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Saving Private Powers
LITERATUR  Auch in der Belletristik sind die USA die einzige verbliebene Supermacht: Neben den großen alten Herren drängt in letzter Zeit eine jüngere Generation auf den Markt. Jüngstes Beispiel: Richard Powers mit seinem Familienepos "Der Klang der Zeit". Aber lassen sich Bestseller wirklich planen? KLAUS NÜCHTERN

RICHARD POWERS' "KLANG DER ZEIT": Arktisch weiß und milchkaffeebraun

Falter 25   Originaltext aus Falter 25/04 vom 16.06.2004

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Schon rein äußerlich betrachtet bringt das Ding alles mit, was zurzeit gerne genommen wird: Es kommt aus den USA, ist 5,5 Zentimeter dick, ein Kilo schwer und hat 766 Seiten. Es heißt "Der Klang der Zeit", wurde von dem US-amerikanischen Schriftsteller Richard Powers verfasst und vom S. Fischer Verlag mit einer üppigen Startauflage von 70.000 Stück vom Stapel gelassen. Und vorerst sieht es ganz so aus, als würde es sich in der Schlacht auf der rauen See des deutschen Buchmarktes wacker schlagen: Auf der nach Verkaufszahlen gerankten und demgemäß von Donna Leon angeführten Spiegel-Bestsellerliste Platz nimmt der Roman bereits Platz neun ein - unmittelbar vor John Grisham, Paulo Coelho und Sándor Marai.
Damit ist natürlich noch nichts über die literarische Qualität diese veritablen Schmökers ausgesagt (siehe Rezension), der sich auf den ersten Blick fast bruchlos in die Reihe US-amerikanischer Erfolgsautoren einreiht, die in den letzten Jahren bei Kritik und Publikum zu reüssieren vermochten. Der 780 Seiten starke Roman "Die Korrekturen" des damals 43-jährigen Jonathan Franzen wurde 2002 von einer Welle medialer Vorberichte nachgerade in die Charts gespült und konnte die in ihn gesetzten Erwartungen mehr als erfüllen. 2003 folgte der um gerade mal 50 Seiten schmälere Roman "Middlesex" des um ein Jahr jüngeren Jeffrey Eugenides, und im selben Jahr machte der - freilich nur halb so dicke - Roman "Alles ist erleuchtet" des blutjungen Jonathan Safran Foer (Jahrgang 1977) von sich reden.
Von allen genannten Schriftstellern ist der 1957 in Evaston/Illinois geborene Powers der älteste und bislang auch fleißigste. Und er widerlegt den Mythos, demzufolge skrupellose, nach Bestsellern gierende Verlage alle halben Jahre einen neuen Shootingstar "erfinden" und unter grotesk hohem PR-Aufwand auf den Markt werfen würden. Tatsächlich hat Powers nämlich schon acht Roman geschrieben und bereits 2001 war als deutschsprachiges Debüt "Galatea 2.2" im Schweizer Amann Verlag erschienen. Hans Jürgen Balmes, damals Lektor bei Amann und heute Programmleiter bei S. Fischer, wohin ihm Powers gefolgt war, rückt das Bild vom schnellen Erfolg zurecht: "Man kann die Sachen ja nicht schnitzen, die müssen schon noch geschrieben werden. Und wir haben die letzten Bücher von Powers im Manuskript eingekauft - den ,Klang der Zeit' (Original: ,The Time of Our Singing' 2003) übrigens wenige Monate, bevor dann ,Middlesex' herauskam. Da kann Kalkül gar keine Rolle spielen." Hinzu kommt, dass Powers' jüngstes Buch auf dem riesigen US-Markt mit um die 30.000 verkauften Exemplare alles andere als ein echter Bestseller war. Selbst in absoluten Zahlen wurde der Verkauf in Großbritannien übertroffen und steuert auf dem deutschen zielsicher dem bislang größten Erfolg zu.
Die ersten Bücher von Powers, so erinnert Balmes, erschienen in Auflagen zwischen 5000 und 6000 Stück und hätten ihre Kosten gar nicht eingespielt. Und weil den Verlagen schon seit geraumer Zeit "die Mitte wegbricht", wie das in der Branche heißt, weil also immer weniger Bücher immer mehr Umsatz machen müssen, verschärft sich der Wettbewerb zusehends. Balmes: "Wir können uns der Notwendigkeit, einen Bestseller pro Jahr machen zu müssen, gar nicht entziehen."
Auch Michael Krüger, Chef des renommierten, vergleichsweise kleinen und in keinerlei Konzernstrukturen eingebundenen Hanser Verlags, hat seine "alte Idee, dass sich gute Bücher von alleine bewähren", revidieren müssen. Um ein Buch durchzusetzen, muss man heute auch mehr einsetzen. Der Markt hat im Jahr eine Aufmerksamkeit für 300 Titel und unter diesen muss es dann sein, sonst geht's nicht."
Im Hinblick auf Colson Whitehead (Jahrgang 1969), der vor wenigen Monaten mit seinem Roman "John Henry Days" sein Hanser-Debüt gab, und der - mit Werbung, Lesereise durch Deutschland und einer Startauflage von 8000 Stück - als einer der Spitzentitel des Verlags lanciert wurde, verneint Krüger jede spekulative Absicht: "Das ist uns vor eineinhalb Jahren angeboten worden, weil Hoffmann & Campe (wo Whiteheads Debüt "Die Fahrstuhlinspektorin" erschienen war, Anm. d. Red.) das nicht wollte."
Dass nach den Erfolgen von Autoren wie Franzen, Eugenides oder Foer (mehr oder weniger) junge US-amerikanische Autoren wieder ein verstärktes Interesse auf sich ziehen, schadet allerdings nicht, wie Krüger weiß: "Da entwickelt sich so ein Hinguckeffekt. Wenn sechs ganz tolle Bücher aus Frankreich kämen, würde man auch ,aha!' sagen. Nur sehe ich dort nicht einmal den Versuch, die großen Themen der Zeit noch einmal in den Griff zu kriegen - das können eben nur die Amerikaner. Man muss allerdings auch sagen, dass man von den 800 Romanen aus den USA, die jährlich ins Deutsche übersetzt werden, in den wenigsten Fällen was hört. Und wenn man vor der Himmelstür steht, kommt es nur auf eines an: Ob das Buch gut war."
Zudem: Nicht immer lässt sich literarische Qualität schnell zu Geld machen. Von Philip Roths Meisterwerk "Der menschliche Makel", dessen deutsche Übersetzung 2002 bei Hanser mit einer Startauflage von 20.000 erschien, hat der Verlag mittlerweile an die 300.000 Stück verkauft. "Wir haben 15 Bücher von Roth gemacht und acht Bücher von Per Olov Enquist ("Der Besuch des Leibarztes", "Der 5. Winter des Magnetiseurs", Anm. d. Red.) schildert Krüger den langen Marsch zum Erfolg, "und dann geht's einmal auf."

Dass verlegerischer Instinkt und literarisches Urteilsvermögen mehr zählen als schiere Kapitalkraft und PR-strategische Intelligenz, beweist auch Alexander Fest, der vor zwei Jahren den 1996 von ihm gegründeten Alexander Fest Verlag auflöste und als Geschäftsführer zu Rowohlt ging. Ein Glücksgriff für Rowohlt, wie sich herausstellen sollte, denn Fest hatte schon vor Jahren ein Auge auf zwei junge amerikanische Autoren geworfen und die Rechte für die deutschen Übersetzungen erworben - ihre Namen: Jonathan Franzen und Jeffrey Eugenides. Von deren Smash-Hits, den "Korrekturen" bzw. "Middlesex", war damals freilich noch keine Rede. Fest hatte sich zunächst für Franzens mittlerweile ebenfalls bei Rowohlt erschienenes Debüt "Die 27. Stadt" begeistert, die Rechte für die "Korrekturen" erwarb er um 20.000 D-Mark. Kein geringer Preis für einen kleinen Verlag: "Aber ich war mir sicher: 4000 Bücher verkauf' ich schon, und damit hätten sich die 20.000 Mark amortisiert." Bis heute sind von den "Korrekturen" allein im Hardcover 300.000 Exemplare über den Ladentisch gewandert. "Ich habe wie ein Irrer gelesen und mir die Nächte um die Ohren geschlagen", erklärt Fest und meint, dass man oft mehr Zeit als Kapital investieren muss. Die schnelle Auktion, bei der man für ein eineinhalbseitiges Exposé sechsstellige oder - wie im Fall von Dan Brown ("Sakrileg") - gar siebenstellige Dollarbeträge zahlt, seien jedenfalls nicht Stil des Rowohlt Verlages, der am deutschsprachigen Markt mit John Updike, Thomas Pynchon, Don DeLillo, Toni Morrison, Paul Auster, Stewart O'Nan, Jonathan Franzen, Jeffrey Eugenides und anderen die mit Abstand prominenteste Auswahl zeitgenössischer US-Autoren unter Vertrag hat. Nur einmal hat Fest ein preemptive offer - mit einer Entscheidungsfrist von wenigen Stunden - wahrgenommen und für zwei Romane der US-amerikanischen Thrillerautorin Jilliane Hoffman eine sechsstellige Dollarsumme hingeblättert: Prompt schaffte es "Cupido", sich monatelang in den Bestenlisten zu halten und verkaufte über 100.000 Exemplare.

Die Schere zwischen ständig steigendem Angebot, stagnierenden Budgets und rückläufiger Nachfrage bringt den Buchmarkt unter Druck und verstärkt den Trend zu Vorselektion und verstärkter Fokussierung. Rotraud Schöberl betreibt die Wiener Buchhandlung Leporello und kann den Hang der Kunden zu amerikanischer Belletristik aus eigener Erfahrung bestätigen. Von ihrem "absoluten Lieblingsbuch", Roths "Der menschliche Makel", habe sie etwa 200 Exemplare verkauft - und alles, was sich "jenseits der 100er-Grenze" bewegt, läuft bei Schöberl unter Bestseller. In derartige Dimensionen sei von den heimischen Autoren zuletzt Robert Menasse mit "Vertreibung aus der Hölle" vorgedrungen - und das liegt mittlerweile drei Jahre zurück.
Als 2002 mit "Die rechte Hand des Schlafes" der blutjunge John Wray einen Roman über Österreichs "Anschluss" im Jahr 1938 vorlegte, "haben wir angefangen zu debattieren und uns gefragt: Warum schreiben die jungen Amerikaner so super?" Die Antwort, die (nicht nur) Schöberl gibt: "Die Leute sind total gierig drauf, wenn jemand eine gute Geschichte erzählen kann. Die Amerikaner fragen sich nicht ständig: ,Nimmt man mir das ab?', sondern schreiben so, dass es ihnen die Leute dann auch abnehmen." Q

 
RICHARD POWERS' "KLANG DER ZEIT"
Arktisch weiß und milchkaffeebraun


Die jüngste Version des in-dieser-Minute-total-angesagten Shootingstars unter den US-amerikanischen Jungromanciers (siehe auch Artikel auf dieser Seite) ist weder jung, noch ein Shootingstar, aber liefert doch das, was spätestens seit Jonathan Franzens "Korrekturen" ziemlich gut ankommt: ein oppulentes Familienepos made in USA, das noch dazu mit der jüngsten Geschichte der Vereinigten Staaten aufs Engste verknüpft ist (oder diese zumindest kursorisch herbeizitiert).
Joey und seine Geschwister, der ältere Jonah und die jüngere Ruth, sind Kinder einer (hellhäutigen) Schwarzen und eines aus Deutschland ausgewanderten Juden, dessen Familie von den Nazis ermordet wurde. Als "Mischlinge" stoßen sie nicht nur bei Fremden auf Aggression und Skepsis ("was seid ihr Jungs eigentlich?"), sondern müssen sich auch ganz individuell den Mühen der Identitätsfindung unterwinden, die bei allen ganz unterschiedlich aussehen: Während sich Jonah als gefeierter Tenor Schubert, Brahms und Mahler, schließlich Dowland und die Alte Musik ersingt und damit auf unverschämte Weise "weißes" Terrain erobert, engagiert sich Ruth bei den Black Panthers und verliert nach der Mutter, die bei einem Brand ums Leben kommt, auch ihren Mann an den weißen Rassismus (so jedenfalls sieht Ruth es). Joey schließlich, der sein pianistisches Talent ganz in den Dienst des großen Bruders stellt, nimmt die Position ein, die dem Sandwichkind quasi "von Natur aus" zukommt: die des konfliktscheuen und entscheidungsschwachen Lavierens zwischen allen eindeutigen Positionen.
Keine Frage: Richard Powers hat große Fragen (Wer sind wir? Wohin gehen wir? Und ist Musik Eskapismus oder Medium der Befreiung?) mit beiden Händen beherzt angefasst und die nicht immer übermäßig subtile Konstruktion seines Romans, in der jede symbolträchtige überhöhte Motivwiederholung mit musikalischen und naturwissenschaftlichen Theorien und Metaphern unterspickt wird (der Vater der Geschwister, David Strom ist Physiker und arbeitet an der Entwicklung der Atombombe mit), ordentlich mit Fleisch bepackt.
Dabei ist Powers freilich vor Kitsch und Klischees nicht immer gefeit (die Geliebten der "honiggelben" respektive "milchkaffebraunen" Brüder haben natürlich gerne einen Körper von "arktischer Weiße") und begibt sich in den extensiven Schilderungen von Jonahs musikalischen Gipfelstürmen auf gefährliches Terrain: Nichts ist in der Literatur schwerer zu beschreiben als gute Musik und guter Sex. Von Letzterem ist wenig, und wenn, dann natürlich musikalisch-metaphorisierend, die Rede ("sie spannt sich, stößt leise Laute aus, schmilzt dahin unter seinen Händen, sforzando, als hätte sie ihr Leben lang gewartet, dass jemand so auf ihrem Instrument spielt"); von Ersterem leider sehr, sehr ausführlich: Da geht es rauf, dann wieder runter - bis "das Cello sein letztes da capo und der stimmgewaltige Zweierbob die letzte Steilkurve genommen hatte".
Da kann es schon passieren, dass einem beim Lesen ein bisschen schlecht, vor allem aber: ziemlich langweilig wird. Von den legendären freizeitlich entspannten Vokaldarbietungen der Familie Strom, die das Lob der Bastardisierung buchstäblich singen, heißt es einmal: "Meine Eltern machten jeden Spaß mit, so abwegig er auch war - nur swingen musste es." Und hier liegt das Problem: Richard Powers "Klang der Zeit" ist stupende, bildungsgesättigte und geschichtsgetränkte Klassenbestenprosa - aber sie swingt nicht. Und wie man spätestens seit Duke Ellington weiß: "It Ain't Mean a Thing, If It Ain't Got That Swing".

Richard Powers: Der Klang der Zeit. Aus dem Amerikanischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié.
Frankfurt a. M. 2004 (S. Fischer). 765 S., EUR 23,60


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Juni 2004 © FALTER
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