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| Heiser ist das Leben |
| THEATER Sophie Rois, die Berliner Type aus Oberösterreich, die Starschauspielerin von Frank Castorfs Volksbühne, spielt ihre erste Burgtheater-Rolle. Ein Porträt der Diva, die so herrlich stimmlos kreischen kann. KARIN CERNY |
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| Wenn Sophie Rois im Land ist, dann ist das großartig erfrischend. Als die gebürtige Oberösterreicherin und Wahlberlinerin vor sechs Jahren überraschend nach Salzburg berufen wurde, um im "Jedermann" die Buhlschaft zu spielen, ist sie nicht vor Ehrfurcht vergangen, sondern hat echte Berliner Schnauze bewiesen. Über den österreichischen "Tittenfetischismus" ist sie hergezogen, der von der Buhlschaft vor allem "einen großen Busen und eine mütterliche Ausstrahlung" erwarte, sie hatte "großen Spaß daran, das zu unterlaufen und endlich mal eine andere Bevölkerungsgruppe zu bedienen". Schnell stellte sie klar, dass ein Auftritt im "Jedermann" nun wirklich nicht der Höhepunkt ihrer Karriere sei. Die Salzburger Society war verwirrt, vor den Kopf gestoßen und zugleich fasziniert von so viel Trotz und Bestimmtheit: Berlin, das sei doch wohl klar, ist die einzige Stadt, wo man leben kann, Frank Castorfs Volksbühne der beste Ort, um zu arbeiten - und geliebt zu werden -, bitte gerne, aber es soll ja niemand von ihr erwarten, dass sie sich dafür verbiegt. Verbiegen ist ihre Sache nun wirklich nicht. Wenn es die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz nicht schon gäbe, man müsste sie für Sophie Rois erfinden. Das Renitente und Aufmüpfige liegt ihr. Das enthusiastische Dagegensein. Die Begeisterung für ehrliche Empörung. Wenn Terror gefragt ist, ist Rois erste Wahl an der Volksbühne. In Gerhart Hauptmanns "Die Weber" hat sie mit Ulrike-Meinhof-Perücke und im Tigerkostüm wie wild Zettel mit "Hunger" an die Wand geklebt. In Tim Staffels "Terrordrom" ist sie als Terrorengel mit weißen Flügeln an Drahtseilen von der Decke eingefallen und dann als begeisterte Terrordiva über die Bühne gestapft. Christoph Schlingensief hat ihr in einigen Inszenierungen das Megafon zum Agitieren in die Hand gedrückt. Auch wenn Sophie Rois eine Dame spielt, sollte man sich besser nicht allzu sicher fühlen. "In den Handtäschchen ihrer dunkel denkenden, vom Leid verwirrten Damen scheint stets eine Handgranate zu puckern", schrieb Theater heute über Rois, eine der unbesiegbaren "Furien der Volksbühne". Nicht unterzukriegen ist sie auch in ihren Filmrollen: In Stefan Ruzowitzkys Bauernhof-Western "Die Siebtelbauern" etwa spielt Rois eine Magd, die sich die Butter nicht vom Brot nehmen lässt, gegen deren Lebendigkeit und Lebenslust keine noch so rigide Dorfgesellschaft ankommt. Seit 1993 gehört Sophie Rois fix zum Ensemble der Volksbühne, ist eine unverzichtbare Berliner Type geworden, mit einer Energie, die einen umhaut, und dann wieder mit einer ganz überraschenden Zartheit. "Sophie Rois hat das Klima der Volksbühne entscheidend mitgeprägt", sagt Kollege Herbert Fritsch. "Sie ist eine von diesen aufmüpfigen, nicht zu beschwichtigenden Schauspielern, die so eine unbestimmte Rebellion in sich tragen und mit ihrer ganz persönlichen Besonderheit auf der Bühne agieren." Auch außerhalb der Bühne ist Sophie Rois natürlich Volksbühne. Besser gesagt: Wo Rois ist, ist die Volksbühne. Sie hat eine Gestik und Stimme, die jeden Moment vor Energie zu kollabieren droht. Ihre rauchige bis heisere Stimme klingt immer danach, als stünde sie am Rand des Nervenzusammenbruchs, kurz vor der absoluten Atemnot, dem Ausbleiben der Töne. Einfache Sätze wie "Da gratulier ich ganz herzlich" sagt sie so, dass sie mitten im Alltag große Oper, aufgedrehtes Melodram werden: "Da gratuliiiieeer ich ganz herzliiich!" Mit einer Stimme, von der man auf der Bühne immer staunt, dass man das überhaupt kann: so lautstark flüstern, dermaßen kraftvoll hauchen. Wenn sie aufdreht, dann ist es das rotzigste, lauteste und begeistertste Kreischen, das es überhaupt gibt auf deutschsprachigen Bühnen. Wohl auch deshalb hat sie das Etikett "schrille Diva der Volksbühne" umgehängt bekommen, was sie nicht besonders schätzt: "Ich empfinde mich überhaupt nicht als schrill und versteh dieses Phantasma der Normalität auch gar nicht." Man kann sagen, Sophie Rois ist exzentrisch, aber irgendwie so, dass einem ihre Exzentrik als eine Art zweite Haut vorkommt. Sie ist sozusagen natürlich exzentrisch. Beim Gespräch im Café Heumarkt trägt sie ein perfektes braunes Kostüm, dazu Lederhandschuhe und festes Schuhwerk. Sie sieht aus, als hätte man sie direkt aus den Zwanzigerjahren hierher gebeamt. Wie einer jener Stummfilmstars, die im falschen Jahrhundert gelandet sind. Mit dem androgynen Glamour einer Elisabeth Bergner. Castorf'sches Chaos und sich kein Blatt vor den Mund nehmen stehen neben einem ziemlich ausgeprägten, aber sympathischen Kontrollwillen: Rois will, bevor man sich austauscht, gleich wissen, welche Inszenierungen mit ihr man denn eigentlich gesehen habe. Nicht, dass man aneinander vorbeiredet! Zitate, die man verwenden will, werden noch einmal gemeinsam (aber uneitel) durchgesprochen. Fotos sind aufgrund von zwei (!) Fieberblasen erst gar nicht und dann nur in Innenräumen möglich. Sophie Rois ist in Wien, weil sie mit dem deutschen Autor/Regisseur René Pollesch gerade ihre erste Burgtheater-Premiere "Hallo Hotel ...!" vorbereitet (eigentlich sollte das Stück, wie die legendäre ORF-Serie, "Hallo Hotel Sacher, Portier!" heißen, der Originaltitel darf aber aus rechtlichen Gründen nicht verwendet werden); neben Rois wird unter anderem auch Caroline Peters (die im Akademietheater gerade als Salome zu erleben ist) mitspielen. In der kleinen Volksbühnen-Dependance im Berliner Prater sind Rois und Peters schon jetzt in einem Pollesch-Stück zu sehen. In "Telefavela" probiert der Kapitalismusdiskurserhitzer Pollesch etwas Neues aus. In seinen früheren Werken (etwa dem voriges Jahr bei den Wiener Festwochen gezeigten "Heidi Hoh 3") hatten alle seine Akteure auf einem ähnlichen Wissensstand bzw. Verwirrungsgrad agiert: Sie wollten sich verzweifelt in der neoliberalen Welt und in ihren verworrenen Gefühlsstrukturen zurechtfinden und sonderten im Höchsttempo Text ab. Einzelfiguren gab es nicht. In "Telefavela" ist Sophie Rois nun ein Fremdkörper im Polleschdiskurs. Eine Touristin im Polleschland, die erst vom Virus der neoliberalen Desorientierung irre gemacht wird. Jemand, der es als Fastindividuum ganz altmodisch nicht fassen kann, wie schizophren und undurchschaubar hier alles ist - vor allem die Gefühle, die plötzlich wie Verbrechen aussehen. Als Contessa in Brasilien ist Rois umgeben von Sicherheitskräften, die sie aber zusammenschlagen, und dem Dienstmädchen Pablo (Peters), das sie liebt und deshalb beklaut: "Ich wüsste nicht, was persönlicher ist als eine Kreditkarte." Rois spielt in dieser Inszenierung um ihr Leben. Mit einer feinnervigen und nervösen Selbstbehauptung, die ebenso komisch wie zutiefst anrührend ist. Rois bringt großes Melodram, Slapstick und echte Verzweiflung ganz locker unter einen Hut - und damit auch bei Pollesch eine ganz andere Farbe in seine Abende. Sie ist jemand, der sich mit Verzweiflung nicht abfindet, dagegen wie wild ankämpft: Die Scheiße hier muss sich doch irgendwie scharf stellen lassen! Das Whiskeyglas fest in der Hand und das Damenhandtäschchen locker um den Arm, stapft sie verwirrt herum, kreischt und stöhnt: "Mannnn, hiiier verweiiiigern sich alle!" - und kann es einfach nicht fassen, dass Pablo sie aus Liebe beklaut. Ihr Mann Big Daddy (Volker Spengler) will nach zehn Jahren endlich mal Sex, Rois wirft sich auf den Boden: "Okay, dann fick mich doch." Dann, nah am Kreislaufkollaps, erklärt sie ihm, dass sie es satt hat, ein Sexsymbol zu sein: "Mann, du kannst mich doch nicht nur lieben, weil ich genau das repräsentiere, was alle haben wollen. Immer nur Sex und Liebe, all diese unterdrückten Verbrechen, wenn ich den Raum betrete!" Big Daddy ist verzweifelt und nimmt seinen Wunsch zurück. Am Ende von "Telefavela" stirbt die polleschresistente Rois ("Ich denke noch nicht so modern") im Bett einen melodramatischen Kinotod. Ihre letzten Worte: "Dragee, Dragee." Sophie Rois und die Volksbühne: über zehn Jahre zusammen - und noch immer glücklich. Wenn es um die Volksbühne geht, ist Sophie Rois eine nicht zu bremsende Enthusiastin. Sie ist der treueste Fan ihrer künstlerischen Wahlheimat. "An der Volksbühne", sagt sie, "muss ich mich nicht verbiegen. Ich lasse mich im Namen der Kunst von keinem Regisseur quälen, ich spiele keine Rollen, die ich nicht spielen will, ich sage keinen Satz, den ich nicht sagen will, und es kommt auch keiner auf die Idee, so etwas von mir zu verlangen. Man ist immer man selber auf der Bühne, es gibt einfach nicht dieses Verstellertum." In Wien war sie nach den Proben abends ein paarmal im Theater; dem Burgtheater-Publikum steht sie eher ratlos gegenüber: "Wenn in Schlingensiefs ‚Bambiland' im Film einem einer runtergeholt wird, sitzen die Leute im Zuschauerraum, als würde Paganini auf seiner Geige da oben spielen. Ich frag mich, was denken sich die Zuschauer? Die ertragen das, sitzen ihre Eintrittskarten ab und erwarten gar nicht, dass ihr Leben auf der Bühne verhandelt wird." Wie ist aus Sophie Rois eigentlich die Vorzeige-Ostberlinerin geworden? "Ich komme vom Land, aus Ottensheim bei Linz, und bin nach Wien gegangen, aber meine Sehnsucht nach einem urbanen Leben war sehr ausgeprägt, einem Leben ohne soziale Kontrolle." Zunächst hat sie das Reinhardt-Seminar durchgezogen - nicht, weil sie schon immer Schauspielerin werden wollte, sondern weil sie überzeugt war, "für den Arbeitsmarkt völlig ungeeignet zu sein". Die Schauspielschule war für Rois dann auch "eher schwierig, weil ich ungeheuer einsam war. Ich bin zwar gut durch die Schule gekommen, aber ich hab schon damals nicht geglaubt, dass die Schauspielschule so ein Betrieb ist, wo kleine Schrauben hergestellt werden, die dann in irgendeine Mutter passen." In Wien wollte sie nicht bleiben, "weil ich mich in dem, was ich hier vorfand, nicht orientieren konnte". Freunde haben gesagt, komm doch nach Berlin, und dann "standen wir 1986 auf der Autobahn". In Berlin gab es auch eine Zeit vor der Volksbühne, die sich trotzdem sehr volksbühnenhaft anhört, wenn Sophie Rois davon erzählt. Man hat dann nämlich das Gefühl, selbst im biedersten Stadttheater sind Anarchie und Spaß möglich. Auch in Pappdekorationen kann die Post abgehen. Die erste Station war ein Kindertheater in Alt-Moabit mit dem etwas großspurigen Namen Berliner Kammerspiele. "Das hatte so einen verstaubten Westberliner Charme", erinnert sich Rois, "ich spielte damals sicher grauenhaft, aber ich hatte Gelegenheit, mich auszuprobieren." Nächste Station war das Renaissancetheater in Charlottenburg: "Natürlich haben meine Künstlerfreunde die Nase gerümpft, es war eher schick, im dritten Hinterhof in Kreuzberg zu spielen als in diesem Boulevardtheater für Zuschauer mit grauen Haaren, alles mit Schwarzwälder Kirsch verklebt." Sophie Rois hatte trotzdem ihre Freude daran, "eine unglaubliche Charge zu spielen, diese Art von Drastik mag ich sehr". Der ehemalige Burgtheater-Direktor Gerhard Klingenberg führte Regie in einem Feydeau-Stück, und Rois entdeckte ihre große Liebe zur Komödie und zum Volkstheater. Auch mit dem neuen alten Josefstadt-Direktor Helmuth Lohner hat sie das Geschick damals zusammengeführt: In "Klotz am Bein" spielte er einen "ausgelutschten Lebemann" und Rois eine reiche, unattraktive Tochter, die verheiratet werden soll. "Man hat mich unheimlich hässlich gemacht, mit Zahnlücke, Brille und Stirnfransen, ich fand die Aufmachung enorm sexy. Das hat so Spaß gemacht: Als auf der Hochzeit auffliegt, dass mein Mann eine Mätresse hat, durfte ich total begeistert sein! Diese kleine Frau reflektiert so gescheit ein kapitalistisches Prinzip: Natürlich will ich einen Mann, den alle haben wollen, denn wenn ich ihn dann kriege, dann ärgern sich die anderen grün und blau." Nächste Station: Freie Volksbühne unter Hans Neuenfels. Der Intendant konnte beim Vorsprechen nicht so viel mit ihr anfangen, aber sein Assistent war interessiert irritiert: ",Ja, das war seltsam, wie Sie gespielt haben', meinte der", erinnert sich Rois. "Das war so unpsychologisch, aber irgendwie so, als könnte man gar nicht anders." Und dann passierte es: Sophie Rois lernte Frank Castorf kennen. Sie spielte in Strindbergs "Rausch" und kam danach mit ihm ins Gespräch. "Das war ein Zufall", sagt sie, "ich wusste ja nicht, dass es so ein Theater gibt. Na geht doch, dachte ich. Der Irrtum ist ja immer, dass man denkt: Acht Stunden üben, und dann kann man Castorf oder Pollesch. Aber diese Art von Theater hängt auch damit zusammen, dass die Wirklichkeit hinter der Bühne anders aussieht. Ich hatte am Anfang überhaupt keine Identität als Schauspielerin, aber die fanden mich als Person Klasse. Man sagt: ,Du bist in Ordnung', und das ist eine Grundlage. Mit Castorf ist das auch nicht immer Honigschlecken, aber man akzeptiert sich als Individuen, die ihren eigenen Willen haben." Herbert Fritsch erinnert sich, dass sich Rois schon in der Anfangszeit von einer ansteckenden Euphorie war. "Sie rauscht auf die Bühne und behauptet etwas - ob das richtig oder falsch ist: egal. Das kann sie unheimlich gut." Wien, eine Probe zu "Hallo Hotel ...!": Sophie Rois ist wieder einmal aufgebracht. Sie wollte einen Kaffee bestellen, aber jetzt will dieser Portier mit ihr einen Liebesdeal aushandeln. "Hören Sie mir auf, von Liebe zu reden, Sie wollen mich doch nur aus meinem Zimmer werfen!", schreit sie verzweifelt. Das Volksbühnen-Wesen Sophie Rois ist in Wien gelandet. Aber eine verlorene Tochter, die brav heimkehrt, wird aus ihr wohl nie werden. "Ich bin nicht unendlich kompatibel!", sagt sie. Und das ist extrem gut so. "Hallo Hotel ...!" hat am 18.6., 20 Uhr, im Burgtheater-Kasino am Schwarzenbergplatz Premiere; Voraufführungen finden am 1. und 3.6., 20 Uhr, statt. Karten: Tel. 514 44-4140 bzw. www.burgtheater.at. |
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