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Verunsicherte Voyeure
PROSTITUTION  Martina Löw, deutsche Soziologieprofessorin und Prostitutionsforscherin, hat Wiens Rotlichtszene untersucht. Ein Interview über die omnipräsente Sexindustrie, Männerängste im Puff, Frauen ohne Rechte und das Pornografische am Sektglas. JULIA ORTNER

FRAUENHANDEL IN WIEN: "Wie die Tiere"

Falter 23   Originaltext aus Falter 23/04 vom 02.06.2004

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Gürtelpuffs, Praterhuren und Strizzis hat Martina Löw in den vergangenen Monaten genug kennen gelernt. Auf ihren Factfinding-Missions quer durch die Rotlichtszene der Stadt. Die 39-jährige Professorin für Stadt- und Raumsoziologie an der TU Darmstadt forschte nämlich ein Semester lang am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien zum Thema Prostitution - eines ihrer Spezialthemen. Löw hat sich schon die Rotlichtbezirke in Frankfurt oder Hamburg angeschaut und beschäftigt sich in diesem Forschungsfeld, welches das Stadtbild sichtbar prägt, mit Geschlechterverhältnissen und der räumlichen Ordnung der Gesellschaft. Der Vergleich mit der Wiener Szene ist für die Soziologin besonders interessant, weil es in dieser Stadt kein klar strukturiertes Rotlichtviertel gibt wie in den deutschen Metropolen, wo Prostitution seit 2002 auch als Gewerbe anerkannt wird.

Falter: Frau Professor, Sie waren monatelang am Wiener Strich unterwegs. Wie war das, als deutsche Wissenschaftlerin zu Huren und Strizzis zu gehen und denen zu erklären: "Hallo, ich forsche bei Ihnen über Prostitution"?

Martina Löw: Wenn man die Regeln eines anderen Milieus nur als Außenseiterin kennt, bewegt man sich ja nicht sehr selbstverständlich darin. Ich habe gelernt, dass man in Bordellen zuerst an die Bar geht und fragt, ob man die Sexarbeiterinnen ansprechen darf. Sonst weiß man nicht, ob die Frauen Ärger kriegen, wenn sie sich in ihrer Arbeitszeit unterhalten. Problematisch ist, wenn man gerade als Frau einfach auf die Sexarbeiterinnen zugeht und niemand weiß: Was will die hier? Kommt sie als Freierin? Wenn ich die Erlaubnis bekommen habe, eine Frau anzusprechen, war da dieses Schreckmoment, okay, zu welcher geh ich jetzt. Die sitzen und stehen da aufgereiht, und ich habe dann einfach auf Blickkontakt reagiert.

In Wien gibt es kein eigenes Rotlichtviertel. Prostitution findet dezenter statt als anderswo, ist aber überall, wie Sie feststellen. Warum gibt es gerade in Wien dieses "Zeigen, ohne aufzufallen"?

In Wien sind klassische Bordelle traditionell verboten, deshalb konnte auch kein eigenes Viertel entstehen. Das Gewerbe hat sich eher über Bars, Massagesalons, Peepshows und den Straßenstrich entwickelt. Und es ist kein Zufall, dass es in Wien diese Dynamik von "Zeigen, ohne aufzufallen" gibt. Zum Beispiel leben die Wiener laut hier arbeitenden Architektinnen nicht gerne in Erdgeschoßwohnungen, weil sie nicht gesehen werden wollen. Typisch für Wien ist auch die Fassadenkultur, die ja das Innere immer hinter einer sehr schönen Oberfläche versteckt. Das scheint für eine Stadtkultur zu sprechen, die eine lange Tradition im Spiel von Verbergen und Herzeigen hat. In dieser Stadt gibt es kaum eine Straße, in der es nicht irgendeinen Sexshop, Swingerclub, eine Peepshow oder eine Bar gibt, aber die Wiener, mit denen ich daran vorbeigehe, nehmen das gar nicht mehr wahr, weil das Alltagskultur ist. Erst wenn man aufmerksam hinschaut, erkennt man, was für ein dichtes Netz an Sexindustrie über der Stadt liegt.

Laut Schätzungen der OSCE sind fünfzig bis 75 Prozent der Wiener Prostituierten Opfer von Frauenhandel (siehe "Wie die Tiere"). Was haben Sie bei Ihren Gesprächen mit Prostituierten über dieses Problem erfahren?

Bei den Sexarbeiterinnen stößt man auf sehr unterschiedliche Lebenswege und Probleme. Da wären etwa die älteren Frauen, die nicht mehr für jung und schön genug befunden werden, ihr Einkommen sinkt bis unter die Existenzgrenze. Und es gibt sehr viele Migrantinnen. Die Tatsache, dass ihr Aufenthaltsstatus häufig ungeklärt und zum Teil davon abhängig ist, dass sie die Sexarbeit nicht verlassen, macht sie extrem unfrei. Aber man kann nicht einfach generell behaupten, dass jede Migrantin eine gehandelte und ausgebeutete Frau ist, die unter der Arbeit leidet. Solange sich an der rechtlichen Situation der Frauen nichts ändert, sowohl in Bezug auf den Aufenthaltsstatus als auch auf die Anerkennung von Sexarbeit als Beruf, werden Frauen immer wieder diskriminiert und ausgebeutet werden.

Das Sektglas und der Stöckelschuh an der Fassade als Signal für käuflichen Sex ist für Wiener Rotlichtlokale anscheinend typisch. Das ist ein bisschen einfallslos - ist das in anderen Städten abwechslungsreicher inszeniert?

Man muss bedenken, dass die Sektflasche, die geöffnet wird, das Rausspritzen des Sekts ein geradezu klassisches Symbol für den männlichen Orgasmus ist. Dann ist das Sektglas, das auf den Häuserfassaden meist die Form eines Dreiecks annimmt, das in einen Stiel mündet, das Symbol für die Vagina. Dieses Dreieck nimmt den Sekt auf. Das ist auf der einen Seite sehr subtil, aber auf der anderen Seite ist es pornografisch - das passt also zu dem typischen "Zeigen, ohne aufzufallen" in dieser Stadt. In Frankfurt habe ich dagegen beobachtet, dass dort die Fassaden viel fantasievoller gestaltet werden. Es gibt natürlich auch Sektgläser, Herzchen und Stöckelschuhe, aber es gibt immer mehr Bordelle, die versuchen, auf künstlerische Art das Geschehen im Haus nach außen zu tragen.

Eine interessante Erkenntnis von Ihren Lokalbesuchen ist auch, wie sich Männer dort benehmen.

Männer wollen nicht gesehen werden. Nicht beim Eintreten, nicht beim Rauskommen. Auch im Lokal selbst sind viele Männer durch die Situation verunsichert, sie vermeiden deshalb, von allen angeblickt zu werden. Das wissen die Frauen ganz genau, es gibt viele private Gespräche, wo diese männlichen Schwächen ironisiert werden. In diesem schwierigen Moment helfen die Sexarbeiterinnen den Männern, wie Frauen das in vielen Beziehungen tun. Sie haben gelernt, den eigenen Blick zu verstecken, nicht als etwas Starrendes erscheinen zu lassen, sonder eher als eine freundliche Aufforderung. Eines der Rituale im Bordell ist, dass die Bardame die Frauen aufruft: "Kommt euch zeigen!" und die Frauen dann am Mann vorbeischreiten oder sich vor ihm aufstellen. Es fällt auf, dass im Bereich der Sexarbeit die Frau gerne als Bild inszeniert wird, das sieht man am besten in dieser Schaufenstersituation. Die Frauen sitzen sehr starr da, wirken wie eine erotische Fotografie. Eine Frage ist, inwieweit Männer in dieser anderen Welt auch etwas suchen, was dem Kino vergleichbar ist. Wir leben in einer Kultur, in der das Visuelle zum Königssinn geworden ist. Wir verlassen uns auf den Blick. Wir haben uns eine Art des Schauens angewöhnt, die ein voyeuristisches Moment hat. Und es gibt eine lange Tradition, Frauen als Räume zu beschreiben. Diese Überlagerung von Frau und Raum produziert vor dem Hintergund einer dualistischen Struktur von Frau und Mann, von Raum und Inhalt, auch zwei entgegengesetzte Positionen: Betrachtetwerden und Betrachten. Die Position des Blickenden ist damit eine eher männlich besetzte, die Position des Angeblicktwerdens eher eine weibliche. In der Sexarbeit scheint diese Struktur von voyeuristischem Blick und Betrachtetwerden in einer geradezu idealen Konstruktion reproduziert zu werden.

In Wien ist der Straßenstrich der Hauptschauplatz des Gewerbes. Die Frauen auf der äußeren Mariahilfer Straße präsentieren sich im öffentlichen Raum auf eine ganz eigene Art. Warum?

Diese Frauen haben die Chance, einen Inszenierungswechsel von Privatperson zu Prostituierter dadurch zu schaffen, dass sie nach vorne treten. Das ist schon oft mit einer Bühne verglichen worden, dieses Nach-vorne-Schreiten an die Bordsteinkante, mit dem die Frauen zu einer sichtbaren, sexuelle Dienste anbietenden Frau werden. Die Inszenierung ist auch wichtig, um die Integrität der eigenen Person zu schützen. Viele Frauen tragen Dienstkleidung, die sie kaum noch unterscheidbar macht: Latex und Leder, ähnliche Perücken, sodass die Individualität verwischt wird. In Wien ist mir aufgefallen, dass die schwarzen Frauen diese Markierungsarbeit nicht mitmachen, sie stehen in Jeans und Turnschuhen an der Straße - auch weil sie für diese Gesellschaft schon durch ihre Hautfarbe als markiert wahrgenommen werden.

Sie selbst haben bei Ihren Ortserkundungen, etwa im Stuwerviertel, festgestellt, dass dort alle Frauen ungeachtet der gängigen Codes im Milieu von Freiern belästigt werden. Warum kommt es zu diesen Missverständnissen?

Normalerweise werden soziale Situationen über Konventionen geregelt. Wenn etwa eine Frau mit einem Mann auf der Straße dahingeht, spricht ein anderer Mann sie nicht an. Beim Straßenstrich scheint es so zu sein, dass es etwas gibt, das stärker ist als diese Konventionen. Das ist die Definitionsmacht, die vom Ort ausgeht. Es gibt einen Effekt, den der Ort erzeugt, der stärker ist als die soziale Regel. In diesem Fall ist der Ort so definiert, dass hier Sex käuflich ist, und dementsprechend fallen alle, die sich dort bewegen, unter dieses Muster.

In Wien wurde lange über Strafen für Freier von Geheimprostituierten diskutiert. Könnte das die Zustände für die Frauen verbessern?

Über die letzten Jahrhunderte hat man in diversen Ländern die Erfahrung gemacht, dass es nicht funktioniert, Sexarbeit zu verbieten. Länder, die restriktiv waren, haben erkannt, dass die Bedingungen für die Frauen dadurch noch schlechter geworden sind. Es macht weder für die Betroffenen noch für das Gemeinwohl Sinn, Sexarbeit zu kriminalisieren und Freier zu bestrafen.

Was schließen Sie aus der Beschäftigung mit dem Thema Prostitution über Macht- und Geschlechterverhältnisse im öffentlichen Raum?

Die Städte diskutieren ja immer wieder die Frage, ob sie Prostitution konzentrieren oder verteilen sollen - genau die gleiche Debatte gibt es auch in der Migrationspolitik. Die ganzen Fragen von sozialer Kontrolle und Durchmischung kann man exemplarisch an der Sexarbeit analysieren. Und man kann auch gut sehen, wie über das Ergreifen von Räumen, zum Beispiel indem Häuser mit Bordellen besetzt werden, indem Frauen sich mit Bordellen selbstständig machen, über diese Form von Raumbesetzung auch aktiv Politik betrieben wird - eigene Räume schaffen, eigene Interessen durchsetzen, gesellschaftlich offensichtlich werden. Es wird jetzt in Deutschland interessant, wie sich durch die Liberalisierung der Gesetze im Bereich der Sexarbeit auch die Geschlechterverhältnisse verändern. Was schließlich dazu führt, dass sich städtische Räume verändern.

 
FRAUENHANDEL IN WIEN
"Wie die Tiere"


Neulich gab es in einem rumänischen Provinzblättchen wieder eine dieser seltsamen Meldungen zu lesen. Zwei Mädchen aus dem Dorf Cluj (Ort geändert, Anm. d. Red.), so berichtete das Blatt "exklusiv", würden im fernen Wien großes Geld im Sexbusiness machen. Der Bericht ist mit Nacktfotos der Frauen illustriert. Er liegt nun am Schreibtisch eines Rotlichtfahnders, der nicht genannt werden will. Er kennt die Frauen. Es sind Opfer von Frauenhandel. "Sie haben nichts verdient, sondern ihre Existenz verloren. Sie können sich in ihrem Dorf nie wieder sehen lassen." Das war Absicht: "Solche Berichte in Lokalzeitungen werden immer wieder von Frauenhändlern lanciert und bezahlt, um Mädchen einzuschüchtern, die gegen ihre Peiniger aussagen wollen."
Manchmal sprechen die gedemütigten Frauen doch, dann erhält die Polizei Einblicke in Abgründe: Vorvergangene Woche wurde wieder einmal ein Frauenhändlerring ausgehoben. Frauenhändler hatten 150 Mädchen aus Weißrussland im Edelpuff zur Prostitution gezwungen. In Gumpendorf stießen die Fahnder vergangenes Jahr auf einen Keller, in dem minderjährige Rumäninnen ihre Freier auf gynäkologischen Geräten befriedigen mussten. Zu Weihnachten fand die Polizei am Gürtel achtzig Frauen, die "wie die Tiere" (ein Fahnder) gehalten und eingesperrt wurden. "Sie führten kein normales soziales Leben mehr", so Wiens Chefkriminalist Ernst Geiger.
Wer über den Gürtel fährt oder im Anzeigenteil der Krone blättert, kann davon ausgehen, dass viele der dort angebotenen "naturgeilen Sexluder" in Wirklichkeit Opfer der organisierten Kriminalität sind. Helga Konrad, Leiterin einer OSCE-Task-Force gegen Frauenhandel, schätzt "ganz vorsichtig", dass "wir fünfzig bis 75 Prozent der Wiener Prostituierten als Opfer ansehen können". Das wären 4000 Frauen.
Wie funktioniert Frauenhandel? Ein Ermittler erzählt, dass die Frauen in ihrer Heimat als Au-pair-Mädchen, Erntehelferinnen oder Putzfrauen angeworben werden. Die Menschenhändler geben sich als Arbeitsvermittler aus, organisieren Behördenkram und geben Kredite für die Reise in den Westen. Kaum in Wien angekommen, werden die Frauen von Mittelsmännern abgeholt. Die nehmen ihnen sofort die Pässe weg und fordern plötzlich Unsummen für die Organisation der Reise. Im schlimmsten Fall werden die Mädchen "rituell vergewaltigt" (ein Ermittler). Sogleich wird ein Ausweg geboten: Jobs in Bars und Separées. Dort angekommen, werden sie sehr oft als Drogenbotinnen eingesetzt und so erpressbar gemacht. Untertags werden sie von Freier zu Freier gekarrt.
Der Staat macht es den Frauen nicht leicht. Opfer von Frauenhandel machen sich zunächst nach dem Prostitutionsgesetz strafbar. Die Freier aber gehen frei. Eine Änderung des Gesetzes in diesem Punkt fand auch auf Druck von Frauenhilfsorganisationen nicht statt. Deren Befürchtung: Durch eine Kriminalisierung der Freier würden Frauen noch mehr in den Untergrund gedrängt. Frauenhilfsvereine wie die Organisation LEFÖ fordern effektiveren Rechtsschutz. Die Frauen sollten schneller zu Aufenthaltsberechtigungen kommen, und sie sollten vom Staat nicht nur als "Kronzeuginnen", sondern vor allem als Opfer sexueller Gewalt entsprechend betreut werden
FLORIAN KLENK

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Juni 2004 © FALTER
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