: London. Aber auch Stockholm.

Bahn- oder Flugreisen?

Bahn.

Abteil oder Großraumwaggon?

Großraum.

Deutscher oder Schweizer Speisewagen?

Schweizer.

"Sex and the City" oder "Teletubbies"?

Bitte beides nicht.

Charlie Chaplin oder Buster Keaton?

Buster Keaton, definitiv.

Bryan Ferry oder David Bowie?

Bowie, noch definitiver. Nur in den Achtzigerjahren war Ferry besser als Bowie.

Bartok oder Stravinskij?

Stravinskij. Eigentlich aber nur "Les Noces".

Dostojewskij oder C?echov?

Dostojewskij.

Elfriede Jelinek oder Marlene Streeruwitz?

Jelinek. Wie viele Interviews mit Elfriede Jelinek gab es eigentlich schon im Falter? Hundertfünfzig?

Nein, das dürfte noch im zweistelligen Bereich liegen - wieso?

Jedes Mal, wenn ich den Falter in die Finger bekomme, ist da ein Interview mit Elfriede Jelinek drin, und wenn nicht mit ihr, dann mit der anderen.

Homer oder Bart?

Homer. Bart ist die mit Abstand uninteressanteste Figur bei den Simpsons.

Bleiben wir gleich bei den Simpsons: Flanders oder Mr. Burns?

Mr. Burns! Finden Sie nicht auch, dass David Bowie ihm mit dem Alter immer ähnlicher wird?

Rektor Skinner oder Major Quimbie?

Skinner.

Moe oder Apu?

Apu.

Millhouse oder Ralph?

Ralph. Die Synchronstimme ist toll. Wie überhaupt die ganze Serie auf Deutsch besser ist als im Original.

Kent Brockman oder Reverend Lovejoy?

Reverend Lovejoy hat definitiv die hübschere Kirche. Die Fenster!

Marvin Monroe oder Miss Krabappel?

Miss Krabappel. Neben Marge und ihren leider viel zu selten auftauchenden Schwestern meine Lieblingsfigur. Diese nutzlos glimmende Sexualität ist einfach herrlich.

Von Max Goldt ist bei Rowohlt zuletzt der Reader "Für Nächte am offenen Fenster. Die prachtvollsten Texte von 1988 bis 2002" erschienen (500 S., EUR 20,50). "Ein Leben auf der Flucht vor der ’Koralle’ (Schließ einfach die Augen und stell dir vor, ich wäre Heinz Klunker)" und "Ä" sind soeben als Taschenbuch (rororo) wieder aufgelegt worden (je ca. 220 S., EUR 8,20), die Bände "Wenn man einen weißen Anzug anhat", "Die Radiotrinkerin" und "Quitten zwischen Emden und Zittau" folgen im Laufe des Jahres.

Max Goldt liest am 15. und 16.3., 20 Uhr, im WUK (9., Währinger Straße 59). Karten: Tel. 401 21-70 oder tickets@wuk.at


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März 2004 © FALTER
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