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| Ohneland und Nullsucht |
| LITERATUR Geboren unter den Nazis, aufgewachsen mit dem Kommunismus, lebt und arbeitet als Jude und Linker in Wien: Der Dichter Robert Schindel wird dieser Tage sechzig Jahre alt. ERICH KLEIN |
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| "In dieser christlichsten der Welten sind alle Dichter Jidden" Marina Zwetajewa Jedenfalls ward ich geworfen inmitten der Ostmark / Im Städtchen Bad Hall, ein großes Jodbad heute / Als Wechselbalg rassisch minderwertiger Eltern / Welche sich als Fremdarbeiter aus Elsass ausgaben / Hitler zum Trotz / In ihrer eigenen Heimat zur Rettung / Ihrer eigenen Haut / Welche mütterlicherseits einunddreißig und / Welche väterlicherseits, ein Jahr vor der Liquidierung / Dreiunddreißig Jahre alt war." So beschreibt Robert Schindel, der am 4. April sechzig wird, in einem frühen Gedicht seine Herkunft. Mehr Anklage gegen die eigene Geburt ist kaum vorzubringen. Robert Schindel erlebte sein literarisches Debüt erst 1986, im Alter von 42. Sechs Gedichtbände (soeben unter dem Titel "Fremd bei mir selbst" in einem Band versammelt); ein weiterer Band mit Erzählungen, zwei Romane und zwei Essaybände machen das Gesamtwerk aus. Der Weg zum freien Schriftsteller mutet geradezu bohemienhaft-romantisch an: aus der Schule geflogen, Buchhändlerlehre, Externistenmatura, Studium der Philosophie; zahlreiche Gelegenheitsjobs bei Post und Bahn, als Bibliothekar in Wien, als Tellerwäscher in Schweden, als Nachtredakteur bei der Agence France Presse und als Gruppentrainer für Arbeitslose; studentischer Polit-Agitator in den späten Sechzigern, Gründer der "Kommune Wien" und der Gruppe "Hundsblume"; Intermezzi als Statist in diversen Filmproduktionen, als Songschreiber für die Schmetterlinge und als Drehbuchschreiber; später Preise, Stipendien, Sprecher der Bachmannpreis-Jury, Filmemacher. Die im Duktus der Nazis beschriebene Geburt klingt kaum nach dem Beginn einer derartigen "Erfolgsstory": Schindel wurde am 4.4.1944 als Sohn von Gerti Hajek und René Schindel - österreichische Kommunisten jüdischer Herkunft, denen die Flucht vor der Naziherrschaft nach Frankreich gelungen war - geboren. "Mein Vater war nach allen Aussagen ein unpolitischer Mensch, ein Sportler, Musiker und Frauenheld, und er sah - im Unterschied zu mir - auch ganz und gar nicht jüdisch aus. Nach den Nürnberger Rassengesetzen war er trotzdem Volljude." Im französischen Internierungslager Gurs lernt er einen österreichischen Kommunisten kennen, der ihn zur KP wirbt. Aus dem Lager herausgeholt, trifft er auf Gerti, Schindels Mutter: Die 1913 in Wien als Tochter assimilierter, aus Galizien eingewanderter Juden geborene Frau war vor der Familie schon früh in die Partei geflohen. In der Pariser Emigration leitete sie eine kommunistische Mädchengruppe: Die jungen Frauen sollten sich an deutsche Soldaten heranmachen und diese zur Desertion überreden - "eine der zahllosen wahnwitzigen Widerstandsideen der KP, die so vielen Leuten das Leben gekostet haben", meint Sohn Robert. Bis heute mache sich seine Mutter gelegentlich Vorwürfe, dass sie den Vater zu den Kommunisten gebracht hat. Hätte sie ihn in Ruhe gelassen, wäre er damals nach Argentinien ausgewandert. "Allerdings hätte es dann auch mich nicht gegeben." Aus Frankreich im Auftrag der KPÖ zum Aufbau einer Widerstandsgruppe nach Linz gekommen, werden die Eltern verhaftet - der Vater wird in Dachau ermordet, die Mutter überlebt Auschwitz. Nach ihrer Rückkehr findet sie ihren Sohn bei Zieheltern in Meidling wieder - Robert Schindel hat als "Waise von asozialen Eltern unbekannter Herkunft" in einem Wiener Kinderheim der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt den Krieg überlebt. Mit einem Fuß stehe er noch im Holocaust, zumindest in seinem Unbewussten sei er ein Opfer der Shoah: "Ich bin ja noch ein direkter Überlebender." Das Trauma wird Schindels weiteres Leben und Werk beherrschen. "Ich bin ein Jahr älter als der Friede", schrieb der Leopoldstädter Robert Schindel 1995, fünfzig Jahre nach Kriegsende. "Die Zweite Republik, ein wunderbarer Kinderspielplatz. Wir spielen auf der Jesuitenwiese Fußball mit Tennisbällen. Die zahlreichen Häuserruinen sind unser Revier, wir fürchten keine Fliegerbomben, wir fürchten bloß den Praterschas - ein auf dem Fahrrad berittener Aufseher, der aufpasste, dass wir auf der Wiese nicht Fußball spielen, das ist verboten." In den Jahren des austropatriotischen Wiederaufbaus - "ein Naziverbrecher nach dem anderen wird freigesprochen" - besucht Schindel die Volksschule; der Gymnasiumsbesuch endet 1954 vorzeitig: Er wird wegen "schlechter Führung" entlassen. "Ich hatte eine schwierige Pubertät, war total ängstlich, konnte mich nicht konzentrieren. Außerdem war ich der Klassenkasperl. In der vierten Klasse bin ich mit sieben ,Nicht genügend' sitzen geblieben." Seine eigentliche Schule ist die Kommunistische Partei Österreichs: "Der Stalinismus durchwächst eine Kinderseele. Wir Bolschewiki sind ein besonderer Menschenschlag. Der Stalinismus benutzt den Nationalsozialismus, um eine jüdische Kinderseele zu durchwachsen", schreibt Schindel. Trotz der einfühlsamen Genesungswünsche, die der junge Kommunist an Pepionkel Stalin verfasst - "Lieber Genosse Stalin, bitte werde wieder gesund im Interesse des Weltfriedens. Robert Schindel Junggardist" -, segnet der rote Diktator alsbald das Zeitliche. Reisen in den Ostblock, schon 1962 in die Sowjetunion, bewirken bei Schindel einige Ernüchterung angesichts des realen Sozialismus, der ihm später, als er "in die Hände" von führenden KP-Abweichlern wie Ernst Fischer gerät, gänzlich verübelt wird. Bevor Schindel ausgeschlossen wird, verlässt er selbst die Partei und wird unabhängiger Linker. Vom Stalinismus habe ihn, den Bewunderer des russischen Revolutionsdichters Wladimir Majakowskij, vor allem Schillers Freiheitspathos und Erich Kästners Humor abgebracht. Das Schreiben von Gedichten ist seine eigentliche Leidenschaft, die damit verbundene Suche nach Aufmerksamkeit und Anerkennung habe ihn zu einer stadtbekannt gefürchteten Figur werden lassen: Jeder Bekannte, der ihm über den Weg lief, wurde gnadenlos mit seinen Gedichten zwangsbeglückt. Mit H.C. Artmann, dem seit dem Erfolg der "schwoazzn dintn" erfolgreichen Großmeister der "Wiener Gruppe", legte sich der 18-jährige Schindel gleich einmal an, weil er Artmanns Dialektdichtung für L'art pour l'art hielt, für unpolitische, "gschleckte Gschichten". Schindel träumte von einer engagierten, ästhetisch autonomen Form der Dichtung, die er als "Poesis" bezeichnete; der schon weit über dreißigjährige Artmann habe auf ihn, wenn er im Café Hawelka auftauchte, regelmäßig nur mit einem "Geh weg, Schindel, geh weg!" reagiert. Das Hawelka, der Künstlertreff jener Zeit, sei seine wichtigste Schule gewesen: Oskar Werner, Ernst Fuchs, Anton Lehmden, Georg Chaimowicz sieht Schindel als seine Lehrer an. Konrad Bayer, den er erst kurz vor dessen Freitod kennen lernte, habe er nicht verstanden. Auf Schindels Romanerstling "Kassandra", 1967/68 geschrieben und anlässlich des sechzigsten Geburtstages soeben wieder aufgelegt, mag dieser durch die Form der Fragmentierung und mehrstufigen sprachlichen Ironisierung Einfluss genommen haben; die aus antikapitalistischem Pathos entwickelte Fundamentalkritik (Judenvernichtung, Vietnam, TV-Gesellschaft, Konsumgesellschaft, ödipale Familienkonstellation) ist heute aber eher nur mehr literaturhistorisch genießbar. Tatsächlich widerspricht das Buch den "gängigen käuflichen Literaturprodukten", wie der Wespennest-Gründer Gustav Ernst seinerzeit schrieb. "Kassandra wäscht sich die Haare. Während sie die Aale entfernt, weint sie dicke Krokodilstränen." Dass Christa Wolf erst ein Jahrzehnt später einen Roman mit demselben Titel verfasste, macht Schindel heute noch stolz. "Von 74 bis 86 war nichts." Tatsächlich entstehen in jenen Jahren die mittlerweile vom Vorbild Brecht zur größeren Freiheit eines Heinrich Heine oder François Villon weiterentwickelten Gedichte von "Ohneland": Schindel erfindet Gedichttypen wie "Lieblied", "Sauflied" oder "Nullsucht", die durchlaufend weiternummeriert in allen fünf bis heute folgenden Gedichtbänden wiederkehren, von den "Liebliedern" gibt es mittlerweile zwanzig. Berauschte Balladen wie das "Leopoldstädter Tanzlied" oder die Schweigepsalmen besingen mehr oder weniger spöttisch das Scheitern politischer Utopien, der Abgesang auf 1968 fällt einigermaßen sarkastisch aus. So heißt es in "Herbstlied (Elegie von den Zeitgenossen)": "Was mir an meinen Zeitgenossen so gefällt / Ist der Genuss beim erbärmlichen Behagen / Sind an die dreißig Jahre mitten in der Welt / Und kriegen endlich einen Einser in Betragen ..." Und: "Der Kampf war hart, Genossen. Vorbei an den Bastillen / Führt unser Umweg zu den Idyllen." Heine hätte vermutlich Pastillen gereimt. Der Roman, den Schindel 1980 über seine letzte Versuchung und politische Verirrung, den Maoismus der Siebzigerjahre, hatte schreiben wollen, gelang nicht, weil er einerseits noch zu wenig Distanz zur Geschichte hatte und weil er darüber auch nicht schreiben konnte, ohne sich über sich selbst und alle Beteiligten lustig zu machen. "Das erste Gesetz eines Schriftstellers ist aber, seine eigenen Figuren nicht zu diskreditieren." Ab diesem Zeitpunkt sei er aber ohne ideologischen Familienverbund ausgekommen. Was hingegen gelingt, ist sein bisheriges Prosahauptwerk, der Roman "Gebürtig" (1992, verfilmt 2002). Die verwickelte Geschichte des Danny Demandt, wie Schindel Sohn österreichischer Kommunisten, und des Emigranten Hermann Gebirtig gibt mit ihrem figurenreichen Reigen an Tätern und Opfern, an Nazinachgeborenen und Wahrheitssuchern ein lebendiges und literarisch komplexes Bild vom Umgang mit der Nazivergangenheit, die nicht vergehen will. Schon gar nicht in den Kreisen der linken Schickeria der Achtzigerjahre. Ihn habe die "Conditio humana grundsätzlich interessiert", sagt Schindel. "Jeder von uns kann zum Täter werden - auch ich, wäre ich damals kein Jude gewesen. Allein die Tatsache, dass ich als Kind Stalinist war, führte mich zur Überlegung, dass ich auch Hitlerjunge hätte werden können. Niemand ist per Geburt prädestiniert, etwas zu tun, egal ob er Deutscher, Jude oder Mistelbacher ist. In schlechter Gesellschaft kann jeder zum Massenmörder, zu einer Nazisau werden." Ihn faszinieren widersprüchliche Figuren wie die Geschwister Scholl, die anfänglich von Hitler begeistert waren, oder Maximilian Kolbe, der sich vom Antisemiten zum Nazigegner wandelte: "Niemand kann sagen, ich bin jetzt für immer auf der Seite der Guten. Die Kommunisten behaupteten immer, ein Kommunist kann kein Antisemit sein - sie hielten sich für außer obligo." Als Schindel zum fünfzigsten Jubiläum des Kriegsendes den Essayband "Gott schütze uns vor den guten Menschen" herausbrachte, stieß das nicht allerorts auf Zuspruch. Schindels Schuldeingeständnis in Bezug auf den eigenen Stalinismus war einem Teil der alten Linken zu viel des Guten; dass er mitunter auf den Antisemitismus in der Linken hinweist - den Kommunistischen Bund hat er wegen dessen maßloser Kritik am Zionismus verlassen -, fand noch weniger Gefallen. Schindel bezeichnet sich zwar selbst als nicht gläubigen, "gojischen Jud", wendete sich zur Zeit der Waldheimdebatte aber auch institutionell demonstrativ dem Judentum zu - und trat wieder in die Israelitische Kultusgemeinde ein. Der aufkeimende "Antisemitismus wegen Auschwitz" (die Deutschen vergeben den Juden nicht, dass sie sie ermordet haben) hatte Schindel wieder einmal zu einem Sprecher einer allgemeinen Sache werden lassen. Und: "Ich fand es unter jeder Sau, als jüdischer Sprecher aufzutreten und keine Kultussteuer zu bezahlen und mich nicht zur Gemeinde zu bekennen." Auch habe er etwas für die Idee übrig, dass die Juden, die je gelebt haben und die je leben werden, "schon alle herumstanden, als Moses die Gesetzestafeln vom Berg Sinai herunterbrachte - und dass auch ich dort stand. Ich bin jetzt stolz auf diese Herkunft, für die ich ja nichts kann." Das Moment der Herkunft bekommt auch in der Lyrik der Neunziger wieder größeres Gewicht: Die Gedichte heißen immer öfter "Nullsucht", "Immernie", "Kältestrom", es gibt zahlreiche Elegien und Requien für gestorbene Freunde und Bekannte von Qualtinger bis Anita Pichler. In engagierten Texten zum Krieg in Jugoslawien oder zum Zerfall der Sowjetunion schlägt Schindel sarkastische Töne an (wobei mitunter Albernes entsteht), im Wesentlichen herrscht Düsternis vor ("Depressenburg"). Das Maß an Erschrecken, das Schindel - der sich zunehmend auf Hölderlin und vor allem Celan bezieht - zu evozieren vermag, zeigten Gedichte wie "Trunkengesarah": "Ein Schritt und noch ein Schritt und immer / Das Geklopf unter Moos und Glimmer / Im Wald von Riga kann sich wer an mich erinnern / Georg und Salomon, zwei echte Schindeltrümmer." Die Unheimlichkeit dieser Zeilen - in der die beiden von den Nazis ermordeten Onkel von Robert Schindel den Anspruch an ihn erheben, in ihrem Namen zu sprechen - ist außer in Trakls "Ein gewaltiger Schmerz nährt heut die ungebornen Enkel" ohne Vorbild. Nachmachen wird ihm das auch so bald niemand. Auf die Frage, ob Literatur durch den Holocaust und die damit verknüpften moralischen Imperative überfordert werde, entgegnet Schindel: "Literatur kann man gar nicht überfordern. Alle große Literatur ist selbst Überforderung. Alfred Döblins ,Berlin Alexanderplatz' genauso wie Kafkas ,Strafkolonie' oder Celans ,Atemkristall' - womit ja nichts anderes als Zyklon B gemeint ist. Das sind maßlose Überforderungen. Aber es ist wohl der vornehmste Aspekt an der Literatur, dass sie weit ins Nichts vordringt. Sie kann sich - wie Hegel sagte - an die Stelle des Bösen setzen, ohne selbst das Böse zu sein." Robert Schindel: Fremd bei mir selbst. Die Gedichte. Frankfurt a.M. 2004 (Suhrkamp). 475 S., EUR 25,60 Robert Schindel: Kassandra. Roman. Innsbruck 2004 (Haymon). 128 S., EUR 15,90 "Ein Fest für Robert Schindel": am 3.4., 19 Uhr, im Burgtheater-Kasino (1., Schwarzenbergplatz 1). Karten: www.burgtheater.at bzw. Tel. 514 44-4140. |
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