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| Angry White Man |
| EUROPAWAHLEN Am Sonntag löste Hans-Peter Martin den Populistenchampion Jörg Haider ab. Wird auch Martin zum Role-Model für Europa? Und was macht ihn so sexy? NINA HORACZEK, GERALD JOHN und ADELHEID WÖLFL |
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| "Daher! Vor die Kamera gehörst du!": Der Mann mit dem immerwährend naturweißen Sakko zerrt an der Hand einer Dame, um sie durch den Pulk von Journalisten zu quetschen. Die Frau wehrt sich, also nimmt er sich ihre Nachbarin vor. Die gibt dem Drängen nach und kommt dafür ins Fernsehen. Es ist kurz vor 17 Uhr. Gleich wird der ORF den Sieger der Europawahlen einblenden, er heißt Hans-Peter Martin. Das kleine Lokal "Rotwein & Weiss" im zweiten Wiener Gemeindebezirk ist zwar mit Journalisten und Kiebitzen überfüllt, doch die wenigen echten Anhänger, die sich hierher verirrt haben, halten sich im Hintergrund. Medienmensch Hans-Peter Martin weiß, dass Groupies im Fernsehen gut kommen und auch unsanfte Methoden zum Erfolg führen. "Vor da!", schreit er durch die Gaststube. Der "richtige Volksvertreter", wie er sich an diesem Nachmittag nennt, muss nicht mehr um Bewunderer betteln. Er holt sie sich einfach. Siegerlaune. Genugtuung. Vergeltung. Martin feiert mehr als seine 14 Prozent Wählerstimmen. Die Stunde der Rache an den ehemaligen Kollegen, den "Rufmordjournalisten", ist gekommen. Martin rüffelt den ORF ("Parteihörigkeit") und beschimpft einzelne Zeitungsredakteure: "Peter Rabl, Christian Rainer, Herbert Lackner! Mein Gott, wie feige waren Sie!" Die Ex-Kollegen werden die Schelte verkraften. Wirklich weh tat Hans-Peter Martin anderen. Ohne den aggressiven SP-Dissidenten als Gegner hätte die FPÖ wohl eine empfindliche Niederlage eingesteckt; mit ihm wurde es ein in der Zweiten Republik einzigartiges Debakel. Die ehemaligen Europachampions des Rechtspopulismus rasselten von 23,4 auf 6,3 Prozent herunter. Nur noch die eingefleischtesten Anhänger des dritten Lagers pfiffen nicht auf "ihre" Blauen und wählten den Rechtsaußen Andreas Mölzer ins Europaparlament. Für die Kanzlerpartei ÖVP wird der Zusammenbruch des Regierungspartners langsam zu einem existenziellen Problem: Jörg Haiders Fanclub in der FPÖ fordert nach dem Desaster vom Sonntag nicht nur, wie üblich, das Comeback des blauen Idols an die Parteispitze. Immer mehr Funktionäre beschwören lautstark die seligen Zeiten der Opposition. Und mittlerweile scheinen viele frustriert genug zu sein, um ihre Drohungen tatsächlich ernst zu meinen. Die FPÖ, von allen guten Wählern verlassen. "Ich kenne sogar Funktionäre, die diesmal Hans-Peter Martin gewählt haben", jammert ein FPÖ-Mann auf der kläglichen Wahlparty der Verlierer. Nicht nur die verzweifelten Blauen fragen sich: Warum bloß? Wieso fühlen sich so viele Wähler von Kandidaten wie Martin angezogen? Und wer sind die treulosen Gesellen überhaupt? "Um mit Michael Moore zu sprechen: Es sind Österreichs ,Angry White Men'", sagt der Politologe Peter Pelinka. "Dazu zählen ältere Modernisierungsverlierer, klassische EU-Muffel, frustrierte Anti-Politiker, also Leute, die bei den Fernsehnachrichten nach spätestens 31 Sekunden wegzappen, weil Politik fad ist." Bei einer bestimmten Partei bleiben solche Typen schon gar nicht hängen. "Auch Jörg Haider ist es in seinen besten Zeiten nicht gelungen, hier Loyalitäten aufzubauen", meint der Politologe: "Wechselt eine Partei in die Regierung, sind diese Stimmen weg". Was die Wähler dabei antreibt? Pelinka: "Zielloser Zorn, verbunden mit der Angst vor dem Zusammenbrechen der Sozialsysteme." Der grüne Kandidat Johannes Voggenhuber hat mit dieser Spezies im Wahlkampf mehrfach Bekanntschaft gemacht. Einer hat ihm ein Mail geschickt. "Ja, Hans-Peter Martin ist ein Kotzbrocken", schrieb der wütende Mann: "Er ist unglaubwürdig und hat einen miesen Charakter. Aber so einen brauchen wir dort in Brüssel." Bei solch einer Stimmung sei es für Martin ein Leichtes gewesen, "eine einfache Losung in die Menge zu werfen", sagt Voggenhuber: "Und dann musste er den Korb einfach nur aufhalten." Dort fand sich am Ende so manche fremde Frucht. Natürlich wählten Martin vor allem Menschen, die Europaparlamentarier für Abzocker halten; überhaupt war das vom selbst ernannten Saubermann angeprangerte "Spesenrittertum" wichtigstes Wahlmotiv aller Österreicher. Nebenbei punktete Martin laut Meinungsforschungsinstitut OGM aber auch bei Fragen, die er gar nicht selbst stellte. "Die FPÖ hat die Themen gesetzt und Martin hat die Stimmen bekommen", analysiert der Politologe Peter Filzmaier. So sind HPM-Wähler - ein Drittel hat vorher FPÖ gewählt - gegen den EU-Beitritt der Türkei, sehen in der EU-Erweiterung hauptsächlich Nachteile und ärgern sich über die Sanktionen in den ersten Monaten der schwarz-blauen Regierung. Sie beklagen, dass auf Österreich zu wenig Rücksicht genommen wird und finden Josef Broukals Ausritt gegen die Ewiggestrigen daneben. Im Parteienvergleich sind Martin-Sympathisanten die größten EU-Skeptiker. Aus Prinzip echauffieren sie sich über alles, was aus Brüssel kommt. Die Hälfte möchte am liebsten gleich wieder austreten. Und das, obwohl HPM selbst die EU an sich nicht ablehnt. Nicht nur Martins Wegbereiter FPÖ, sondern auch die anderen Parteien hätten zum Furor gegen die EU beigetragen, meint der ehemalige ÖVP-Vizekanzler Erhard Busek: "Sowohl die Regierung als auch die Opposition haben verabsäumt, der Bevölkerung begreiflich zu machen, dass ,Brüssel' eigentlich gar nicht existiert", kritisiert Busek: "Die EU ist, was sich die Ministerpräsidenten der einzelnen Staaten darunter vorstellen." Dennoch werde Brüssel ständig als Sündenbock missbraucht: "Früher hieß es nach verlorenen Landtagswahlen immer, Wien sei schuld. Jetzt heißt es, Brüssel ist schuld." Seit Beginn der Neunzigerjahre fallen diese Tiraden auf fruchtbaren Boden. "Das hat mit dem Kurs der rechtsradikalen Populisten Franz Schönhuber und Jean-Marie Le Pen gegen den Vertrag von Maastricht begonnen", so der Zeithistoriker Michael Gehler. Die Rechtslastigkeit der EU-Gegner hat sich seither zwar teilweise verflüchtigt, doch die Wut auf Brüssel wuchs - vor allem seit 1999 die EU-Kommission samt ihrem Präsidenten Jacques Santer über eine Korruptionsaffäre stürzte. Symptomatisch, dass Martins Kampagne, die zwar populistisch, aber zumindest europäisch war, besser zog, als Haiders Geschrei von den Landesverrätern. "Brüssel eignet sich sehr gut für Verschwörungen. Es ist anonym und sehr weit weg", sagt der Demagogieexperte Walter Ötsch, jahrelanger Beobachter der Haider-FPÖ. Das ist nicht nur in Österreich so. In ganz Europa spüren die Rebellen Aufwind. In der Tschechischen Republik errang die Demokratische Bürgerpartei (ODS) des Präsidenten und Brüssel-Zweiflers Vaclav Klaus mit einem knappen Drittel der Stimmen den Sieg vor den noch europafeindlicheren Kommunisten. Die schwedische Juni-Partei, die à la HPM eigens für die Wahl gegründet wurde, schaffte mit Anti-EU-Slogans 14,4 Prozent. 17 Prozent der Polen wählten die europakritische Samoobrona (Selbstverteidigung) und 14 Prozent die ultranationalistische Liga polnischer Familien. Der Niederländer Paul van Buitenen, der mit Enthüllungen über Misswirtschaft einst zum Fall Santers beigetragen hatte, heimste am Sonntag sieben Prozent der Wählerstimmen ein. Wie Martin ist er kein prinzipieller EU-Gegner, sondern selbst ernannter Korruptionsbekämpfer. Bedrohlich wirkt die Masse noch nicht: Seit Sonntag gilt etwa ein Siebtel der Europaparlamentarier als EU-skeptisch. Allerdings strafen viele potenzielle Wähler die EU mit Ignoranz. Noch nie gingen so wenige Europäer - Wahlbeteiligung: 45,5 Prozent - zu den Urnen wie vergangenen Sonntag. Am größten war das Desinteresse in den neuen Mitgliedsstaaten in Mittel- und Osteuropa. In Polen wählten nur 19,97 Prozent, in der Slowakei lediglich 16,6. "Der verpatzte Nizzagipfel, das Scheitern der Verfassung: Die EU steckt in der größten Legitimationskrise ihrer Geschichte", sagt Gehler. Für Leute wie Martin herrscht in solchen Zeiten Bedarf. Aus der "Gruppe für ein Europa der Demokratien und Unterschiede" erhielt er bereits die erste Einladung. In dieser Parlamentsfraktion sitzt etwa die United Kingdom Independent Party in Großbritannien, die für ihr Ziel, aus der Union auszutreten, 17 Prozent gewinnen konnte. Der dänische EU-Kritiker Jens-Peter Bonde, ebenfalls Fraktionsmitglied, will zukünftig mehr mit den Aufdeckern van Buitenen und Martin zusammenarbeiten. Wiewohl sich letzterer eher als Galionsfigur einer ganz neuen, emanzipatorischen Bürgerbewegung fern von Parteizwängen sieht. "Jeder kann Politik machen", rief HPM am Wahlabend aufmunternd aus. Eine kühne Koketterie. Genauso wenig wie der Bestsellerautor ein "Mann von der Straße" ist, trat Martin bei den EU-Wahlen alleine an. "Der Sieger heißt nicht Hans-Peter Martin, sondern Kronen Zeitung", meint Busek, im Gegensatz zu HPM ein Krone-Geschädigter. Nach einigen gefloppten Kampagnen - gegen Schwarz-Blau, Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und die Abfangjäger - legte sich Herausgeber Hans Dichand wieder einmal für eine fixe Idee ins Zeug. Noch am Wahlsonntag puschte die Krone, selbst für Dichands Verständnis von Äquidistanz ungewöhnlich, per Schlagzeile noch "ihren" Kandidaten. Für Martin hat sich's ausgezahlt. Mehr als Dreiviertel seiner Wähler liest regelmäßig die Kronen Zeitung. Das Kleinformat hat dem Kandidaten im Verein mit News quasi die Partei ersetzt: Internationale Vergleiche zeigen, dass Kandidaten ohne Apparat im Rücken in anderen Ländern so gut wie nie zweistellige Wahlergebnisse einfahren können. Fragt sich nur, wie lange Martin den Boulevardblätter Spaß machen wird, falls keine neuen Skandale losbrechen. "Wenn Martin den medialen Wirbel nicht aufrecht erhalten kann, wird er zur Eintagsfliege und bald politisch genauso bedeutungslos sein wie Richard Lugner oder Rudolf Fußi", meint Ötsch. Auch Voggenhuber prophezeit Martin ein tragisches Schicksal: "Es ist schon auch wichtig, wer einen wählt", sagt der Grüne: "Wenn der linke Martin seine rechten Wähler behalten will, muss er sich zwangsläufig zum nützlichen Idioten der Europazerstörer machen." |
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