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| Es brennt ein Licht |
| ALLTAGSKULTUR Wiens gastronomische Trias besteht aus Kaffeehaus, Heurigem und Wirtshaus. Traditionellerweise sitzen im Kaffeehaus, der ersten Säule sorgsam gepflegten Wienertums, Dichter, Denker und Touristen, beim Heurigen eher nur Touristen. Und was ist mit dem Wirtshaus? Annäherungen an eine ebenso seltsame wie einmalige Institution. WOLFGANG PATERNO |
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| Es röhrt der Hirsch, es singt die Maid, es ist, mitten in der Weltstadt Wien, wie im Heimatfilm. Der Geistliche mit dem über den Gürtel quellenden Bauch sperrt die Kirche mit einem großen Schlüssel zu, er quert den Platz, ein mildes Kirchgangslächeln im Gesicht, am Sakko staubige Spuren von Mauerwerk. Pater Paulus, das Barett ist für den Kopf zu klein, bleibt vor dem Gotteshaus stehen, er schaut nach rechts, er sieht Kopfsteinpflaster und altes Gemäuer, er schaut nach links, er sieht die Gastwirtschaft. Ob er denn, fragt entlang kommendes Kirchenvolk, diese anstrebe? Ob er denn Ruhepause mache im Spatzennest? Mittagszeit auf dem Sankt-Ulrichs-Platz, die Sonne scheint wie bestellt, und Pater Paulus gibt den Landpfarrer. Ein Moment wie für eine Ansichtskarte, ein ruraler Augenblick in der Urbanität von Wien Neubau. Eine Seite Drehbuch aus einem Alpenfilm, die Szene vor dem Landgasthof: "Ein Bier zum Mittagessen, Herr Pater, zur Feier des geglückten Augenblicks?", fragt man ihn ein wenig hinterfotzig. "Na, na", dringt es tief und verantwortungsvoll aus dem Körper des Mannes, die Backen schlackern bedeutungsvoll, "mein Weg führt mich keineswegs nicht ins Wirtshaus, nicht um diese Zeit!" Der Pater geht ab, vorbei am gut besuchten Spatzennest, das Kirchenvolk zischelt in seinem Rücken: "Aber klar geht er ins Wirtshaus, und das nicht zu selten." Die Sonne scheint gnädig auf das verkitschte Idyll, die Kirchenglocke schlägt Viertel nach zwölf. Eine Kirche und ein Wirtshaus, und man kann Wien drumherum vergessen. Im Kaffeehaus, so will es das Klischee, sind die weltmännischen Dichter und Denker zu Gast, beim Heurigen kehrt gern die touristische Welt ein. Was passiert im Wirtshaus, der dritten Säule der gastronomischen Dreifaltigkeit? Glaubt man den Beschreibungen in Reiseführern, präsentiert sich das Wirtshaus wie folgt: fettleibiger Wirt steht freundlich-herb hinter massiver Theke, eilfertiger Kellner trägt Schweinsbraten und Schnitzel spazieren, es regieren Patina, Gemütlichkeit und angewandtes Wienertum; jeder Wirtshausbesuch eine Reise in das Innere von Wien. Auch von etlichen Superlativen ist zu lesen: Das innerstädtische Griechenbeisl ist die älteste, bereits 1447 erwähnte Gaststätte Wiens, der Figlmüller zwischen Wollzeile und Bäckerstraße ist weltberühmt für seine über den Teller lappenden Schnitzel. Nirgendwo anders heißen Etablissements Restaurant Resi-Tant, Zum blauen Esel oder Gasthaus zum Friedhof der Namenlosen, nirgends sonst wird auch tablettweise Hausmannskost, nämlich ganze Schweine und Kälber, serviert. Es ist, folgt man den zum Mythos gepressten Schilderungen, kein Zufall, dass gleich zwei Wiener Wirtshäuser den Namen Mittelpunkt der Welt tragen. Eine Definition des Wiener Wirtshauses ist schwierig. Es gibt das Beisl, das Gasthaus, die Alt-Wiener Gaststätte, das Tschecherl und ungezählte Mischformen dazwischen, allein 200 werden in dem jüngst erschienen Führer "Beisln und Alt-Wiener Gaststätten" präsentiert. Ist es der schwarze, ölig verschmierte Fußboden? Ist es das massive Gestühl? Der wuchtige Holzkasten hinter dem Rücken des Wirts? Zeichnen Speisekarte und Getränkeangebot ein Wirtshaus aus? Oder ist es vielleicht so: Ein einzelnes Klischee ist kitschig und fernab jeglicher Realität, tausend Klischees, versammelt an einem Ort, können dagegen schon wieder ziemlich erhaben sein? "Um zu erfahren, was ein Beisl nun wirklich ist, hilft nur der Besuch in der einen oder anderen Lokalität", steht im Vorwort von "Beisln und Alt-Wiener Gaststätten". Das Quell ist so ein ziemlich ideales Wirtshaus. Tief im 15. Bezirk sitzt ein Mann in seinem eigenen Wirtshaus. Leopold Quell, von allen Poldi gerufen, hat das Quell, elf Uhr vormittags, nebenan läuten die Kirchenglocken, wieder ein Tag, gerade aufgesperrt. Noch sitzt die Lesebrille gerade auf der Nase, die sorgsam über den Kopf gekämmten Haarsträhnen bedecken die lichte Platte. Es kann gut sein, dass er heute wieder, wie er das einmal mit einem Schrittmesser herausgefunden hat, seine 16 Kilometer Wegstrecke zurücklegt. Seine Freundlichkeit in stellarer Dimension hat er dabei, Wirt Quell schleicht nicht durchs Lokal, er federt durch die Dunstglocke und das Stimmengewirr dahin, von seinen 62 Jahren keine Spur, er tänzelt als Gentleman auf einmaligem Terrain: Hirschgeweihe wachsen im Quell aus der Wand, mächtige Leuchter baumeln von der Decke, Bierdeckel halten die Tische gerade, der Zigarettenautomat frisst nur Schillinge, im Winkel hängt der Herrgott. Die Telefonbox hat "54 25 75" eingraviert, noch sechsstellig, kein Anschluss unter dieser Nummer. Wenn man die Bänke und die Schank von der Wand reißen würde, wäre Weiß neben Nikotingelb und anderen, undefinierbaren Farbnuancen zu sehen; auseinander gerissen wäre es Ramsch, zusammengefügt entsteht ein Wirtshaus mit Tradition. Seit vierzig Jahren waltet der Quell-Poldi in seinem Reich. Er kann sich an Zeiten erinnern, als die Reindorfgasse noch ein Dorf in der Stadt war, als hier noch vier Fleischhacker, einige Gemüsehändler und andere Kleinstbetriebe ansässig waren, als es nebenan noch ein privates Bestattungsunternehmen gab. Als die roten Wirtshausgänger vom Wirtshaus Gorgosilic die schwarzen Wirtshaushocker vom Quell demonstrativ nicht gegrüßt haben. Heute ist die Straße totes Areal, die Pizzeria heißt Mafiosi, die Geschäftsauslagen sind verwaist, die "Zu verkaufen"-Schilder leuchten grell in das Grau. Das Quell ist dagegen immer noch eines der besten und typischen Gasthäuser der Stadt. Leopold Quell I hat das "Quell" 1933 vom Herrn Mondl übernommen, 1946 wurde das Wirtshaus letztmalig umgebaut, 1964, es war ein warmer Sommertag, wurde der Wirtschaftsstudent Leopold II. beim Eintreten von Muttern angeherrscht: "Du machst das jetzt, da stellst dich hin!" Mit Brummstimme, Ergebnis von nicht wenigen Memphis White, sagt Quell: "Früher war das Publikum anders, die ganze Gegend, Wirtshausgeher hatten früher viel weniger Geld, viel mehr Zeit vielleicht auch." Soll nicht heißen: Früher war nur irgendetwas besser, einsichtig ist aber, wie das Wirtshaus seinen Ruf als "verlängertes Wohnzimmer", als elementare Bedürfnisanstalt für Leib und Seele erlangte. Früher also, Quell war ein Bub, das Wirtshaus ein einziges Abenteuer, flogen noch die Fetzen, wenn einer eine seiner Meinung nach verrechnete, aber nicht gerauchte, damals noch einzeln gereichte A3 bezahlen musste; Rudi am Klavier eroberte die Herzen der Frauen, die Frau Bäckermeister gab schönen Gesang zum Besten. Schnaps und Kartenspiel war eine explosive Mischung, als das Seidel noch 2,90 Schilling kostete, bekam Quell vom Franz zu hören: "Wennst eines Tages zehn Schilling dafür verlangst, kannst mich am Arsch lecken!" Wenn in einem Wirtshaus ein Mann sitzt, der so ausschaut, als ob er seinen Kopf gerade aus einem Orkan gezogen hätte, dann ist das Roland Girtler, Soziologe an der Wiener Universität, ehemaliger Bierausführer und seit Jahrzehnten eifriger Wirtshausbesucher. Das vierte Gebot seiner "10 Gebote der Feldforschung" besagt, dass Wirtshäuser zu besuchen seien, will man gründlich die Zeit und deren Wesen erforschen. Einen Rucksack voller Zettel hat er bei sich, auch Briefe und Zeitungsartikel aus dem Jahr 1997 sind darunter: Girtler publizierte damals in der rechtsextremen Aula, im "Dunstkreis des Rechtsextremismus" siedelten ihn Kritiker daraufhin an. "Ich bin nicht einzuordnen, ich bin ein Freigeist, ich bin gegen einfache Wahrheiten", sagt Girtler. Nach dem Thema Wirtshaus gefragt, kommt er auf verschlungenen Wegen auf das Thema Aula. Spricht er dann doch über seine Passion Wirtshaus, dann kontrastieren die im Lauf der Jahrzehnte angesammelten, gravitätisch anmutenden Kürzel vor seinem Namen auf kuriose Weise mit dem zappeligen Mann. Girtler spricht im Stakkato, buchstäblich flüssig, mit zackigen Bewegungen fischt er sich Sätze aus der Umgebung: "Das Wort ,Beisl' entstammt der Gaunersprache. Das hebräische Wort für ,Haus' und ,Spelunke' steckt darin. Früher: Wichtiges Lebenszentrum für den Proletarier, den Arbeiter. Kollegen, Freunde treffen, mit Fremden ins Gespräch kommen, das vor allem. Früher hütete sich der brave Mann vor dem Beisl, es wurde eher mit der Unterwelt als der Oberwelt in Zusammenhang gebracht. Gegröle von Betrunkenen, Betrunkene wurden hier eher toleriert." Kurz bevor Girtler die Luft ausgeht, sagt er noch: "Neben diesem ursprünglichen Beisl-Typ gibt es heute Nobelbeisl mit raffinierten Speisekarten und alte Beisl im ,echten' Wiener Stil." Das entspannte Sitzen, ein gutes Getränk, dazu eine exzellente, die traditionelle Karte erweiternde Küche finden sich beispielsweise im Immervoll in der Weihburggasse 17. Hanno Pöschl, Schauspieler und Immervoll-Wirt, mag das Wort Beisl, "dieses Modewort", schon einmal überhaupt nicht. Als sprachkritischer Beisl-Philosoph sitzt er in einer Ecke des Immervoll, nippt an starkem Kaffeegetränk, tupft sich die Lippen wiederholt mit zerknüllter Serviette ab. "Es fängt einmal damit an, dass im Wirts-Haus der Wirt zu Hause ist, den Gast gibt's gar nicht. Nur im Gast-Haus ist der Gast zu Hause." Die Rede vom Gedeihen respektive Verenden der Beisl-Kultur, Pöschl kann das nicht mehr hören: "1970 war das Kaffeehaussterben angesagt, damals habe ich mein Kaffeehaus eröffnet. Es stimmt schon: Viele Beisln werden zu Chinalokalen, aber die Patina vieler Beisln ist auch nur ein charmanter Ausdruck für Grindigkeit. Der Trend geht einfach zum guten Essen, daran führt kein Weg vorbei." Pöschl nippt an seinem Kaffee und ist ganz zufrieden mit sich. Gleich geht er Bierzapfen, unnachahmlich. Wirtshaus Quell, 15. Bezirk, die Sperrstunde rückt näher, tausend Klischees, viel Erhabenheit: Am Tresen treffen sich Maßanzug und Augustin-Verkäufer, an den Tischen ein ewiges Gespräch über Gott und die Welt. Rüstige Pensionisten, von denen man vermuten kann, dass die Frau heilfroh über das Quell ist, sitzen neben jungen Talenten; Helmut Zilk hat hier bereits mit Entschlossenheit, vielen Worten und nicht viel weniger Sturm, die Oberhoheit über die Stammtische erobert, der Ostbahn-Kurti hockt gern im Herrgottswinkel. Der Wirt als gütiger Quartiergeber, das Wirtshaus als heimeliger, bierseliger Ort? "Es brennt ein Licht", das ist für den Wirten das Wirtshaus. Leopold Quell II., sicher hat er wieder um die 16 Kilometer in den Beinen, auf dem Ziffernblatt seiner Uhr steht "Danke für Ihre Treue", lässt den Abend auslaufen. Beim Kassieren schaut er den jungen Frauen gern tief in die Augen, ist seine gute Dagmar gerade nicht da, auch trinkt er ganz gern ein, zwei, drei Achtel Rot, Kollnbrunner. Ein "Heiliger bin ich nicht", sagt er, die Lesebrille ist lustig verrutscht, das Haar ein einziger Wirbel. Es brennt noch ein Licht, Essen und Trinken und Unterhaltung und Ansprache gibt es auch. Quell, 15., Reindorfgasse 19, Mo-Fr 11-24 Uhr, Tel. 893 24 07, www.quell.cc; Immervoll, 1., Weihburgg. 17, tägl. 12-24 Uhr, Tel. 513 52 88; Spatzennest, 7., St.-Ulrichs-Platz 1, So-Do 10-23.30 Uhr, Tel. 526 16 59. Buchtipp: Berndt Anwander: Beisln und Alt-Wiener Gaststätten. Ein Führer zu 200 der schönsten Lokale. Mit Beschreibungen, Tipps und zahlreichen Farbfotos von Gerhard Wasserbauer. Wien 2003 (Falter Verlag). 272 S., EUR 25,50. |
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