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Dem Himmel so nah
NAHERHOLUNG  Der Böhmische Prater, der kleine und ärmliche Bruder des Wurstelpraters, bietet Blattwerk, Biere und Blicke, für die man schon mal Danke sagen kann. Eine haltlose Hommage. KLAUS NÜCHTERN

Falter 22   Originaltext aus Falter 22/04 vom 26.05.2004

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Will man das Erholungsgebiet Laaer Wald, eine der schönsten wasserfernen Gegenden Wiens, aufsuchen, bieten sich zwei Wege an. Wer gerne mit dem Strom schwimmt, verlässt die Linie sechs bei der Station Absberggasse, geht zwischen den Backsteinbauten der Anker-Brot-Fabrik und semideprimierenden Manifestationen sozialen Wohnbaus, vorbei an den Plakatwänden, von denen entweder die Mitglieder der Lutz-Familie oder österreichische Skifahrer herabblicken, und gelangt dann, unter der Unterführung mit dem "Doris ich liebe dich"-Graffiti hindurch direkt in den Böhmischen Prater.
Wer es lieber etwas abenteuerlicher hat, fährt mit dem Sechser noch eine Station weiter in die Geiselbergstraße und geht die Geiereckstraße hinauf, wo die Bewohner der oberen Stockwerke den Autofahrern auf der Südosttangente aufs Dach spucken können. Hier haben erste und zweite Natur zu einer wüsten Synthese aus Beton gewordenen Verkehrsverschlingungen und ungezähmtem Pflanzenwuchs gefunden, der still gelegte Gleise überwuchert. Ein Gstättengeruch aus Blütenduft und teergebeiztem Holz umgibt den eher einsamen Spaziergänger, es singen die Pneus, und eine schöne, stahlvernietete Eisenbahnbrücke führt zum Privatgrundstück der Firma Siemens, das nur von Angestellten betreten werden darf. Unter diversen Fahrbahnverästelungen gelangt man schließlich in die Urselbrunnengasse, die am Kleingärtnerverein Favoriten vorbei führt, und wenn man die grausig-gelben, ziegelbekrönten Wellenwände von "Asia-Grillspezialitäten" sieht, ist man praktisch schon am Ziel. Dort kreuzen sich dann alle die ausgetretenen und weniger begangenen Wege, über die man aus nördlicher bzw. nordwestlicher Richtung in den Böhmischen Prater gelangt.
Der Böhmische Prater ist die Low-Fi-Ausgabe des Wiener Praters. Errichtet wurde er im Jahr 1885 zum Gaudium der Bewohner des 1874 ins Stadtgebiet eingegliederten Favoriten, wo sich neben all den anderen Hacklern auch die so genannten "Zieglbehm", also großteils aus Böhmen und Mähren stammende Arbeiter, in den Wienerberger Ziegelwerken verdingten. Das ehemalige Ausflugslokal Tivoli entwickelte sich seinerzeit aus der Werkskantine der Wienerberger Ziegelwerke, die auf dem Gebiet des Laaer Waldes zwei Tegelgruben hatten. Heute treten in der 190-Quadratmeter-Halle des Tivoli von überambitionierten Eltern gecoachte Kids aus dem Schatten ihrer Pferdepostermädchenzimmerexistenz, um auf Britney Spears oder - wenn der Einfluss der Eltern noch ungebrochen ist - auf Tina Turner oder Jennifer Rush zu machen.
Sensible Menschen können bei Beobachtung des Treibens schon ein bisschen schwermütig werden. Melancholie ist aber durchaus eine dem Ort angemessene Rezeptionshaltung. Denn im Grunde genommen ist der Böhmische Prater nichts anderes als eine wenige hundert Meter lange Straße, entlang derer einige wenige Buden mit Vergnügungen locken, die andernorts keinen Hund hinterm Ofen hervorlocken würden: Kinderautodroms, so harmlos, das wohl nur die Familie Flanders ihren Spaß daran hätte; Hupfburgen, die eher zum Säuglingswerfen dimensioniert scheinen, als dass sie sich für die im "echten" Prater sozialisierten Spaßprofis eigneten; Wilfert's Riesenrad, das - man ahnt es - nur einen lächerlicher Abklatsch der protzigen Ingenieursleistung in der Leopoldstadt darstellt; Märchenbahnen, die an windschiefen Zwergen vorbeikurven; das Casino Monte Laa, in dem man angeblich sogar mit Kreditkarte zahlen kann. Sieht man von einem Ringelspiel ab, dessen Sesseln schon an recht langen Ketten hängen, gibt es kein einziges Gerät, das eine so ausgemachte Fun-Lusche wie ich nicht furchtlos besteigen und benutzen würde.

Mit anderen Worten: Der Böhmische Prater ist absolut großartig, gerade weil er nicht großartig sein will oder kann. Und wenn an warmen Tagen Tausende Menschen in hegemonialem Outdoor-Outfit, im Feiertagskostüm, Firmlingsanzug oder der auch noch gerne zum Einsatz gebrachten Kombi von Trainingsanzug, weißen Socken und Mokassins das Naherholungsgebiet am Laaer Berg aufsuchen, bricht die Basisversorgung schnell einmal zusammen. Die Bonniermaschine streikt, und wer was zum Essen bestellen will, hat ein Problem; die Biere sind nur im Krügelformat vorgezapft, und wer schnell ein Seidl will, hat ein Pech gehabt; das Personal ist generell überfordert, und wer jetzt zum Gulasch Teigwaren statt Petersilerdäpfel haben möchte, kann überhaupt wortlos gack'n geh'n. So würde es der Kellner zwar nie ausdrücken, aber der Gast glaubt dennoch, jetzt über Serviceleistungen und Personalkapazitäten diskutieren zu müssen, und natürlich kann er sich den Hinweis darauf, dass er das nächste Mal wieder ins Schweizerhaus gehen wird, nicht ersparen.
Soll er doch. Soll er nur rübergehen! Solche brauchen wir hier eh nicht!! Gewiss, im Schweizerhaus sind die Schaumkronen des Budweisers zu einer barocken Bombastik aufgetürmt, wie sie hier, beim kleinen, verwahrlosten Bruder, nicht zu finden sein wird. Aber das im Bierstadl gezapfte Bier ist ebenso süffig und bekömmlich wie das berühmte Schweizerhausdruckluftgezapfte - jedenfalls fast. Und es mag schon sein, dass die Spareribs woanders noch besser sind als im Bierstadl, aber einmal davon abgesehen, dass ich mich eh meist für die gebackenen Champignons entscheide, sind die Spareribs im Bierstadl total in Ordnung, und all die Hobbygastrokritiker, die nichts anders zu tun haben, als Thunfischcarpaccio-Charts auszutauschen, Restaurantqualitätsverlaufskurven zu zeichnen und sich mit ihren besten Freunden über der Frage zu entzweien, wo's die besten Mohitos gibt, sollen innerhalb des Gürtels bleiben und Zeug mit Zitronengras fressen; ach was, die sollen einfach wortlos gack'n geh'n, aber original!
Wer in den Böhmischen Prater geht, hat im Wesentlichen zwei Möglichkeiten: Werkelmann oder Bierstadl; beim Werkelmann gibt's Gösser und Surstelz'n, im Bierstadl Budweiser und Spareribs. Ich bin eindeutig ein Bierstadl-Mann. Das hängt auch, aber keineswegs nur mit dem Bier zusammen. Hauptsächlich ist es eine Flair-'n'-Vibes-Frage. Von der Straße aus kommt der Bierstadl mit seinem hinter einem ockergelben Mäuerchen verschanzten Gastgarten eher unspektakulär einher; auf leicht ansteigendem Niveau stehen halt Tische unter Bäumen. Dann kommt ein überdachter Bereich, unter dem sich die Schank befindet und Menschen sitzen, die lieber Wagenräder mit Sparlampen und ein Scheunendach überm Kopf haben, als unter freiem Himmel zu sitzen und sich dem Risiko meteorologischer Unbill auszusetzen. Sie haben nichts Besseres verdient. Unter diesem Dach muss durch, wer den Gastgarten Gottes betreten will; eine Weihestätte des Bier-Buddhismus, bestreut mit genau der richtigen Menge an Kies, besetzt mit rund einem Dutzend genau der richtigen Bäume, deren zur Blätterkuppel sich vereinigende Kronen genau die richtige Menge an Licht durchlassen, um die körpereigene Endorphinproduktion zu Spitzenleistungen zu inspirieren.

Sieht man von den aus undurchsichtigen Gründen aufgespannten Sonnenschirmen ab, die von Substanzen fragwürdiger animalischer oder vegetabiler Abkunft völlig verdreckt sind, gibt es hier nichts Spektakuläres zu sehen. Wären da nicht Bäume und die Schankscheune, man könnte den herrlichsten Ausblick über Simmering bis in die Slowakei genießen. Und obwohl man von all dem nichts sieht, spürt man es - der Ort vibriert vor visueller Potenzialität. Aber es bleiben eh noch die Kronen der Flaumeichen und Feldahornbäume. Die sind hier quasi heimisch. "Flaumeichenwälder mit Elsbeere, Feldahorn, Kreuzdorn, wolligem Schneeball, Diptam, purpurblauem Steinsamen, Blut-Storchenschnabel und viele andere Pflanzenarten der pannonischen Wälder und Steppen" - so kann man es an den Informationstafeln des Erholungsgebietes Laaer Wald lesen, an das der Garten des Bierstadls grenzt. 1953 hat man mit der Aufforstung begonnen und war zunächst grandios gescheitert. Sechs Jahre später versuchte man es noch einmal. Ich sage jetzt nur: 15.760 Meter, 75 Zentimeter tiefe Pflanzengräben - das muss man erst mal bringen! Vor genau 22 Jahren, am 23. Mai 1982, wurde dann die "Wohlfahrtsaufforstung Laaerwald" eröffnet.
Und man hat nicht umsonst aufgeforstet. Wer den Bierkonsum kurz unterbrechen, eventuell Körpersäfte abschlagen oder austauschen will, der soll die naturkundlichen Wege dieses duften Naherholungsgebietes keineswegs scheuen - eine Insel der Ruhe, die aus ihrer Insellage auch keinen Hehl macht, weil noch genug an Flug-, Verkehrs- und Fußballlärm (das nahe gelegene Horr-Stadion!) hereinflutet, damit man die Ruhe auch zu schätzen weiß. Und wer zur Holzterrasse über dem Butterteich vordringt, wird die Natur von ihrer weniger stillen Seite kennen lernen: Was dort kreucht und fleucht veranstaltet ein dermaßen höllisches Geschnatter, Gequake und Gekecker, dass man schnell von einem unwiderstehlichen Bedürfnis nach buddhistischer Bierkontemplation überwältigt wird.
Hat man genug über unterschiedlich weit befüllten Krügelgläsern meditiert, muss man auch wieder einmal nach Hause gehen. Dafür empfiehlt sich die südöstliche Richtung. Eine Runde mit dem Riesenrad oder im Teetassenringelspiel, eine Runde Minigolf oder mit der legendären Raupe aus dem Jahr 1929. Vielleicht auch ein Dessert aus der Süßen Tram.
Schade nur, dass die spitzgiebelige Hütte, in der der Familienbetrieb Jancura die vom axialen Wendelschneider der Firma Zippel aus dem deutschen Neutraublingen geschnitzten, hernach in heißem Fett goldgelb und köstlich kross gebackenen und schließlich in braunen Packpapierstanitzeln servierten Lockenchips seit zwei Jahren geschlossen hat. Lockenchips gibt's jetzt an Omas Pommes-Stand beim Werkelmann. Ich aber trauere den Jancura-Chips nach.
Aber auch ohne Lockenchips hat der Weg aus dem Böhmischen Prater seine Reize - und die liegen vor allem im atemberaubenden Panorama: ohne Blickhindernisse kann das Auge hier vom AKH bis zum Zentralfriedhof schweifen - übers Rinterzelt, die Gasometer, den markanten Doppelturm der Kirche am Enkplatz, die Heizbetriebe Simmering, deren erhabene Schlote einen Raum aufspannen, von dem man sonst nichts ahnen würde; da hängt der Himmel nicht voller Geigen, sondern zwischen den Schornsteinen - was noch besser ist; nicht umsonst trägt einer der schönsten Filme aller Zeiten den Titel "Where Chimneys Are Seen". Im Herbst lärmen hier die Lenkdrachen, und wenn im Winter Schnee fällt auf die Hügel, die zum Kicken ein bisschen zu steil und zum Rodeln ein bisschen zu flach sind, dann sieht es aus, als hätte Andrej Tarkovskij eine Landschaft von Breughel nachgestellt. Aber bis dahin ist's noch lang, und vielleicht sollte man doch noch einmal umkehren und im Bierstadl ein allerletztes Buddhistenbudweiser bestellen.

Bierstadl, 10., Laaer Wald 218a, Tel. 689 23 00, tägl. 10-23 Uhr.
Zum Werkelmann, 10., Laaer Wald 218, Tel. 688 71 06, Mo-Fr 11-23 Uhr, Sa, So, Fei 10-23 Uhr.

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