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| "Das Knie war schlauer" |
| FUSSBALL Der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit hat ein Buch über die wichtigste Sache der Welt geschrieben. Vor Beginn der Fußball-EM in Portugal erklärt er dem "Falter", warum Fußball digital wurde und Oliver Kahn danebengreifen wird. MATTHIAS DUSINI |
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| Als Autor von Büchern über den "Körper des soldatischen Mannes", so lautet der Untertitel seiner Dissertation, ist Klaus Theweleit oft gefragt worden, ob Fußball nicht eine Art Militärersatz sei. Die Antwort des 1942 in Ostpreußen geborenen Fußballfans fällt, wie es sich für einen Pychohistoriker gehört, ambivalent aus: "Wenn die einen sagen, Fußball militarisiere, kann mit gleichem Recht geantwortet werden, Fußball zivilisiere kriegerische Potenziale." Heute lebt Theweleit als freier Schriftsteller und Lehrbeauftragter an verschiedenen Universitäten in Freiburg. Seine bekanntesten Bücher sind "Männerphantasien" (1977/78), "Buch der Könige" (1988 und 1994), "Objektwahl" (1990), "Ghosts" (1998) und der "Der Pocahontas-Komplex" (1999). Falter: Am 12. Juni ist es wieder so weit: 22 Männer werden aufeinander losgehen und am Ende verschwitzte T-Shirts miteinander tauschen. Können Sie mir einen triftigen Grund nennen, warum ich mir das ansehen soll? Klaus Theweleit: Den kann ich niemandem nennen, wenn er nicht ohnehin einen hat. Haben Sie nie versucht, jemanden vom Fußballsport zu überzeugen? Nein, nie. Warum sollte ich? Ich lebe zum Beispiel seit vierzig Jahren mit einer Frau zusammen, die noch nie im Stadion war und kein Spiel im Fernsehen bis zum Schlusspfiff aushält, obwohl sie mit einem fußballbegeisterten Mann zusammenlebt und ihr Sohn über Fußball schreibt. Ihre Frau sagt Sätze wie: "Es sollen doch mal die Isländer gewinnen. Die sind so niedlich mit ihrer kleinen Insel und den Ponys." Was antworten Sie darauf? Ich kann diese Meinung nicht teilen, weil ich nichts davon habe, wenn Island gewinnt und das deutsche Team deswegen daheimbleiben muss. Ich möchte die Deutschen spielen sehen, da ich sie besser kenne und weil ich seit meinem vierten oder fünften Lebensjahr übers Radio und dadurch, dass ich selber gespielt habe, mit diesen Fußballkörpern verbunden bin. Mein erstes Realitätsprinzip bestand in Fußball - das hat sich zufällig erhalten. Es gibt natürlich auch andere funktionierende Realitätsmodelle - Literatur, Ökonomie oder Justiz -, und es gibt viel interessantere Bereiche, etwa die Popmusik. Aber Fußball ist einfacher als Popmusik. Im Fußball kommt man mit allen klar. Deshalb benutzen Zeitungen wie Bild ihn auch eindeutig zur Steuerung von Massenstimmungen in der Bevölkerung. Wenn ein Spieler hoch- und dann wieder runtergepowert wird, wie das bei Oliver Kahn derzeit der Fall ist, dann heißt das für den Leser immer auch: Dich können wir genauso am Kragen packen. Die Fußballer sind auf dieser Ebene angestellte Sklaven, auch wenn sie Millionen verdienen. David Beckham spielt für Real Madrid seine unglaubliche Einkaufssumme mit Merchandisingprodukten ein. Lässt sich das mit dem Tennissport vergleichen, wo eine Anna Kournikowa zwar nie gewinnt, aber als Werbeträgerin für Umsätze sorgt? Im Fußball ist eine Figur wie Kournikowa nicht denkbar. Beckham hätte mit seiner Art, als Schwuler, als Punk oder Ehemann zu posieren null Chancen, würde er nicht in jeder Saison mindestens fünf wunderbare Freistöße reinzirkeln und in wichtigen Spielen drei, vier Mal auf die richtigen Köpfe flanken. Der Fußball ist also kein Feld des radikalen Konstruktivismus ... Nein, noch nicht. Dazu ist zu viel Körperlichkeit dabei. Das macht auch einen Teil der Popularität bei Männern aus, die ja alle irgendwann einmal Fußball gespielt haben und somit ein Metrum, ein körperliches Messgerät in sich tragen, das sie an das, was der Spieler auf dem Feld macht, anlegen können. Das ist eine tatsächliche Berührung. Wie geht es Ihrem Knie? Es freut sich, wenn es seinen wöchentlichen Volleyball hinkriegt, ohne zu schwellen, und wenn ich keine Schmerzen spüre. Sie haben Ihr kaputtes Knie einem Bauernlümmel aus Satrup oder Süderbrarup zu verdanken, der Sie in jungen Jahren beim Fußballspiel niedergemäht hat. Wäre Ihr Leben ohne diesen Unfall anders verlaufen? Absolut. Ich hätte länger im Verein gespielt, wäre länger in dieser von Männerbanden bestimmten Atmosphäre geblieben, hätte die Bundeswehr machen müssen. Statt pazifistisch zu argumentieren, hätte ich versucht, den Bundeswehrkram heroisch hinter mich zu bringen. Das hätte ziemlich schlimm ausgehen können. Das kaputte Knie übernahm Hirnfunktionen, war schlauer als der Rest des Körpers. Sie beschreiben die Geschichte des Fußballs als eine Mediengeschichte. Was ist der aktuelle Stand dieser Verschmelzung? Man wird heute nicht durch Eltern oder Lehrer zu dem, was man ist, sondern durch Medien. Für mich als Kind war es der Fußball aus dem Radio und später die Popmusik, die mich dazu brachte, selbst Gitarre zu spielen. Alle Leuten, die sich einigermaßen entwickelt und die faschistische Elterngeneration hinter sich gelassen haben, waren mit Medien zusammengeschaltet. Das steigert sich in dem Maße, in dem die Elektronik alle Lebensbereiche durchdringt. Die ganze körperliche Motorik des alten Arbeiters, des Malocher haben wir schon durch Maschinen ersetzt. Die Menschen kommen immer mehr in die Kontrollfunktion des Überwachens, Überprüfens und Knöpfedrückens. Welche körperlichen Folgen hat das? Das Silizium kribbelt. Die Selbstwahrnehmung des Nervensystems ist heute viel stärker als bei allen früheren Generationen, und das hat mit dem Inneren der Computer zu tun. Zeigt sich das auch im Fußball? Die Holländer haben in den Sechziger- und Siebzigerjahren den Fußball revolutioniert: mit Raumaufteilung, mit Räume-eng-Machen, der Viererkette, indem sie Linien, Dreiecke, Parallelogramme über das Feld zogen. Das wurde inzwischen durch das engmaschige Knüpfen eines Netzes ersetzt, das von der Deckung über das Mittelfeld bis nach vorne läuft. Die Spieler fungieren überhaupt nicht mehr in ihren eigentlichen Positionen, sondern bewegen sich in diesem Netzwerk. An wen denken Sie da konkret? Zinedine Zidane wird in seinen Mannschaften nie als Sturmspitze aufgestellt, hat aber in fast allen wichtigen Spiele die Tore von Real Madrid und Frankreich gemacht. Er ist nicht mehr ein Spielertyp wie Günter Netzer, der sich als Ballverteiler, Kommandeur und Napoleon im Mittelkreis bewegt und Bälle verteilt, sondern einer, der über den Platz wuselt und seine Fähigkeiten dort einsetzt, wo sie gebraucht werden. Welchen Einfluss haben die Fußballcomputerspiele? Die haben sich dermaßen den tatsächlichen Körperabläufen der Spieler angeglichen, dass Profis sie nicht nur dauernd benutzen, so wie sie früher auf den Busreisen Skat gespielt und ihre Bierflaschen geleert haben, sondern an den Konsolen lernen können. Wie werden Sie die Spiele in Portugal verfolgen? Ich gucke zu Hause, und wenn meine Frau etwas anderes sehen will oder es ihr zu viel wird, gehe ich in die Kneipe. Manche Sachen werde ich aufnehmen. Sind Sie jemand, der laut kommentiert und motorisch mitgeht, wenn es eng wird? Nicht nur, wenn es eng wird. Wenn man zu mehreren ist, spricht man dabei, vorausgesetzt, es ist eine vernünftige Gruppe und keiner quasselt zu viel. Es passiert oft, dass jemand etwas sagt, was man dann zehn Minuten später aus dem Mund des Reporters hört. Dann lacht man und sagt: Siehste, wir waren wieder schneller als dieser Heini da. Ihre Beobachtung, dass das Fußballfeld dasselbe Format hat wie ein Blatt Papier, ist schön, aber zugleich auch sinnlos. Müssen Vergleiche zwischen Fußball und anderen gesellschaftlichen Bereichen nicht zwangsläufig hinken? Wenn man die Selbstparodie nicht mitdenkt, sind solche Vergleiche albern. Fußball ist ein Spiel, ebenso wie die ironischen Gedanken über Fußball. Wenn ich etwa darauf hinweise, dass auf dem Spielfeld genau so viele Einheiten herumlaufen wie das Alphabet Buchstaben hat - 22 Spieler, drei Schiedsrichter und ein Ball -, und man das ernst nimmt, kommt nur Unsinn raus. Aber wenn man sich überlegt, welche Welt man aus der Kombination von 26 Buchstaben machen kann und welches Spiel aus der Kombination der 26 auf dem Rasen immer neu entsteht, dann ergibt das einen witzigen Gedanken, der - klack! - was öffnet. Und wenn er was geöffnet hat, soll man ihn auch wieder vergessen. Sie bringen die WM-Niederlage der Niederlande im Finale gegen Deutschland von 1974 als Beispiel eines von Fußball ausgelösten nationalen Traumas. Wie das? Die Holländer litten deswegen darunter, weil sie im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen besetzt wurden und damals längst nicht so widerständlerisch waren, wie es oft dargestellt wird. Und dann sagten alle: Die Holländer spielen den besten Fußball. Sie waren nur so überheblich, dass sie schon vor dem Spiel dachten, sie hätten die Deutschen besiegt. Dass die Holländer wider Erwarten scheiterten, hat diese ganze Nation furchtbar bedauert. Die Umfragen besagen, dass die Holländer diese Niederlage - neben dem Zweiten Weltkrieg und einer großen Flutkatastrophe - als drittübelstes geschichtliches Ereignis des 20. Jahrhunderts betrachten. Was ist Ihre Prognose für Portugal? Portugal könnte mal dran sein. Sonst wie immer: die Italiener, Spanier, Engländer - die Deutschen zähle ich auch dazu. Und die Franzosen? Die haben sich vielleicht noch nicht von der WM erholt. Aber alle diese Teams können ins Finale kommen. Was macht einen guten Fußballkommentator aus? Dass er in Bezug auf Prognosen und dauernde Spielbeurteilungen möglichst die Klappe hält. Im Verlauf eines Spieles hält eine Taktik vielleicht für eine Halbzeit. Und wenn einer dann hemmungslos in der Gegend herumprognostiziert und man merkt, dass das nicht stimmt, regt mich das auf. Den ARD-Theoretiker Günter Netzer aber hassen Sie. Das ist übertrieben. Und als Person schon gar nicht. Wenn ich mich über was ärgere, dann darüber, dass er als Oberguru aufgebaut wird, der die utopischen Potenziale der Siebziger weitertransportiert. Ich habe gerade die Autobiografie von ihm geschickt bekommen, in der er beschreibt, wie die Düsseldorfer Künstlerszene sich ihn gegrapscht hat und zur Modellfigur des Aufbruchs aufbauen wollte. Dass er im Fernsehen die Rolle des Cool-von-oben-herab-Offizierskommentators übernommen hat, finde ich schade. Wird sich der deutsche Torhüter Oliver Kahn, dessen Leistungen in letzte Zeit nachgelassen haben, bei der WM erholen? Ich glaube nicht. Seine fußballerischen Fehlgriffe kommen meiner Ansicht nach daher, dass er für Übermenschkampagnen, wie sie etwa Bild betreibt, regelrecht missbraucht wird. Nur will diese Unangreifbarkeitspose des deutschen Machtmenschen eigentlich niemand mehr sehen. Wenn er diesmal wieder danebengreift, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass er dann sagt: Stellt wen anderen rein. Klaus Theweleit: Tor zur Welt. Fußball als Realitätsmodell. Köln 2004 (Kiepenheuer & Witsch). 234 S., EUR 9,20 |
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