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Leben mit der Folter
Reportage  Die Bilder aus den irakischen Gefängnissen wecken bei ihnen Erinnerungen an eigenes Leid. Wie überlebt, wie bekämpft, wie erträgt man Folter? Gespräche mit Opfern und ihren Helfern. FLORIAN KLENK und NINA WEISSENSTEINER

Falter 22   Originaltext aus Falter 22/04 vom 26.05.2004

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"Die Tortur ist das fürchterlichste Ereignis, das ein Mensch in sich bewahren kann. (...) Ich baumle noch immer, zweiundzwanzig Jahre danach, an ausgerenkten Armen über dem Boden, keuche und bezichtige mich"
Jean Améry, "Die Tortur"

Wie es möglich ist, Folter zu ertragen? Ernst Federn hält kurz inne. Dann sagt er: "Als sie mich vom Baum genommen haben, habe ich einen Witz gemacht. Ich habe gesagt, dass das runterkommen so schön ist, dass es all die vorherigen Qualen vergessen lässt. Das hat mir Respekt im Lager verschafft."
Ernst Federn, neunzig Jahre alt, Sozialarbeiter, Justizreformer, Psychologe, sitzt mit seiner Frau Hilde in einem kleinen Zimmer eines Altersheimes in den Weinbergen Döblings und erinnert sich an die Qualen in Dachau. "Eigentlich war es ja nicht wirklich Folter, weil sie mich nicht zu einer Aussage erpressen, sondern nur bestrafen wollten", sagt er. Federn war im KZ zusammengebrochen, dafür hatte ihn die SS zu einer Stunde Hängen verurteilt. Ein Häftling band ihm die Hände hinter dem Rücken zusammen und hängte ihn an den Armen am nächsten Baum auf. "Beweg dich wenig, dann tut es nicht so weh", riet der Häftling. Ernst Federn versuchte sich selbst in dieser Lage als Optimist und dachte: "Jetzt weiß ich, wie es sich anfühlt, gefoltert zu werden."
Als dieser Tage die Bilder aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib über die Schirme flimmerten, da wurde wieder einmal klar, dass die Folter selbst in angeblich aufgeklärten Staaten noch immer nicht ausgerottet ist. Nicht nur in den Kellern Bagdads, auch in Demokratien ist die Versuchung groß, Gefangene durch gezielte Zufügung von Schmerzen zu einem Geständnis zu bringen. Auf deutschen Polizeistationen, aber auch an Universitäten wird plötzlich über "Rettungsfolter" räsoniert. Darf man einen verdächtigen Terroristen zu einem Geständnis prügeln, um seine tickende Bombe zu entschärfen? Der deutsche Bundeswehr-Professor Michael Wolffsohn meint: "Als eines der Mittel im Kampf gegen den Terrorismus halte ich Folter oder die Androhung von Folter für legitim." Der deutsche Polizeipräsident Wolfgang Daschner befahl seinen Untergebenen im Fall des ermordeten Bankierssohnes Jakob von Metzler laut Akten "zur Rettung des Lebens des entführten Kindes, dass der Tatverdächtige nach vorheriger Androhung unter ärztlicher Aufsicht durch Zufügung von Schmerzen - keine Verletzungen - erneut zu befragen ist".
Zeit, Folteropfer und ihre Helfer zu befragen. Was richtet Folter alles an? Und kann man sie überhaupt ausrotten?
Ernst Federn versucht, Auskunft zu geben. Er hat sich sein Leben lang mit totalitären Strukturen und ihrer Bekämpfung beschäftigt. Er emigrierte in die USA, schrieb Essays über die "Psychologie des Terrors", er blickte in die Seelen von Sadisten und ihren Opfern. Federn ist trotz allem ein fortschrittlicher Humanist geblieben. "Die Sadisten", sagt er, "kann man nicht heilen, doch man kann versuchen, ihnen das Handwerk zu legen, man muss ihnen die Möglichkeiten nehmen."
In Österreich hat er es versucht. 1972 holte ihn sein Schulfreund, der sozialdemokratische Justizreformer Christian Broda, aus der Emigration zurück. Auch Broda hatte in den Lagern der Nazis gelitten. Mit dem Sozialarbeiter Federn machte er sich daran, die Gefängnisse des neuen Österreich zu modernisieren. Seit 200 Jahren hatte sich keiner mehr darum gekümmert. Dort gab es immer noch "hartes Lager", "Dunkelhaft" und Nahrungsentzug. Wärter wurden bestraft, wenn sie auch nur ein Wort mit Häftlingen wechselten. Dass in solchen Kellern geprügelt und gedemütigt wurde, war allen bekannt. Federn sagt: "Die Beamten haben mehr vom Wein als von den Häftlingen verstanden." Broda reformierte diese Missstände, und Federn wurde der erste Gefängnispsychologe Österreichs. Die Häftlinge durften sich plötzlich beschweren und bekamen einklagbare Rechte. Heute meint Federn: "Unsere Erfahrungen in den Konzentrationslagern waren das größte Motiv, die Gefängnisse zu reformieren. In jeder Gesellschaft gibt es rund zehn Prozent Sadisten. Sie drängen in Berufe, wo sie Macht über andere ausüben können. Es ist wichtig, dass sie dort kontrolliert werden. Sonst wird gefoltert."
"Der Mann ist ein Wunder", sagt David Vyssoki. Der Primar arbeitet beim Wiener Verein Esra im zweiten Bezirk und kennt die Lebensgeschichte von Ernst Federn. Nicht viele werden mit den Erfahrungen der Folter- und Vernichtungslager auf diese Weise fertig. In der Ambulanz in der Leopoldstadt, wo früher ein jüdischer Tempel stand, werden heute noch über 2000 Opfer des Naziterrors betreut. "Wenn man in einem Lager massenhaft gehalten wurde", erklärt Vyssoki, "überlebt man, weil andere sterben. Man überlebt dank des Todes von vielen anderen." Bis heute fühlen viele NS-Überlebende diese Scham, in ihren Köpfen kreist die ewig gleiche Frage: "Warum bin ausgerechnet ich noch da?"

Die Symptome, die bei ehemaligen Opfern des Naziterrors beobachtet werden, finden sich auch bei gefolterten Flüchtlingen wieder, die in Wien ankommen. Sie werden ihr Leben lang von Schuldgefühlen gequält, können ihren Alltag kaum bewältigen. Wenn diese Menschen Glück haben, landen sie beim Verein Hemayat, wo Folter- und Kriegsüberlebende therapiert werden. Dort sitzt Erwin Klasek, ein ruhiger, engagierter Psychotherapeut, und stellt sich den Erzählungen von geflüchteten Folteropfern. Auf dem Tisch in seinem Sprechzimmer stehen Kartons mit Taschentüchern. Von der Wand strahlt eine aufgemalte Sonne. Auf Kinderzeichnungen sind Gebäude mit Gittern zu sehen.
Elena K. (Name geändert, Anm. d. Red.), eine junge tschetschenische Literaturwissenschaftlerin hat hier Platz genommen. Sie wird in der nächsten Stunde mehrmals in den Karton mit den Taschentüchern greifen. Sie wird Einblicke geben, was Folter anrichten kann.
Schon dass sie hier sitzt, grenzt an ein Wunder. Die Republik steckte sie in Schubhaft, plante die Abschiebung, ohne auch nur ein Wort mit ihr geredet zu haben. Doch Elena schrie nach Ärzten und Helfern, ließ sich im vergitterten Polizeiwagen zum Psychiater führen, wurde zu den Psychologen von Hemayat geschickt. Die haben ihr wohl das Leben gerettet. Elena erzählt: "Früher habe ich mir genau überlegt, wie ich den Sprung vor die U-Bahn so schaffe, damit ich nicht als Invalide überlebe." Heute sei sie bemüht, sich von Gleisen fern zu halten. Sie habe Asyl, Wohnung und sogar einen kleinen Kredit für ein paar Möbel aufgenommen.
Elena muss eine lebensfrohe Frau gewesen sein. Sie studierte Tschechow, unterrichtete, übersetzte, reiste nach Karlsbad, nach Deutschland: "Wir waren acht Kinder, wir haben ein normales Leben geführt." Dann kam die russische Armee nach Tschetschenien und folterte sie so brutal, dass Therapeut Klasek vor dem Gespräch mit Elena darum bittet, das Thema nicht anzuschneiden. Auch die Frage nach den Familienmitgliedern sollte nicht gestellt werden. Die hatte Elena nach den Misshandlungen auch noch verstoßen. Da die wahren Täter nicht gefunden werden konnten, musste die Tochter gehen, um die Ehre der Familie zu retten.

Die Menschen, die hier täglich Platz nehmen, wurden vergewaltigt, verbrüht, mit Stacheldrähten verstümmelt, mit Zigaretten verbrannt. Sie müssen nun lernen, mit einer Welt voller Halluzinationen, Schuldgefühlen und Panikattacken zu leben. "Die körperlichen Verletzungen mögen verheilt sein, das Gehirn jedoch leidet für immer. Die natürliche Zeitenfolge gerät durcheinander", erklärt Klasek. Die Vergangenheit kann jede Minute zur Gegenwart werden. Eine glühende Zigarette, ein Knall, ein Mensch in Uniform - und plötzlich stehen diese Folterknechte wieder da, drücken ihre Zigaretten am Körper aus, pressen den Kopf in Kübel mit Exkrementen. Klasek erzählt von einer jungen Asylwerberin, die in ihrer Heimat Hunderte Leichen durchsuchen musste und noch heute überall Leichengeruch wahrnimmt: "Ich habe ihr ein Parfum geschenkt, weil ich mir nicht mehr anders zu helfen wusste." Er berichtet von einem jungen Burschen, der in den Wiesen des Weinviertels ständig Leichenteile seiner Verwandten entdeckt. Er berichtet von der jungen Frau, deren geschändeter Körper von der Mitte aufwärts eiskalt geworden ist. "Viele können das Leben im Wahn nicht lange ertragen", sagt Klasek: "Vor kurzem habe ich wieder einmal einen lebensmüden Perser von der Brücke geholt."
Zu den Depressionen kommt die Ignoranz mancher Behörden. Ein junger iranischer Mechaniker mit narbenübersähten Beinen und überdehnten Sehnen, kämpft seit Jahren um Asyl. Man darf ihn nicht abschieben, weil er in seiner Heimat misshandelt werden würde. Doch fürs Asyl reicht es auch nicht. Der Mechaniker zeigt auch Narben unter den Fingernägeln, wo ihm Polizisten Nägel hineingetrieben hatten. Er wirkt resignativ, ein wenig aggressiv, dann wieder verzweifelt. Seit Jahren kommt er zur Therapie. Weil er nächtens nicht mehr schlafen kann, weil er deshalb stundenlang durch die Gassen wandert, um endlich müde zu werden. In Lilienfeld, wo der Flüchtling in einer Pension untergebracht war, wurde ihm selbst das verboten. "Wenn ich dich in der Nacht noch einmal draußen sehe, passiert etwas", drohte ihm ein Gendarm. Therapeut Klasek: "Unter den Umständen, unter denen Asylwerber mitunter existieren müssen, wird die Aufarbeitung stark behindert."
Ein Mann aus Tschetschenien hat im Zimmer mit der Sonne Platz genommen. Sein Name darf hier nicht verraten werden, kein Tonband soll das Gespräch aufzeichnen. Die Angst vor den Folterern verbietet es. Wenn der hagere Mann mit dem Vollbart spricht, zittert sein Körper. Mehrmals unterbricht er das Gespräch, presst die Augen in die Fäuste. "Ich habe keine Tränen mehr", sagt er. Klasek erzählt, dass es den Mann vor den Therapiesitzungen immer wieder an die nahe Donau zieht. Selbstmordgedanken, sagt der Flüchtling, seien für ihn "der einzige Weg, sich aus den Qualen zu retten. Es ist der letzte Schrei meiner Seele." Neulich sei er wieder bei einem Fest gewesen, habe dort kleine Kinder gesehen und sich versichert, dass sein Leben nie wieder so unbeschwert sein werde.
Früher, da war er Manager eines großen Betriebes. Heute kämpft der Tschetschene gegen blutende Magengeschwüre und erzählt von seinem Neffen, der zu ihm wie ein Sohn war. Dessen geschändeten Leichnam musste er von den Russen um 3000 Dollar zurückkaufen, weil der Tote sonst mit anderen Leichen zusammengebunden und mit Panzergranaten gesprengt worden wäre. Er berichtet von Massenvergewaltigungen, von willkürlichen Verhaftungen, von entführten Burschen, die in der Früh erschossen am Rand des Dorfes liegen, weil sich deren Familien das Lösegeld nicht leisten konnten. Er selbst wurde von russischen Soldaten verhaftet, gefoltert und in einen stockdunklen Keller geworfen. Als er erkannte, dass alle Zellengenossen bereits verwest waren, schrie er vor Angst so laut, dass sein Körper schwere Schäden davontrug. Sie sollen hier nicht näher beschrieben werden, bittet Therapeut Klasek: "Sonst erkennt man den Mann."
Können solche Menschen je wieder gesund werden? In einer kleinen, mit technischen Geräten und Büchern vollgestopften Kammer sitzt der Psychiater Thomas Wenzel an seinem Computer und ruft Animationen eines Gehirns auf. "Hier sehen Sie, was passiert, wenn jemand an seine eigene Folterung denkt." Ein paar Stellen im Gehirn färben sich blau. Die Verfärbungen illustrieren Hirnströme. Die bloße Erinnerung an die Folter löst biologische Veränderungen im Körper aus. Bislang hatte man das nur geahnt, nun kann es die Wissenschaft beweisen. In Situationen der Hilflosigkeit schaltet das System Mensch um. Mit Medikamenten und Gesprächstherapien kann die Medizin diese Prozesse ein wenig in den Griff kriegen. Doch die große Mehrheit der Patienten wird Jahrzehnte leiden, nur noch schwer in jenen tiefen Schlaf sinken, in dem sich der Körper völlig erholen kann.
Thomas Wenzel zählt zu den bedeutendsten Folterforschern des Landes. Er ist Mitglied eines internationalen Netzwerkes von Ärzten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Folterer zu überführen, ihre Lügen zu entlarven und Opfer vor Behörden zu unterstützen. In Zeiten restriktiver Asylbehörden kann das lebensrettend sein. Österreichs neues Asylgesetz behandelt Folteropfer am Papier zwar besser als früher, doch diese müssen ihre Traumatisierungen und Misshandlungen vor den Beamten beweisen. Mit immer besserer Technik kommen Forscher wie Wenzel den Peinigern allmählich auf die Spur - etwa mithilfe eines neuen Röntgenverfahrens, mit dem endlich auch ganz feine Knochenbrüche dokumentiert werden können. Immer wieder berichteten Überlebende von Schlägen, die so gesetzt wurden, dass die Knochen gerade nicht brechen. "Folterer", sagt Wenzel, "wollen das Opfer in eine Situation extremer Ohnmacht bringen und dabei nur minimale Spuren hinterlassen."
Wenzel kennt die vielen Fratzen der Folter. Der AKH-Arzt berichtet über griechische Bauern, die ihre Nachbarn während der Diktatur folterten, er zeigt Bilder von Misshandlungsmethoden, die Namen wie "Submarino", "Falanga" und "Schildkröte" tragen. Nur wer die Welt der Folterer zu verstehen beginnt, wer Folter zum öffentlichen Thema macht, könne sie bekämpfen und frühzeitig erkennen. "Ihr geht meist eine generelle Herabwürdigung von bestimmten sozialen Gruppen voraus. Die meisten Folterer sind keine kranken Psychopathen. Es sind Menschen wie du und ich. Nur ein ganz kleiner Teil würde sich aktiv gegen Misshandlungen stellen. Nur ganz wenige würden Widerstand leisten."

Hans Landauer, 83 Jahre, Polizeinspektor im Ruhestand, ist so einer. Als Kommunist und Spanienkämpfer hatten ihn die Nazis 1941 wegen Hochverrates nach Dachau gesteckt. Dort hatte er schon als Zwanzigjähriger den Terror der SS erlebt. Er sah wie Häftlinge von so genannten "Knochenbrechern" mit Stiefeln blutig getreten und mit Schaufeln erschlagen wurden. Diese Erfahrungen waren prägend fürs spätere Leben und den Kampf um Bürgerrechte in der Zweiten Republik.
Landauer erzählt von einem Erlebnis in den Siebzigern, als er zur Einvernahme eines chilenischen Bankräubers ins Wiener Sicherheitsbüro in der Berggasse gerufen wurde. Der Vernehmungsbeamte schlug den Mann, bis er blutete. Die anwesenden Hofräte schwiegen. "Mit solchen Methoden will ich nichts zu tun haben", protestierte Landauer und zeigte den Kollegen an. Passiert ist dem Schläger nicht viel - doch er blieb unter Beobachtung. "Es gibt ein Potenzial an Menschen, die sich als Herren der Welt aufführen, wenn man sie lässt."
Und heute? Wird auch in Österreich gefoltert? Und wo beginnt überhaupt Folter? Im Gitterkäfig der Justizanstalt Göllersdorf, der angeblich dem Schutz geistig Kranker dient, aber vom Anti-Folterkomitee als "erniedrigend" gerügt wurde? Erlebte man sie in den eisernen Gitterbetten im Grauen Haus, die angeblich "Renitenten" dienten und erst vor kurzem zersägt wurden? Und was ist mit all jenen Fällen, in denen Personen am Weg ins Kommissariat "gegen die Tür" gerannt sind?
Manfred Nowak verfasst gerade den internationalen Kommentar zur UN-Anti-Folter-Konvention. Der Verfassungsrechtler hat Menschenrechtsverletzungen in Bosnien bekämpft und zählt zu den international renommierten Juristen Österreichs. Wenn er nicht für die UNO in Krisengebieten unterwegs ist, forscht er am Ludwig-Boltzmann-Institut für Menschenrechte. Nowak: "Es gibt einen Trend auf akademischer Ebene, das Folterverbot ein bisschen zu relativieren." Solche Gedankenspiele seien aber gefährlich, "denn da setzen sich die Sicherheitsapparate sofort drauf". Sie wissen, wie effektiv Folter sein kann. Schon die bloße Androhung von Gewalt führe schneller zu Geständnissen. Wie also macht man die Polizei folterresistent? Nowak empfiehlt, Verhöre nur mehr vor Kameras und in Begleitung von Anwälten zu führen, Polizeihaft so kurz wie möglich zu halten, schnelle richterliche Kontrolle festzuschreiben. Doch die Polizei wehre sich dagegen. "Gibt es Vorgänge bei Verhören, die nicht gefilmt werden dürfen?", fragt Nowak.
Auf dem Tisch des Wiener Menschenrechtsanwaltes Herbert Pochieser liegt, vergilbt und zerschlissenen, die Akte Ribitsch. Pochieser hat schon in den Achtzigerjahren südamerikanischen Folteropfern zu ihrem Recht verholfen. Doch international bekannt wurde der Anwalt mit dem Fall "Ribitsch gegen Österreich". Juristen auf der ganzen Welt zitieren die Geschichte des Autohändlers und seiner Frau mit Ehrfurcht als leading case bei der Bekämpfung von Folter in Demokratien. Als Nelson Mandela in Südafrika eine neue Verfassung ausarbeiten ließ, studierten seine Legisten das Urteil.
1988, nachdem der Sänger Hansi Djumic an einer Überdosis Heroin verstorben war, hatte die unter Erfolgsdruck stehende Polizei den Autohändler Ronald Ribitsch als seinen Dealer im Visier. Ribitsch war unschuldig, doch die Polizei wollte sein Geständnis. Beamte durchwühlten seine Wohnung, sie zogen ihn am Schnurrbart durchs Wachzimmer, sie beschimpften ihn als "Drogensau", rissen ihm die Haare aus, prügelten und traten auf ihn ein, selbst als er schon am Boden lag. Ribitsch bekam nach dem Verhör Fieber und musste erbrechen. Als er seinen Fall öffentlich machte, langte die Polizei in die untersten Schubladen: Sie setzte das falsche Gerücht in die Welt, dass Ribitsch Pornofilme schaue, sie drohte, ihm die Kinder wegzunehmen. "Da habe ich das Schema der südamerikanischen Folterpolizei wiedererkannt. Zuerst verprügeln, dann demütigen", erinnert sich Anwalt Pochieser heute. "Sie versuchten, das Opfer als verkommenes Subjekt darzustellen", hielt damals die Bezirksrichterin fest und verurteilte einen der Beamten. In der nächsten Instanz änderte die Justiz ihre Meinung, half zu den Beamten. Anstatt dem Opfer zu helfen, attackierte der Staatsanwalt den Opfer-Anwalt Pochieser im Gerichtssaal als "Agent amnestys". Die Richter sprachen den prügelnden Beamten frei, weil sie dessen Beteuerung Glauben schenkten, Ribitsch sei bloß gegen die Türe des Polizeiwagens gelaufen.
Jahre später verurteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Republik Österreich im Fall Ribitsch wegen Folter. Die Richter in Strassburg stellten klar, dass ein moderner Rechtsstaat die Beweislast trägt, wenn Bürger unverletzt eine Verhörzelle betreten und diese schwer verletzt wieder verlassen.
Zurück in die Weingärten Döblings. Zurück zum neunzigjährigen Sozialarbeiter Ernst Federn, der von den Nazis einst an einen Baum geknüpft wurde. Viele würden an Folter zerbrechen, sagt Federn und verweist zum Abschied auf den Schriftsteller Hans Mayer. Der wurde in Belgien als Jean Améry berühmt und wählte den Freitod. Wie Federn war er von den Nazis an den Armen aufgehängt und verprügelt worden. In seinem Buch "Die Tortur" schreibt Améry: "Ich weiß also nicht, ob die Menschenwürde verliert, wer von Polizeileuten geprügelt wird. Doch ich bin sicher, dass er schon mit dem ersten Schlag, der auf ihn niedergeht, etwas einbüßt, was wir vielleicht vorläufig das Weltvertrauen nennen wollen. (...) Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt."

Spendenkonto des Vereins Hemayat:
Raiffeisen Bank Wien-Niederösterreich,
Blz: 32000, Konto: 6.718.282 (www.hemayat.org).

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Mai 2004 © FALTER
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